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IMM Cologne 2013: Wilde+Spieth. Interview mit CEO Thomas Gerber

Thursday, February 14th, 2013

Treue Leser unseres Blogs wissen bereits, dass wir die Abwesenheit einiger der wichtigsten deutschen Designermöbelhersteller immer als ein Zeichen der Schwäche der IMM Cologne gesehen haben. Diese Leser werden daher unsere Verwirrung verstehen, als wir gehört haben, dass Wilde+Spieth – endlich – bei der IMM Cologne dabei sind.

Wir haben uns gefreut, dass sie teilnehmen. Aber jetzt haben wir leider einen Beweis für die Schwäche der IMM weniger.

Wilde+Spieth hat seinen Sitz in Esslingen, einem Ort in der Nähe von Stuttgart, und stellte ursprünglich Fensterrollläden her, bis 1948 Egon Eiermann mit einer einfachen Anfrage auf das Unternehmen zukam. Er brauchte extra weite Fensterläden für die Ciba Ag Fabrik, die er gerade in Wehr, Baden baute. Daran knüpfte Eiermann noch eine weiter Anfrage an, die er kurz mit “Kinderchen könnt ihr auch Stühle bauen?” formulierte.

Und sie konnten.

Egon Eiermanns hoffnungsvolle Frage sollte sich zu einer der produktivsten, erfolgreichsten, aber vor allem innovativsten Zusammenarbeiten in der Geschichte des deutschen Möbeldesigns entwickeln.

Zusammen brachten Wilde+Spieth und Egon Eiermann über 30 Produktpaletten auf den Markt und sogar heute, ungefähr 43 Jahre nach Eiermanns Tod, bleiben die beiden unzertrennbar, indem Stühle wie der SE 18, der SE 42 oder der SE 68 ihren verdienten Platz im Olymp des europäischen Designs eingenommen haben.

Viele von Eiermanns frühen Kooperationen mit Wilde+Spieth wurden auf der Internationalen Möbel Messe Köln, dem zweijährig stattfindenden Vorgänger der jetzigen IMM, lanciert und so war es irgendwie mehr als passend, dass bei dem Debut des Herstellers auf der modernen IMM vier Eiermann-Klassiker in neuen Farben aus der Le Corbusier “Les Couleurs” Kollektion präsentiert wurden.

Daneben, und in vielerlei Weise bedeutungsvoller, nutze Wilde+Spieth die IMM Cologne 2013 außerdem, um neue Produkte zu lancieren: CU! von Avinash Shende, TG1 von Thore Garbers und Typus von Edelhoff & Nettesheim.

Es schien daher naheliegend, die Möglichkeit zu ergreifen und mit dem Wilde+Spieth CEO Thomas Gerber über die neuen Produkte und das Leben mit Egon Eiermanns Erbe zu sprechen. Aber zunächst  haben wir ihn gefragt, warum sie sich nach all den Jahren doch dafür entschieden haben, auf der IMM Cologne auszustellen…

Thomas Gerber: Wir haben zwar z.B. oft auf der Orgatec ausgestellt, mit unseren Eiermann Stühlen hatten wir aber nie das Gefühl ausreichend Objekte zu haben, die man als “Wohnmöbel” bezeichnen könnte. Dieses Jahr bringen wir aber drei neue Produkte raus, Produkte, die sehr gut in den Wohnmöbelsektor passen und wir dachten, die IMM sei ein passender Ort, um sie zu lancieren. Auf der einen Seite wegen des internationalen Profils der Messe und auf der anderen Seite wegen des heterogenen Publikums – Architekten, große Ketten, aber auch kleine Läden repräsentieren sehr gut unsere Zielgruppe.

(smow)blog: Bevor wir zu den neuen Produkten kommen, erst einmal zu Ihrem bisherigen Produkt-Portfolio: Bis jetzt hat sich Wilde+Spieth mehr oder weniger nur auf die klassischen Egon Eiermann Stuhldesigns konzentriert. Auch wenn das wahrscheinlich ein Vorteil ist, inwiefern kann so eine enge Verbindung zu so einem berühmten Möbelarchitekten auch ein Fluch sein?

Thomas Gerber: Nun, der Geschmack der Kunden ändert sich zum Glück nur sehr langsam. Die Popularität von Designklassikern verläuft zyklisch und so kommt es, dass es Phasen gibt, in denen die Eiermann Stühle in sind, aber auch solche, in denen Eiermann Möbel out sind. Solche Phasen sind natürlich sehr schwer für uns. Einen großen Teil unseres Geschäftes machen die Aufträge aus dem Projektgeschäft aus und wenn ein Projektmanager keine Designklassiker für sein Projekt will, dann haben wir ein Problem. Was schließlich auch ein Grund für die Einführung neuer Produkte ist.

Und da fängt dann der Fluch erst richtig an. Denn, wenn wir bekannt geben, wir bringen etwas Neues auf den Markt, dann sind die Erwartungen sehr hoch. Es wird erwartet, dass wir etwas herausbringen, das genauso gut ist wie das, was wir zurzeit haben, das aber gleichzeitig billiger ist und das zum nächsten Klassiker wird. Das macht es sehr schwierig. Über die Jahre hatten wir mit zahlreichen Designern und Architekten zusammengearbeitet, aber bis jetzt nichts als wirklich passend empfunden …

(smow)blog: Bis jetzt! Dieses Jahr stellen Sie drei neue Produkte vor. Was haben die, was die anderen nicht hatten?

Thomas Gerber: Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir die Suche von einer anderen Perspektive angegangen sind. Dieses Mal haben wir die Designer eher uns suchen lassen als jemanden zu beauftragen, der etwas für uns entwirft. Den CU! Stuhl von Avinash Shende z.B. haben wir auf der Salone Satellite in Mailand entdeckt, waren sofort begeistert und haben überlegt, ihn – insofern es wirklich passt - in unser Sortiment aufzunehmen. Als die Entscheidung einmal getroffen war, mussten wir das Design nur noch etwas optimieren, sodass der Stuhl seriell hergestellt werden konnte.

(smow)blog: Wir vermuten, das bedeutet, Sie sind zuversichtlich die Erwartungen zu erfüllen?

Thomas Gerber: Wir würden ihn nicht vorstellen, wenn wir es nicht wären! Bevor wir uns endgültig für das Projekt entschieden haben, haben wir den Stuhl z.B. mehreren Architekten gezeigt und bekamen 100% positives Feedback, was für uns dann einer der Gründe war, Ja zu sagen.

(smow)blog: Eine Sache, die uns bei CU! sofort aufgefallen ist, sind die Farben. War die Entscheidung für so eine helle Farbpalette auch ein Resultat aus den Reaktionen der Architekten?

Thomas Gerber: Zum Teil. Aber noch mehr ist CU! ein freches, frisches Produkt, das geradezu danach schreit bunt zu sein. Es kann auch für den Outdoorbereich genutzt werden, und wer sagt, dass Caféstühle immer schwarz oder weiß sein müssen?

(smow)blog: Unsere letzte Frage – bleiben wir bei den Farben: Sie lancieren außerdem vier Eiermann Klassiker in Tönen der Le Corbusier “Les Couleurs”-Kollektion. Warum die Le Corbusier Farben?

Thomas Gerber: Weil es alles gut zusammenpasst. Wenn man sich Le Corbusier und Egon Eiermann ansieht, findet man einige Parallelen. Beide lebten ungefähr zur gleichen Zeit, hatten ähnliche Leidenschaften und schließlich passen die Farben einfach sehr gut zu den Möbeln und man kann sagen, es kommt zusammen, was zusammengehört. Und natürlich ist ein Stuhl nur ein Teil eines Raumdesigns, zu dem unweigerlich auch andere Möbel, Tapeten, Teppiche usw. gehören – und die sind über andere Hersteller auch in den Le Corbusier Farben erhältlich. Weil die Farbtöne alle auf natürlichen Tönen basieren und aufeinander abgestimmt sind, kann man entweder eine einzige Farbe für ein Projekt nehmen oder die Farben mühelos miteinander kombinieren. Wir halten die polychrome Farbharmonie bei Les Couleurs für ein faszinierendes Konzept.

IMM Cologne 2013  Wilde+Spieth Egon Eiermann Le Corbusier Les Couleurs

IMM Cologne 2013: Wilde+Spieth Egon Eiermann Stühle in neuen Farbtönen aus der Le Corbusier "Les Couleurs" Kollektion

IMM Cologne 2013  Wilde+Spieth Egon Eiermann SE 68 SE 42 Le Corbusier Les Couleurs

SE 68 und SE 42 in Le Corbusier "Les Couleurs"

IMM Cologne 2013  Wilde+Spieth CU! by Avinash Shende

IMM Cologne 2013: CU! von Avinash Shende für Wilde+Spieth

IMM Cologne 2013  Wilde+Spieth Typus by Edelhoff & Nettesheim

Der Tisch Typus von Edelhoff & Nettesheim für Wilde+Spieth. Hier mit zwei SE 68ern. (Foto Wilde+Spieth)



Egon Eiermann – Neue Stühle für neue Kirchen. Der SE 119 und SE 121

Tuesday, December 20th, 2011

Am 17. Dezember 1961 wurde die neue Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche in Berlin offiziell eingeweiht. Entworfen von Egon Eiermann war und ist der neue Kirchenbau ein selbstbewusster und moderner Ersatz für die alte Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche; ein Gebäude, das zum Bedauern vieler Berliner Urgesteine der Bombadierung von 1943 zum Opfer fiel.

Wie auch in anderen Projekten dieser Zeit, entwarf Eiermann nicht nur das Gebäude, sondern gestaltete auch gleich das passende Mobiliar für das Kircheninnere.

Die neue Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche war Eiermanns zweites Kirchenprojekt – und genau wie er von der Matthäuskirche Pforzheim architektonische Elemente wiederverwendete und neu verarbeitete,  transportierte er bekannte Elemente auch in Form des Mobiliars in das Innere der neuen Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche.

egon eiermann wilde + spieth se 119

Stuhl für die Matthäuskirche Pforzheim. Entworfen von Egon Eiermann

Für die Matthäuskirche entwarf Eiermann einen einfachen, fast schon rustikalen Holz- und Weidenstuhl; für Berlin verwendete Eiermann die gleiche Grundform, wenngleich die Form unter neuem Materialeinsatz eine neue Ausstrahlung erhielt. In vielerlei Hinsicht wirkt diese Interpretation urbaner und mondäner.

Die Rahmenform bewahrend, ersetzt Eiermann den Weidensitz aus Pforzheim durch eine gurtgestützte Struktur. Das bemerkenswerteste am “Berliner Stuhl” ist die offene Konstruktion,  die plakativ zur Schau stellt, wie die Gurte um den Rahmen geschlungen sind.

neue kaiser wilhelm gedächtniskirche Berlin 2011

Stühle in der neuen Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche, Berlin. Entworfen von Egon Eiermann

Auf der Rückseite hat Eiermann die zwei absolut unerlässlichen Elemente eines Kirchenstuhls eingearbeitet: Stauraum für das Gesangsbuch und einen Huthalter.

Wie wir alle wissen, hatte Egon Eiermann immer ein Problem damit, wenn Menschen versucht haben, seine Arbeiten mit den (gezwungenermaßen) früheren Arbeiten von Charles Eames zu vergleichen. Aber so sehr wir den kleinen schwarzen, ballförmigen Huthalter mögen und schätzen, kann sich ein Teil von uns nicht gegen den Wunsch wehren, Eiermann hätte eine Möglichkeit gefunden, die ein kleines bisschen weniger an einen Hang it All Haken erinnert…

neue kaiser wilhelm gedächtniskirche Berlin 2011

Der Gesangsbuchhalter und der Huthaken

Was Eiermann leider nicht von Pforzheim in Berlin übernommen hat, war sein berühmtes Tischgestell als Altar. Diese Entscheidung ist jedoch eher den vielen Meinungsverschiedenheiten zwischen Eiermann und dem Berliner Bistum geschuldet, als einer bewussten Entscheidung seitens Eiermann.

1985 stellt Wilde+Spieth den “Pforzheimer Stuhl” als SE 119 der Öffentlichkeit vor – laut Arthur Mehlstäubler1, der erste Stuhl, den Eiermann für ein Architekturprojekt entworfen hat und der daraufhin in die Serienproduktion ging. Das markiert in unseren Augen den Punkt, an dem Eiermann zu einem vollwertigen “Möbelarchitekten” im dänischen Sinne wurde. Obgleich der SE 119 schon 1958 als Esszimmerstuhl im deutschen Pavillion auf der Weltausstellung in Brüssel zum Einsatz kam.

1962 brachte Wilde+Spieth den “Berliner Stuhl” als SE 121 heraus, der ab 1964 in der Kanzlei der deutschen Botschaft in Washington verwendet wurde. Ohne Huthaken und Gesangsbuchhalter, allerdings.

Leider werden beide Stühle nicht mehr hergestellt, aber die Kirchen stehen noch und in beiden kann man einen wunderbaren Einblick in einen sehr speziellen Teil von Egon Eiermanns Oeuvre erhalten.

1. Aus Kielmeyer, Barbara, Hg. “Egon Eiermann – die Möbel”, INFO-Verlag, Karlsruhe 1999

neue kaiser wilhelm gedächtniskirche Berlin 2011

Die neue Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche Berlin. Mit Eiermanns Stühlen, komplett mit Huthaken und Gesangsbuchhaltern



Design for Use, USA

Tuesday, November 8th, 2011
Design for Use USA catalogue

Design for Use, USA. Das Cover von Alexander Girards Katalog.

Vom 20. März bis 25. April 1951 fand in Stuttgart die erste Nachkriegsausstellung zum Thema moderne amerikanische Inneneinrichtung und Haushaltsgeräte statt.

Vom New York Museum of Modern Art organisiert, zeigte die Ausstellung mit dem Titel “Design for Use, USA” einen Querschnitt amerikanischen Gebrauchsdesigns – und somit ein Who is Who der amerikanischen Designer Mitte des 20. Jahrhunderts: Charles Eames. George Nakashima. Ray Eames. George Nelson. Eero Saarinen. Isamu Noguchi. Etc.

All das wird in einem von Alexander Girard geplanten Ausstellungskonzept und Katalog präsentiert.

Neben einer durchaus ansehnlichen Liste von Ausstellungsobjekten, war und ist die Ausstellung auch aus einer ganzen Reihe anderer Gründe interessant.

Zuallererst weil sie bereits zwei Jahre bevor Willi und Erika Fehlbaum ihren “folgenreichen” Ausflug nach New York unternahmen, stattfand – sie kamen damals mit den Grundsteinen für Vitra im Handgepäck zurück.

(Man stelle sich mal vor… wenn jemand in Stuttgart etwas mehr unternehmerisches Gespür gezeigt hätte…. Es gäbe kein Vitra.)

Zweitens brachte die Ausstellung die Designermöbelindustrie im Nachkriegseuropa in Gang.

Im Artikel “The “Advance” of American Postwar Design in Europe: MoMA and the Design for Use, USA Exhibition 1951–1953″1 behauptet Gay Mcdonald, dass die Ausstellung nur stattfand, um Amerika im Rahmen des Marshall Plans in Europa populär zu machen und liest man die MoMa Pressemitteilung2 von 1951, kann man das auch nur schwer leugnen.

Soweit wir das richtig interpretieren, exportieren die Amerikaner ihre Kultur ja auch schon seit jeher mit größter Leidenschaft in den Rest der Welt – sei es die Blue Jeans, Hamburger oder unterdrückende Sicherheitskonzepte im Namen der Freiheit…

Und natürlich haben sie auch ihre eigenen Sportarten entwickelt, anstatt einfach die von anderen Kulturen zu übernehmen.

Aber wir vertrauen auf die meisten Europäer und, ja, auch auf die meisten Amerikaner, dass sie intelligent genug sind, ihre eigenen Schlussfolgerungen und Meinungen zu bilden.

Unabhängig von den Motiven finden wir, dass die Ausstellung genau das Richtige zur richtigen Zeit war. Damals war Amerika nämlich, ungeachtet des Krieges, der Motor im weltweiten Produktdesign. Und das MoMa war zweifelsohne die Institution, die die größte Rolle dabei gespielt hat, amerikanische Designinnovationen in der Welt zu verbreiten.

1951 waren weite Teile Europas mit dem Wiederaufbau beschäftigt – schnelle und effiziente Lösungen im Möbel- und Produktdesign waren also äußerst gefragt.

upholstred chair georeg nelson herman miller
“Upholstered chair” von George Nelson für Herman Miller, gesehen im Design for Use, USA Katalog

Gay Mcdonald zitiert eine Quelle, die besagt, dass die Ausstellung von 60.000 Menschen besucht wurde. Das klingt vielleicht gar nicht so viel, aber man muss bedenken, dass es 1951 war. Damals gab es noch keine Billigflieger, die für 20 Euro nach Stuttgart fliegen. Und die “Designindustrie” war damals auch noch nicht so weit wie heute.

Und Vitra war zu der Zeit noch eine unwichtige, kleine Baseler Firma im Aufbau. – 60.000 Besucher waren für die Zeit einfach fantastisch.

Was leider nicht aufgezeichnet wurde, ist, wer alles kam und was sie mitgenommen haben.

Für so gut wie jede wichtige und einflussreiche Manchester Band der späten 1970er und frühen 1980er können die Ursprünge zurück zum Sex Pistol Konzert am 4. Juni 1976 in der Lesser Free Trade Hall geführt werden; und so können wir (Romantiker) uns sehr gut vorstellen, dass “Design for Use, USA” das europäische Möbeldesign der 50er und 60er Jahre genauso stark beeinflusst hat.

Ohne Aufzeichnungen kann man leider nur mutmaßen, wie die Langzeitfolgen für die Besucher der Ausstellung konkret aussahen.

Nach Stuttgart tourte die Ausstellung weiter durch Europa: nach London, Paris, Zürich und zur Mailänder Triennale. Die Tatsache, dass keiner die Chance ergriff und die Produktionslizenzen für Europa übernahm, lässt sich möglicherweise darauf zurückführen, dass alles noch zu neu war, zu anders.

Jedenfalls ist es naheliegend, dass mit der Ausstellung ein Prozess der Sensibilisierung losgetreten wurde, der letztlich auch den Weg für Vitra und den Erfolg mit dem Verkauf der Möbel von Eames, Nelson, Noguchi und all den anderen ebnete.

Ganz sicher aber liegt hier der Ausgangspunkt für Wilde + Spieths erfolgreiche Vermarktung von Egon Eiermanns Stühlen. Egon Eiermann begann mit seiner Teilnahme an der “Wie Wohnen?”-Ausstellung, 1949/50,  in Stuttgart und Karlsruhe öffentlich gegen Massenproduktion zu arbeiten. Viele seiner Designs stammen definitiv aus der Mitte der 1940er Jahre und Eieramann war dabei zweifelsfrei von dem, was er zu der Zeit aus und über Amerika las, beeinflusst.

Wir sagen nicht, dass er irgendetwas kopiert hat, aber Eiermann und Eames haben definitiv auf ähnlichen Feldern geforscht und expermentiert. Obgleich Eames ein wenig schneller und erfolgreicher war.

Damals hätte das freilich kaum jemand so betrachtet. 1951 haben sich gerade einmal 153 Stück von Eiermanns SE 3 (dem heutigen SE 42) verkauft; und das hauptsächlich an Architekten. In den folgenden Jahrzehnten stieg der Verkauf dann nicht nur dramatisch an, Eiermanns Stuhldesigns – mit ihren unleugbaren Bezügen zu Eames’ Entwürfen -  entwickelten sich außerdem bald zu europäischen Designklassikern.

Aber wieder können wir eigentlich nicht beweisen, dass Design for Use, USA etwas damit zu tun hatte.

design for use usa charles eames rar sideboard
Ein RAR und ESU Bookcase von Charles und Ray Eames, gesehen im Design for Use, USA Katalog

Zusätzlich zur Wegbereitung für ein neues Verständnis von Inneneinrichtung, beeinflusste “Design for Use, USA” Europa hinsichtlich neuer Technologien und Geschäftsmodelle. Es wurden Möbel aus Plastik geformt und Designermöbelhersteller in der Tradition von Hermann Miller etablierten sich.

Wir haben zwar keine bestätigten Aussagen darüber, ob Arne Jacobsen bei der Ausstellung anwesend war;  aber man kann nicht leugnen, wie hingebungsvoll er sich den synthetischen Materialien, die zwischen 1950 und 1960 auf den Markt kamen, gewidmet hat.  Das hat er außerdem ganz meisterhaft mit der guten alten dänischen Handwerkstradition zusammengebracht. Das Ei und der Schwan sind wohl die besten Beispiele dafür.

Auch wenn unsere Argumentation etwas lückenhaft ist, kann man doch sicher davon ausgehen, dass die europäische Möbelindustrie ohne “Design for Use, USA” etwas länger gebraucht hätte, auf eigenen Füßen zu stehen – und das wahrscheinlich mit weniger interessanten Produkten.

design for use usa slinky richard t james
Slinky von Richard T James: war auch Teil der Design for Use, USA Ausstellung

1. Gay McDonald “The “Advance” of American Postwar Design in Europe: MoMA and the Design for Use, USA Exhibition 1951–1953″ Design Issues: Volume 24, Number 2 Spring 2008. Seiten 15-27

2. “MUSEUM’S “DESIGN FOR USE, U.S.A.” EXHIBITION SAILED FOR EUROPE JANUARY 5″ http://www.moma.org/docs/press_archives/1483/releases/MOMA_1951_0001_1951-01-04_510104-1.pdf

3. Arthur Mehlstäubler “Egon Eiermann – der deutsche Eames?” in Egon Eiermann (1904 – 1970)



2010 Designermöbel Weltmeisterschaft, Finale: Schweiz – Deutschland 2:1

Tuesday, July 27th, 2010

Egon Eiermann gegen Fritz Haller.

Im Vorfeld des Finalspiels der (smow) Designermöbelweltmeisterschaft 2010 wurden sowohl Deutschland als auch die Schweiz scharf für Ihre Mannschaftsaufstellungen kritisiert. Beide – so schien es – wollten mit ihren eher technischen Formationen auf Nummer Sicher gehen.

Aber das Spiel hätte spannender und interessanter nicht werden können. Sicher hätten ein Nils Holger Moormann für Deutschland oder Susi und Ueli Berger für die Schweiz etwas mehr Fantasie und Farbe ins Spiel gebracht, aber die beiden Altmeister glänzten wie kein anderes Team mit technischer Brillanz und sicherer Ausführung.

Egon Eiermann kam vorsichtig mit seinem klassischen Tischgestell ins Spiel, nutzte dann aber Hallers Zurückhaltung gleich noch um ein ausgetüfteltes Regal im gegnerischen Strafraum zu platzieren. Fritz Haller spürte die Büromöbel-Richtung, in die das Spiel nun glitt und griff tief in die Trickkiste für ein “komplex integriertes Tisch-Organisations-System”.

Sein KITOS Tisch war so weit entfernt von seinem normalen USM Haller System, dass Eiermann kurz ins Straucheln kam. Der Brandenburger fing sich aber schnell wieder und erzielte mit einem sehr schön herausgespielten SE 18 für Wilde + Spieth die 1:0 Führung.

Haller konterte mit einer wunderbaren Kombination aus Rollcontainer und Haller Tisch und ein perfekt platzierter Flachbildschirm-Schwenkarm brachte den Ausgleich. In der zweiten Halbzeit schien Fritz Hallers stabiles USM Haller System das Spiel zu kontrollieren, aber Egon Eiermann mobilisierte noch einmal alle Kräfte.

Zwei gute Aktionen mit dem SE 68 und dem E 14 Rattan Hocker scheiterten jedoch wieder am vielseitigen USM Haller System.

Die Zuschauer hatten sich schon auf eine Verlängerung eingestellt, als Fritz Haller in letzter Minute ein perfekt ausgeführtes Metallausziehtablar zum Siegtreffer verwandelte.

Die Schweiz gewinnt zum ersten Mal den (smow) Designermöbel-WM-Pokal.

(smow)2010 Übersicht

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Die Schweizer Fans feiern Fritz Hallers Sieg über Egon Eiermann.



(smow)offline: Herbert Hirche, Strahlend Grau

Tuesday, May 25th, 2010
Strahlend Grau Herbert Hirche Exhibition, Museum der Dinge Berlin

Strahlend Grau Herbert Hirche Ausstellung, Museum der Dinge Berlin

Weil sich unser Artikel über den neuen London Bus aufgrund einer gebrochenen Wasserleitung verspätet, haben wir uns entschieden, stattdessen den Eindruck eines typischen Nutzers der London Busse wieder zu geben.

“Typisch. Man wartet stundenlang, und dann kommen zwei auf einmal. Schuld an alledem ist Ken Livingstone!”

Noch vor der Eröffnung der Retrospektive von Dieter Rams mit dem Titel “Less and More: Das design ethos von Dieter Rams“, besuchten wir die Eröffnung einer zweiten Ausstellung, die sich dem Leben und dem Werk eines früheren Designers aus dem Hause Braun widmet.

Die Ausstellung “Strahlend Grau” über Herbert Hirche im Werkbundarchiv Berlin ist eine wunderbar kompakte Übersicht über einen Designer, der neben seiner relativen Unbekanntheit doch ebenso wichtig wie Dieter Rams, Egon Eiermann oder Ludwig Mies van der Rohe ist – um nur drei der großen Altmeister des Deutschen Designs zu nennen, mit denen Herbert Hirche zusammen arbeitete.

Und es ist ein passender Anlass um Herbert Hirches 100. Geburtstag zu feiern.

Geboren in Görlitz am 20. Mai 1910, studierte Herbert Hirche an der Bauhaus Universität in Dessau und Berlin. Nach der Schließung der Institution im Jahre 1933 schloss er sich dem Team seines früheren Professors Ludwig Mies van der Rohe an und blieb dort bis Mies van der Rohe 1938 in die USA floh. Nach einem Jahr als Freelancer arbeitete er schließlich in Egon Eiermanns Büro bis Eiermann Berlin 1945 wegen der nahenden Roten Armee verließ.

Strahlend Grau: Herbert Hirche on the roof of Bauhaus Dessau, 1932

Strahlend Grau: Herbert Hirche auf dem Dach des Bauhaus Dessau, 1932

Einen Arbeitgeber an ein totalitäres Regime zu verlieren ist Unglück – zwei zu verlieren erscheint wie ein Fluch.

In den Nachkriegsjahren war Herbert Hirche stark am Wiederaufbau Berlins beteiligt. Daneben lehrte er erst an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee und anschließend an der staatlichen Akademie für bildende Künste in Stuttgart, wo er auch als Rektor von 1969 bis 1971 tätig war.

Kuratiert von Nicola von Albrecht, präsentiert “Strahlend Grau” eine chronologische Reise durch Herbert Hirches Leben, wunderbar illustriert mit Original Briefen, Dokumenten und Fotografien. Eines der Highlights war für uns ein Brief von Egon Eiermann, der bescheinigte, dass Hirche in seinem Büro anheuern dürfe – kleine Dinge, die das sonst so abstrakte Bild über das Leben eines anderen zum … Leben erwecken.

Strahlend Grau Herbert Hirche's contribution for the exhibition Interbau Berlin, 1957

Strahlend Grau Herbert Hirches Beitrag für die Ausstellung Interbau Berlin, 1957

Und “Strahlend Grau” ist voll mit solchen Momenten.

Überhaupt nicht voll ist die Ausstellung an Möbeln.

Das liegt vor allem daran, dass viele von Herbert Hirches Arbeiten nie den Prototyp-Status überschritten haben und weil sein Erbe meist nur in Papierform vorliegt.

Trotz alledem beinhaltet die Ausstellung vier Werke von Herbert Hirche aus der aktuellen Richard Lampert Kollektion: den Hirche Barwagen, 1953 Lounge Chair, H57 Armchair und den Rattansessel “Santa Lucia”.

Soweit wir wissen, sind dies die einzigen Stücke von Hirche, die derzeit produziert werden. Und dass, obwohl Herbert Hirche für Hersteller wie Knoll, Wilkhahn oder Wilde + Spieth gearbeitet hat.

Richard Lampert war selbst auch vor Ort und erzählte uns, wie er auf Herbert Hirche aufmerksam wurde – glücklicherweise nicht durch lange Recherchen in staubigen Archiven auf der Suche nach kommerziellen Möglichkeiten von vergessenen Designs.

Nein, Richard Lamperts Einführung in die Arbeiten von Herbert Hirche fand während eines langen Abends in einer geselligen und gar nicht staubigen Umgebung in Stuttgarts legendärem Restaurant “Santa Lucia” statt.  Ein Restaurant, für das Hirche nicht nur einmal, sondern zwei mal das Interior Design konzipierte und für welches er den Rattan Stuhl entwarf.

Anfangs skeptisch, war Richard Lampert doch so beeindruckt von dem Stuhl, dass er am folgenden Tag noch einmal zum Restaurant zurückkehrte um nachzufragen, wo der Stuhl herkäme.

Rattan chair Santa Lucia by Herbert Hirche

Rattan Chair Santa Lucia von Herbert Hirche für Richard Lampert

Und so begann eine wunderbare Beziehung, die schließlich in der Auszeichnung mit dem “Classic Innovation” Award auf der IMM 2010 in Köln für den Relaunch des H57 Armchair mündete.

Solche Anekdoten bringen uns immer zum Schmunzeln, weil sie zeigen, dass gutes und ehrliches Design immer dem aktuellen Hype, Starnamen und großen Marketing-Budgets überlegen sind. Und das gibt uns Hoffnung für die Zukunft.

Herbert Hirche Strahlend Grau: In every drawer a gem

Herbert Hirche: Strahlend Grau

“Strahlend Grau” ist weder eine umfangreiche Ausstellung, noch ist es eine Ausstellung, die passiv betrachtet werden kann. Ein Besuch von “Strahlend Grau” bedeutet aktives Suchen und Bedenken der präsentierten Informationen. Aber der Aufwand ist es wert und es gibt einige wahre Kostbarkeiten zu entdecken.

Und noch wichtiger: es ist eine wunderbare Einführung zu einem Designer, der mehr Ansehen verdient als er momentan bekommt und zu einer Ära des Deutschen Designs, das weit mehr zu bieten hat als viele Leute meinen.

“Strahlend Grau” läuft im Werkbundarchiv – Museum der Dinge, bis 13. September.

Werkbundarchiv – Museum der Dinge
Oranienstraße 25
10999 Berlin

Öffnungszeiten: Fr, Sa, So, Mo 12 – 19 Uhr

www.museumderdinge.de

Strahlend Grau: Herbert Hirche's 1953 lounge chair from Richard Lampert

Strahlend Grau: Herbert Hirches 1953 Lounge Chair von Richard Lampert



(smow)offline: Leipziger Buchmesse – Eine Designer Möbel Perspektive

Thursday, March 25th, 2010

Für Leute, die den Großteil ihres Arbeitslebens mit dem Sitzen am Schreibtisch verbringen, besitzen Autoren und Verleger eine beängstigende Missachtung gegenüber komfortablen Stühlen.

Zumindest glauben wir das, wenn wir die Möbel, die wir auf der Leipziger Buchmesse 2010 gesehen haben, als Maß nehmen.

Billige Klappstühle, billige Kopien von Möbel Design Klassikern, die als Original präsentiert wurden und überhaupt billiger Ramsch so weit das Auge reichte.

Glücklicherweise hatten sich wenigstens ein oder zwei Aussteller besser informiert. Einige der wenigen Lichtblicke aus Designer Perspektive waren:

Der deutsch-französische Kultursender ARTE mit Swan Chairs von Arne Jacobsen (Fritz Hansen)

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Deutsch-französischer Kultursender ARTE mit Swan Chairs von Arne Jacobsen (für Fritz Hansen)

Der deutsche Nachrichtensender Phoenix mit Tom Vacs von Ron Arad für Vitra.

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Der deutsche Nachrichtensender Phoenix mit Tom Vacs von Ron Arad für Vitra

MDR mit LEM von Shin und Tomoko Azumi für lapalma

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MDR with LEM by Shin and Tomoko Azumi for lapalma

Reclam Verlag mit einem USM Haller Messetisch.

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Reclam Verlag mit USM Haller

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Reclam Verlag mit einem USM Haller Messetisch

Fachhochschule Potsdam mit einer Hommage an den Brandenburger Egon Eiermann. Hier die Eiermann Tischgestelle von Richard Lampert und die SE 68 Stühle von Wilde + Spieth.

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Fachhochschule Potsdam mit einer Hommage an den Brandenburger Egon Eiermann

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SE 68 Stühle von Wilde + Spieth

Doch am beeindruckendsten waren wir wohl von all den Studenten der Bauhaus Uni Weimar, die ihren Stand  Block von Frank Gehry (für Vitra) widmeten.

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Block von Frank Gehry für Vitra

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Bauhaus Universität Weimar

Wir können nur hoffen, dass sich die Situation auf der Leipziger Buchmesse 2011 verbessert.

Aber bitte mit mehr Qualitätsmöbeln