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Der Fall des Vitra-Zauns

Friday, May 31st, 2013

Schon im März 2011 beklagten wir, dass die Vitra-Produktionsstätte in Weil am Rhein von einem Zaun umgeben ist, der den gesamten Blick über den Vitra-Campus unterbricht. Vor dem Bau des VitraHauses hatte sich keiner an dem Zaun gestört – danach jedoch schon…

Wie seinerzeit Ronald Reagan beschwerten wir uns: “Herr Fehlbaum, reißen Sie diese Mauer nieder! Oder versetzen Sie sie wenigstens um ein Stück! Bitte.”. Michail Gorbatschow brauchte zweieinhalb Jahre für seine Antwort an Ronald Reagan. Auch bei uns hat es um die dreißig Monate gedauert, bis wir auf unsere Beschwerde eine positive Antwort bekommen haben.

Ab November 2013 werden sich die Besucher des Vitra-Hauses und des Vitra Design Museums nämlich sehr viel freier und unabhängiger auf dem Gelände des Vitra-Campus bewegen können. Was für eine erfreuliche Entwicklung!

Im Gegensatz zum Fall der Berliner Mauer war der des Vitra-Zauns allerdings nur ein partieller. In den kommenden Monaten soll der ursprüngliche Verlauf des Zauns geändert werden. Der neue Zaun verläuft dann nicht mehr um die Ecke des Parkplatzes, sondern wird scharf links am Buckminster Fuller Dome abbiegen und dann zu der von Alvaro Siza entworfenen Produktionshalle führen.

In Ergänzung zum neuen Zaun hat Alvaro Siza einen neuen Fußweg geplant. Dieser folgt dem Verlauf des Zauns, bevor er die Besucher vor Sizas Produktionshalle führt und dann weiter zum Feuerwehrhaus von Zaha Hadid.

Vervollständigt wird die Umgestaltung durch eine neue Wiesenfläche vor dem VitraHaus mit Möglichkeiten zum Sitzen und mit noch mehr Kirschbäumen.

Die Architektur verbleibt allerdings hinter dem Zaun, und so wird auch der Blick auf den Buckminster Fuller Dome und die Jean Prouvé Tankstelle nach wie vor vom Vitra-Zaun unterbrochen.

Für die Besucher heißt das allerdings, dass sie die Arbeiten aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten können. Darüber hinaus hat der zusätzliche öffentliche Platz vor dem VitraHaus den positiven Effekt, dass das gesamte Areal weniger beengend und überfrachtet erscheint, als es jetzt der Fall ist.

Wir sehen immer noch keinen Grund, warum der Zaun nicht nahe der Straße, also zwischen die Frank Gehry Produktionshalle und Jean Prouvés Tankstelle platziert werden sollte, sodass alle Objekte zugänglich würden.

Möglicherweise würden dann weniger Besucher für die Architektur-Führung Eintritt bezahlen, aber wir denken, dass auch dann die Mehrheit die Besichtigung der Gebäude mit Führung bevorzugen würde.

So schön und willkommen dieser Anfang also auch ist – David Hasselhoff wartet hinter den Kulissen und würde sich sehr freuen während der “Campus-Sommernachtskonzert-Saison” aufzutreten!

 

Der Vitra Campus mit neuem Zaun und Fußweg



Vitra Design Museum: Louis Kahn – The Power of Architecture

Thursday, February 21st, 2013

Am Freitag, den 23. Februar, eröffnet im Vitra Design Museum die Frühjahr/Sommer Ausstellung für 2013, “Louis Kahn – The Power of Architecture”.

In Zusammenarbeit mit dem Niederländischen Architektur Institut entstanden, ist The Power of Architecture die erste große Louis Khan Retrospektive seit über zwei Jahrzehnten und verspricht die umfangreichste Studie überhaupt über diesen interessanten und faszinierenden Sohn der Moderne zu werden.

Viele werden trotzdem noch nie von ihm gehört haben…

Louis Kahn ca.1972

Louis Kahn, ca. 1972 (Foto © Robert C. Lautman Photography Collection, National Building Museum)

Louis Khan wurde 1901 in Estland geboren und wuchs in Philadelphia auf. Als Sohn eines armen jüdischen Einwanderers, sind Khans frühe Jahre wahrscheinlich am besten als “bescheiden” zu beschreiben; aber er war ein talentierter und fleißiger Schüler und erhielt 1920 ein Stipendium für ein Kunststudium an der Universität von Philadelphia. Nach seinem Abschluss reiste er zwei Jahre durch Europa – eine Reise, die ihm sowohl die aufkommende Moderne als auch die Wunder der historischen Architekturtradition in Europa näher brachte. Bei seiner Rückkehr nach Amerika 1930 tat sich Khan schwer, Arbeit als Architekt zu finden und wendete sich der Lehre und der Forschung zu, zuerst an der Yale Universität und später an der Universität von Pennsylvania, bevor er 1951 sein erstes großes Projekt realisieren konnte – ein von den Kritikern gefeierter Anbau an der Kunstgalerie der Yale Universität. Es sollte ein weiteres Jahrzehnt vergehen, bevor er sein erstes Projekt außerhalb der USA verwirklichen konnte, das Indian Institute of Management in Ahmedabad, ein Auftrag, dem kurz darauf seine wohl wichtigste Arbeit folgte – das Parlamentsgebäude in Dhaka, Bangladesh. 1974 starb Louis Khan an einem Herzinfarkt in New York.

Obwohl Louis Khan in vielerlei Hinsicht als Opfer der Depression der 1930er Jahre in den USA betrachtet werden kann – zu der Zeit war er hauptsächlich arbeitslos oder bestenfalls unterbeschäftigt – sollte diese Zeit, die er lehrend und forschend verbrachte, die Grundlage für seinen späteren Ruhm bilden. Hier war es ihm schließlich möglich, seine Ideen zur sozialen Verantwortung von Architektur und der Beziehung zwischen Architektur und Umwelt zu entwickeln – sowohl im Hinblick auf die strukturellen Ähnlichkeiten als auch auf die Verbindung zwischen dem unbelebten Gebäude und der lebendigen Umwelt. Und vielleicht noch wichtiger, es gab Khan die Freiheit, beides in einem traditionellen Modernismus zu kombinieren, der nicht weniger verwirrt als erfreut: die äußerlich brutalistische Natur vieler von Kahns Bauwerken täuscht über einen klassischen Ansatz der Architektur hinweg, der daher oft erst auf dem zweiten oder dritten Blick deutlich wird. Sein Parlamentsgebäude von Dhaka zum Beispiel sieht aus, als würde es einen umhauen wollen. Erst wenn man näher herangeht, bemerkt man, dass es nichts Bedrohlicheres als eine Anordnung von Bögen und Säulen ist. Wie eine Art abstrakte gotisch-moderne Kathedrale.

Und tatsächlich ist Khans Portfolio voll mit Bauwerken und Formen, die vom Mittelalter, der Gotik und klassizistischen Bauten inspiriert sind. Louis Khan war vom Monumentalen fasziniert – sei es in Form von mittelalterlichen Städten, klassizistischen Brücken oder religiösen Gebäuden jeglicher Art – wann auch immer er Europa besuchte, kehrte er mit Zeichnungen und Aquarellen dieser Bauwerke oder einzelner Elemente davon zurück.

Und wenn sie zu ihm sprachen, dann nicht nur durch ihr architektonisches Erscheinen. 1944 schrieb Khan, “Kein Architekt kann eine Kathedrale einer anderen Epoche nachbauen, die die Freuden, Sehnsüchte, die Liebe und den Hass der Menschen verkörpert, deren Erbe sie wurde. Daher können die Bilder, die wir von monumentalen Bauwerken der Vergangenheit haben, nicht mit der gleichen Intensität und Bedeutung wiederaufleben. Der originalgetreue Nachbau ist unmöglich. Dennoch dürfen wir die Lehren, die uns die Gebäude der Vergangenheit erteilen, nicht vergessen, da sie eine übergreifende Bedeutungsqualität haben, auf welcher die Gebäude der Zukunft in gewisser Hinsicht aufbauen müssen.”1

Etwas, was uns diese Bauwerke lehren, ist, dass vertikal gestützte Bauten nicht aus festem Stein gebaut sein müssen, sie können innen auch hohl sein. Die Abgrenzung Louis Kahns von “dienenden”(served) und “bedienenden”(servant) Räumen sollte sich hin zu einer seiner wichtigsten Beiträge zur Architekturtheorie entwickeln. Für Louis Kahn sind dienende Räume die Räume in einem Gebäude, die aktiv genutzt werden und bedienende Räume die, die dem Zweck dienen – also im Wesentlichen Treppenhäuser, aber auch Klimaanlagen, Fahrstuhlschächte usw. Das mag auf der Hand liegen, aber bis man beginnt, aktiv zwischen den beiden Aspekten zu unterscheiden und ein Gebäude auf der Basis einer solchen aktiven Unterscheidung plant, kann man zum Beispiel nicht so ein modulares System wie Fritz Hallers Mini/MidiMaxi System entwickeln. Und vor Louis Khan hat niemand so eine Unterscheidung definiert.

National Assembly Building in Dhaka, Bangladesh, Louis Kahn 1962–83

Parlamentsgebäude in Dhaka, Bangladesh von Louis Kahn 1962–83 (Photo © Raymond Meier)

Louis Khans relativ später Eintritt in die hohen Ränge praktizierender Architekten und die relativ begrenzte Anzahl von Projekten, die er vollendet hat, bedeuten, dass während Khan in Architekturkreisen weitestgehend bekannt und respektiert ist, sein Name den meisten anderen Menschen nichts sagt. Louis Kahn – The Power of Architecture bietet eine wunderbare Gelegenheit, das zu ändern.

In zwei Teile unterteilt, beginnt die Ausstellung mit einer biografischen Einführung des Menschen Louis Khan und seiner Arbeit, bevor sechs Themenabschnitte seine Beziehung zu Philadelphia, seine wissenschaftliche Forschung und den Bereich natürlicher Bauten, die Rolle von Natur und Klassizismus in seiner Architektur und architektonisches Denken sowie die sozialen und kommunalen Aspekte seiner Bauwerke beleuchten.

Wir haben die Ausstellung noch nicht gesehen und können daher natürlich keinen Kommentar darüber abgeben, wie gut es die Ausstellung letztlich schafft, eine neue Perspektive auf Louis Khan, sein Werk und seinen Architekturzugang aufzuzeigen. Wir können jedoch sagen, dass die Ausstellung zuerst am Niederländischen Architektur Institut Rotterdam gezeigt wurde und dass wir nur Gutes darüber gehört haben. Wir erwarten, dass das Vitra Design Museum etwas an der Ausstellung gefeilt hat; wir erwarten aber auch darüber nur Gutes zu hören.

Louis Kahn – The Power of Architecture wird vom 23. Februar bis 11. August 2013 im Vitra Design Museum, Charles Eames Straße 2, in Weil am Rhein gezeigt.

In Ergänzung zur Ausstellung selbst veranstaltet das Vitra Design Museum ein Rahmenprogramm.

Weitere Informationen unter www.design-museum.de.

1 “L. I. Kahn “Monumentality” in New Architecture and City Planning, ed. P Zucker (New York 1944)”, zitiert in Eugene J. Johnson, “A Drawing of the Cathedral of Albi by Louis I. Kahn”, Gesta Vol. 25, No. 1, 1986

Vitra Design Museum Louis Kahn The Power of Architecture Ponte Vecchio Florence Italy

Ein Aquarell von Louis Kahn von Ponte Vecchio, Florence. gemalt ca. 1930 (© Private Collection, photo: Paul Takeuchi 2012)

Vitra Design Museum Louis Kahn The Power of Architecture Jewish Community Center, Ewing Township

Das jüdische Gemeindezentrum, Ewing Township, New Jersey von Louis Kahn 1954–59 (© Louis I. Kahn Collection, University of Pennsylvania und die Pennsylvania Historical and Museum Commission, photo: John Ebstel)

Vitra Design Museum Louis Kahn The Power of Architecture Steven und Toby Korman House Fort Washington Pennsylvania

Steven and Toby Korman House, Fort Washington, Pennsylvania von Louis Kahn 1971–73 (© Barry Halkin)

Vitra Design Museum Louis Kahn The Power of Architecture National Assembly Building in Dhaka

Vitra Design Museum: Louis Kahn - The Power of Architecture. Parlamentsgebäude in Dhaka, Bangladesh



Pop Art Design im Vitra Design Museum

Thursday, October 25th, 2012

Das MoMa in New York beheimatet bekanntermaßen einige der berühmtesten Arbeiten aus der Pop Art – neben so ziemlich jeder anderen modernen Kunst- und Designrichtung. Die Pop Art Werke sind jedoch durch ein Stockwerk von den anderen Werken aus der Mitte des 20. Jahrhunderts getrennt. Bedenkt man die Größe und den Aufbau des MoMas ist es undenkbar, dass irgendein normaler Besucher in der Lage wäre, das, was er gerade in dem einen Stockwerk sieht, mit dem in Verbindung zu bringen, was er vor einer gefühlten Ewigkeit auf einem anderen gesehen hat. Man betrachtet die beiden Ausstellungsteile zwangsläufig als zwei separate Einheiten. Zwei getrennte Welten. Hier George Nelson, Charles & Ray Eames, Eero Aarnio. Da Andy Warhol, Claes Oldenburg, Roy Lichtenstein.

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein sieht die Dinge etwas anders und richtet noch bis Februar 2013 die Ausstellung Pop Art Design aus. Das ist nicht nur die erste Ausstellung im Vitra Design Museum, die Kunstwerke in den Fokus rückt, es ist auch der erste Versuch überhaupt zu untersuchen, wie Kunst und Design in der Pop-Art-Ära interagiert und sich gegenseitig beeinflusst haben.

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Vitra Design Museum: Pop Art Design

Mit 140 Arbeiten aus Kunst und Design der 1950er, 1960er und 1970er Jahre präsentiert Pop Art Design einen umfassenden Überblick über die Hauptakteure, Themen und Errungenschaften der Periode – und das alles im Rahmen der Betrachtung von Kunst im Kontext von Design und Design im Kontext von Kunst.

Insofern wir das Ausstellungskonzept richtig verstanden haben, gibt es keine Versuche bei Pop Art Design eine direkte Verbindung zwischen den Künstlern und Designern der Zeit herzustellen, d.h. es soll nicht “aufgedeckt” werden, wie der eine Arbeiten oder Ideen eines anderen übernommen hat. Viel mehr geht es darum deutlich zu machen, wie die beiden Gruppen auf die Zeit, die vorherrschende Politik sowie die sozialen und technologischen Entwicklungen reagiert haben. Vor allem geht es aber um den Dialog, der zwischen Kunst und Design stattfand.

Im Vorwort zum Ausstellungskatalog beschreibt der Vitra Design Museum Chef-Kurator Mateo Kries den Dialog als einen “zentralen Charakter” der Pop Art.

Wenn wir ehrlich sind, haben wir das Ganze noch nie so betrachtet. Nachdem wir aber die Ausstellung gesehen haben, verstehen wir diesen Dialog um einiges besser. Und dem Ausstellungskonzept nach zu urteilen, glauben wir, dass alle Besucher die Ausstellung mit einem ähnlich erweiterten Horizont verlassen werden.

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Pop Art Design im Vitra Design Museum

Die Künstler der Nachkriegszeit spielten mit der weltweit wachsenden Prominentenszene und der aufkeimenden Werbeindustrie, während die Designer moderne Materialien zur Verfügung hatten und einer neuen Generation von Konsumenten gegenüberstanden, die sich in einer wachsenden finanziellen Sicherheit befand. Und so feierten beide Gruppen ihre kreative Freiheit, bedingt durch die vorherrschenden Umstände und der wachsenden globalisierten Gesellschaft, um schließlich zu reflektieren und darauf zu antworten, was um sie herum geschah.

Die Ergebnisse sind erstaunlich ähnlich; nicht nur in Sachen Form und Farben, sondern auch bezogen auf die Langzeitwirkung der Arbeiten.

Eines der besten Beispiele dafür kann man sehen, noch bevor man die Ausstellung überhaupt betreten hat. Vor dem Vitra Design Museum steht eine Installation, bestehend aus dem “Blow Inflatable Armchair” von Paolo Lomazzi, Donato D’Urbino und Jonathan De Pas aus dem Jahre 1967 zusammen mit einer verkleinerten Version von Andy Warhols “Silver Clouds” von 1966.

Aufgeblasene, hohle Objekte als Mittel bestehende Konventionen zu hinterfragen und eine Debatte anzustoßen. Eins unmissverständlich Kunst, das andere unmissverständlich Design. Beide unmissverständlich mit dem gleichen Genmaterial ausgestattet. ”Aufgeblasene, hohle Objekte” in zeitgenössischer Kunst und Design? Hat hier jemand was von Jeff Koons gesagt? Oskar Zieta? Philippe Starck? Und wo sollen wir jetzt Asif Khan’s “Clouds” von der Design Miami Basel 2011 einordnen? In die Architektur?

Pop Art Design demonstriert außerdem auf geschickte Weise, wie sich der Einfluss der Pop Art noch heute indirekt auf verschiedenen Wegen äußert. Steht man z.B. vor Arbeiten von Ettore Sottsass wird einem die Verbindung zwischen Pop Art und Postmodernem Design nur allzu bewusst; spätere Arbeiten transportieren das Entmystifizierende, Entlarvende und Demokratisierende wie es von der Pop Art gepredigt wurde also noch einen Schritt weiter. Sie gehen es mit noch mehr Elan und Zielstrebigkeit an.

Wie es Pop Art Design so schön deutlich macht, wurde diese Entwicklung in weiten Teilen von dem Dialog angetrieben, der während der Pop-Art-Jahre zwischen dem, was als Kunst verstanden wurde, und dem, was als Design verstanden wurde, stattfand; als die Designer also begonnen haben immer mehr künstlerische Techniken anzuwenden und sich Künstler bis dahin dem Design vorbehaltenen Prozessen zuwandten.

Vitra Design Museum Pop Art Design

Pop Art Design im Vitra Design Museum

Ein Aspekt der Ausstellung, der uns wirklich überrascht hat, war die Anzahl der Arbeiten von Alexander Girard, die dort zu sehen sind. Wir haben unserer Bewunderung für Alexander Girard nicht selten Ausdruck verliehen, aber in den Kontext von Pop Art haben wir sein Werk nie eingeordnet. Und so kam die Gelegenheit, einen Freitag Morgen damit zu verbringen, Alexander Girards Arbeiten mit denen von Andy Warhol zu vergleichen, so unerwartet wie sie schließlich wunderbar und wohltuend war.

Die Intention der Kuratoren war es dabei nicht aufzuzeigen, dass Alexander Girard Pop Art ist, aber es sollte deutlich werden, wie ähnlich die Ursprünge der von Folk Art inspirierten Arbeiten Girards mit bestimmten Motiven in der Pop Art sind. Oder anders ausgedrückt: Das Verhältnis von Girard zur Volkskunst entspricht ungefähr der Vernarrtheit der Pop Art in Marken und Konsum.

Ein zweiter Ansatz, der in der Ausstellung eine prominente Rolle einnahm und hier nicht unerwähnt bleiben soll, ist die Politik. Jasper Johns’ “Flag” war zwar nicht unter den Exponaten, eine genauso starke Infragestellung von Amerikas gefürchtetstem Symbol kann jedoch in dem “Leonardo Sofa” vom Studio 65 gesehen werden. Die Arbeit ist dazu auch noch neben Warhols Portrait von Mao und der Moloch Floor Lamp von Gaetano Pesce platziert. Diese Entscheidung der Kuratoren stellt eine brillante Provokation dar und verspottet die Stars and Stripes wie kaum ein anderes – einzelnes – Kunstwerk es vermag.

vitra design museum pop art design

George Nelson, Roy Lichtenstein & Ettore Sottsass @ Pop Art Design

Auf der Pressekonferenz zur Eröffnung erklärte Mathias Schwartz-Clauss, dass es ein Ziel des Ausstellungskonzeptes sei, Kunst und Design als gleichberechtigte Partner zu präsentieren, wobei keines das andere überschatten soll. Für uns hat dieses Konzept sein Ziel erreicht. Die Grenzen zwischen den Genres sind einfach nicht vorhanden. Zwischen Kunst und Design kann man sich hier genauso gut bewegen wie am Baseler Flughafen zwischen der Schweiz und Frankreich.

Pop Art Design ist keine Ausstellung für jene, die sich für eins-zwei Stunden in hellen Objekten oder abstrakten Formen verlieren wollen. Dafür sollte man ins MoMa gehen. Es ist viel mehr eine Ausstellung für die, die besser verstehen wollen, was das Wesentliche der Pop-Art-Ära war, was uns Pop Art gegeben hat, wohin uns Pop Art mitgenommen hat und wo die Wurzeln vieler moderner Designs liegen.

Wenn man mit der gleichen Abenteuerlust in die Ausstellung geht wie die Künstler und Designer jener Zeit an ihre Arbeit gegangen sind, wird man sie mit einem deutlich erweiterten Verständnis von einer Zeit, die viel mehr als berühmte Bilder von Suppendosen oder Skulpturen von Hamburgern zu bieten hat, verlassen.

Pop Art Design kann bis zum 3. Februar 2013 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein gesehen werden. Neben der Ausstellung selbst bietet das Museum ein Rahmenprogramm aus Gesprächen, Workshops, Filmen und einem Konzert an.

Weitere Informationen gibt es unter www.design-museum.de

Vitra Design Museum Pop Art Design

Pop Art Design im Vitra Design Museum. Leonardo Sofa, Mao und Moloch.

 

Vitra Design Museum Pop Art Design

Pop Art Design im Vitra Design Museum

 

Vitra Design Museum Pop Art Design A small crowd enjoying Charles and Ray Eames 1959 film Glimpses of the United States

Eine kleine Menge genießt Charles and Ray Eames' Film "Glimpses of the United States" von 1959



Vitra Design Museum: Confrontations – Contemporary Dutch Design Live. Videos

Tuesday, July 3rd, 2012

Vitra Design Museum Confrontations Contemporary Dutch Design Live logoVerschiedene Verpflichtungen im Zuge des DMY in Berlin ließen es leider nicht zu, dass wir Confrontations – Contemporary Dutch Design Live im Vitra Design Museum besuchen konnten. Glücklicherweise hat das Vitra Design Museum und sein Partner, die niederländische Designplattform Premsela, aber Videos der fünf Projekte veröffentlicht. So gewinnt man sogar einen Einblick in das sechste Projekt – das Ausstellungsdesign von Catalogtree.

Von den erfahrenen Händen von designguide.tv gedreht, bieten die Videos einen tollen Einblick in den Hintergrund, die Umsetzung und die Ergebnisse der fünf Projekte. Außerdem zeigen sie, dass das Wetter in dieser Woche in Weil am Rhein offenbar genauso schlecht war wie in Berlin.

Fraglos das tiefgründigste, existenziellste Projekt war das von Lucas Maassen in Kooperation mit Roche. Als Fortsetzung eines Projektes, bei dem seine Kinder Möbel für ihn malten, hat Lucas Maassen die DNA seiner Eltern in Form sechseckiger Laborkristalle abbilden lassen und als echte Kristalle reproduziert. Dann sollten seine Eltern mit ihrer visualisierten DNA als Bausteine eine Kristalleuchte bauen. Einfach genial! Ja, das ist wieder eines dieser Projekte, die ein klein wenig mehr in Richtung Kunst statt Design tendieren. Zurzeit jedenfalls. Wir warten einfach mal ab, was Lucas daraus macht.

Auf einer etwas simpleren Ebene schufen 2012Architecten eine Sitzinstallation, bei der sie alles andere als perfekt verchromte Gestelle von Eames Aluminium Chairs und Holzreste verarbeiteten. Und wir vermuten mal, dass sie auch für die Eames Armchair-Sitzschale verantwortlich sind, die als Schaukel an einem Baum auf dem Vitra Campus aufgehängt im Video zu sehen ist. Das hat uns aufgrund der fast schon obszönen Einfachheit fast noch mehr beeindruckt als der “offizielle” Teil des Projekts.

Das in Eindhoven ansässige italienische Designstudio formafantasma arbeitete derweil mit der Köhlerin Doris Wicki zusammen. Sie schufen eine Serie von Glasgefäßen mit Holzkohlefiltern und servierten selbstgefiltertes Wasser zusammen mit kohlestaubversetztem Brot. Das soll die Verdauung fördern. Im Video geht es ungefähr ab Minute 5:45 darum.

Für das pechschwarze Kohlebrot würden wir zwar nicht Wieki Somers’ Bezeichnung “Genuss in Schichten” (“Layers of Pleasure”) verwenden, aber für Somers Projekt kann man wohl keinen treffenderen Ausdruck finden. Ein 100 Kilo schwerer Schokoladenzylinder, den sie mit dem Chocolatier Rafael Mutter zusammen kreiert hat, wird Schicht für Schicht abgeschabt, wodurch sich dem Betrachter die immer wieder neuen Muster in der überdimensionierten Praline offenbaren. Und als wäre dieser Anblick nicht schon Genuss genug, können die abgetrennten Schokoladenschichten auch noch gegessen werden. Wir empfehlen wirklich sich im Video ein Bild davon zu machen.

Der letzte Beitrag stammt von Dirk Vander Kooij, der seine Untersuchung fortsetzte, wie Objekte designt werden können, deren finale Form ohne großen Aufwand je nach Bedarf endlos verändert werden kann – das heißt ohne nach dem eigentlichen Produktionsprozess noch neue Werkzeuge, Formen oder  Fertigungsverfahren anwenden zu müssen. Sein Projekt Endless ist nun ein weiterer Schritt in diese Richtung. Zusammen mit dem Autoteilehersteller A. Raymond entwickelte er ein Dreieck, das mithilfe eines einfachen Mechanismus an den Kanten mit anderen Dreiecken verbunden werden kann, sodass dreidimensionale, beliebig erweiterbare Objekte entstehen. Und obwohl wir dachten, das Dreieck selbst wäre das “Produkt”, ist es nur ein einfacher Baustein, aus dem die gewünschten Objekte dann zusammengesetzt werden können. Wir hoffen, ihr könnt uns in etwa folgen… Die Leuchten, die er mit den PET-Dreiecken kreiert hat, sehen auf jeden Fall so aus, als würde sich die Weiterentwicklung der Idee lohnen.

Wie gesagt haben wir nur die Videos gesehen, aber nach dem zu urteilen, was wir da gesehen haben, scheint Confrontations – Contemporary Dutch Design Live sehr erfolgreich gewesen zu sein. Die Ausstellung hat auf jeden Fall fünf sehr verschiedene und sehr interessante Projekte hervorgebracht.

Die Ausstellung kann noch bis zum 2. September 2012 in der Vitra Design Museum Gallery besucht werden.

Und es gibt auch gute Nachrichten für alle, die es nicht nach Weil am Rhein schaffen werden: Die Premsela-Leiterin Els van der Plas hat angedeutet, die Ausstellung eventuell auf Tour zu bringen. Das klingt doch super! Wir nehmen an, dass die erste Show dann im Oktober bei der Dutch Design Week zu sehen sein würde… Wir halten euch auf jeden Fall auf dem Laufenden.

Alle Videos zu Confrontations – Contemporary Dutch Design Live gibt’s unter vimeo.com/premsela.

Wir haben uns die Freiheit genommen, das Video von 2012Architecten beim Recyceln der Vitra-Abfälle hier einzubetten:


Film von designguide.tv für Premsela und das Vitra Design Museum



Vitra Design Museum: Confrontations – Contemporary Dutch Design Live

Monday, June 4th, 2012

Parallel zu Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums präsentiert die Vitra Design Museum Gallery eine Ausstellung, in der Themen beleuchtet werden, die auch zentral für die Arbeit Gerrit Rietvelds sind: Experimentieren, Recycling und die Arbeit im Einklang mit den Materialien. Unter dem Titel Confrontations – Contemporary Dutch Design Live werden fünf niederländische Designstudios jeweils gemeinsam mit einem Partner aus der Region Basel ein Objekt oder eine Installation entwickeln. Live. Vor Ort. Innerhalb eines Nachmittags.

Die Ausstellungsreihe beginnt am Dienstag, den 12. Juni, und findet während der Design Miami Basel statt.

Jedes Objekt wird auf einer Palette auf einer Gitterbox geschaffen und dort auch präsentiert. Demzufolge wird die Galerie am Dienstagmorgen bis auf die leeren Kisten leer sein und bis zum Samstagabend mit den Projekten gefüllt werden. Die Ergebnisse können dann noch bis zum 2. September gesehen werden.

Treue Leser werden schon ahnen, dass wir von den Möglichkeiten fasziniert sind, die sich hier ergeben, wo sich junge Designer etablierten Unternehmen, Materialien und Strukturen widmen. Das muss nicht immer gut sein, ist es aber oft.

Spannend finden wir es außerdem zu überlegen, wie sich wohl Gerrit Rietveld im Vergleich zu den jungen Designern der Herausforderung gestellt hätte.

Dann sind da noch 2012architecten, die mit Abfällen aus der Vitra-Produktion arbeiten. Hoffentlich lernt Vitra etwas aus dieser Erfahrung und reduziert entweder ihre Abfallproduktion oder findet mehr kreative Verwendungsmöglichkeiten dafür. Wir halten euch auf dem Laufenden…

Vitra Design Museum: Confrontations – Contemporary Dutch Design Live. Programm:

Die Designstudios werden jeweils von 12 bis 18 Uhr in der Vitra Design Museum Gallery arbeiten. Der Eintritt ist frei.

Dienstag, 12.06: Lucas Maassen mit dem Arzneimittelhersteller Roche

Mittwoch, 13.06: 2012architecten mit Vitra

Donnerstag, 14.06: formafantasma mit Köhlerin Doris Wicki

Freitag, 15.06: Wieki Somers mit dem Chocolatier Rafael Mutter

Samstag, 16.06: Dirk Vander Kooij mit dem Automobilzulieferer A. Raymond.

Und der Vollständigkeit halber gibt es noch ein sechstes Studio: catalogtree, das für das Ausstellungsdesign verantwortlich ist.



Vitra Design Museum: Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums

Thursday, May 24th, 2012

 

Für eine Ausstellung namens Die Revolution des Raums gibt es wahrscheinlich keinen passenderen Ort als das von Frank Gehry entworfenene “räumlich revolutionäre” Vitra Design Museum in Weil am Rhein – außer vielleicht, wenn die Ausstellung Gerrit Rietveld gewidmet ist, also einem Mann, dessen Werk vor allem von klaren, linearen und gleichmäßigen Formen bestimmt wird. Das Vitra Design Museum hat diesen Kontrast dennoch gewagt und damit eine Ausstellung geschaffen, die nicht nur einen Überblick über einen Künstler, sein Werk, seinen Einfluss und sein Erbe gibt, sondern seine Besucher auf gelungene Weise mit zahlreichen formalen Gegensätzen konfrontiert.

gerrit rietveld revolution of space vitra design museum

Vitra Design Museum: Gerrit Rietveld - Die Revolution des Raums. Sogar das Wetter passte sich der Monotonie Rietvelds an.

1888 in Utrecht geboren, verließ Gerrit Thomas Rietveld die Schule im Alter von 12 Jahren, um in der Tischlerwerkstatt seines Vaters zu arbeiten. Nach seiner Zeit als technischer Zeichner und Modellbauer für den Utrechter Goldschmied und Juwelier C. J. A. Berger eröffnete Rietveld 1917 seine eigene Tischlerei und entwarf bereits im folgenden Jahr die erste, noch farblose, Version seines Red and Blue Chairs. 1919 knüpfte Rietveld erste Kontakte mit leitenden Mitgliedern der niederländischen Künstlervereinigung de Stijl, einer Gruppe von Künstlern, Designern und Architekten, die eine abstrakte wie reduzierte Formensprache etablierten. In den darauffolgenden Jahren richtete Rietveld seine Aufmerksamkeit zunehmend auf Architekturprojekte und gehörte 1928 neben Berühmtheiten, wie Le Corbusier, Mart Stam oder Hannes Meyer, zu den Gründungsmitgliedern des Congrès internationaux d’Architecture Moderne.

Die Revolution des Raums basiert weitgehend auf der 2010 in Utrecht gezeigten Ausstellung Rietvelds Universum. Im neuen Titel deuten sich allerdings bereits Änderungen an, die das Vitra Design Museum in Bezug auf den Kontext und den Stil der Ausstellung vorgenommen hat. Neben neuen Objekten, die Rietvelds Arbeit in den Kontext seiner Zeit setzen, geht die aktuelle Ausstellung im Gegensatz zur eher thematischen Herangehensweise in Utrecht im Wesentlichen einen chronologischen Weg.

Und so beginnt Die Revolution des Raums mit den Klassikern Rietvelds. Wie bei Metallicas Black-Album-Tour, als sie “Enter Sandman” als ersten Song gespielt haben, werden so direkt alle Erwartungen erfüllt und der Geist ist offen für neue, oder lang vergessene, Erfahrungen.

Ausgehend von den Klassikern versteht man nicht nur, auf wie vielen verschiedenen Gebieten Rietveld aktiv war, sondern auch, in wie vielen Bereichen des Möbeldesigns und der Architektur er seiner Zeit voraus war. Und wie viel von dem, was er versucht, aber nicht in die Tat umgesetzt hat, in den Arbeiten von Designern späterer Zeiten wiedergefunden werden kann. Wenn euch zum Beispiel ein Stuhl, der aus einem einzigen Stück gebogenem Metall besteht, bekannt vorkommt, dann habt ihr wahrscheinlich unser Interview mit Harry Thaler gelesen. Die Formensprache und das Konzept sind völlig unterschiedlich, aber Rietveld hatte die Idee schon 1942 und tat das, was uns das Design-Symposium “Warum Gestalten?” der HFBK Hamburg als primäre Funktion des Designers schilderte: Experimentieren und Grenzen überschreiten.

Nicht nur Harry Thaler wurde zeitweise durch den emsigen Rietveld die Schau gestohlen. Die Revolution des Raums umfasst noch zahlreiche Beispiele dafür, wie Designer von Rietveld beeinflusst wurden oder wie Themen in den Arbeiten integriert sind, mit denen Rietveld schon vor ein oder zwei Generationen experimentiert hat.

Für uns sind aber die Parallelen zum Bauhaus am interessantesten und eine Frage drängt sich dem Ausstellungsbesucher förmlich auf: Wieso ging Gerrit Rietveld eigentlich nicht zum Bauhaus? Optisch liegen die Hauptarbeiten Rietvelds und die berühmten Bauhaus-Arbeiten unbestritten nah beieinander. Außerdem haben Rietveld und diverse Bauhäusler auf ähnliche Weise zu ähnlichen Zeiten an sehr ähnlchen Themen gearbeitet und sich fraglos gegenseitig beeinflusst. Im Interview erklärte uns die Leiterin des Bauhaus-Archivs Berlin Dr. Annemarie Jaeggi außerdem, dass es zur Bauhaus-Philosophie gehörte neue Materialien zu erforschen und zu testen, was mit ihnen alles möglich war. In jedem Raum des Vitra Design Museums findet man Beispiele dafür, wie Gerrit Rietveld genau das getan hat.

Wieso kamen Rietveld und das Bauhaus also nie zusammen? Die Kuratoren Ida van Zijil vom Centraal Muesum Utrecht und Amelie Znidaric vom Vitra Design Museum sind sich darüber einig, dass Rietvelds private Situation in Holland es ihm einfach nicht erlaubte, zum Bauhaus zu reisen. Es sei nicht mal Thema gewesen. Er war wahrscheinlich zufrieden mit den Projekten, die er hatte, und verspürte so kein wirkliches Verlangen nach Deutschland zu reisen bzw. betrachtete es nicht als Notwendigkeit. “Und das ist auch gut so”, um das beliebte, weil treffende Zitat des Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit heranzuziehen. Denn wäre Rietveld nach Weimar oder Dessau gereist, wäre er möglicherweise nur Teil eines weiteren, kleinen Kapitels in der Bauhaus-Geschichte geworden. Und das wäre natürlich mehr als schade…

Ob als Pionier des Open Designs, moderner Stadtplaner oder als einer der ersten Designer, die gebeten wurden, den Innenraum von Flugzeugen zu designen, Gerrit Rietveld ist ein Mann mit vielen, sehr vielen Talenten. Besonderes Interesse weckten bei uns die Modelle, Skizzen und Möbel, die Gerrit Rietveld zum sozialen Wohnungsbau sowie zur Vorfertigung und allgemein zur Verbesserung der häuslichen Situation der Arbeiter angefertigt hat.

Für uns sind in diesem Sinne die Parallelen zu Jean Prouvé mehr als deutlich, doch laut Ida van Zijil gibt es da einen großen Unterschied: “Für Prouvé war die industrielle Produktion sehr wichtig, für Rietveld war die Idee wichtiger. Es war weniger wichtig, wie es gemacht wurde, es war nur wichtig, dass es gemacht wurde”.

Darin liegt möglicherweise ein weiterer Grund dafür, wieso Gerrit Rietveld nie zum Bauhaus ging. Sein Herz schlug einfach einen Takt schneller fürs Handwerk als für die Industrie, was ihn stärker an die Tradition der Arts and Crafts Bewegung oder den Deutschen Werkbund band als an das industriefixierte Bauhaus.

gerrit rietveld revolution of space vitra design museum

Ein Modell für das Verriet Institut für behinderte Kinder, Curacao. Designt von Gerrit Rietveld und Henk Nolte 1949-52

Trotz aller Innovationen, Visionen und Experimente wird Gerrit Rietveld meist auf seine früheren Arbeiten reduziert; vor allem der Red and Blue Chair wurde zu solch einer Designikone, dass es für die meisten fast unmöglich sein wird, Rietveld von diesem einen Objekt zu trennen. Doch wieso ist das so? Sind seine früheren Arbeiten wirklich besser als das, was später kam? Warum hörte Gerrit Rietvelds Berühmtheit just zu der Zeit auf als seine Karriere wirklich begann? Für Ida van Zijl liegt ein Teil des Problems ironischerweise darin, dass die de Stijl-Bewegung Rietveld erst einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat: “De Stijl ist sehr bedeutend für die Geschichte des 20. Jahrhunderts, deshalb sind auch die Arbeiten, die im Zuge von de Stijl entstanden, unvermeidlich die bekanntesten und die mit dem größten Wiedererkennungswert.”

Im Fall Rietvelds hat die Popularität, die er mit seinen De Stijl-Arbeiten erfuhr, zu einer Vernachlässigung seines übrigen Oeuvres geführt. Insebsondere seine späten Arbeiten waren davon betroffen. Hätte das Centraal Museum Utrecht 1958 keine Rietveld-Retrospektive gezeigt, wären viele dieser Arbeiten wahrscheinlich kaum an die Öffentlichkeit gedrungen.

Nichtsdestotrotz steht Rietvelds vollständige Rehabilitation noch aus. Nach wie vor ist er ein Mann, den man viel zu schnell auf drei oder vier Projekte reduziert. Die Revolution des Raums macht nun auf wunderbare Weise deutlich, dass es bei Gerrit Rietveld weitaus mehr zu mögen, zu entdecken und zu lernen gibt.

Und die Location? Würde Gerrit T. Rietveld ein Gebäude wie das Vitra Design Museum für seine Ausstellung gutheißen? Würde er sich darüber freuen, dass sein Werk in einem Frank O. Gehry Temple des Dekadenten, Formlosen, Organischen gezeigt wird?

Wir fragen Ida van Zijl und sie lacht herzhaft: “Natürlich! Er war ja kein Prinzipienreiter und verfolgte nicht etwa die Mission, andere zu seinem Glauben zu bekehren. Es gab da beispielsweise einen niederländischen Architekten namens Ravesteyn, der eine fast barocke Form des Funktionalismus entwickelte. Alle führenden niederländischen Architekten der damaligen Zeit kritisierten ihn dafür und behaupteten, das was er tue, sei falsch. Und es war Rietveld, der sagte: ‘Nein! Jeder kann den Modernismus auf seine Weise interpretieren.’ Von daher glaube ich, dass Rietveld durchaus an der Architektur des Vitra Design Museum interessiert wäre, und sich freuen würde, dass sein Werk genau darin gezeigt wird.”

Gerrit T. Rietveld Die Revolution des Raums kann noch bis zum 16. September 2012 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein besucht werden.

 



GRASSI Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig: Die Essenz der Dinge: Design und die Kunst der Reduktion

Friday, April 27th, 2012

Bis zum 16. September 2012 gastiert das Vitra Design Museum im GRASSI Museum für Angewandte Kunst zu Leipzig und präsentiert die Ausstellung Die Essenz der Dinge. Design und die Kunst der Reduktion.

Im Sinne der Ausstellung halten wir auch unseren Post reduziert und verweisen schlicht auf unseren Beitrag über Die Essenz der Dinge. Design und die Kunst der Reduktion im Vitra Design Museum in Weil am Rhein von 2010.

Paul Weller findet es lächerlich von ihm zu erwarten, heute noch Songs zu singen, die er mit 18 geschrieben hat. Schließlich habe sich seine Sicht auf die Welt seitdem nicht unwesentlich verändert. In diesem Sinne stimmen auch wir nicht mehr mit allem überein, was wir 2010 geschrieben haben, aber im Großen und Ganzen repräsentiert der Post auch heute noch ganz gut unsere Meinung zur Ausstellung.



Mailand 2012: Dimensions of Design. 20 Years of Vitra Design Museum Miniatures

Tuesday, April 17th, 2012

Jeder, der irgendwas mit Designermöbeln zu tun hat, wird bestätigen, dass die Branche eine sehr geheimnisvolle alte Welt für sich ist. Sie wird in ihrer Heimlichkeit wahrscheinlich nur noch von den Freimaurern, päpstlichen Konklaven oder dem Ausschuss, der die Benzinpreise festlegt, übertroffen.

Schon allein mit der Aussage, dass man gehört hat, Designer X ziehe eventuell eine zukünftige Zusammenarbeit mit Hersteller Y in Betracht, riskiert man ein langes Verhör durch einen Produktmanager, der einen ausfragt, wer einem eigentlich was erzählt hat. Das Ganze wird sogar noch heimlichtuerischer, wenn es um Produktionsprozesse und technische Belange geht…

Deshalb finden wir es umso toller, dass das Vitra Design Museum letztes Jahr Videokameras in der Fabrik erlaubt hat, in der ihre Miniaturensammlung gefertigt wird. Wie die Area 51 ist nämlich auch das ein Ort, den es offiziell gar nicht gibt – und das trotz des kommerziellen Erfolgs der Produkte, die dort hergestellt werden.

1992 vom Gründungsdirektor des Vitra Design Museums, Alexander von Vegesack, primär als Plattform zur Kapitalbeschaffung für das Museum ins Leben gerufen, wuchs die ursprüngliche Serie von einem halben Dutzend Miniaturen im Laufe der Zeit zu einer stolzen Sammlung von über 100 Modellen von Designklassikern an – alle im Maßstab 1:6. Neben etablierten Vitra-Klassikern wie dem Panton Chair, George Nelsons Coconut Chair oder der nahezu vollständigen Eames-Sammlung umfasst die Sammlung auch viele der bedeutendsten Stücke des Möbeldesigns wie den Barcelona Sessel von Mies van der Rohe, Hans J. Wegners Y-Stuhl oder Alvar Aaltos Paimio 41.

Der 20. Geburtstag der Miniaturensammlung des Vitra Design Museums wird während der Mailänder Möbelwoche 2012 mit einer Sonderausstellung gefeiert. Unter dem Titel Dimensions of Design sind im Hugo Boss Flagship-Store in der Mailänder Innenstadt 100 Miniaturen des Vitra Design Museums und eine wunderbare “Geburtstagstorte” zu sehen. Man kann bei der Ausstellung nicht nur das Können der unsichtbaren Handwerker und Handwerkerinnen, die die Miniaturen kreieren, bewundern, sondern sie dokumentiert die Geschichte des Möbeldesigns auch auf wunderbare Weise und stellt noch dazu einen beruhigenden Ausgleich zum Wahnsinn Mailands dar. Hier sieht man noch Stühle, die wirklich von Bedeutung sind…

Und dann ist da noch die oben erwähnte filmische Dokumentation. Vom Studio Rygalik für das Vitra Design Museum produziert, gewährt der Film einen seltenen, wenn auch etwas kurzen, Einblick in die präzisen Prozesse bei der Fertigung der Miniaturen (man sollte auf keinen Fall den Bau des Marshmallow Sofas verpassen – einfach genial!). Dabei unterstreicht er wunderbar wie viel Sorgfalt, Professionalität und Innovation beim Bau jeder einzelnen Miniatur zum Tragen kommt.

Wie wir von den Direktoren des Vitra Design Museums Mateo Kries und Marc Zehntner gelernt haben, ist jeder Stuhl nicht nur eine perfekte 1:6-Ausgabe des Originals, für das Lizenzgebühren an den Rechtsinhaber gezahlt werden, sondern es werden auch, falls erforderlich, für jedes Modell spezielle Werkzeuge, Formen und Prozesse entwickelt. Darauf gründet auch der weltweite Erfolg der Miniaturensammlung des Vitra Design Museums. Und das ist auf jeden Fall etwas, was nicht geheim gehalten werden sollte…

Dimensions of Design. 20 Years of Vitra Design Museum Miniatures kann noch bis zum 22. April 2012 im Hugo Boss Menswear Store, Corso Matteotti 1, 20121 Mailand  besucht werden.

Vitra Design Museum Miniaturensammlung. Film von Studio Rygalik © Vitra Design Museum.



Vitra Design Museum: Interview mit Marc Zehntner und Mateo Kries

Friday, April 13th, 2012

Das Vitra Design Museum, das ursprünglich nur die private Möbelsammlung von Vitra-Chef Rolf Fehlbaum archivieren und präsentieren sollte, hat sich mittlerweile zu einem der wichtigsten Designzentren Europas entwickelt. Design, Designgeschichte, aber vor allem auch der Zugang zu und die Erklärung von Design machen das Museum so einzigartig.

Ein Großteil des Erfolges des Museums geht auf den Gründungsdirektor Alexander von Vegesack zurück, der die Einrichtung seit der Eröffnung 1989 bis Ende 2010 leitete. Im Januar 2011 haben Marc Zehntner und Mateo Kries gemeinsam das Zepter übernommen, wobei Marc Zehntner für das Museumsmanagement verantwortlich zeichnet, Mateo Kries für das Programm.

Ein Jahr nach ihrer Übernahme haben wir Marc Zehntner und Mateo Kries getroffen um zu fragen, ob und wie die duale Leitung funktioniert. Aber zunächst wollten wir wissen, ob sich die Eröffnung des VitraHauses auf die Besucherzahlen des Design Museums ausgewirkt hat.

Vitra Design Museum Marc Zehntner

Marc Zehntner, Vitra Design Museum Direktor / Management

Marc Zehntner: Wir wussten vorher auch nicht genau, wie es sich entwickeln würde und haben verschiedene Szenarien ausgearbeitet: viel mehr Besucher, gleichbleibendes Niveau, viel weniger Besucher. Im Moment können wir sagen, dass die Entwicklung gleichbleibend bis positiv ist. Es kommt beim Museum nach wie vor stark auf die Inhalte an, also welche Ausstellungen gezeigt werden. Wir stellen fest, dass wir schon verschiedene Zielpublika haben: Es gibt Leute, die bewusst kommen um die Museumsaustellungen im Vitra Design Museum zu besuchen und vielleicht danach noch ins VitraHaus oder im Café einen Kaffee trinken gehen. Und dann gibt es natürlich die Besucher, die sich das VitraHaus anschauen wollen, von denen wir ein paar auch motivieren können die Museumsausstellungen zu besuchen. Aber es ist nicht so, dass alle VitraHaus-Besucher automatisch auch zu uns kommen und im Hinblick auf die Größe des Museums ist das auch gut so.

(smow)blog: War der Hintergedanke bei der “neuen” Vitra Design Museum Gallery eventuell auch, mehr VitraHaus-Besucher mit kleineren, experimentelleren Ausstellungen zu erreichen?

Marc Zehntner: Die Idee war einerseits, mehr Angebote zu haben und den Besuchern neben den großen Hauptausstellungen im Gehry-Bau auch kleinere, schneller wechselnde Ausstellungen zu zeigen. Wir haben ja auch die Umbauphasen zwischen den Ausstellungen, in denen das Hauptgebäude geschlossen ist. D.h. wir haben ab sofort immer eine Ausstellung – jeden Tag bis auf die drei Tage im Jahr, wenn wir geschlossen haben. Das war vorher nicht möglich und ist besonders schön für die internationalen Besucher.

Mateo Kries: Das Museum steht im Moment hervorragend da – auch in Bezug auf die Besucherzahlen. Die Frage war dann eher, wo und wie wir wachsen können. Und das hieß nicht nur mehr Ausstellungen im Gehry-Gebäude. Wir können auch wachsen, indem wir qualitativ mehr anbieten, indem die Führungen zunehmen. Wir wollen regelmäßiger und häufiger auch aktuelle Ausstellungen machen. Im Hauptprogramm im Museumsgebäude haben wir einen Vorlauf von zwei Jahren für die großen Ausstellungen, d.h. wir können dort nicht kurzfristig etwas ins Programm nehmen. In der Gallery haben wir diese Möglichkeit aber. Diese Projekte – wie jetzt Bouroullec oder davor Jerszy Seymour – haben wir Mitte letzten Jahres auf den Weg gebracht. Das geht also relativ schnell und wir können zeigen, dass es neue inhaltliche Perspektiven gibt.

(smow)blog: Wie lange brauchen Sie generell für eine Ausstellung? Wochen, Monate, Jahre?

Marc Zehntner: Eher Monate bis Jahre. Aber es ist natürlich auch abhängig von den Projekten. Wenn wir z.B. die Jerszy-Seymour-Aktion im Januar nehmen: Das ist etwas Neues, was es vorher nicht gab. Das ist etwas ganz anderes als eine Ausstellung mit Objekten primär aus unserer Sammlung, was wiederum anders ist als die Album-Geschichte mit den Bouroullecs, bei der eine bestehende Ausstellung adaptiert wurde und wir mit den Designern zusammengearbeitet haben.

Mateo Kries: Für die Bouroullecs hatten wir eine relativ kurze Vorlaufzeit. Auf der Art Basel werden wir sechs holländische Designer haben, was in Anbetracht der Größe der Galerie ein viel komplizierteres und intensiveres Projekt ist und etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt. Aber wir wollen die Vorbereitungszeit in der Gallery eher kurz halten, weil wir ja gerade erreichen wollen, dass wir schneller reagieren können.

(smow)blog: Neben den Ausstellungen hier haben Sie auch die Wanderausstellungen. Wie wichtig sind die Wanderausstellungen finanziell und unter Marketinggesichtspunkten bzw. als Werbung für das Vitra Design Museum?

Marc Zehntner: Ich denke sie sind für beide Sachen eminent wichtig. Die Wanderausstellungen waren immer Teil des Museumskonzeptes. Der Gründungsdirektor Alexander von Vegesack hat die Idee 1989 entwickelt. Heute machen das zwar viele Museen, aber damals war das eher Ausnahme als Regel. Dass das Vitra Design Museum weltweit bekannt ist, verdanken wir sicher zum Großteil diesen Wanderausstellungen. Auch finanziell spielen die Wanderausstellungen eine wichtige Rolle. Wir können mit einer Ausstellung nie Gewinn machen, aber durch die Wanderausstellungen können wir zumindest einen Teil der Ausgaben wieder einspielen.

(smow)blog: Wie viele Ausstellungen sind momentan “auf Tour”?

Marc Zehntner: Im Moment haben wir zwölf Ausstellungen auf Tour, letztes Jahr hatten wir weltweit 19 Eröffnungen außerhalb von Weil am Rhein.

Vitra Design Museum Mateo Kries

Mateo Kries, Vitra Design Museum Direktor / Programm

(smow)blog: Eine der interessanteren Einnahmequellen für das Museum sind die Miniaturen. Die Kollektion ist in den letzten 20 Jahren stetig gewachsen. Wer entscheidet, welche Modelle neu dazu kommen und welche Kriterien spielen dabei eine Rolle?

Marc Zehntner: Es ist ein ganzes Team daran beteiligt: die Kuratoren, die Leute die die Sammlung betreuen, aber auch die Marketing-Abteilung. Es gibt eine Wunschliste der Stücke die wir gern haben würden oder die sinnvoll sind im Kontext einer geplanten Ausstellung. Wir haben z.B. letztes Jahr einen Anthroposophischen Stuhl im Rahmen der Steiner-Ausstellung herausgebracht. Letzten Endes hängt die endgültige Entscheidung immer an der Frage “Können wir die Miniatur so originalgetreu (wie die Qualitätsansprüche sind) wirklich nachproduzieren in diesem Format 1:6?” Viele unserer Wünsche scheitern daran, dass dies nicht bzw. nicht zu einem realistischen Preis realisierbar ist.

(smow)blog: Stimmt es, dass Sie für die Miniaturen Lizenzgebühren zahlen wie für richtige Stühle?

Marc Zehntner: Ja. Das kann neben Einschränkungen in der Produktion auch ein Grund sein, warum eine Miniatur nicht von uns auf den Markt gebracht wird. Das kommt aber nicht sehr häufig vor, denn normalerweise einigen wir uns mit den Rechteinhabern.

Mateo Kries: Nicht nur die Lizenzgebühren sind analog zur “realen Welt”. Genau wie in der normalen Produktentwicklung müssen wir spezielle Maschinen bauen oder Tools entwickeln um ein Geflecht oder eine Gussform zu kreieren. Das sind die gleichen Prozesse wie bei „großen“ Stühlen.

Marc Zehntner: Und wenn die Produktion wirklich konkreter wird, testen wir auch Prototypen.

(smow)blog: D.h. wie bei einem richtigen Stuhl investieren Sie zum Teil Monate in die Herstellung von Modellen und Prototypen und am Ende kommt nichts dabei heraus?

Mateo Kries: Ja, das passiert durchaus. Wir haben eine ganze Liste von Produkten die nicht funktioniert haben oder unseren Qualitätsansprüchen nicht gerecht wurden.

(smow)blog: Sie leiten seit einem Jahr gemeinsam das Vitra Design Museum. Funktioniert das?

Marc Zehntner: Das klappt sehr gut. Es ist natürlich ein Test, wie das in der Wirklichkeit funktioniert, was über lange Jahre angedacht und geplant wurde. Vorher konnte man nicht hundertprozentig voraussehen, wie es sich entwickelt, aber wir sind beide sehr glücklich mit der Situation. Das Museum finanziert sich zum großen Teil selber – was in der Museumswelt eher ungewöhnlich ist. Wir sind gut aufgestellt, haben ein sehr gutes Team, interessante Projekte und können sehr positiv in die Zukunft schauen.

(smow)blog: Es besteht also keine Gefahr dass die Ideen ausgehen?

Mateo Kries: Das Problem ist eher, dass wir zu viele davon haben! Für die nächsten drei oder vier Jahre stehen so viele Projekte an, dass unser größtes Problem sein wird, alles zu realisieren, was wir wollen. Es ist natürlich fantastisch in so einer Position zu sein. Und obwohl wir das Museum schon in einem guten Zustand übernommen haben, haben wir es dennoch geschafft, einiges auf den Weg zu bringen und positive neue Impulse gesetzt. Im Frühling wird es eine neue Webseite geben mit den ersten Einblicken in die Sammlung. Außerdem veranstalten wir nun fast im Wochentakt Diskussionen oder ähnliche Events und stellen fest, dass das Publikum sehr positiv auf die neuen volleren und lebendigeren Programme reagiert. Das sind natürlich kleine Schritte, aber in der Summe werden sie das Museum grundlegend verändern und weiterentwickeln. Zu einem noch lebendigeren Ort, der die wichtigen Themen und Fragen des Designs nicht nur ausstellt, sondern auch zur Debatte stellt und sie in Erlebnisse für den Besucher verwandelt.

Marc Zehntner: Letzten Endes ist es in jedem Museum so, in dem die eigene Sammlung tatsächlich genutzt wird: Es gibt genug Geschichten, aus denen wir nur die auswählen müssen, die wir erzählen wollen. Und das macht die Arbeit so besonders.

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Vitra Design Museum und VitraHaus, Weil am Rhein.



Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec “Album”

Monday, February 13th, 2012

Wir sind mitten in der Nacht aufgestanden und durch den dieser Tage so harten europäischen Winter gestapft, nur um pünktlich bei der Eröffnung von Album in Weil am Rhein zu sein. Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, dass wir uns gefreut haben, als wir gehört haben, dass auch Erwan Bouroullec bis auf die Knochen durchgefroren war, als er bei diesen frostigen Temperaturen auf den 6:15-Zug nach Basel gewartet hat. Nicht etwa, weil wir grausam, herzlos oder schadenfroh wären – zumindest nicht in diesem Fall -, sondern weil uns das zeigt, wie “normal” die Designwelt und die Designer eigentlich sind. Das hat so etwas beruhigendes. Und die Aktion gewährt uns einen kleinen, aber persönlichen Einblick in den – wenn auch zuweilen banalen – Alltag eines Designers.

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Ronan & Erwan Bouroullec im Gespräch mit dem Direktor des Vitra Design Museums Mateo Kries

Mit mehr als 300 Entwürfen, Modellen, Fotos und Produkten, die beim Designprozess entstanden sind, ist Album weder eine Retrospektive der Arbeit der Bouroullec-Brüder noch ihre Verortung in der Designgeschichte Europas. Es wird viel mehr gezeigt, wo Design herkommt und welche Prozesse hinter einem Produktdesign stecken – und das nicht nur aus der kühlen, nüchtern-geschäftlichen “Gare de Lyon, 6 Uhr” Perspektive, aus der die Arbeit der Bouroullecs für gewöhnlich bewertet wird, sondern aus einer emotionalen, ungewissen und allzu menschlichen “viel zu früh aufgestanden, Familie verlassen, wieso haben wir keinen Pelzmantel??!!” Perspektive, die wir bisher noch nicht kannten. Eben ein kleiner persönlicher Einblick in den zuweilen banalen Alltag eines Designers.

Album zeigt neben Bildern und Verweisen auf viele ihrer berühmten Arbeiten auch naive, abstrakte Formen, Projekte, die nie über das Skizzenbuch hinaus gekommen sind, und kindliche Zeichnungen, die den Eindruck erzeugen, eine Stuhl wäre nicht mehr als vier Beine, mit Sitz und Lehne darauf. Außerdem sind da noch einige putzige, aber nachdenklich wirkende Fantasiegestalten, die darauf hindeuten, dass die Brüder, wenn sie mal keine Designverträge mehr bekommen sollten, eine strahlende Zukunft als Kinderbuchillustratoren erwartet.

Wenn die Ausstellung auch unmissverständlich das Werk von Ronan & Erwan Bouroullec zum Thema hat, ist Album genauso ein Beleg für die im Wesentlichen analoge Natur des Designprozesses. Computer und digitale Technik können zwar hilfreich sein, Dinge beschleunigen und die industrielle Seite des Designs fördern, doch wenn man das, was man möchte, nicht visualisieren und mit einigen wenigen Strichen ausdrücken kann, stehen die Chancen, je ein Projekt durchzuführen, ziemlich schlecht.

In den vergangenen Wochen haben wir uns ziemlich viel mit “Möbelarchitekten” beschäftigt. Man könnte behaupten, dass Architekten besonders für das Möbeldesign geschaffen sind, da sie sich besonders gut mit Statik und Maßen auskennen und Dinge zum Funktionieren bringen können. Der Background der Bourroullec-Brüder ist dagegen klassische Kunst. Durch Album erkennt man, dass sie ihre mangelnde technische Ausbildung durch die emotionale Verbindung zu ihrer Arbeit und ihr Verständnis für visuelle Kompositionen mehr als wettmachen können.

Das bringt uns wiederum zurück zu Patricia Urquiola, die ebenfalls der Ansicht ist, dass Architekten nicht zwangsweise die besten Möbel herstellen…

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Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

Da wir die Arbeit der Bourroullecs erst kürzlich in 700 und 1000 m² großen Räumen gesehen haben, wirken die paar Quadratmeter, die sie in der Vitra Design Museum Gallery zur Verfügung haben, in etwa so, als würde U2 in eurer Küche spielen. Doch was an Platz fehlt, wird durch Intensität mehr als wettgemacht. Man kann den Arbeiten einfach nicht entfliehen. Man entkommt weder den Verbindungen noch der Zufälligkeit der Anordnung. Man wird förmlich hineingezogen…

Für Album selbst lohnt sich ein Trip nach Weil am Rhein nicht wirklich, doch sind auch weder die Ausstellung noch die Vitra Design Museum Gallery an sich als große Publikumsmagnete geplant gewesen – vielmehr sollen sie als Erweiterung und Vertiefung des bestehenden Vitra Campus dienen. Als zusätzliche Attraktion beim Besuch des VitraHauses und/oder Design Museums lohnt sich ein Abstecher zu Album aber auf jeden Fall.

Ronan & Erwan Bouroullec Album kann noch bis zum 6. Juni in der Vitra Design Museum Gallery besucht werden.

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Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

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Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

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Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"