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Der Vitra-Zaun

Thursday, March 31st, 2011
The wonderful view from the Buckminster Fuller Dome at Vitra Campus: A fence

Der herrliche Blick vom Buckminster Fuller Dome auf dem Vitra Gelände: Ein Zaun

Letzten Freitag verbrachten wir einen äußerst vergnüglichen und gleichermaßen erfolgreichen Tag bei und mit Vitra.

Lediglich ein bisschen irritiert waren wir von zwei Grenzziehungen, die unseren Weg kreuzten – beschränkten vielmehr.

Fast wie eine Analogie für die anthropogene Absurdität nationale Grenzen zu ziehen, liegt der Flughafen in Basel sowohl in Frankreich als auch in der Schweiz.

Und hat zwei Ausgänge: Einen, der in die Schweiz führt und einen anderen, der nach Frankreich führt.

Wir entschieden uns für den schweizer Weg. Unser Fahrer stand in Frankreich. Zwischen uns und dem Terminal lag eine Glaswand.

Was sollen wir machen? Wie kommen wir hier wieder raus? Panik.

Die Lösung ist: Man geht die Treppe hoch zur Abflughalle. Dort kann man sich frei zwischen Frankreich und der Schweiz bewegen. Und man merkt: Die Glaswand ist weniger eine Grenze zwischen zwei Ländern als eine clevere Form der Kulturkritik.

Trotz der Menge an Vitra chairs im Basler Flughafen, schien Vitra nicht für die Glaswand verantwortlich zu sein.

Die zweite Grenzziehung hingegen, die uns auf die Palme brachte, lag durchaus in der Verantwortung Vitras.

Das VitraHaus und Vitra Design Museum stehen unmittelbar vor dem Vitra Produktionswerk in Weil am Rhein.

Es handelt sich also um ein Produktionswerk, das vernünftigerweise durch einen Zaun vom Rest der Welt abgetrennt ist.

Das wäre nicht schlimm, wäre da nicht ein Problem. HInter dem Zaun sind die Buckminster Fuller Dome und die Jean Prouvé’s Tankstelle.

Uns war die Existenz des Zaunes immer bewusst. Und wir waren durchaus irritiert davon, dass es durch die Existenz des Zaunes quasi unmöglich ist, ein brauchbares Foto des Domes zu machen oder die Tankstelle richtig zu sehen.

Aber wir haben es nie hinterfragt.

Bis zum letzten Freitag als wir auf der Werksseite des Zaunes standen. Plötzlich realisierten wir, dass es keinen nachvollziehbaren Grund für die Position des Zaunes gibt. Er könnte genauso gut parallel zur Straße zwischen dem Werk und dem Dome und der Tankstelle liegen.

Das würde weder die Sicherheit der Besucher – die offensichtlich fern von den Produktionsprozessen gehalten werden müssen – gefährden noch würde es zusätzliche Risiken bergen.

Dafür würde es für die Besucher von VitraHaus und Vitra Design Museum zwei weitere interessante und wichtige Gebäude zugänglich machen. Und man könnte eine Menge mehr guter Fotos machen.

Wir hätten nie gedacht, einmal in die Fußstapfen Ronald Reagans zu treten, aber: “Herr Fehlbaum, reißen Sie diese Mauer nieder! Oder versetzen Sie sie wenigstens um ein Stück! Bitte.”

Die Grenzzäune am Basler Flughafen mögen ein Denkmal nobler Diplmomatie Logik zu sein – die auf dem Vitra Gelände können versetzt werden.

Nur mal so als Anregung……

The Vitra Campus Wall. Those in West Vitra Campus enjoy modern homes, this in the east tents. Possibly.

Die Vitra Mauer. Modernes Wohnen im Westen, Zelte in Osten. Womöglich.



VitraHaus von Herzog & de Meuron

Saturday, February 20th, 2010

Ca. 285 Journalisten waren am 12. Februar 2010 anwesend, als das neue VitraHaus von Herzog & de Meuron in Weil am Rhein der Presse vorgestellt wurde.

285 Journalisten, die dann die Auflage hatten, bis zum 20. Februar 2010 kein Wort darüber zu verlieren, was sie erlebt hatten…

Vitrahaus by Herzog and de Meuron

VitraHaus von Herzog und de Meuron

Um eins vorweg klarzustellen:
Das VitraHaus ist großartig.

Wir haben uns der Konstruktion von Herzog & de Meuron zu Fuß von der Mühlheimerstrasse genähert und der erste Anblick über den Parkplatz war genauso wunderbar wie wir ihn uns vorgestellt hatten.

Genau wie 10jährige auf Klassenfahrt haben wir das VitraHaus die ersten zwei Stunden nur von außen fotografiert. Teils aus Angst, es würde wieder verschwinden, teils um zu verhindern, dass wir zurück im Büro sind und merken, dass wir dieses eine Foto wirklich hätten machen sollen.

Wenn man um das VitraHaus herumläuft, versteht man allerdings auch, woher die Bedenken kommen.

Vitrahaus next to Richard Buckminster Fuller's Dome

VitraHaus neben Richard Buckminster Fullers Kuppel

Das Gebäude steht nicht nur am äußersten Rand des Vitra Campus sondern auch am äußersten Rand von Weil am Rhein. Man wird also genau dort, wo die Stadt in die sanfte Hügellandschaft übergeht, mit diesem riesigen, chaotischen, grüblerischen, dunklen Gebilde konfrontiert.

Herzog und de Meuron behaupten zwar “der Anthrazitton der äußeren Putzhaut vereinheitlicht das Gebilde, „erdet“ es und verbindet es mit der umgebenden Landschaft”. Für uns ist das Architektensprache. Das Gebäude ist gewaltig; und wir können uns gut vorstellen, dass es eine Weile dauern wird bis die Autofahrer und Weiler Hundespaziergänger sich daran gewöhnen.

Das soll aber nicht die architektonische Pracht der Konstruktion schmälern.
Wie wir schon sagten: Großartig.

Als wir keine weiteren Winkel mehr fanden um das VitraHaus von außen zu fotografieren… sind wir reingegangen.

Und fanden es gut. Aber nicht so gut wie von außen.

Drinnen sieht es aus wie ein Vitra showroom.

Ist ja auch einer.

Wie hatten nur nicht erwartet, dass es so sehr wie ein Vitra showroom aussieht.

Je mehr Zeit wir im VitraHaus verbrachten, umso weniger fühlte es sich wie ein Vitra showroom an. Aber es sah immernoch wie einer aus.

VitraHaus. View from fourth floor over

VitraHaus: Blick vom 4. Stock über den Tüllinger Hügel

Wir sind ja nicht die hellsten Kerzen im Leuchter… und haben das VitraHaus auch in der falschen Richtung angeschaut: Von unten nach oben.
Erst später im Zug nach Aschau im Chiemgau und zu Moormann haben wir gemerkt, dass man eigentlich hätte oben anfangen und die Etagen hinunterlaufen sollen.

Wenn wir oben losgegangen wären, wäre unser erster Eindruck ein grandioser Ausblick auf die unmittelbare Nachbarschaft gewesen: auf die Weinhänge und Obstplantagen, über den Tüllinger Hügel bis hin zum Schwarzwald.

Und auf einen Spin Table Leuchter von Tom Dixon – der nicht von Vitra hergestellt wird.

Wir waren überhaupt sehr beeindruckt von den vielen ausgestellten Stücken, die nicht von Vitra produziert werden, und bewundern Vitra für diesen mutigen Schritt. Aber wer sich ein wenig mit den “Karrieren” von Rolf Fehlbaum und Vitra beschäftigt – wenn nicht sogar persönlich verfolgt – hat, weiß auch, dass für sie die Qualität der Arbeit immer immer wichtiger ist als ein möglicher finanzieller Gewinn. Neben der Tom Dixon Leuchte haben wir u.a. “non-Vitra” Arbeiten von Konstantin Grcic und Ronan und Erwan Bouroullec entdeckt.

Vitrahaus: A serie sof different styles in one building

VitraHaus: Eine Reihe verschiedener Stile in einem Gebäude

Jeder “Raum” des VitraHauses ist einem anderen Inneinrichtungsstil gewidmet. Die Anordnung der Räume wird hoffentlich mit den Jahreszeiten wechseln, um das Licht und die Kulisse jeder Location optimal zu nutzen.

Denn wenn man sich durch das VitraHaus bewegt – in der richtigen Richtung nach unten – eröffnen sich einem ständig wechselnde Ausblicke auf die Umgebung. Eigentlich der gleiche Ausblick, aber aus verschiedenen Perspektiven. Wir sind nicht unbedingt einer Meinung mit Rolf Fehlbaum, wenn er sagt, dass er dank des VitraHauses wunderbare neue Perspektiven auf die Umgebung und Weil am Rhein gewonnen hat.

Aber nur, weil wir Weil am Rhein noch nicht so oft wie der Chairman von Vitra gesehen haben.

Wenn man durch das VitraHaus geht, verschmelzen die Grenzen zwischen innen und außen tatsächlich ineinander und die Umgebung wird Teil des Gebäudes.

Es ist ein alter architektonischer Trick. Aber ein guter. Und einer, der das VitraHaus wirklich zu einem wunderbaren Erlebnis macht.

Vitrahaus. Vitrine, the only part of the VitraHaus that is a "museum"

Vitrahaus. Vitrine, der einzige Teil des VitraHaus, der ein "Museum" ist

Wenn man weiter durch das VitraHaus geht – in der richtigen Richtung nach unten – wird man explizit ermutigt, alle ausgestellten Produkte zu testen. Das VitraHaus bietet zwar eine Reise durch das Nachkriegs-Möbeldesign, ist aber kein stickiges Möbelmuseum. Besucher können in den Stühlen sitzen, sich auf Tische abstützen und mit Eames Elephanten raufen. Man kann naürlich auch die Handwerkskunst qualitativ beurteilen oder die Artikel haptisch erfassen.

Das hat uns gut gefallen.

Was uns nicht so gut gefallen hat, war die Tatsache, dass die Pressekonferenz im von Hella Jongerius designten Vitra Farbprojekt stattfand.

Vitrahaus: Prototype for Hella Jongerius Vitra Colour Laboratory

VitraHaus: Prototyp für Hella Jongerius' Vitra Farbprojekt

Wenn man vom Umfang der Berichterstattung urteilt, die Frau Jongerius erfahren hat, haben Vitras Medienmaulwürfe ganze Arbeit geleistet um das Vitra Farbprojekt in der internationalen Presse unterzubringen. Aber mit über 250 Journalisten und Fotografen im VitraHaus konnte keiner das Vitra Farbprojekt sehen oder erfahren. Und in der Pressemappe gab es auch keine Informationen dazu.

Rolf Fehlbaum erwähnte zwar das Vitra Farbprojekt und seine damit verbundene Hoffnung, dass es zu einem mutigeren Umgang mit Farbe animiert (vielleicht nicht ganz so mutig wie Verner Panton bei der Einrichtung einer früheren Wohnung von  Herrn Fehlbaum) aber zu diesem Zeitpunkt war das Farbprojekt beiseite gestellt und wir saßen alle auf Elephant Stools ohne zu wissen, was uns erwartet.

Das war wirklich eine Schande.

Aber sonst gab es keinen wirklichen Grund zur Beschwerde.

Vitrahaus: A secret world of space, light and designer furniture

VitraHaus: Eine geheime Welt von Raum, Licht und Designermöbeln

Für den Architekten Jacques Herzog ist die Erfahrung des “Nutzers” wichtiger ist als die Beschreibung des Architekten, wie das Gebäude funktioniert und was es darstellen soll.

Genau unsere Meinung.

Das VitraHaus ist nicht für jeden.

Viele werden es einfach langweilig und sinnlos finden.
Wir nicht.

Es ist auch nicht allein die Reise nach Weil am Rhein wert, nur um das VitraHaus zu sehen.

Aber als Erweiterung des Vitra Campus und als weiterer Grund, Zeit in und um Weil am Rhein zu verbringen, ist das VitraHaus fantastisch.

Und wir persönlich können es kaum erwarten, dass das neue Produktionsgebäude von SANAA fertiggestellt wird.

Vitrahaus and Vitra Design Museum

Vitrahaus und Vitra Design Museum

Vor ca. 50 Jahren kaufte Rolf Fehlbaums Mutter und Vitra-Mitgründerin Erika Fehlbaum das Land, auf dem der Vitra Campus jetzt steht. Sie hat so letztendlich die Bedingungen und den Platz geschaffen, die es Vitra ermöglicht haben, zu expandieren und ihre Hommage an modernes Design zu schaffen.

Es ist daher nur passend, dass das neue VitraHaus Erika Fehlbaum gewidmet ist.

Das VitraHaus öffnet am 22. Februar 2010 und ist Montag-Freitag 10-18 Uhr geöffnet.



(smow)Wintertour 2010: Weil am Rhein

Friday, February 19th, 2010
Weil am Rhein Rathaus

Weil am Rhein Rathaus

Als wir noch jung, fit und gesund waren, existierten Städte.

Sie existierten einfach nur.

Heutzutage muss eine Stadt, um zu existieren, die “Stadt des/der” XY sein. So steht, wenn man die Autobahn in Deutschland entlang fährt, alle zehn Meter ein braunes Schild am Straßenrand, das den nächsten Ballungsraum als “Chemnitz – Die Stadt der Moderne”, “Stadt Hameln – Die Rattenfängerstadt im Weserbergland” oder “Pier am Chiemsee – Die Stadt der kriminell faulen Taxifahrer” anpreist.

Da Weil am Rhein in diesem Zeitalter des Behauptens kein Außenseiter sein will, hat sich die Stadt dazu entschieden “Weil am Rhein – Die Stadt der Stühle” zu sein.

Und was wäre auch passender für eine Stadt, die auf ihrer Homepage ein Bild des Vitra Design Museums zur Illustration der Kategorie “Wirtschaft und Tourismus” benutzt und die pro Jahr 100,000 Touristen auf dem Vitra Campus in der Charles-Eames-Straße verzeichnet.

Außerdem ist der aktuelle Titel um einiges eingängiger als “Weil am Rhein – Die Stadt des großen Güterbahnhofs”.

Es gibt nur zwei Dinge, die uns stören.

Unbedeutende, kleine Dinge, aber Sie kennen uns…

Apple Honey by Shiro Kuramata in Weil am Rhein

Apple Honey von Shiro Kuramata in Weil am Rhein

Vor dem modernistisch inspirierten “Rheincenter” steht die große Statue eines Stuhls.

Ein Stuhl, der weder jetzt noch irgendwann einmal von Vitra produziert wurde oder wird. Eher vom holländischen Hersteller USM Pastoe. (Den man offensichtlich nicht mit dem Schweizer Hersteller USM Haller verwechseln sollte)

Apple Honey von Shiro Kuramata ist ein wundervoller Stuhl.

Shiro Kuramata partizipierte an den ersten Vitra Editionen, neben Designern wie Frank Gehry und Ron Arad.

Vitra stellte sogar Shiro Kuramatas ebenso wundervollen “How High The Moon” Stuhl her.

Aber nicht Apple Honey.

Noch verwirrender ist das Bild, das auf die Seite eines der vier Hochhäuser gemalt ist, die über dem Vitra Campus und dem VitraHaus aufragen. Direkt neben dem “Die Stadt der Stühle” prangt ein Bild von einem Stuhl.

Ein seltsamer, dreibeiniger Stuhl.

Weil am Rhein City of chairs ... but which chairs

Weil am Rhein- die Stadt der Stühle ... aber welcher Stühle?

Unsere erste Vermutung war, dass es sich um den DCM von Charles und Ray Eames handelt. Das schien gut zu passen, wenn man die engen Beziehungen zwischen den Eames, Vitra und Weil am Rhein bedenkt.

Allerdings ist der DCM ein vierbeiniger Stuhl.

Und so sehr wir uns auch bemühen, fällt uns kein einziger dreibeiniger Stuhl ein, der von Vitra produziert wird.

Unsere nächste Vermutung war, dass es sich um einen “Ant Chair” von Arne Jacobsen handelt… auch ein exzellenter Repräsentant des Stuhl Designs des 20ten Jahrhunderts. Aber bei einem Ant Chair sind der Sitz und die Lehne aus einem einzigen Stück Holz geformt. Und das einzelne Bein ist vorne.

Dann dachten wir wirklich, wir hätten es: SE 69 von Egon Eiermann. Aber nein, der SE 69 hat ebenfalls ein einzelnes Bein vorne.

Egon Eiermanns SE 42 hat ein einzelnes Bein hinten, ist aber aus Holz.

Je länger wir mitten auf der Römerstraße standen, den Verkehr aufhielten und die guten Bürger von Weil am Rhein verwirrten, desto mehr mussten wir darum ringen, uns einen dreibeinigen Stuhl mit einem hinteren Stahlrohr-Lehnen-Stuhlbein überhaupt vorzustellen.

Prinzipiell, wegen der Instabilität eines solchen Gebildes.

Erst als wir zurück in Leipzig waren, konnten wir den Stuhl dank des MoMA New York Archivs finden.

Charles Eames Three legged side chair from 1944 (photo via http://www.moma.org/)

Charles Eames Three legged side chair, 1944 (Foto via http://www.moma.org/)

Dreibeiniger Side Chair von Charles Eames für Evans Products Co, 1944.

Ein Stuhl, der eventuell von Herman Miller übernommen wurde, als sie 1946 die Eames-Rechte von Evans kauften. Somit ist der Stuhl eventuell ein Teil jener Charles und Ray Eames Produkte, deren Produktionsrechte Vitra in Europa besitzt.

Womit wir im Endeffekt lang und breit erklärt haben, dass Weil am Rhein den “Stadt der Stühle”-Status offensichtlich mit zwei Stühlen zelebriert, die nichts mit dem Status der Stadt als einem der wichtigsten Zentren für zeitgenössische europäische Designermöbel-Produktion zu tun haben.

Besucher des neuen VitraHauses können dieses Paradoxon vom Fenster des vierten Stocks aus betrachten.

Oder einfach den wundervollen Blick auf das Vitra Design Museum und die Orchideenwiese genießen.