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Mailand 2013: Workbay Office von Ronan und Erwan Bouroullec für Vitra

Tuesday, April 23rd, 2013

Auf der Orgatec 2012 präsentierte Vitra im Oktober Workbay, das neue Konzept von Ronan und Erwan Bouroullec.

Workbay ist die neueste Entwicklung der Brüder in ihrer fortwährenden Suche nach einem “Raum im Raum”: ein flexibles System, das – basierend auf Fleecewänden und Aluminiumträgern – einer Kreuzung aus Alcove Sofa und den Bouroullecschen Communal Cells von der Orgatec 2010 ähnelt.

Als wir Workbay in Köln gesehen haben, dachten wir, nette Idee, nette Erweiterung des Bouroullecschen Programms… und sind weiter gegangen um uns auf den Cork Desk zu konzentrieren.

In Mailand präsentierten Vitra und die Bouroullecs Workbay nun in seiner vollen Größe.

In einer Installation, die extra für die Salone Ufficio Abteilung der Möbelmesse in Mailand entworfen wurde, zeigten Ronan und Erwan Bouroullec das Workbay Office: Man sieht, wie Workbay in ein Büro integriert werden kann und so separate Flächen schafft, die mit einigen ziemlich simplen Extras erweitert werden können.

Sofas. Regale. Schreibtische. Aufbewahrungseinheiten. Waschbecken.

Und weil das Workbaysystem praktisch in jeder Länge, Umfang,  Durchmesser oder Form konstruiert werden kann, kann es in ein Büro jeder Größe integriert werden. Und es kann, wie es die Situation eben gerade erfordert, an die Umgebung angepasst werden.

Als solches bietet Workbay für uns nicht nur einen völlig neuen Zugang zum Büromöbel, sondern als System bietet es Architekten und Innenausstattern auch eine ganz neue Freiheit beim Einrichten von Büroräumen.

Und wir dachten, Workbay wäre nur eine flexible Fleece und Aluminium Wand…



Mailand 2013: Mattiazzi

Tuesday, April 16th, 2013

Eines der Highlights der Saloni Milano 2013 war der italienische Hersteller Mattiazzi. Und zwar nicht nur, weil sie aus Jasper Morrison den Stuhl Fionda herausgekitzelt haben, der – unserer Meinung nach – einer seiner besseren und auf jeden Fall interessantesten der letzten Jahre ist.

Milan Design Week 2013 Mattiazzi

Möbelmesse Mailand 2013: Mattiazzi

1978 gegründet, ist Mattiazzi, wenn wir das richtig verstanden haben, im Wesentlichen ein Netzwerk für holzverarbeitende Dienstleistungen in Udine. 30 Jahre lang war das Unternehmen als Lieferant von Holz für andere Möbelhersteller tätig, bis es sich 2008 entschied, in seine eigene Marke zu investieren. Die Investition war offensichtlich sehr groß, oder besser gesagt, sehr sehr groß. Aber es hat sich gelohnt.

Mattiazzi erreichte 2011 mit der Osso Kollektion von Ronan und Erwan Bouroullec erstmals ein internationales Publikum. Das positive Echo auf Osso ist nicht nur der Verbindung mit der Marke Bouroullec zu verdanken, sondern ist ganz einfach auch Ergebnis eines ziemlich guten Stücks Arbeit. Als Projekt erlaubte Osso Ronan und Erwan Bouroullec eine neue Dimension ihrer Arbeit zu entwickeln – eine Herausforderung, die sie angingen und die im Ergebnis ein beeindruckendes Maß an technischer Raffinesse und ästhetischer Klarheit demonstriert.

Seit der Lancierung von Osso 2011 wuchs das Portfolio von Mattiazzi stetig und in Mailand präsentierte das Unternehmen die jüngsten Ergebnisse von Zusammenarbeiten mit Sam Hecht, Konstantin Grcic und Jasper Morrison mit dem bereits erwähnten Fionda.

Letztlich ein Holzrahmen mit einer austauschbaren Schlinge aus Stoff, ist es ziemlich schwer Fionda als Stuhl zu bezeichnen, zumindest als Stuhl im klassischen Sinne. Augenscheinlich von einem Camping-Klappstuhl beeinflusst, den Morrison in Japan kaufte, macht Fionda nichts großartig anderes als “richtige” Campingstühle oder Designklassiker wie der tausendfach kopierte Butterfly/Hardoy Chair. Fionda präsentiert das Konzept jedoch mit einer selten gesehenen Leichtigkeit und gefestigter Ruhe. Und, wie wir finden, mit einer Lebendigkeit, die wir in vielen von Morrisons letzten Arbeiten vermisst haben. Daneben können die Rahmen, wenn man die Segeltuch-Schlinge abnimmt, gestapelt werden, was Fionda zum unkomplizierten Outdoor-Sitz für Cafés, Eisdielen usw. macht.

Milan Design Week 2013 Mattiazzi Fionda Jasper Morrison

Möbelmesse Mailand 2013: Fionda von Jasper Morrison für Mattiazzi

Gleichermaßen beeindruckend finden wir Medici von Konstantin Grcic. Ursprünglich 2012 in Mailand präsentiert, ist Medici ein Lounge Chair, der alles von Konstantin Grcics Vorstellungen von einer reduzierten, unaufdringlichen Formensprache aufnimmt, beim Schopfe packt und aus dem Fenster wirft.

Ja, Medici ist eine sehr simple Holzkonstruktion, eine sehr simple Holzkonstruktion, die in vielerlei Hinsicht an den Rot-Blau-Stuhl von Gerrit Rietveld erinnert. Aber es ist kein Objekt, dem man Samstagnacht in einer dunklen Gasse begegnen möchte.

Genau wie Waver für Vitra, ist Medici nichts, was wir von Grcic kennen. Und während die Motivation beim Waver größtenteils darin bestand, die Vitra Outdoor Kollektion mit einer Formensprache weit weg von den Eames dominierten Interiordesigns zu definieren, fand Grcic bei Mattiazzi ein unbeschriebenes Blatt vor. Was bedeutet, dass das Design tiefer herrührt. Und tatsächlich spürt man, wenn man seine Kommentare zu Medici liest, eine tiefe persönliche Freude, die er bei der Entwicklung des Projekts hatte.

Milan Design Week 2013 Mattiazzi Medici Konstantin Grcic

Möbelmesse Mailand 2013 Medici von Konstantin Grcic für Mattiazzi

Was uns schließlich an Mattiazzi so gut gefällt, ist die unangestrengte Einfachheit ihrer Möbel.

Man kann sich zurzeit nicht durch den europäischen Möbelmarkt bewegen, ohne auf einen Hersteller mit einem neuen Holzstuhl zu stoßen. Viele davon sehr ähnlich. Sehr typisch. Sehr langweilig. Und sehr “skandinavisch”. Diese Entwicklungen in der Möbelindustrie spiegeln die der Fernsehkrimis sehr schön wieder, wo es auch nur noch selten ohne mürrischen skandinavischen Ermittler in einem skurrilen Wollpulli geht. Und tatsächlich hat ein junger Designer, mit dem wir in Mailand gesprochen haben, sogar ziemlich offen zugegeben, dass seine aktuellen Arbeiten größtenteils auf eben diesen Markt ausgerichtet sind. Und man kann es ihnen nicht mal vorwerfen.

Was für uns jedoch Mattiazzi davon abhebt, ist, dass sie sich offensichtlich nicht nur um die optische Erscheinung, sondern auch um die Funktion, den Ursprung, das Handwerk und die Ausstrahlung der Stücke kümmern. Ältere Leser werden so etwas mit dem Konzept des “Charakters” assoziieren, einem anarchischen Begriff, der so überholt ist, dass der Duden überlegt, ihn aus der nächsten Auflage rauszunehmen. Mattiazzi haben offenbar noch eine alte Auflage zuhause.

Es wird interessant zu beobachten sein, wie sich Mattiazzi in den nächsten Jahren entwickelt. Ob sich die Investitionen gelohnt haben. So toll und interessant die aktuelle Kollektion auch ist, garantiert sie nicht unbedingt eine langfristige finanzielle Absicherung. Dass sie sich Herman Miller als ihren nordamerikanischen Vertriebspartner gesichert haben, ist schonmal nicht schlecht. Ähnlich wie Aram in Großbritannien. Aber auch das ist keine Garantie für nachhaltigen Erfolg. Der kommt von einem Produktportfolio, das über verschiedene Märkte hinweg erfolgreich ist und neue Käufer erreichen kann. Und das braucht vor allem Zeit.

Wir halten auf jeden Fall ein Auge darauf und werden euch auf dem Laufenden halten.

Milan Design Week 2013 Mattiazzi Collection

Möbelmesse Mailand 2013: Die Mattiazzi Kollektion

Milan Design Week 2013 The Mattiazzi Collection

Möbelmesse Mailand 2013: Die Mattiazzi Kollektion



Furniture for the Senses – Finn Juhl 100

Thursday, February 23rd, 2012
Furniture for the Senses Finn Juhl 100 Portrait

Finn Juhl

Aufmerksame Leser wissen längst von der Ausstellung Album in der Vitra Design Museum Gallery über die Rolle von Zeichnungen und Skizzen in den Arbeiten der Brüder Bouroullec. Wer es nun aber in den nächsten Monaten nicht einrichten werden kann nach Weil am Rhein zu fahren, sich aber im Laufe des Jahres einmal in Kopenhagen aufhalten wird, hat die Möglichkeit eine thematisch ganz ähnliche Ausstellung zu besuchen. Im Designmuseum Danmark wird anhand der Arbeiten von Finn Juhl die Rolle von Kunst im Designprozess beleuchtet.

Finn Juhl ist – wenn auch weniger bekannt als manch anderer Däne – einer der bedeutendsten dänischen Möbelarchitekten des mittleren 20. Jahrhunderts und hätte 2012 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Mit einer eigens für diesen Anlass kuratierten Ausstellung ehrt das Designmuseum Danmark seine Person sowie sein Werk.

Neben Möbeln, die die Besucher ausdrücklich anfassen und erforschen sollen (auf denen man also auch sitzen darf!), zeigt das Museum eine Sammlung restaurierter Aquarelle Juhns.

Obwohl er wie eigentlich alle großen Möbeldesigner des mittleren 20. Jahrhunderts eine Architektenausbildung als Hintergrund hat, hatte Juhn als junger Mann viel mehr eine akademische Karriere als Kunsthistoriker im Sinn. Seine Ambitionen in Richtung Kunst drücken sich deutlich in Form einer künstlerisch anmutenden Basis in seinen Aquarellen und Skizzen aus, die letztlich sein Verständnis für Design, Form und Ästhetik definiert. Was uns wieder zu Ronan & Erwan Bouroullec bringt…

Auch auf die Gefahr hin, Designkritiker in ganz Europa gegen uns aufzubringen, sind wir der Meinung, dass in Finn Juhls natürlicher, organisch fließender Formensprache und der nahtlosen Verknüpfung von Beständigkeit und  Kunstfertigkeit klare Parallelen – wenn auch nur partiell – zum Bourroullec’schen Werk zu erkennen sind. Wir denken hier insbesondere an Arbeiten wie den Slow Chair für Vitra, Steelwood für Magis oder Facett für Ligne Roset.

Wir haben die Ausstellung in Kopenhagen leider nicht besuchen können und können daher auch nicht viel darüber sagen. Doch wir sind große Fans von Finn Juhls Arbeit und sind daher generell der Ansicht, dass jede Ausstellung, die ihm gewidmet ist, einen Besuch wert ist.

Die Ausstellung Furniture for the Senses – Finn Juhl 100 läuft noch bis zum 31. Dezember 2012 im Designmuseum Danmark.

Zusätzlich zur Ausstellung veranstaltet das Museum verschiedene andere Events zur Feier des Jahrestages; viele davon in Zusammenarbeit mit dem Museum Ordrupgaard, an dessen Grundstück das einstige Wohnhaus von Finn Juhl angrenzt.

Mehr Infos gibt’s unter: http://designmuseum.dk

 

Furniture for the Senses Finn Juhl 100 Model 45

Furniture for the Senses - Finn Juhl 100. Ein Aquarell des Model 45 Armchairs (Foto: Pernille Klemp)

Furniture for the Senses Finn Juhl 100 Watercolour

Furniture for the Senses - Finn Juhl 100. Ein Aquarell von Finn Juhls Möbeln in einem Innendesignprojekt (Foto: Pernille Klemp)

 



Album @ Vitra Design Museum Gallery: Interview mit Ronan Bouroullec

Tuesday, February 21st, 2012
Vitra Design Museum Ronan Bouroullec

Ronan Bouroullec

Ronan & Erwan Bouroullec sind fraglos zwei der bedeutendsten Designer ihrer Generation und werden daher auch zurzeit gleich mit zwei Ausstellungen geehrt: Im Centre Pompidou Metz läuft derzeit die Retrospektive Biwak und in der Vitra Design Museum Gallery in Weil am Rhein Album, eine Ausstellung der Zeichnungen und Skizzen, die vorher in Bordeaux zu sehen waren.

Bei der Eröffnung von Album in der Vitra Design Museum Gallery sprachen wir mit Ronan Bouroullec übers Zeichnen, Älterwerden und – mal wieder – darüber, wieso er weniger Aufträge annehmen möchte…

(smow)blog: Liegt der Ursprung all Ihrer Projekte in Zeichnungen?

Ronan Bouroullec: Nein, nicht immer. Manche beginnen auch mit völlig abstrakten Gedanken. Das hat sich im Laufe der Jahre aber sehr verändert. Ich hatte meine erste Gruppenausstellung mit 17. Jetzt bin ich 40. Meine Methoden und mein Verständnis von Design haben sich in den letzten 20 Jahre natürlich verändert. Am Anfang war ich noch ganz schön naiv.

(smow)blog: Haben Sie in Ihren Anfangsjahren mehr gezeichnet und spielt moderne Technik heute eine größere Rolle?

Ronan Bouroullec: Zeichnen ist etwas, das ich schon immer getan habe – viel länger als Designen – und das mir sehr wichtig ist. Wenn ich aufhören würde zu designen, würde ich nicht sterben, aber ich kann nicht aufhören zu zeichnen. Und ich glaube, dass Zeichnen im Design einen guten Ausgleich schafft. Design ist mitunter ein sehr langwieriger Prozess, ein sehr frustrierender Prozess. Es kann Jahre von der ersten Zeichnung bis zur fertigen Arbeit dauern. Deshalb ist es für uns wichtig, dass wir uns durch Bilder und Zeichnungen klar und präzise ausdrücken können.

(smow)blog: Heißt das, dass Sie den Designprozess durch Zeichnungen besser kontrollieren können?

Ronan Bouroullec: Der Prozess in unserem Studio und auch in unseren Gedanken ist meist sehr chaotisch; er folgt keinen klaren Strukturen. Und so hat jedes Produkt seinen ganz eigenen, natürlichen Flow. Deshalb ist es sehr schwer den Prozess als solchen zu beschreiben. Das Chaos sieht man unseren fertigen Arbeiten natürlich nicht an; sie wirken immer so klar, einfach und direkt. Aber der Weg dahin…

(smow)blog: Neben Album ist zurzeit auch die Retrospektive Biwak in Metz zu sehen. Wenn Sie sich diese beiden Ausstellungen ansehen, können Sie dann erkennen, wie und an welchen Stellen sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre verändert hat?

Ronan Bouroullec: Ich glaube, dass wir am Anfang optimistischer und naiver waren, aber mittlerweile wissen wir etwas mehr über das ganze System. Das ist an sich gut, es kann einen aber auch einschränken und imaginäre Schranken erzeugen. Projekte dauern jetzt sogar länger als vor 20 Jahren. Als wir jünger waren, waren wir irgendwie intuitiver…

(smow)blog: … und jetzt sind Sie vorsichtiger?

Ronan Bouroullec: Ich weiß nicht genau warum, aber mittlerweile lastet offenbar mehr Druck auf uns. Die Leute sehen einfach genauer hin und erwarten etwas von uns; sie erwarten ein Statement.

(smow)blog: Album und Biwak bieten die Chance, zurück zu blicken und zu reflektieren… Im Hinblick auf die Zukunft…

Ronan Bouroullec: Ich sehe nicht die Notwendigkeit jetzt so viel zu machen. Wir haben ein sehr kleines Studio und möchten es nicht wirklich erweitern. Wir wollten nie ein großes Studio, aber weil wir so bekannt sind, bekommen wir jede Menge Angebote. Doch wir sind eigentlich nicht daran interessiert alles zu machen, was uns angeboten wird, und konzentrieren uns stattdessen lieber auf die Sachen, die uns tatsächlich interessieren. Außerdem versuche ich noch ein bisschen Zeit zum Zeichnen zu finden…

Ronan & Erwan Bouroullec Album kann noch bis zum 3. Juni 2012 in der Vitra Design Museum Gallery besucht werden.

Vitra Design Museum Gallery Ronan & Erwan Bouroullec Album

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

Vitra Design Museum Gallery Ronan & Erwan Bouroullec Album

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

 



Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec “Album”

Monday, February 13th, 2012

Wir sind mitten in der Nacht aufgestanden und durch den dieser Tage so harten europäischen Winter gestapft, nur um pünktlich bei der Eröffnung von Album in Weil am Rhein zu sein. Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, dass wir uns gefreut haben, als wir gehört haben, dass auch Erwan Bouroullec bis auf die Knochen durchgefroren war, als er bei diesen frostigen Temperaturen auf den 6:15-Zug nach Basel gewartet hat. Nicht etwa, weil wir grausam, herzlos oder schadenfroh wären – zumindest nicht in diesem Fall -, sondern weil uns das zeigt, wie “normal” die Designwelt und die Designer eigentlich sind. Das hat so etwas beruhigendes. Und die Aktion gewährt uns einen kleinen, aber persönlichen Einblick in den – wenn auch zuweilen banalen – Alltag eines Designers.

ronan erwan bouroullec album vitra design museum mateo kries

Ronan & Erwan Bouroullec im Gespräch mit dem Direktor des Vitra Design Museums Mateo Kries

Mit mehr als 300 Entwürfen, Modellen, Fotos und Produkten, die beim Designprozess entstanden sind, ist Album weder eine Retrospektive der Arbeit der Bouroullec-Brüder noch ihre Verortung in der Designgeschichte Europas. Es wird viel mehr gezeigt, wo Design herkommt und welche Prozesse hinter einem Produktdesign stecken – und das nicht nur aus der kühlen, nüchtern-geschäftlichen “Gare de Lyon, 6 Uhr” Perspektive, aus der die Arbeit der Bouroullecs für gewöhnlich bewertet wird, sondern aus einer emotionalen, ungewissen und allzu menschlichen “viel zu früh aufgestanden, Familie verlassen, wieso haben wir keinen Pelzmantel??!!” Perspektive, die wir bisher noch nicht kannten. Eben ein kleiner persönlicher Einblick in den zuweilen banalen Alltag eines Designers.

Album zeigt neben Bildern und Verweisen auf viele ihrer berühmten Arbeiten auch naive, abstrakte Formen, Projekte, die nie über das Skizzenbuch hinaus gekommen sind, und kindliche Zeichnungen, die den Eindruck erzeugen, eine Stuhl wäre nicht mehr als vier Beine, mit Sitz und Lehne darauf. Außerdem sind da noch einige putzige, aber nachdenklich wirkende Fantasiegestalten, die darauf hindeuten, dass die Brüder, wenn sie mal keine Designverträge mehr bekommen sollten, eine strahlende Zukunft als Kinderbuchillustratoren erwartet.

Wenn die Ausstellung auch unmissverständlich das Werk von Ronan & Erwan Bouroullec zum Thema hat, ist Album genauso ein Beleg für die im Wesentlichen analoge Natur des Designprozesses. Computer und digitale Technik können zwar hilfreich sein, Dinge beschleunigen und die industrielle Seite des Designs fördern, doch wenn man das, was man möchte, nicht visualisieren und mit einigen wenigen Strichen ausdrücken kann, stehen die Chancen, je ein Projekt durchzuführen, ziemlich schlecht.

In den vergangenen Wochen haben wir uns ziemlich viel mit “Möbelarchitekten” beschäftigt. Man könnte behaupten, dass Architekten besonders für das Möbeldesign geschaffen sind, da sie sich besonders gut mit Statik und Maßen auskennen und Dinge zum Funktionieren bringen können. Der Background der Bourroullec-Brüder ist dagegen klassische Kunst. Durch Album erkennt man, dass sie ihre mangelnde technische Ausbildung durch die emotionale Verbindung zu ihrer Arbeit und ihr Verständnis für visuelle Kompositionen mehr als wettmachen können.

Das bringt uns wiederum zurück zu Patricia Urquiola, die ebenfalls der Ansicht ist, dass Architekten nicht zwangsweise die besten Möbel herstellen…

bouroullec album vitra design museum

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

Da wir die Arbeit der Bourroullecs erst kürzlich in 700 und 1000 m² großen Räumen gesehen haben, wirken die paar Quadratmeter, die sie in der Vitra Design Museum Gallery zur Verfügung haben, in etwa so, als würde U2 in eurer Küche spielen. Doch was an Platz fehlt, wird durch Intensität mehr als wettgemacht. Man kann den Arbeiten einfach nicht entfliehen. Man entkommt weder den Verbindungen noch der Zufälligkeit der Anordnung. Man wird förmlich hineingezogen…

Für Album selbst lohnt sich ein Trip nach Weil am Rhein nicht wirklich, doch sind auch weder die Ausstellung noch die Vitra Design Museum Gallery an sich als große Publikumsmagnete geplant gewesen – vielmehr sollen sie als Erweiterung und Vertiefung des bestehenden Vitra Campus dienen. Als zusätzliche Attraktion beim Besuch des VitraHauses und/oder Design Museums lohnt sich ein Abstecher zu Album aber auf jeden Fall.

Ronan & Erwan Bouroullec Album kann noch bis zum 6. Juni in der Vitra Design Museum Gallery besucht werden.

bouroullec album vitra design museum weil am rhein

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

bouroullec album vitra design museum sketch book

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

bouroullec album vitra design museum chairs

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"



Ein Jahr VitraHaus: Ein Interview mit Eckart Maise

Thursday, June 9th, 2011

Im Februar hat das VitraHaus in Weil am Rhein seinen ersten Geburtstag gefeiert.

Wir haben mit Vitras Chief Design Officer Eckart Maise über ein Jahr VitraHaus und die Pläne für die Zukunft gesprochen.

(smow)blog: Das VitraHaus is jetzt ein Jahr alt. Sind Sie zufrieden mit dem ersten Jahr?

Eckart Maise: Ja, das VitraHaus ist ein voller Erfolg. Wir hatten sowohl von der Anzahl der Besucher als auch was das Feedback angeht eine sehr positive Resonanz. Die Zahl der Besucher des Vitra Campus hat sich zum Beispiel seit der Eröffnung des VitraHauses verdreifacht. Wir hatten etwa 350000 Besucher im letzten Jahr, was unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen hat. Einen Anstieg hatten wir erwartet, aber nicht in diesen Dimensionen.

(smow)blog: Ist die Marke Vitra dadurch auch bekannter geworden?

Eckart Maise: Ja, auf jeden Fall. Das kann man zum Beispiel sehr stark an der Presseresonanz zum VitraHaus messen. Ich bin seit 16 Jahren bei Vitra und in dieser Zeit war das VitraHaus das erste neue Gebäude auf dem Vitra Campus. Die Berichterstattung hat eine ganz andere Dimension als bei einem neuen Produkt.

(smow)blog: Inwieweit sind Vitras Möbeldesigner im VitraHaus involviert? Entscheiden sie mit über die Inneneinrichtung?

Eckart Maise: Die Einrichtung wird prinzipiell von unseren hauseigenen Innenarchitekten und Stylisten organisiert. In den Bereichen, in denen ein Produkt im Mittelpunkt steht, sind manchmal auch die Möbeldesigner involviert, so wie derzeit beim Suita Sofa. Wir haben im Vorfeld mit Antonio Citterio gesprochen, seine Meinung eingeholt und dann ein paar Dinge optimiert. Viele der Designer stehen aber auch in regelmäßigem Kontakt zu unseren Inneneinrichtern, sodass immer ein Austausch von Ideen stattfindet.

(smow)blog: Im VitraHaus gibt es einige Produkte, die keine Vitra-Designs sind. Spin von Tom Dixon fällt uns zum Beispiel immer ins Auge…

Eckart Maise: …Ja, das ist ein bewusstes Gestaltungselement in der Wohneinrichtung, Die Collage ist das Einrichtungsrezept was unserer Haltung am besten entspricht. Die Qualität einer Einrichtung entsteht durch die Vielfalt, Vielfalt auch in Bezug auf die Herkunft der einzelnen Stücke. Eine reine Vitra-Einrichtung ist nicht notwendigerweise die beste. Und hier im VitraHaus haben wir Leuchten, Accessoires, Textilien etc. von anderen Herstellern die die Vitra-Produkte ergänzen.

(smow)blog: Wird es in Zukunft einen Bereich im VitraHaus geben, den einzelne Designer ausstatten können?

Eckart Maise: Ja, das ist in Planung. Tatsächlich war das von Anfang an vorgesehen, aber bisher nicht realisiert. Wir wollen kein Museum sein, in dem es eine Bouroullec-Ausstellung oder eine Citterio-Ausstellung gibt. Aber natürlich kann man die Designer, die in Interieurs aktiv sind, zum Beispiel die Bouroullecs, bitten einen Bereich zu gestalten – unter der Bedingung dass es keine Monografie ihrer Arbeit wird sondern eine Collage mit Produkten anderer Vitra-Designer.

(smow)blog: Zum Beispiel eine Mustereinrichtung für ein 20 m² Loft?

Eckart Maise: Genau. Es gibt verschiedene Überlegungen und wir starten hoffentlich in den nächsten Monaten damit.

(smow)blog: Eine andere Erweiterung des Vitra Campus ist das Vitra Atelier. Im Moment kann man sehen, wie ein Eames Lounge Chair zusammengebaut wird. Soll das Konzept erweitert werden?

Eckart Maise: Das Konzept ist zwar flexibel, aber momentan wird es auf den Lounge Chair beschränkt bleiben. Für uns ist wichtig, dass die handwerkliche Qualität wahrgenommen wird, die in diesem Produkt steckt, und dass die Produkte hier in Weil am Rhein und nicht China oder anderswo hergestellt werden. Die Kunden haben außerdem die Möglichkeit, die Fertigung ihres eigenen Lounge Chair zu beobachten. Sie können am Vormittag ins VitraHaus kommen, ihre Bestellung aufgeben, zusehen, wie der Lounge Chair zusammengebaut wird und ihn am Nachmittag mit nach Hause nehmen. Der Eames Lounge Chair gehört wahrscheinlich zu den Objekten zu denen die Besitzer die größte emotionale Bindung haben und die eine zentrale Rolle in ihrer Einrichtung einnehmen. Deshalb ist er für uns das perfekte Objekt für das Vitra Atelier.

Since over one year part of teh Weil am Rhein landscpae - VitraHaus

Seit über einem Jahr ein Teil der Landschaft bei Weil am Rhein - VitraHaus

Vitra Atelier - Loung Chair construction LIVE!

Vitra Atelier - Eames Lounge Chair Montage LIVE!



neu bei smow: Ball Chair von Eero Aarnio

Wednesday, June 8th, 2011

Studenten. Wir lieben sie!

Aber etwas besser als Studenten sind arme Akademiker.

Denn genauso wie ein Mann, der nachts alleine im Wald ist, sich auf seinen Verstand und seinen Einfallsreichtum verlassen muss um Wärme und Nahrung zu finden, so muss ein Designer, der seine ersten Schritte als Freelancer macht, sich auf seine Talente und seine Intuition verlassen, um nicht zu erfrieren. Oder zu verhungern.

Ball Chair by Eero Aarnio; a room within a room regardless where you are

Ball Chair by Eero Aarnio; a room within a room regardless where you are

So, oder so ähnlich, malen wir es uns gerne aus, wie Eero Aarnio sein wohl wegweisendstes Design entwickelt hat: den Ball Chair.

Helsinki, 1962. Der junge Eero und seine Frau haben eine Wohnung, aber keinen passenden Stuhl für das Wohnzimmer.
Also beschließt er, einen zu bauen.

Das Ergebnis war der Ball Chair — oder Globe Chair — eines der meistgeliebtesten und wiedererkennbarsten Stuhl-Designs des 20. Jahrhunderts.

Aarnios Ball Chair ist allerdings mehr als ein ungewöhnliches Design: es ist in vielerlei Hinsicht der Vorläufer eines Möbeldesign-Konzeptes, in dem Möbel ein Zufluchtsort sind, ein Ort der Sicherheit und der Behaglichkeit. Moderne Interpretationen sind zum Beispiel Lese + Lebe von Moormann oder die hohe Version von Ronan und Erwan Bouroullecs Alcove Sofa von Vitra.

Vitras “Net’n'Nest”-Bürodesign-Konzept basiert auch zu einem großen Teil auf den Grundlagen des Ball Chair.

Er besteht aus einer Fiberglashülle, die innen mit Stoff und Kissen ausgekleidet ist. Ball Chair ist eine perfekte Ergänzung für jedes Haus und jedes Büro.

Oder jede Studentenwohnung.

Ball Chair from Eero Aarnio

Ball Chair von Eero Aarnio



Mailänder Möbelmesse 2011: Interview mit Eckart Maise, Vitra Chief Design Officer

Wednesday, April 13th, 2011

Vitra präsentiert auf der diesjährigen Möbelmesse in Mailand eine Reihe neuer Produkte von Designern wie Konstantin Grcic, Antonio Citterio und Barber & Osgerby. Vor der offiziellen Eröffnung haben wir Vitras Chief Design Officer Eckart Maise getroffen um mit ihm über die neuen Produkte und die Vitra Home Collection im Allgemeinen zu sprechen.

Jill by Alfredo Häberli for Vitra

Jill von Alfredo Häberli für Vitra

(smow): Herr Maise, bevor wir über die neuen Produkte reden und vielleicht als hilfreiche Einführung: Wie entwickelt eine Firma wie Vitra eine Kollektion? Gehen Sie zu den Designern und sagen “Es gibt da eine Lücke in unserer Kollektion, können Sie die füllen?” Oder wie entstehen neue Projekte bei Vitra?
Eckart Maise: Im Grunde entsteht alles über die langjährige Zusammenarbeit mit den Designern. Mit Antonio Citterio arbeiten wir beispielsweise schon seit 25 Jahren zusammen, mit den Bouroullecs mittlerweile auch schon 12 oder 13 Jahre. Es gibt natürlich Phasen in denen mehr passiert und Phasen in denen weniger passiert, aber im Prinzip ist es eine dauerhafte Kooperation und wir stehen in ständigem Kontakt. Viele Projekte entstehen aus einem relativ klaren Briefing z.B. von Rolf Fehlbaum und mir, dass diese oder jene Sache sinnvoll wäre. Es gibt natürlich eine Portfolio-Strategie und ein Produktmanagement. Dann wird überlegt in welcher Priorität welches Thema gelöst werden soll – also z.B. eine neue Sofa-Familie oder ein Lounge Chair – und wer der passende Designer sein könnte bzw. welcher Designer auch Zeit hat. Manchmal wird auch mit verschiedenen Designern über das gleiche Projekt gesprochen und dann schauen wir wer wie reagiert und wo sich was entwickelt. Die Designer, die wir auch Autoren nennen, haben ja ihre eigene Agenda, ihre eigene Mission. Also müssen wir Projekte finden, in denen es eine Überschneidung der Interessen gibt, denn das ist die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Zuammenarbeit. Es passiert so gut wie nie dass ein Designer zu uns kommt und sagt “Hier habe ich ein fertiges Produkt. Wollt Ihr das?”. Es ist eigentlich immer eine gemeinsame Entwicklung, eine Kooperation.

(smow): In diesem Jahr werden in Mailand ja viele Produkte von “neuen” Vitra-Designern präsentiert. Sind die auch das Ergebnis solcher langfristigen Kontakte?
Eckart Maise: Genau. Mit Barber & Osgerby sind wir bereits seit sechs Jahren im Gespräch und haben immer mal wieder Dinge diskutiert, die es aber nie über die Anfangsphase hinaus geschafft haben. Das liegt nicht daran, dass sie heute bessere Designer sind als vor sechs Jahren, sondern es kam einfach nicht zu dieser Überlappung von Interessen. Mit dem Tip Ton Chair war das anders. Auch mit Alfredo Häberli stehen wir seit Jahren in Kontakt. Wir haben bereits gemeinsam an einem Projekt gearbeitet das schon relativ weit entwickelt war aber nie wirklich Klick gemacht hat und demzufolge eingestellt wurde. Sowohl Vitra als auch die Designer sind immer bereit – auch in der späten Phase eines Projekts – das Projekt abzubrechen, wenn sich etwas nicht richtig anfühlt oder die Ziele nicht erreicht wurden. Solche Produkte erblicken dann natürlich nie das Licht der Öffentlichkeit, aber das passiert eben. Mit Konstantin Grcic haben wir vor vier Jahren ein Versuchsprojekt gemacht mit der Vitra Edition und sind seitdem mit ihm im Gespräch. Es sind auch noch weitere Kooperationen mit Konstantin Grcic in Arbeit.

Tip Ton by Barber Osergby for Vitra

Tip Ton von Barber & Osergby für Vitra

(smow): Was uns gleich zur nächsten Frage bringt… Nach allem was wir von VItra wissen, können wir uns nicht vorstellen, dass Sie in neue Projekte gehen würden ohne eine langfristige Kooperation im Hinterkopf zu haben.

Eckart Maise: Ja, da stecken überall auch andere Projekte dahinter. Es entwickelt sich aber unterschiedlich, manchmal bleibt es auch bei nur einem Projekt. Aber unser Ziel ist immer die langfristige Zusammenarbeit, wenn wir in ein Gemeinschaftsprojekt starten.

(smow): Ein guter Punkt um auf Hella Jongerius und die Bouroullecs zu sprechen zu kommen. Unser Eindruck ist, dass sie bisher die zentrale Rolle in der Entwicklung der Vitra Home Collection gespielt haben. Ist dem so? Und wenn ja, warum?

Eckart Maise: Jeder Designer steht natürlich auch für ein bestimmtes Thema, hat eine Haltung und eine Stimme. Die Boroullecs waren gut für die Vitra Home Collection weil sie in Systemen denken, in Kollektionen, und weil sie einen sehr poetischen Ausdruck haben. Sie schaffen es, technische Lösungen mit einem poetischen Ausdruck zu verbinden, was sehr wichtig ist im Wohnen. Man will im Wohnen ja kein Produkt das nur funktional ist, da es nie eine rein rationale Entscheidung ist. Emotionen spielen hier eine große Rolle.
Und was Hella Jongerius angeht: Sie verkörpert das Dekorative und Haptische der Materialien und Farben. Außerdem steht sie für die Rückkehr zur Handarbeit, was auch eine wichtige Rolle im Wohnen  spielt.
Aber natürlich beschränkt sich das nicht auf die Bouroullcs und Jongerius. Auch Jasper Morrison und Antonio Citterio spielen eine große Rolle. Und wir haben die Design Classics. Es ergibt sich am Ende immer eine Collage.

Grand Repos and Panchina by Antonio Citterio for Vitra

Grand Repos und Panchina von Antonio Citterio für Vitra

(smow): Sie haben vorhin über Soft Seating gesprochen. In dem Bereich ist Vitra momentan gut vertreten. Können Sie sagen, wohin sich die Vitra Home Collection in nächster Zeit entwickeln wird?
Eckart Maise: Wir werden in den gleichen Bereichen wie bisher weiter machen, aber auch kleinere Objekte und Accessoires wie L’oiseau von den Bouroullecs aufnehmen oder im Essbereich erweitern. Aber unser Ziel ist es nicht, in die – wie wir auf deutsch so schön sagen – “Kastenmöbel” zu gehen, also Schränke und Sideboards zu produzieren. In dem Bereich gibt es andere Hersteller, die besser ausgestattet sind. Wir haben unsere Erfahrung und Kompetenz in den Sitzmöbeln. In Mailand haben wir zum Beispiel einen Liegelounger von Antonio Citterio bei dem er seine Erfahrungen aus dem Bürostühlsegment in die Entwicklung eines Lounge Chairs mit Synchrontechnologie einfließen lassen konnte. Durch die Neigung des Rückens und die Bewegung des Sitzes kann man in jeder Position gleich bequem sitzen. Der Stil ist sehr dezent und der Mechanismus nicht sichtbar, es ist alles in den Beinen und unter dem Sitz versteckt. In diesen Bereichen liegt einfach unsere Stärke.

(smow): Als letzte Frage: Ist Vitras Mailand Kollektion 2011 ein guter Jahrgang? Sind Sie als Chief Design Officer von Vitra zuversichtlich dass sie gut angenommen wird?
Eckart Maise: Es ist ein gutes Jahr für uns, nicht zuletzt weil es immer aufregend ist, wenn man neue Kooperationen präsentiert. Das ist immer ein großer Schritt für einen Hersteller. Die Kooperationen bereichern uns, es ist wie ein Familienzuwachs. Oder wie wenn ein Chor größer wird und wir jetzt neue Lieder singen können. Wir sind zuversichtlich, weil wir sehr vielseitige Produkte von sehr unterschiedlichen Designern haben. Im letzten Jahr stand das Suita von Antonio Citterio im Mittelpunkt der Präsentation. Dieses Jahr haben wir Vitras erste Sperrholzsitzschale von Alfredo Häberli; wir haben die HAL-Linie mit Jasper Morrison weiter entwickelt; wir haben den neuen Lounger von Antonio Citterio – unserer Meinung nach endlich eine wirkliche Alternative zum Eames Lounge Chair und mit vergleichbarem Komfort! Der Tip Ton Chair von Barber & Osgerby ist in Bezug auf die Sitzerfahrung eine wirkliche Innovation. Mit dem Waver von Konstantin Grcic haben wir einen Stuhl der wirklich neu und frisch für Vitra ist – eine unkomplizierte, junge Form des Sitzens. Wir sind also gespannt auf die Reaktionen.

Jill by Alfredo Häberli for Vitra

Jill von Alfredo Häberli für Vitra

Tip Ton by Barber Osergby for Vitra

Tip Ton von Barber Osergby für Vitra

Grand Repos and Panchina by Antonio Citterio for Vitra

Grand Repos und Panchina von Antonio Citterio für Vitra

Waver by Konstantin Grcic for Vitra

Waver von Konstantin Grcic für Vitra



Orgatec 2010: Vitra

Thursday, March 3rd, 2011
Vitra @ Orgatec 2010

Vitra @ Orgatec 2010

Vitras Aushängeschild ist natürlich die “Home Collection”. Aber die Büromöbelsparte trägt seit Jahrzehnten ebenso zum Erfolg des Herstellers bei.

Demzufolge befasst sich Vitra tagtäglich mit der Entwicklung von neuen Ansätzen im Bürodesign und versucht vorherzusagen, was die Arbeit im Büro in der Zukunft ausmachen wird.

1991 beauftragte Vitra die Designer Michele de Lucchi, Ettore Sottsass und Andrea Branzi mit der Planung des Office Designs der Zukunft. Wichtiger Bestandteil sollte dabei der Entwurf eines sowohl sozialen als auch produktiven Büroumfelds sein.

Seitdem wurden zahlreiche Variationen des Themas entwickelt. Auf der Orgatec 2008 stellte Vitra beispielsweise das Net’n'Nest Office Design vor. Das Konzept teilte im Grunde ein Großraumbüro in Bereiche für kommunikative Arbeit in Teams (Net’) und Bereiche für konzentriertes, individuelles Arbeiten (‘Nest) und lieferte die Möbel für beide Bereiche.

Auf der Orgatec 2010 war Vitras Schlagwort “Citizen Office 2011″ .

20 Jahre nachdem Branzi, de Lucchi und Sottsass ihre Forschungsergebnisse präsentierten, ist Vitras “Citizen Office 2011″ eine aktuelle Version dieser Arbeit im Kontext moderner Arbeitsmethoden und in vielerlei Hinsicht eine Weiterentwicklung des Net’n'Nest Office.

Leider musste Vitra die ganze Übung mit diesem unsinnigen Marketingvokabular durchziehen, das unser Blut zum Kochen bringt.

Die Marketingchefs haben ihre eigene Sprache. Das ist allgemein bekannt und hinlänglich in Satiren behandelt worden. Unser erstes “Marketing Jargon Bingo” haben wir 1993 gespielt und denken, dass jeder durchschnittliche Vitra-Käufer selbst mindestens eine sinnlose Marketingphrase in den Raum werfen kann.

Aber einer Schreibtischkollektion einen Marketingnamen zu geben und sie dann mit einem Vorort zu vergleichen, hat noch keinen Tisch verkauft.

Wird es auch nie.

Solche Versuche sind reine Zeit- und Geldverschwendung.

Immer.

Alcove Work by Ronan and Erwan Bouroullec @ Orgatec 2010

Alcove Work von Ronan und Erwan Bouroullec @ Orgatec 2010

Zum Glück hat Vitra auf der Orgatec auch das eine oder andere Produkt präsentiert, das von solcher Qualität war, dass es unseren Bluthochdruck wieder etwas senken konnte.

Das ist jetzt vielleicht offensichtlich, aber uns hat das Alcove Work von Ronan und Erwan Bouroullec wirklich beeindruckt. Das Alcove gehört zu unseren Lieblingssofadesigns, aber war für uns nie eine Option fürs Büro. Mit etwas Stauraum und einer Schreiboberfläche haben es die Bouroullecs aber in ein Möbelstück verwandelt, das sich auch für Arbeitsplätze empfiehlt.

Die Communal Cells von den Bouroullecs dagegen ließen uns erst mal zusammenzucken. Wieso sollten Vitra oder die Bouroullecs eine moderne Version der 70er-Jahre-Flughafen-Telefonzellen produzieren wollen?

Wir haben dann aber schnell gemerkt, dass es sich bei den Communal Cells in Wahrheit um ein modulares Konzept handelt, mit dem man seine eigene Innenarchitektur kreieren … und diese auch nach Bedarf umbauen kann.

Mit den Communal Cells können z.B. Besprechungsräume, Areale für Drucker/Kopierer oder Entspannungsecken geschaffen werden – je nachdem was im Büro gerade benötigt wird.

Als wir das Konzept verstanden hatten, waren wir dann auch wirklich beeindruckt.

ID Chair Concept by Antonio Citterio for Vitra - unvieled at Orgatec 2010

ID Chair Konzept von Antonio Citterio für Vitra - vorgestellt auf der Orgatec 2010

Der andere Designer der den Vitra-Stand auf der Orgatec 2010 dominierte war Antonio Citterio. Neben dem Suita Club Sofa/Sessel und dem Unix Chair war Citterios wichtigster Beitrag natürlich das neue ID Chair Konzept.

Der ID Chair wartet mit einem patentierten FlowMotion-System auf und wird wahrscheinlich Vitras Bürmöbelkonzepte der nächsten Jahre dominieren.

Mehr zum ID Chair aber in einem separaten Beitrag.

Außerdem stellte Vitra noch neue Produkte von Naoto Fukasawa und Arik Levy sowie den bereits erwähnten HAL von Jasper Morrison vor.

Die Marketingbeauftragten haben zwar alles versucht, die Sache zu verkomplizieren, aber Vitra baut immernoch einen großen Teil der Officedesign-Konzepte auf einer lockeren Interpretation der Idee der “Collage” von Charles Eames in der häuslichen Inneneinrichtung auf. Das ist kein schlechter Ansatz und nichts wofür man sich schämen muss.

Abwechslung ist nicht nur die Würze des Lebens sondern auch notendig für einen effektiven Arbeitsplatz.

Das “Citizens Office 2011″ wird vielleicht nicht unbedingt unsere Vorstellungen von Büroeinrichtungen ändern, aber viele der individuellen Produkte, die auf der Orgatec 2010 vorgestellt wurden, werden das sicher. Und die Bürodesigns die dann daraus entstehen werden, werden letzten Endes dem nahe kommen, was Vitra im “Citizen Office 2011″ Manifest beschreibt.

(Nur ohne überflüssige Office Forums und Workstation Areas.)

Orgatec 2010: Vitra - Comunal Cells as wardrobe, Alcove Work , ID Chair Concept

Orgatec 2010: Vitra - Comunal Cells als Kleiderschrank, Alcove Work , ID Chair Concept



Orgatec 2010 Interview: Erwan Bouroullec

Tuesday, March 1st, 2011
Erwan Bouroullec @ Orgatec 2010

Erwan Bouroullec @ Orgatec 2010

Der Vitra Stand auf der Orgatec 2010 wurde hauptsächlich von zwei Designstudios dominiert: Antonio Citterio und Ronan and Erwan Bouroullec. Neben den neuen Varianten des Alcove Sofa und der Playns Workstation präsentierte Vitra die neuen modularen Arbeits- (und Freizeit-) Kabinen der Bouroullecs, die Communal Cells sowie ihren High Meeting Table.

Wir haben Erwan Bouroullec zu dem bevorstehenden Yacht Projekt (über das wir bereits berichtet haben) und zu den neuen Vitra-Produkten befragt. Außerdem wollten wir wissen, wie das Büro der Bouroullecs aussieht und was ihnen im Bürodesign wirklich wichtig ist.

(smow)blog: Erzählen Sie uns etwas über Ihre neuen Produkte auf der Orgatec!

Erwan Bouroullec: Ronan und ich arbeiten schon seit langem mit Vitra zusammen und nun zeigen wir hier ein paar Verbesserungen an bereits von uns designten Möbeln. Ebenso stellen wir einige unserer Forschungsergebnisse der letzten Jahre zur Gestaltung von Räumen in Büroräumen vor, aus denen wir das Zellensystem Communal Cells entwickelt haben.

(smow)blog: Kann man denn die Communal Cells als Erweiterung des Alcove Systems verstehen?

Erwan Bouroullec: Ja und nein. Es ist das gleiche Prinzip, aber mehr auf die Frage einer Art kleinen Architektur bezogen, die man in offenen Büros nutzt. Zum Beispiel eine Küche, ein Druckerbereich oder ein kleiner Besprechungsraum – also Räume, die jedem bei der Arbeit und der Freizeit dienen.

(smow)blog: Und wie genau schaut jetzt das Bouroullecsche Büro aus?

Alcove Work by Ronan and Erwan Bouroullec @ Orgatec 2010

Alcove Work von Ronan und Erwan Bouroullec @ Orgatec 2010

Erwan Bouroullec: Was uns wirklich an unserem Büro gefällt, ist, dass wir das Glück haben, viele verschiedene Arbeitsmethoden nutzen zu können. Manchmal zeichne ich, machmal arbeite ich am Computer oder an Modellen. Deshalb sieht das Büro immer ein bisschen unordentlich aus, aber auch nur weil wir so viele verschiedene Dinge auf einmal tun. Wirklich sehr erfrischend. Das, was Leute wirklich während der Arbeit brauchen, ist Abwechslung im Tagesablauf und die Veränderung der Position des Körpers. Ich denke, dass das wirklich wichtig ist ….

(smow)blog: … also, dass man sich im Büro wohlfühlt…

Erwan Bouroullec: … Ja, ich denke der beste Weg sich in einem Büro wohlzufühlen, ist, dass man tagsüber mit verschiedenen Arten von Bequemlichkeit konfrontiert ist: manchmal ist es das Sitzen auf einem Sofa, so wie jetzt, manchmal das Sitzen in einem Bürostuhl oder auf einem Esszimmerstuhl, aber der Wechsel ist wichig.  Die ganze Zeit auf einem Sofa zu sitzen ist nicht gut, einen Tag in einem Bürostuhl zu verbringen, ist vielleicht besser, allerdings auch nicht perfekt. Genauso verhält es sich auch mit der Arbeit in offenen, öffentlichen Räumen oder abgekapselt und für sich allein. Der Wechsel macht’s.

(smow)blog: Gibt es Projekte an denen Sie momentan arbeiten?

Erwan Bouroullec: Wir beginnen gerade die Arbeit an einem sehr spannenden Segelboot-Projekt.

(smow)blog: Sicherlich bietet es ein bisschen Abwechslung von der normalen Arbeit, oder?

Erwan Bouroullec: Ja, aber irgendwie hatten wir solche Arten von Projekten, die etwas außerhalb der gängigen Wege laufen, schon immer dabei. Das bringt natürlich eine interessante Dynamik rein und sorgt für einige frische Gesichtspunkte. Zudem entdecken wir Dinge, die uns bei der Arbeit an Industrie-Projekten helfen.

(smow)blog: Sie übertragen dann alternative Denkansätze auf Ihre anderen Arbeiten…

Erwan Bouroullec: Ja, mit anderen Kontexten konfrontiert zu sein, ist wirklich interessant. Meiner Meinung nach ist die wirkliche Frage beim Design von Dingen, die Balance zwischen vielen verschiedenen Faktoren zu halten. Je mehr man mit verschiedenen Kontexten konfrontiert ist, desto mehr lernt man darüber, wie Dinge im Gleichgewicht zu halten sind.

Communal Cells by Ronan and Erwan Bouroullec for Vitra - here as a kitchen

Communal Cells von Ronan und Erwan Bouroullec für Vitra - hier als Küche