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Über Egon Eiermann und den Fortbestand seines Erbes…

Tuesday, May 14th, 2013

Momentan beschäftigen wir uns in Zusammenhang mit einem anderen Projekt mit verschiedenen Aspekten von Egon Eiermanns architektonischen Arbeiten und sind auf wunderbar widersprüchliche Positionen bezüglich seines architektonischen Erbes gestoßen.

Diese gegensätzlichen Positionen werfen die grundsätzliche Frage auf, wie man mit den Hinterlassenschaften der modernen Architektur umgehen sollte.

Ist es notwendig alle Arbeiten zu retten, und sind alle Bauten es wert erhalten zu werden? Gibt es Alternativen?

Egon Eiermann Stadthaus Krefeld

Stadthaus Krefeld von Egon Eiermann (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Eiermanns Campus in Stuttgart droht der Abriss. Der ausgedehnte Campus entstand zwischen 1967 und 1972 und steht seit dem Auszug von IBM im Jahr 2009 leer. Dem neuen Eigentümer gelang es nicht neue Pächter oder Alternativen für die Nutzung des Gebäudes zu finden. Er ging 2011 in Insolvenz. Ohne Aussicht auf Interessenten für das Gebäude und mit Blick auf Renovierungskosten, die sich laut Stuttgarter Zeitung auf 100 Millionen Euro belaufen, hat der Verwalter den Abriss des Campus beantragt, um die Fläche für den Verkauf und eine neue Entwicklung frei zu machen.

Unterdessen hat die Stadtverwaltung von Krefeld beschlossen um die 40 Millionen Euro in die Renovierung von Eiermanns Stadthaus aus dem Jahr 1953 zu investieren, anstatt ein neues Rathaus zu bauen. Oberbürgermeister Gregor Kathstede begründete die Entscheidung unter anderem mit der Bewerbung Krefelds um die Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe, die auf Krefelds drei Gebäuden von Mies van der Rohe Gebäuden basiert. In dem Zusammenhang wäre es nicht vertretbar, zu gleicher Zeit ein Egon-Eiermann-Gebäude verfallen zu lassen oder sogar abzureißen.

Aber spielt es eine Rolle, wer ein Gebäude entworfen hat? Und sollte man überhaupt Sympathie für einen Architekten wie Egon Eiermann aufbringen?

Abgesehen von Eiermanns Einsatz für den Abriss der Überreste der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und den Bau einer neuen Kirche – Pläne, die Eiermann wegen massiven Protests in Berlin aufgeben musste -, ist Egon Eiermann auch für den Abriss des weltweit bewunderten Kaufhauses Schocken in Stuttgart verantwortlich, an dessen Stelle er sein eigenes Kaufhaus Horten bauen ließ. Eine Entscheidung, die international auf Kritik stieß und sogar Walter Gropius’ Protest hervorrief.

Um seine Entscheidung zu verteidigen behauptete Eiermann, es handle sich um ein unzulängliches Gebäude, das darüber hinaus seiner Funktion nicht gerecht würde.

Etwas amüsiert sagte Martin Linne, Leiter des Bereichs Stadtplanung, der Rheinischen Post im Gespräch über das Stadthaus in Krefeld: “Eiermann hatte die Idee, die Heizung im Dach solle im Winter heizen und im Sommer kühlen… Das Problem ist: Seine Technologie hat nie wirklich funktioniert.”

Ein Problem, das jedem bekannt sein mag, der jemals in einem der preisgekrönten Häuser in Leipzigs angesagtem Bezirk Plagwitz gearbeitet hat.

Sollte man also nicht eher sagen, was dem einen Recht ist, ist dem anderen billig und Eiermanns unzulängliches Stadthaus abreißen?

Schocken (later Merkur) Department Store

Kaufhaus Schocken (später Merkur) in Stuttgart von Erich Mendelsohn (Bildquelle: Wikimedia Commons)

In Bezug auf den geplanten Abriss des Kaufhauses Schocken äußerte Erich Mendelsohns Witwe: “Spätere Generationen werden besser in der Lage sein, die Bedeutung Erich Mendelsohns für die Architektur des zwanzigsten Jahrhunderts festzustellen, und so verurteilen wir, dass eine der wenigen erhaltenen Arbeiten freiwillig von seinem Landsmann zerstört werden soll.”5

Dass spätere Generationen besser in der Lage sind, die Bedeutung eines Kulturguts zu beurteilen, ist unserer Meinung nach ein Fakt, den man nicht zu diskutieren braucht. Aber braucht man tatsächlich das Gebäude um dies festzustellen.

Architekten aus früherer Zeit würden diese Frage sicherlich mit „Ja“ beantworten, weil es allzu oft an genauer Dokumentation mangelt, um die Bedeutung einer Arbeit zu ermessen.

Die Arbeiten eines Egon Eiermann und gewiss die eines Erich Mendelsohn sind allerdings nicht nur in den Archiven der Architekten selbst gut dokumentiert. Hinzu kommen Reportagen, Interviews und Diskussionen, die die Planung und den Bau begleiteten.

Das Gebäude an sich ist nur die physische Manifestation eines langen Prozesses.

So glauben wir nicht, dass jedes Gebäude bewahrt werden muss, nur, weil es dieser oder jener Architekt entworfen hat.

Wo ein Gebäude nicht mehr benötigt wird oder nicht mehr seine Funktion erfüllen kann, muss es Platz machen für eine Konstruktion, die dazu fähig ist.

Das soll natürlich nicht heißen, alte Gebäude sollten automatisch abgerissen werden. Die Frage, ob Veränderungen möglich sind, um das Gebäude an seine neue Funktion oder die neuen technischen Standards anzupassen, muss sicherlich an erster Stelle stehen.

Natürlich gibt es ökologische Bedenken beim Abriss eines existierenden Gebäudes und dessen Ersetzung durch ein neues. Hinzu kommen die Kosten.

Einer der aktuellen Stars im Umkreis internationaler Architekturausstellungen ist der Tour Bois le Pètre-Hochhausblock in Paris. Anstelle des von der Stadtverwaltung angedachten Abrisses schlugen die Architekten Druot, Lacaton und Vassel eine “lebende Renovierung” des Blocks vor. Eine Renovierung, die nicht nur den Lebensstandard der Bewohner verbesserte und ihren Energieverbrauch erheblich reduzierte, sondern dies auch noch zu einem Bruchteil der Kosten, die für den Abriss und Neubau veranschlagt waren.

So würde laut Krefelds Oberbürgermeister Kathstede in Ergänzung zu den Überlegungen, die auch Mies van der Rohe einbeziehen, ein neues Rathaus ungefähr zwanzig Millionen Euro teurer als die Renovierung des Eiermann-Gebäudes sein.

Ein weiteres passendes Beispiel für solche Überlegungen im Zusammenhang mit Egon Eiermanns Erbe findet sich gleich auf der anderen Seite des Rheins bei Krefeld.

Egon Eiermann Horten Stuttgart

Egon Eiermanns Horten Kaufhaus (jetzt Galeria Kaufhof) in Stuttgart.

Die Autobahn A3 in Duisburg ist überspannt von einer Brücke Eiermanns, die 1958 ein Beitrag des Deutschen Pavillons auf der Expo in Brüssel war.

Im Anschluss an die Expo verband die Brücke in den nächsten 54 Jahren die beiden Hälften von Duisburgs Zoo.

Laut der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, WAZ, haben die verantwortlichen Planer, als die Erweiterung der Autobahn von 4 auf 6 Spuren anstand, die Brücke nicht einfach ausrangiert, sondern sie genau so verbreitert, dass sie ihrem neuen Zweck gerecht wurde.

Das sind einfache Entscheidungen, die Geld und Ressourcen sparen, und das Erbe der Konstruktion besser bewahren, als die Brücke einfach wie sie war und wo sie war zu belassen.

Der Kontext für den Nutzen der Brücke hat sich verändert. Warum sollte sich also die Brücke selbst nicht auch ändern?

Die Form folgt in großartiger Weise der Funktion.

So war auch das Stadthaus in Krefeld ursprünglich als Hauptsitz der Vereinigten Seidenwerke konzipiert und wurde vom Stadtrat erst seit den späten siebziger Jahren genutzt.

Ein neuer Kontext und eine neue Funktion. Weshalb also nicht eine neue Form.

Was natürlich bezüglich des IBM Campus bedeutet, dass man die Planungsvorgaben in puncto technischer Überlegungen und Erwägungen bezüglich des Innenraumes lockern könnte, um das Gebäude in einem neuen Kontext nutzbar zu machen.

Das würde Ressourcen und Geld sparen und für uns die Geschichte des Gebäudes weiterführen.

Die Entscheidungen über den Erhalt oder Abriss von Gebäuden sind häufig emotional. Das sollten sie nicht sein.

Es mag sehr gute Gründe geben Gebäude zu erhalten, die eine bestimmte Bedeutung haben. Solche Entscheidungen sollten allerdings sachlich und von Fall zu Fall beschlossen werden.

Wir sollten nicht so viel Angst davor haben bestehende Gebäude zu verändern. Veränderungen sind letztendlich etwas, das uns frisch hält und der Gesellschaft hilft sich zu entfalten und weiterzuentwickeln, und sie sind es auch, die Architekten wie Egon Eiermann so wichtig machen.

Diese drei Beispiele von Egon Eiermanns Werk zeigen die Probleme, die sich im Umgang mit dem Nachlass der Architektur der Moderne ergeben und lassen auch vermuten, dass es in den folgenden Jahren eine erhebliche Menge an ähnlichen Entscheidungen bezüglich einer erheblichen Menge anderer Gebäude der Moderne geben wird.

Und so könnten vielleicht alle glücklich werden, wenn man genau überlegt, was wirklich wichtig ist.

Nur ein Gedanke…

1.http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kulturdenkmal-der-alten-ibm-zentrale-droht-der-abriss.4c6dc2b4-0660-4200-b930-b10a7134205f.html Accessed 30.04.2013

2.http://www.krefeld.de/C1257455004E4FBF/html/1B42165B3F003134C1257944005909D6?opendocument Accessed 30.04.2013

3.http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42622632.html Accessed 30.04.2013

4.http://www.rp-online.de/niederrhein-sued/krefeld/nachrichten/stadthaus-wird-ein-aha-erlebnis-1.2757924 Accessed 30.04.2013

5.http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42622632.html Accessed 30.04.2013

6.http://www.krefeld.de/C1257455004E4FBF/html/1B42165B3F003134C1257944005909D6?opendocument Accessed 30.04.2013

7.http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/expo-bruecke-zog-von-bruessel-nach-duissern-nach-neudorf-id7881543.html Accessed 30.04.2013



IMM Cologne 2013: Wilde+Spieth. Interview mit CEO Thomas Gerber

Thursday, February 14th, 2013

Treue Leser unseres Blogs wissen bereits, dass wir die Abwesenheit einiger der wichtigsten deutschen Designermöbelhersteller immer als ein Zeichen der Schwäche der IMM Cologne gesehen haben. Diese Leser werden daher unsere Verwirrung verstehen, als wir gehört haben, dass Wilde+Spieth – endlich – bei der IMM Cologne dabei sind.

Wir haben uns gefreut, dass sie teilnehmen. Aber jetzt haben wir leider einen Beweis für die Schwäche der IMM weniger.

Wilde+Spieth hat seinen Sitz in Esslingen, einem Ort in der Nähe von Stuttgart, und stellte ursprünglich Fensterrollläden her, bis 1948 Egon Eiermann mit einer einfachen Anfrage auf das Unternehmen zukam. Er brauchte extra weite Fensterläden für die Ciba Ag Fabrik, die er gerade in Wehr, Baden baute. Daran knüpfte Eiermann noch eine weiter Anfrage an, die er kurz mit “Kinderchen könnt ihr auch Stühle bauen?” formulierte.

Und sie konnten.

Egon Eiermanns hoffnungsvolle Frage sollte sich zu einer der produktivsten, erfolgreichsten, aber vor allem innovativsten Zusammenarbeiten in der Geschichte des deutschen Möbeldesigns entwickeln.

Zusammen brachten Wilde+Spieth und Egon Eiermann über 30 Produktpaletten auf den Markt und sogar heute, ungefähr 43 Jahre nach Eiermanns Tod, bleiben die beiden unzertrennbar, indem Stühle wie der SE 18, der SE 42 oder der SE 68 ihren verdienten Platz im Olymp des europäischen Designs eingenommen haben.

Viele von Eiermanns frühen Kooperationen mit Wilde+Spieth wurden auf der Internationalen Möbel Messe Köln, dem zweijährig stattfindenden Vorgänger der jetzigen IMM, lanciert und so war es irgendwie mehr als passend, dass bei dem Debut des Herstellers auf der modernen IMM vier Eiermann-Klassiker in neuen Farben aus der Le Corbusier “Les Couleurs” Kollektion präsentiert wurden.

Daneben, und in vielerlei Weise bedeutungsvoller, nutze Wilde+Spieth die IMM Cologne 2013 außerdem, um neue Produkte zu lancieren: CU! von Avinash Shende, TG1 von Thore Garbers und Typus von Edelhoff & Nettesheim.

Es schien daher naheliegend, die Möglichkeit zu ergreifen und mit dem Wilde+Spieth CEO Thomas Gerber über die neuen Produkte und das Leben mit Egon Eiermanns Erbe zu sprechen. Aber zunächst  haben wir ihn gefragt, warum sie sich nach all den Jahren doch dafür entschieden haben, auf der IMM Cologne auszustellen…

Thomas Gerber: Wir haben zwar z.B. oft auf der Orgatec ausgestellt, mit unseren Eiermann Stühlen hatten wir aber nie das Gefühl ausreichend Objekte zu haben, die man als “Wohnmöbel” bezeichnen könnte. Dieses Jahr bringen wir aber drei neue Produkte raus, Produkte, die sehr gut in den Wohnmöbelsektor passen und wir dachten, die IMM sei ein passender Ort, um sie zu lancieren. Auf der einen Seite wegen des internationalen Profils der Messe und auf der anderen Seite wegen des heterogenen Publikums – Architekten, große Ketten, aber auch kleine Läden repräsentieren sehr gut unsere Zielgruppe.

(smow)blog: Bevor wir zu den neuen Produkten kommen, erst einmal zu Ihrem bisherigen Produkt-Portfolio: Bis jetzt hat sich Wilde+Spieth mehr oder weniger nur auf die klassischen Egon Eiermann Stuhldesigns konzentriert. Auch wenn das wahrscheinlich ein Vorteil ist, inwiefern kann so eine enge Verbindung zu so einem berühmten Möbelarchitekten auch ein Fluch sein?

Thomas Gerber: Nun, der Geschmack der Kunden ändert sich zum Glück nur sehr langsam. Die Popularität von Designklassikern verläuft zyklisch und so kommt es, dass es Phasen gibt, in denen die Eiermann Stühle in sind, aber auch solche, in denen Eiermann Möbel out sind. Solche Phasen sind natürlich sehr schwer für uns. Einen großen Teil unseres Geschäftes machen die Aufträge aus dem Projektgeschäft aus und wenn ein Projektmanager keine Designklassiker für sein Projekt will, dann haben wir ein Problem. Was schließlich auch ein Grund für die Einführung neuer Produkte ist.

Und da fängt dann der Fluch erst richtig an. Denn, wenn wir bekannt geben, wir bringen etwas Neues auf den Markt, dann sind die Erwartungen sehr hoch. Es wird erwartet, dass wir etwas herausbringen, das genauso gut ist wie das, was wir zurzeit haben, das aber gleichzeitig billiger ist und das zum nächsten Klassiker wird. Das macht es sehr schwierig. Über die Jahre hatten wir mit zahlreichen Designern und Architekten zusammengearbeitet, aber bis jetzt nichts als wirklich passend empfunden …

(smow)blog: Bis jetzt! Dieses Jahr stellen Sie drei neue Produkte vor. Was haben die, was die anderen nicht hatten?

Thomas Gerber: Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir die Suche von einer anderen Perspektive angegangen sind. Dieses Mal haben wir die Designer eher uns suchen lassen als jemanden zu beauftragen, der etwas für uns entwirft. Den CU! Stuhl von Avinash Shende z.B. haben wir auf der Salone Satellite in Mailand entdeckt, waren sofort begeistert und haben überlegt, ihn – insofern es wirklich passt - in unser Sortiment aufzunehmen. Als die Entscheidung einmal getroffen war, mussten wir das Design nur noch etwas optimieren, sodass der Stuhl seriell hergestellt werden konnte.

(smow)blog: Wir vermuten, das bedeutet, Sie sind zuversichtlich die Erwartungen zu erfüllen?

Thomas Gerber: Wir würden ihn nicht vorstellen, wenn wir es nicht wären! Bevor wir uns endgültig für das Projekt entschieden haben, haben wir den Stuhl z.B. mehreren Architekten gezeigt und bekamen 100% positives Feedback, was für uns dann einer der Gründe war, Ja zu sagen.

(smow)blog: Eine Sache, die uns bei CU! sofort aufgefallen ist, sind die Farben. War die Entscheidung für so eine helle Farbpalette auch ein Resultat aus den Reaktionen der Architekten?

Thomas Gerber: Zum Teil. Aber noch mehr ist CU! ein freches, frisches Produkt, das geradezu danach schreit bunt zu sein. Es kann auch für den Outdoorbereich genutzt werden, und wer sagt, dass Caféstühle immer schwarz oder weiß sein müssen?

(smow)blog: Unsere letzte Frage – bleiben wir bei den Farben: Sie lancieren außerdem vier Eiermann Klassiker in Tönen der Le Corbusier “Les Couleurs”-Kollektion. Warum die Le Corbusier Farben?

Thomas Gerber: Weil es alles gut zusammenpasst. Wenn man sich Le Corbusier und Egon Eiermann ansieht, findet man einige Parallelen. Beide lebten ungefähr zur gleichen Zeit, hatten ähnliche Leidenschaften und schließlich passen die Farben einfach sehr gut zu den Möbeln und man kann sagen, es kommt zusammen, was zusammengehört. Und natürlich ist ein Stuhl nur ein Teil eines Raumdesigns, zu dem unweigerlich auch andere Möbel, Tapeten, Teppiche usw. gehören – und die sind über andere Hersteller auch in den Le Corbusier Farben erhältlich. Weil die Farbtöne alle auf natürlichen Tönen basieren und aufeinander abgestimmt sind, kann man entweder eine einzige Farbe für ein Projekt nehmen oder die Farben mühelos miteinander kombinieren. Wir halten die polychrome Farbharmonie bei Les Couleurs für ein faszinierendes Konzept.

IMM Cologne 2013  Wilde+Spieth Egon Eiermann Le Corbusier Les Couleurs

IMM Cologne 2013: Wilde+Spieth Egon Eiermann Stühle in neuen Farbtönen aus der Le Corbusier "Les Couleurs" Kollektion

IMM Cologne 2013  Wilde+Spieth Egon Eiermann SE 68 SE 42 Le Corbusier Les Couleurs

SE 68 und SE 42 in Le Corbusier "Les Couleurs"

IMM Cologne 2013  Wilde+Spieth CU! by Avinash Shende

IMM Cologne 2013: CU! von Avinash Shende für Wilde+Spieth

IMM Cologne 2013  Wilde+Spieth Typus by Edelhoff & Nettesheim

Der Tisch Typus von Edelhoff & Nettesheim für Wilde+Spieth. Hier mit zwei SE 68ern. (Foto Wilde+Spieth)



Museum für Angewandte Kunst Köln: Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel

Tuesday, January 17th, 2012

Wie es die Tradition so will, richtet das Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) auch in diesem Jahr wieder, wenn in Köln die Möbelmesse IMM stattfindet, eine Sonderausstellung zum Thema Möbel aus.

Unter dem Titel “Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” stellt das MAKK über 120 verschiedene Möbel aus, denen eins gemein ist: sie wurden alle von Architekten designt.

Museum für Angewandte Kunst Köln Von Aalto bis Zumthor Architektenmöbel

Museum für Angewandte Kunst Köln: Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel

Wie treue Leser längst wissen werden, ist der “Möbel-Architekt” eines unserer Lieblingstehmen. Und das nicht nur, weil solche Architekten einige wirklich fantastische Arbeiten hervorgebracht haben – und das oft nur aus purer Leidenschaft und mit wenig oder gar keinen finanziellen Ambitionen -, sondern weil wir glauben, dass das Verstehen des “Möbel-Architekten” eine wichtige Basis für das Verstehen der Möbelindustrie und letztendlich guten Möbeldesigns ist.

In der Pressemitteilung erklärt das MAKK, dass viele der Architekten zum Möbeldesign gekommen seien, weil sie auf dem Markt kein passendes Mobiliar für ihre Projekte gefunden hätten.

Es ist naturgemäß nicht unsere Art alteingesessenen und anerkannten Designmuseen zu widersprechen.

Aber.

Wir glauben zwar auch, dass der Notwendigkeitsaspekt in manchen Fällen bestimmt ein entscheidender Faktor gewesen ist, der Wunsch ein Projekt vollständig zu kontrollieren und so eine formale Einheit zu schaffen in vielen Fällen aber als bedeutender einzuordnen  ist.
Wir haben einige hübsche Zitate gefunden; z.B. wie Egon Eiermann nur zustimmen wollte, ein Haus in Berlin zu entwerfen, wenn er auch die Möbel gestalten durfte; oder wie Arne Jacobsen ähnliche Forderungen stellte, bevor er die Aufträge für das SAS Royal in Kopenhagen und das St. Cahthrines College in Oxford akzeptierte. Und Le Corbusier hat seine sozialen Wohnungsbauten der 1950er nur nicht selber eingerichtet, weil IKEA noch erfunden werden musste.

Für uns ist diese Unterscheidung so wichtig, weil sich aus ihr etwas entscheidendes herauslesen lässt: Die Motivation definiert den Hintergrund der entworfenen Möbel und unterstreicht als solches die Art und Weise, wie die Architekten dachten und arbeiteten.

Was unstrittig ist, ist der Wert der Arbeiten.

Museum für Angewandte Kunst Köln Von Aalto bis Zumthor Architektenmöbel

10 Unit System von Shigeru Ban über Artek (2009)

Neben Stücken aus der museumseigenen Sammlung wird “Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” durch Leihgaben vervollständigt und erzählt die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts “Möbel-Architekten”. So beginnt die Ausstellung bei Werken von Hoffmann, Wagner oder Emil Beutinger. Letzterer ist mit seiner wunderbaren Kücheneinrichtung aus dem Jahr 1903 vertreten. Das Ensemble enthält einen “Sitzschrank”, der auch aus einer Haute Couture Kollektion des Ateliers Moormann stammen könnte.

Im Vergleich zu der dezenten Eleganz vieler früher Stücke, konnten wir uns nicht dem Eindruck entziehen, dass viele modernere Stücke förmlich schreien “Sieh mich an!”.

Natürlich wissen wir, dass der Wunsch nach Aufmerksamkeit noch ganz andere Ausmaße annehmen kann. Man denke nur an Menschen, die ihrer Berühmtheit wegen in den australischen Dschungel ziehen und vor laufender Kamera Kangaroohoden essen, nur um mit dem, “was sie der Gesellschaft hinterlassen haben”, in Erinnerung zu bleiben. – So um Aufmerksamkeit bemüht waren wirklich nur die allerwenigstens Stücke in der Ausstellung.

Nun könnte man argumentieren, dass der Grund dafür ist, warum viele der Vorkriegsmöbeldesigns im Gegensatz zu den modernen “Hinguckern” so konservativ und, ja, normal erscheinen, dass die Gesellschaft auch so war. Es gab keine größeren oder kleineren Angriffe auf akzeptierte Normen.

Nach der Postmoderne, dem Dadaismus und dem Punk haben wir jedoch andere Erfahrungen gemacht und mittlerweile ist es sogar zulässig Konventionen anzufechten. Dies gilt insbesondere für Möbel, die für ein Gebäude entworfen wurden, das Ansprüchen an modernes Wohnen gerecht werden muss.

Was uns zu den Ursachen zurückbringt, warum ein Architekt Möbel designt….

So oder so glauben wir, dass jene Architekten, die in die Kategorie “Hauptsache Aufmerksamkeit” fallen, gar nicht erst als “Möbel-Architekten”, sondern als “Künstler” bezeichnet werden müssen. Und ihre Arbeiten nennt man auch nicht “Möbel”, sondern “Kreationen” – oder schlimmer noch “Statements”.

Das führt uns zu der Frage, ob solche Künstler überhaupt in eine Möbelausstellung wie diese gehören. Nun, Kunst, Design und Architektur sind zwar verschiedene Disziplinen, sie können jedoch ineinander greifen und verschmelzen. Die Frage, die aber bleibt, ist, welche Disziplin die dominante ist. Bei der Auswahl der Objekte für so eine Ausstellung würden wir sagen, ist es Design. Idealerweise Design, das mit der Übung, dem Auge und dem Verständnis eines Architekten gestateltet worden ist.

Was zwangsläufig zu der nächsten Frage führt: Wo war eigentlich das USM Haller Möbelsystem – ein Möbel, das direkt aus einem architektonischen Konzept entstanden ist?

Museum für Angewandte Kunst Köln Von Aalto bis Zumthor Architektenmöbel

Jean Prouvé und Alvar Aalto bei Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel

“Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” ist eine gute Ausstellung. Unser Problem ist aber, dass nicht genug erklärt wird; es wird nur gezeigt. Für eine Sonderausstellung in einem Museum wie dem MAKK ist das einfach zu wenig. Man sollte die Ausstellung doch mit dem Gefühl verlassen, wirklich etwas über das Thema erfahren zu haben.

Wir kennen uns auf dem Gebiet einigermaßen gut aus und haben es genossen, die Stücke einfach alle einmal beisammen zu sehen und vergleichen zu können. Den meisten Besuchern geht es vermutlich anders – sie kennen nicht schon die meisten der Exponate, weil sie diese und andere Möbelklassiker in einem Onlineshop verkaufen.

Für einige Ausstellungsstücke gab es sogar gut konzipierte und hübsch illustrierte Schautafeln, für die Mehrzahl gab es jedoch nur etwas, das aussah wie Archivkarten mit einem Namen und wenigen anderen Informationen darauf.

Und dann war da natürlich noch die Entscheidung einige Stühle 5 Meter hoch über dem Boden zu platzieren – halb versteckt in Kisten, sodass sie keiner sehen kann. Das finden einfach nur blöd.

Trotz des für uns etwas lustlosen Ausstellungskonzepts bleibt der Wert der Arbeiten unangetastet und “Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” einen Besuch wert – besonders während der IMM Cologne, wenn der Eintritt frei ist.

“Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” ist im Museum für Angewandte Kunst Köln bis 22. April 2012 zu sehen.

 



Egon Eiermann – Neue Stühle für neue Kirchen. Der SE 119 und SE 121

Tuesday, December 20th, 2011

Am 17. Dezember 1961 wurde die neue Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche in Berlin offiziell eingeweiht. Entworfen von Egon Eiermann war und ist der neue Kirchenbau ein selbstbewusster und moderner Ersatz für die alte Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche; ein Gebäude, das zum Bedauern vieler Berliner Urgesteine der Bombadierung von 1943 zum Opfer fiel.

Wie auch in anderen Projekten dieser Zeit, entwarf Eiermann nicht nur das Gebäude, sondern gestaltete auch gleich das passende Mobiliar für das Kircheninnere.

Die neue Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche war Eiermanns zweites Kirchenprojekt – und genau wie er von der Matthäuskirche Pforzheim architektonische Elemente wiederverwendete und neu verarbeitete,  transportierte er bekannte Elemente auch in Form des Mobiliars in das Innere der neuen Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche.

egon eiermann wilde + spieth se 119

Stuhl für die Matthäuskirche Pforzheim. Entworfen von Egon Eiermann

Für die Matthäuskirche entwarf Eiermann einen einfachen, fast schon rustikalen Holz- und Weidenstuhl; für Berlin verwendete Eiermann die gleiche Grundform, wenngleich die Form unter neuem Materialeinsatz eine neue Ausstrahlung erhielt. In vielerlei Hinsicht wirkt diese Interpretation urbaner und mondäner.

Die Rahmenform bewahrend, ersetzt Eiermann den Weidensitz aus Pforzheim durch eine gurtgestützte Struktur. Das bemerkenswerteste am “Berliner Stuhl” ist die offene Konstruktion,  die plakativ zur Schau stellt, wie die Gurte um den Rahmen geschlungen sind.

neue kaiser wilhelm gedächtniskirche Berlin 2011

Stühle in der neuen Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche, Berlin. Entworfen von Egon Eiermann

Auf der Rückseite hat Eiermann die zwei absolut unerlässlichen Elemente eines Kirchenstuhls eingearbeitet: Stauraum für das Gesangsbuch und einen Huthalter.

Wie wir alle wissen, hatte Egon Eiermann immer ein Problem damit, wenn Menschen versucht haben, seine Arbeiten mit den (gezwungenermaßen) früheren Arbeiten von Charles Eames zu vergleichen. Aber so sehr wir den kleinen schwarzen, ballförmigen Huthalter mögen und schätzen, kann sich ein Teil von uns nicht gegen den Wunsch wehren, Eiermann hätte eine Möglichkeit gefunden, die ein kleines bisschen weniger an einen Hang it All Haken erinnert…

neue kaiser wilhelm gedächtniskirche Berlin 2011

Der Gesangsbuchhalter und der Huthaken

Was Eiermann leider nicht von Pforzheim in Berlin übernommen hat, war sein berühmtes Tischgestell als Altar. Diese Entscheidung ist jedoch eher den vielen Meinungsverschiedenheiten zwischen Eiermann und dem Berliner Bistum geschuldet, als einer bewussten Entscheidung seitens Eiermann.

1985 stellt Wilde+Spieth den “Pforzheimer Stuhl” als SE 119 der Öffentlichkeit vor – laut Arthur Mehlstäubler1, der erste Stuhl, den Eiermann für ein Architekturprojekt entworfen hat und der daraufhin in die Serienproduktion ging. Das markiert in unseren Augen den Punkt, an dem Eiermann zu einem vollwertigen “Möbelarchitekten” im dänischen Sinne wurde. Obgleich der SE 119 schon 1958 als Esszimmerstuhl im deutschen Pavillion auf der Weltausstellung in Brüssel zum Einsatz kam.

1962 brachte Wilde+Spieth den “Berliner Stuhl” als SE 121 heraus, der ab 1964 in der Kanzlei der deutschen Botschaft in Washington verwendet wurde. Ohne Huthaken und Gesangsbuchhalter, allerdings.

Leider werden beide Stühle nicht mehr hergestellt, aber die Kirchen stehen noch und in beiden kann man einen wunderbaren Einblick in einen sehr speziellen Teil von Egon Eiermanns Oeuvre erhalten.

1. Aus Kielmeyer, Barbara, Hg. “Egon Eiermann – die Möbel”, INFO-Verlag, Karlsruhe 1999

neue kaiser wilhelm gedächtniskirche Berlin 2011

Die neue Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche Berlin. Mit Eiermanns Stühlen, komplett mit Huthaken und Gesangsbuchhaltern



“Einer klaut vom anderen. Die Sitzmöbelindustrie lebt ja vom gegenseitigen Diebstahl.”

Thursday, December 8th, 2011

Wie viele wissen, laufen wir nicht jedem Trend hinterher. Eigentlich gar keinem. Das haben wir noch nie getan und das werden wir auch nie. Doch andere tun es.

Im Jahre 1964 war der große Trend in Westdeutschland zum Beispiel Ledermöbel – zumindest wenn man dem SPIEGEL Glauben schenken will.

In “Haut und Haare“, einem wunderbaren Artikel, der zugegebenermaßen vielleicht von niemandem gelesen werden sollte, der für Weihnachten einen Barcelona Sessel kaufen möchte, erklärt der unbekannte Spiegel-Autor nicht nur, wie stark der Leder-Trend damals in den westdeutschen Wohnzimmern verbreitet war, sondern er stellt auch die überaus gleichgültige Haltung gegenüber illegalen Kopien dar – und zeigt, wie sich die Zeiten verändert haben.

Er bezieht sich zum Beispiel auf “Die Firma W. Fehlbaum, Weil am Rhein,…”. Soweit wir wissen wurde das Unternehmen 1964 offiziell Vitra genannt, doch der Name wurde offenbar nicht als wichtig oder bekannt genug angesehen, um erwähnt zu werden.

Wie wir bereits in unserem Post “Design for Use, USA” angemerkt haben, ist die Designermöbelindustrie in der Tat viel jünger als viele von uns glauben. Jung, aber gut entwickelt.

vitra eames lounge chair

Der Eames Lounge Chair der "Firma W. Fehlbaum, Weil am Rhein" ging 1964 scheinbar weg wie warme Semmeln...

In jener Zeit, als die Welt noch schwarz-weiß war, veröffentlichten der SPIEGEL und andere seriöse Zeitungen und Magazine regelmäßig gut recherchierte Hintergrundartikel zur Designermöbelindustrie. In der Tat war im SPIEGEL – und wir werden wirklich nicht von ihm gesponsort, er ist nur ein sehr gutes Beispiel – bis zum Jahr 2000 die Rubrik “Möbel” regelmäßiger Bestandteil des Kulturteils.

Dann war Schluss damit. Bis vor Kurzem – als das Thema unter dem Stichwort “Design” zurückkehrte.

Wir wären fast an unseren Cornflakes erstickt als wir gesehen haben, dass sie einen Hintergrundartikel zur Vienna Design Week 2011 veröffentlicht haben. Ein Hintergrundartikel…! Mit Interview…!

Dieser Switch von “Möbel” zu “Design” ist charakteristisch für eine Entwicklung, die eigentlich erst 2010 begann als The Guardian den erfahrenen und hochgeschätzten Achitekten und Designjournalisten Justin McGuirk zum “Designkorrespondenten” ernannte. Eine Entscheidung, die zur Folge hatte, dass andere Blätter aufhorchten und die gelegentlichen Designartikel von der Rubrik “Kunst” in eine eigene Rubrik schoben.

Und so wurde ein Thema, das ein Jahrzehnt lang allein den Blogs vorbehalten war, auf einmal Mainstream.

Wir begrüßen die Einbringung aller bekannten Blätter in den Designdiskurs. Nicht nur, weil wir hoffen, dass es dabei hilft, jene Scharlatane herauszufiltern, deren modus operandi es ist, Presseberichte und Fotos zu kopieren und auf gute Google Rankings zu hoffen.

Es wäre allerdings eine Schande, wenn jene Journalisten, die für die Mainstream-Presse über Design berichten, den Blick auf den Möbelindustrie-Aspekt verlieren. Denn wir glauben fest daran, dass der Designermöbelindustrie und den Designern, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen, mehr mit einer Presse gedient wäre, die genau analysiert, hinterfragt und kritisiert, als mit der aktuellen, unterwürfigen B2B-Kultur, die Inhalt und Werbung verwechselt.

In diesem Sinne sind wir auch gespannt, wie sich #milanuncut 2012 entwickelt und ob sich der SPIEGEL in die Debatte einbringen wird. Und ja, das ist eine direkte Aufforderung an die Kollegen in Hamburg.

“Haut und Haare” ist ein “Trend”-Artikel und er ist zugegebenermaßen kein Artikel, der besonders brisante Fragen stellt. Doch durch seinen Stil und seine Haltung erinnert er uns daran, dass Möbeldesignjournalismus mehr sein kann als nur kriecherische Speichelleckerei. Wie viele Blätter würden heute noch das Selbstvertrauen haben, ein Zitat eines modernen Egon Eiermanns zu drucken, der alle Möbeldesigner als Plagiatoren denunziert?

Der Artikel endet mit der für uns herzerwärmenden Nachricht, dass eine Person unser Misstrauen gegenüber Modeerscheinungen teilt und sich dem Ledertrend jener Zeit widersetzte: Der westdeutsche Bundeskanzler Ludwig Erhard bestellte 16 Eames Lobby Chairs für Bonn. In Stoff. Nicht in Leder.

Ludwig Erhard

Ludwig Erhard widersetzte sich den Modetrends der 1960er (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F015320-0010 / Patzek, Renate / CC-BY-SA)

 

 



Design for Use, USA

Tuesday, November 8th, 2011
Design for Use USA catalogue

Design for Use, USA. Das Cover von Alexander Girards Katalog.

Vom 20. März bis 25. April 1951 fand in Stuttgart die erste Nachkriegsausstellung zum Thema moderne amerikanische Inneneinrichtung und Haushaltsgeräte statt.

Vom New York Museum of Modern Art organisiert, zeigte die Ausstellung mit dem Titel “Design for Use, USA” einen Querschnitt amerikanischen Gebrauchsdesigns – und somit ein Who is Who der amerikanischen Designer Mitte des 20. Jahrhunderts: Charles Eames. George Nakashima. Ray Eames. George Nelson. Eero Saarinen. Isamu Noguchi. Etc.

All das wird in einem von Alexander Girard geplanten Ausstellungskonzept und Katalog präsentiert.

Neben einer durchaus ansehnlichen Liste von Ausstellungsobjekten, war und ist die Ausstellung auch aus einer ganzen Reihe anderer Gründe interessant.

Zuallererst weil sie bereits zwei Jahre bevor Willi und Erika Fehlbaum ihren “folgenreichen” Ausflug nach New York unternahmen, stattfand – sie kamen damals mit den Grundsteinen für Vitra im Handgepäck zurück.

(Man stelle sich mal vor… wenn jemand in Stuttgart etwas mehr unternehmerisches Gespür gezeigt hätte…. Es gäbe kein Vitra.)

Zweitens brachte die Ausstellung die Designermöbelindustrie im Nachkriegseuropa in Gang.

Im Artikel “The “Advance” of American Postwar Design in Europe: MoMA and the Design for Use, USA Exhibition 1951–1953″1 behauptet Gay Mcdonald, dass die Ausstellung nur stattfand, um Amerika im Rahmen des Marshall Plans in Europa populär zu machen und liest man die MoMa Pressemitteilung2 von 1951, kann man das auch nur schwer leugnen.

Soweit wir das richtig interpretieren, exportieren die Amerikaner ihre Kultur ja auch schon seit jeher mit größter Leidenschaft in den Rest der Welt – sei es die Blue Jeans, Hamburger oder unterdrückende Sicherheitskonzepte im Namen der Freiheit…

Und natürlich haben sie auch ihre eigenen Sportarten entwickelt, anstatt einfach die von anderen Kulturen zu übernehmen.

Aber wir vertrauen auf die meisten Europäer und, ja, auch auf die meisten Amerikaner, dass sie intelligent genug sind, ihre eigenen Schlussfolgerungen und Meinungen zu bilden.

Unabhängig von den Motiven finden wir, dass die Ausstellung genau das Richtige zur richtigen Zeit war. Damals war Amerika nämlich, ungeachtet des Krieges, der Motor im weltweiten Produktdesign. Und das MoMa war zweifelsohne die Institution, die die größte Rolle dabei gespielt hat, amerikanische Designinnovationen in der Welt zu verbreiten.

1951 waren weite Teile Europas mit dem Wiederaufbau beschäftigt – schnelle und effiziente Lösungen im Möbel- und Produktdesign waren also äußerst gefragt.

upholstred chair georeg nelson herman miller
“Upholstered chair” von George Nelson für Herman Miller, gesehen im Design for Use, USA Katalog

Gay Mcdonald zitiert eine Quelle, die besagt, dass die Ausstellung von 60.000 Menschen besucht wurde. Das klingt vielleicht gar nicht so viel, aber man muss bedenken, dass es 1951 war. Damals gab es noch keine Billigflieger, die für 20 Euro nach Stuttgart fliegen. Und die “Designindustrie” war damals auch noch nicht so weit wie heute.

Und Vitra war zu der Zeit noch eine unwichtige, kleine Baseler Firma im Aufbau. – 60.000 Besucher waren für die Zeit einfach fantastisch.

Was leider nicht aufgezeichnet wurde, ist, wer alles kam und was sie mitgenommen haben.

Für so gut wie jede wichtige und einflussreiche Manchester Band der späten 1970er und frühen 1980er können die Ursprünge zurück zum Sex Pistol Konzert am 4. Juni 1976 in der Lesser Free Trade Hall geführt werden; und so können wir (Romantiker) uns sehr gut vorstellen, dass “Design for Use, USA” das europäische Möbeldesign der 50er und 60er Jahre genauso stark beeinflusst hat.

Ohne Aufzeichnungen kann man leider nur mutmaßen, wie die Langzeitfolgen für die Besucher der Ausstellung konkret aussahen.

Nach Stuttgart tourte die Ausstellung weiter durch Europa: nach London, Paris, Zürich und zur Mailänder Triennale. Die Tatsache, dass keiner die Chance ergriff und die Produktionslizenzen für Europa übernahm, lässt sich möglicherweise darauf zurückführen, dass alles noch zu neu war, zu anders.

Jedenfalls ist es naheliegend, dass mit der Ausstellung ein Prozess der Sensibilisierung losgetreten wurde, der letztlich auch den Weg für Vitra und den Erfolg mit dem Verkauf der Möbel von Eames, Nelson, Noguchi und all den anderen ebnete.

Ganz sicher aber liegt hier der Ausgangspunkt für Wilde + Spieths erfolgreiche Vermarktung von Egon Eiermanns Stühlen. Egon Eiermann begann mit seiner Teilnahme an der “Wie Wohnen?”-Ausstellung, 1949/50,  in Stuttgart und Karlsruhe öffentlich gegen Massenproduktion zu arbeiten. Viele seiner Designs stammen definitiv aus der Mitte der 1940er Jahre und Eieramann war dabei zweifelsfrei von dem, was er zu der Zeit aus und über Amerika las, beeinflusst.

Wir sagen nicht, dass er irgendetwas kopiert hat, aber Eiermann und Eames haben definitiv auf ähnlichen Feldern geforscht und expermentiert. Obgleich Eames ein wenig schneller und erfolgreicher war.

Damals hätte das freilich kaum jemand so betrachtet. 1951 haben sich gerade einmal 153 Stück von Eiermanns SE 3 (dem heutigen SE 42) verkauft; und das hauptsächlich an Architekten. In den folgenden Jahrzehnten stieg der Verkauf dann nicht nur dramatisch an, Eiermanns Stuhldesigns – mit ihren unleugbaren Bezügen zu Eames’ Entwürfen -  entwickelten sich außerdem bald zu europäischen Designklassikern.

Aber wieder können wir eigentlich nicht beweisen, dass Design for Use, USA etwas damit zu tun hatte.

design for use usa charles eames rar sideboard
Ein RAR und ESU Bookcase von Charles und Ray Eames, gesehen im Design for Use, USA Katalog

Zusätzlich zur Wegbereitung für ein neues Verständnis von Inneneinrichtung, beeinflusste “Design for Use, USA” Europa hinsichtlich neuer Technologien und Geschäftsmodelle. Es wurden Möbel aus Plastik geformt und Designermöbelhersteller in der Tradition von Hermann Miller etablierten sich.

Wir haben zwar keine bestätigten Aussagen darüber, ob Arne Jacobsen bei der Ausstellung anwesend war;  aber man kann nicht leugnen, wie hingebungsvoll er sich den synthetischen Materialien, die zwischen 1950 und 1960 auf den Markt kamen, gewidmet hat.  Das hat er außerdem ganz meisterhaft mit der guten alten dänischen Handwerkstradition zusammengebracht. Das Ei und der Schwan sind wohl die besten Beispiele dafür.

Auch wenn unsere Argumentation etwas lückenhaft ist, kann man doch sicher davon ausgehen, dass die europäische Möbelindustrie ohne “Design for Use, USA” etwas länger gebraucht hätte, auf eigenen Füßen zu stehen – und das wahrscheinlich mit weniger interessanten Produkten.

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Slinky von Richard T James: war auch Teil der Design for Use, USA Ausstellung

1. Gay McDonald “The “Advance” of American Postwar Design in Europe: MoMA and the Design for Use, USA Exhibition 1951–1953″ Design Issues: Volume 24, Number 2 Spring 2008. Seiten 15-27

2. “MUSEUM’S “DESIGN FOR USE, U.S.A.” EXHIBITION SAILED FOR EUROPE JANUARY 5″ http://www.moma.org/docs/press_archives/1483/releases/MOMA_1951_0001_1951-01-04_510104-1.pdf

3. Arthur Mehlstäubler “Egon Eiermann – der deutsche Eames?” in Egon Eiermann (1904 – 1970)



Wilbur von Daniel Wahl

Wednesday, June 29th, 2011

Daniel Wahl aka weltunit hat auf dem DMY Berlin 2011 offiziell seine neue Schreibtischplatte Wilbur vorgestellt.

Wilbur ist ein Entwurf speziell für das Egon-Eiermann-Tischgestell und soll Schreibtischtätern in erster Linie helfen, wieder die Kontrolle über ihren Arbeitsplatz zu erlangen – und vor allem über ihre Kabel.

Was viele gar nicht wissen: Egon Eiermann hat lediglich das Tischgestell designt. Seine Idee war, dass jeder sich seine eigene Platte selbst besorgt. Und tatsächlich haben viele seiner Studenten einfach alte Türen auf ihre Gestelle gelegt.

Damals wurde noch alles per Hand und auf Papier erledigt. Schreibtischorganisation bezog sich im Prinzip nur darauf, wie man seine Papiere stapelte. Die Tischplatte an sich war demnach weniger wichtig, sie musste musste nur flach sein.

Seitdem hat sich einiges getan. Wer kennt nicht die immer unübersichtlicheren Berge von Kabelsalat und notwendigen technischen Gerätschaften, die sich auf dem “Schreib”tisch türmen.

Wilbur ist Daniel Wahls Antwort.

Ein “Tunnel” unter der Tischplatte bietet genug Raum für sämtliche Kabel, Ladegeräte und externe Festplatten – oder wahlweise auch für Kekse, falls die Kollegen wiederholt Backwareneigentumsrechte verletzen!

Zugang zum Tunnel bekommt man über einen Ausschnitt in der Tischplatte. Die Abdeckung ist an der Seite geschlitzt sodass Kabel eingeführt werden können.

Es ist alles so simpel dass man fast weinen möchte.

Wilbur wird in Deutschland hergestellt und ist in verschiedenen Größen und Ausführungen erhältlich. Für den Ausschnitt in der MDF-Platte werden verschiedene Optionen angeboten – je nach den unterschiedlichen Kabelgegebenheiten der Nutzer.

Weitere Informationen gibt es unter www.weltunit.com



IMM Cologne 2011: Richard Lampert – Kids Only

Friday, January 28th, 2011
Eric Degenhardt presents his new Tur-Tur. In the foreground the new kids In-Out lounger

Eric Degenhardt präsentiert den Tur-Tur. Im Vordergrund der neue In-Out Sessel für Kinder

Richard Lampert ist natürlich kein Newcomer in der Welt der Designer-Kindermöbel. Produkte wie der Eiermann Kindertisch – eine verkleinerte, kinderfreundliche Version des Egon Eiermann Tischgestells – oder der Kinderdrehstuhl Turtle von Peter Horn entwickelten sich über die Zeit zu echten Familienlieblingen.

Da es aber scheinbar kaum qualitativ hochwertige Designermöbel für Kinder auf dem Markt gibt, entschied sich Richard Lampert mit Hilfe von jungen internationalen Designtalenten eine eigene Kinderkollektion ins Leben zu rufen. Die Ergebnisse dieser fruchtbaren Zusammenarbeit stellte er nun in Form der Möbelserie “Kids Only” auf der IMM Cologne 2011 vor.

Dort gezeigt wurde “Tur-Tur” von Eric Degenhardt, das als Indoor-Baumhaus in gewisser Weise an die von den Brüdern Bouroullec 2000 entwickelte Installation Lit Clos erinnert. Ausschließlich für Kinder entwickelt, erweist sich “Tur-Tur” als kein schlechtes Spielzeug.

Nachdem sich 2010 ein fast endloser Strom aus “Hochstühlen” auf Designmessen und Studentenausstellungen über uns ergoss, begeistert uns Tur-Tur nun, im Gegensatz zu allen anderen gesehenen Möbeln für Erwachsene, die ihr inneres Kind wiederentdecken möchten, durch seine Ausrichtung auf real existierende Kinder.

Hoch über allen (erwachsenen) Dingen können sich Kinder ihre eigene Welt schaffen, und sich dabei einzigartig fühlen. Dieses “Das kann nur ich und niemand anderes”-Gefühl ist doch für Kinder unbestreitbar das befreiendste Gefühl überhaupt.

Außerdem kann man allerlei Sachen an und über die Stufen hängen, es gibt Stauraum im Rücken und man kann sogar darunter zelten.

Auch Degenhardts großartiger “In-Out” Sessel aus dem Jahr 2008 wurde auf Kindergröße geschrumpft. Natürlich haben wir den Sessel nicht ausprobiert, aber er sieht genauso gut aus wie die Erwachsenen-Version.

Das holländische Wunderkind Bertjan Pot hat derweil mit dem reifenförmigen Beanbag “Pit Stop” eine seiner (unserer Meinung nach) besten Arbeiten der letzten Jahre abgeliefert. Er ist vielleicht nicht sehr innovativ, aber dafür umso funktionlaer und praktischer.

Rocker by Doshi Levien - winner of a Best of Best, Interior innovation Award 2011 Best of

Rocker von Doshi Levien - Gewinner Best of Best, Interior Innovation Award 2011

Ein echter Hingucker der Kollektion ist aber Rocker vom Londoner Designstudio Doshi Levien.

Die Form erinnert entfernt an Walter Papsts Schaukelplastik, aber das Design von Rocker ist viel einfacher und interaktiver. Wir sind uns sicher, dass ein durchschnittliches Kind den Rocker nicht nur als Schaukelpferd benutzen wird, sondern eher als Instrument zum Entdecken und Austesten.

Erwachsene werden ihre Freude haben an der Mischung aus Holz und Kunststoff, die den Rocker aussehen lässt wie ein vergessener dänischer Designklassiker aus den 1970ern… und sicher in jedem Raum eine gute Figur abgibt. Soll heißen, die vorrübergehende Anwesenheit von Kindermöbeln im Haus muss nicht mit dem eigenen Stylingkonzept interferieren.

Alles in allem ist die Kids Only Kollektion von Richard Lampert eine ausgewogene und intelligente Zusammenstellung.

Und – was noch viel wichtiger ist – die Kollektion hat den Maßstab für Designerkindermöbel wieder etwas höher gesetzt.

Through the keyhole: Richard Lampert introduces his new Kids Only Collection

Blick durchs Schlüsselloch: Richard Lampert stellt seine neue Kids Only Kollektion vor

Richard Lampert and the Kids Only Collection designers

Richard Lampert und die Designer der Kids Only Kollektion

For us the highlight of the new Richard Lampert Kids Only collectionRocker by Doshi Levien, a

Unser Highlight der neuen Kids Only Kollektion von Richard Lampert: Rocker von Doshi Levien

Pit Stop by Bertjan Pot

Pit Stop von Bertjan Pot



Eiermann Schreibtisch: Warum hat ihn sich Benjamin verdient?

Friday, January 14th, 2011

Bereits im Oktober 2010 veranstaltete der Designer Blog pixelganster.de einen Wettbewerb mit einem Richard Lampert Egon Eiermann Schreibtisch als Hauptgewinn – natürlich gesponsort von (smow).

Die Teilnehmer wurden gebeten darzustellen, warum sie den Schreibtisch verdient hätten.

In seinem Gewinner-Video fragte Benjamin seine Freunde, warum er den Schreibtisch verdient hätte – wären deine Freunde so großzügig?

Unsere wahrscheinlich nicht.

Aber wir haben ja bereits einen Eiermann Schreibtisch!

Benjamin’s Gewinner-Video (deutsch mit englischen Untertiteln)



Dänspotting: Ist dänisches Möbeldesign noch relevant?

Friday, September 17th, 2010

Wie bereits berichtet, war unser Besuch in Kopenhagen und bei der CORE 10 ohne Frage einer unserer enttäuschendsten Trips.

Das lag vor allem an der nicht vorhandenden Innovation, Vorstellungskraft und Qualität.

It’s certainly a phenomenon in all walks of life.

What do you mean?

Well, at one point, you’ve got it, then you lose it. And it’s gone forever.

All walks of life.

Georgie Best, for example, had it, lost it.

Or David Bowie or Danish design.

Danish design. Some of their modern stuff’s not bad.

No, it’s not bad, but it’s not great either, is it?

And in your heart you kind of know that although it looks all right…

It’s actually just…..

Sogar in der Ruhmeshalle skandinavischen Designs nimmt das “Dänische Design” einen erhobenen, fast mystischen Platz ein.

Verner Panton, Arne Jacobsen, Finn Juhl, Poul Kjaerholm, Hans J. Wegner und und und…

Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben zu behaupten, dass kein anderes Land dem Nachkriegsdesign mehr “Stars” geschenkt hat als Dänemark.

Besonders, wenn man das Verhältnis “Star-Designer zu Einwohnern” berücksichtigt.

Aber…

Zu wenige dänische Möbelhersteller verstehen, warum das so ist.

Es geht nicht um ageometrische Formen und bunte Farben.

Arne Jacobsen's Bellvue Chair from 1934

Arne Jacobsens Bellevue Chair aus dem Jahr 1934

Wie Egon Eiermann war ein Großteil der bekannten dänischen Designer Architekten, die in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg regelmäßig individuelle Möbelstücke für ihre Projekte entwarfen – die aber keine wirkliche Rolle in der industriellen Möbelproduktion spielten.

Die sozialen und kulturellen Veränderungen der 50er und 60er Jahre haben im Grunde den Massenmarkt für zeitgenössische Möbel geschaffen: und die Möbelhersteller fanden in den führenden Architekten der Zeit eine Quelle von innovativen, erfahrenen Möbeldesign-Talenten.

Die Designer blieben allerdings hauptsächlich Architekten, die gelegentlich auf Basis ihres Architektur-Verständnisses und ihrer eigenen Prozesse Möbel entwarfen.

Arne Jacobsens Ameise, zum Beispiel, begann als Kantinenstuhl für eine Fabrik, an der Jacobsen arbeitete. Durch den Kontakt mit Fritz Hansen entwickelte sich das Projekt, getrieben von dem Interesse, ein Produkt zu entwerfen das mit Charles und Ray Eames Sperrholzmöbelkollektion mithalten konnte.

Was uns zum zweiten Impuls bringt: die Innovation dieser Zeit.

Der Eames DSR ist zum Beispiel kein besondersis umwerfender Stuhl – der in Form gegossene Plastesitz war aber zu seiner Zeit revolutionär.  So wie das gebogene Sperrholz von Eames oder der Plaste-Freischwinger von Verner Panton sehen wir viele der heutigen Designklassiker nicht als ebenjene wegen ihrer Erscheinung, sondern weil sie eine historische Bedeutung haben, Genres neu definierten, als sie auf den Markt kamen und sich so in das kollektive Bewusstsein gebrannt haben.

Hinzu kommt die Verfügbarkeit des Materials als solches. Möbel waren traditionell aus Holz hergestellt, die Bauhaus-Bewegung und Modernismus brachten Metall und Glas ins Spiel, bis Ende der 1940er Jahre eine Materialknappheit dazu führte, dass Europas Möbelhersteller in ihren Möglichkeiten eingeschränkt waren.  In den 1950er und 60er Jahren hatten die Produzenten zum einen wieder Zugang zu mehr Material, zum anderen wurden durch die Industrialisierung immer mehr neue Materialien hergestellt – und die Möbeldesigner fühlten sich mit den neuen Möglichkeiten wie Kinder vor einem Weihnachtsbaum.

Alle Neuigkeiten und Innovationen konnte durch die neuen Massenmedien wie Fernsehen oder Farbdruck schnell verbreitet werden und fanden im Europa in Zeiten von Wohlstand und Sicherheit dankbare Abnehmer.

All diese Faktoren kamen zusammen um das Konzept des dänischen Designs hervorzubringen.

Oder in anderen Worten: In Dänemark taten die richtigen Leute im richtigen Moment das Richtige.

Tivoli Chair by Verner Panton through Montana: Colourful, but thats not why its good.

Tivoli Chair von Verner Panton (Montana): Farbenfroh, aber nicht nur deswegen gut

Heutzutage werden Produkte für Möbelhersteller fast ausschließlich von professionellen Produktdesignern entworfen, deren Aufgabe es ist Artikel auf Anfrage zu fertigen.

Das ist an sich keine schlechte Sache, wenn man davon ausgeht, dass die Motivation darin liegt, etwas Neues zu kreiieren oder ein bestehendes Design zu verbessern.

Zu viel von dem, was wir gesehen haben, war weder neu noch besser.

Zu viel von dem, was wir gesehen haben, war einfach Mittelmäßigkeit – hübsch verpackt in bedeutungslosem Marketinggeschwätz um zu verschleiern, dass das Produkt weder neu noch interessant ist.

Renton würde sicher sagen “Früher oder später musste es so kommen.”

Im (smow)Büro hängt das Poster “A Century of Danish Chairs” an der Wand, es beginnt 1905 und endet 1979 – so ähnlich war auch unsere Erfahrung auf der CODE 10.

So als wären die letzten 30 Jahre nicht passiert.

Dänisches Möbeldesign ist noch nicht komplett ausgestorben, und Sick Boys vereinheitlichende Theorie vom Leben ist nicht generell gültig, aber ein Großteil ist eindeutig vom Weg abgekommen umd man kann sich schwer vorstellen, woher der Impuls kommen soll um dänisches Möbeldesign wieder aufleben zu lassen.

Nicht zuletzt wenn eine müde Veranstaltung wie die CODE 10 damit wirbt, “…new approaches to design form, design thinking and the creative process” zu zeigen.

Zum Glück gab es vereinzelt ein paar wirklich außergewöhnliche Stücke zu sehen, die wir im nächsten Dänspotting Post vorstellen werden.

Is the sun setting on Danish furniture design?

Is the sun setting on Danish furniture design? Der Untergang