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Bauhaus Dessau: Das Bauhaus in Kalkutta. Eine Begegnung kosmopolitischer Avantgarden

Thursday, April 4th, 2013

Nach der Ausstellung von 2011, “Kibbuz und Bauhaus“, präsentiert die Stiftung Bauhaus Dessau derzeit eine weitere Ausstellung, die dem globalen Wirken des Bauhauses gewidmet ist. Oder vielleicht besser, das Bauhaus Dessau hat mal wieder eine Ausstellung aufbereitet, die die Ausdehnungen des weltweiten Netzwerkes Bauhaus und seiner Studenten unter die Lupe nimmt. Dieses Mal geht die Reise nach Indien. Und während sich “Kibbuz und Bauhaus” stark auf die Architektur und Stadtplanung konzentriert hat, ist ”Bauhaus in Kalkutta” reine Kunst.

1922 veranstaltete die Indian Society of Oriental Art eine Ausstellung mit Arbeiten von Bauhaus Künstlern wie Paul Klee, Lyonel Feininger und Johannes Itten neben Arbeiten von führenden Figuren in der indischen Avantgarde Bewegung, u.a. Shanta Devi, Nandalal Bose und Gaganendranath Tagore. Diese Ausstellung ist nun in Dessau zu sehen.

Die Ausstellung von 1922 war ein Dialog zwischen zwei aufkommenden Avantgarde Bewegungen; zwei aufkommenden Avantgarde Bewegungen, die trotz ihres sehr unterschiedlichen Hintergrundes und verschiedener Intentionen in mehreren gemeinsamen Grundsätzen miteinander verbunden waren. Bei der aktuellen Ausstellung geht es, obwohl sie ca. 160 Kunstwerke präsentiert, vor allem um den Hintergrund der Kalkutta-Ausstellung als um das Ausgestellte als solches.

“Bauhaus in Kalkutta” beginnt mit einer Einführung zu den Ursprüngen der indischen Künstlerbewegung, die in Verbindung mit der Indian Society of Art und der Bengal School stand, bevor es mit der Rolle der “Weltstädte”, wie sie die Kuratoren nennen, weitergeht – gemeint sind Berlin, London, Wien und Kalkutta - und die die intellektuellen und kulturellen Netzwerke etablierten, die so eine Ausstellung überhaupt erst denkbar machten. Außerdem wird auf Ähnlichkeiten und Unterschiede der Verhältnisse im frühen 20. Jahrhundert innerhalb Deutschlands auf der einen und Indiens auf der anderen Seite hingewiesen.

Nachdem der Hintergrund geklärt wurde, stellt die Ausstellung Arbeiten von ausgewählten Künstlern aus Indien und dem Bauhaus vor; obwohl – und das hatten wir ursprünglich anderes verstanden – nicht alle Werke in Dessau auch in Kalkutta gezeigt wurden. Vielmehr ist die Ausstellung eine “repräsentative Rekonstruktion” der Ausstellung von 1922: da sind einige originale Arbeiten, die auch schon in Indien gezeigt wurden, einige “Referenzstücke” von Künstlern, von denen andere Arbeiten ausgestellt wurden, und Reproduktionen von Exponaten der original Ausstellung.

Obwohl es natürlich schön wäre, wenn man nur die Originale von 1922 ausgestellt hätte, ist davon auszugehen, dass wegen der 90 Jahren, die seitdem vergangen sind, und wegen der relativ unvollständigen Dokumentation, die Kuratoren die original Exponate einfach nicht auffinden und/oder ausleihen konnten. Insofern ist ihre ”repräsentative Rekonstruktion” eine absolut legitime Alternative und bietet eine wunderbare Wiedergabe von dem, was die Ausstellungsbesucher 1922 erlebt haben müssen.

Was “Bauhaus in Kalkutta” nicht macht, ist tiefgehend zu reflektieren, wie die Langzeitwirkungen der Ausstellung von 1922 aussahen und wie die indische Kunstszene im speziellen vom Wirken der deutschen Gäste beeinflusst wurde. Oder andersrum.

Indien, oder besser gesagt der indische Subkontinent, hat natürlich etwas von den Entwicklungen am deutschen Bauhaus zu Spüren bekommen: Le Corbusier und Louis Kahn als zwei der prominentesten Modernisten haben ihre Spuren in der Region hinterlassen, und Charles und Ray Eames schrieben 1958 ihren “India Report” für die indische Regierung, der schließlich zur Gründung vom Indian National Institute of Design führte.

Inwieweit diese späteren Entwicklungen mit den Kontakten und Erfahrungen, die 1922 gemacht wurden, in Verbindung gebracht werden können, steht noch zu diskutieren aus. Unserer Meinung nach wäre das eine gute Idee für eine nächste Ausstellung.

“Bauhaus in Kalkutta. Eine Begegnung kosmopolitischer Avantgarden” ist bis zum 30. Juni bei der Bauhaus Stiftung Dessau zu sehen.

Neben der Ausstellung findet ein Rahmenprogramm mit Gesprächen, Konzerten und Workshops statt.

Vollständige Informationen unter: www.bauhaus-dessau.de

 



Marcel Breuer – Design und Architektur. Interview mit Kurator Mathias Remmele

Saturday, August 25th, 2012

Das Bauhaus Dessau zeigt noch bis zum 31. Oktober 2012 die Ausstellung Marcel Breuer – Design und Architektur des Vitra Design Museums Weil am Rhein. Kuratiert wurde die Ausstellung, die einen breitgefächerten Blick auf Breuers Möbel- und Architekturerbe wirft, vom Journalisten/Kuratoren/Dozenten Mathias Remmele.

Bei der Ausstellungseröffnung haben wir uns mit Mathias Remmele auf einen kurzen Plausch über Marcel Breuer, seine Arbeit und seinen Einfluss getroffen.

(smow)blog: In der Ausstellung wird klar, dass Marcel Breuer zunächst mit Holz gearbeitet hat und erst später auf gebogenen Stahl umgestiegen ist. Woher dieser Wandel? Ist denn bekannt, was seine Motivation dafür war?

Mathias Remmele: Man kann es zwar nicht mit 100%iger Sicherheit sagen, aber von Breuer selbst stammt die Geschichte, dass er eines Tages Rad fuhr, auf seinen Lenker hinunterschaute und eine Art Heureka-Moment erlebte. Ich persönlich bin allerdings nicht davon überzeugt, dass das die ganze Geschichte ist. Es gibt auch die Vermutung, dass der Ursprung in der Junker Flugzeugfabrik zu finden ist, die auch hier in Dessau war, Verbindungen zum Bauhaus hatte und gebogenen Stahl und Eisen nutzte um beispielsweise Flugzeugsitze zu bauen. Aber wie gesagt, man weiß das nicht mit 100%iger Sicherheit.

(smow)blog: Aber eines ist sicher: Als er einmal angefangen hatte, war er nicht mehr aufzuhalten…

Mathias Remmele: In der Tat verbachte er die nächsten sechs Jahre intensiv mit dem Biegen von Stahl und entwarf mehr oder weniger alle Arten von Möbeln, die man aus diesen Material überhaupt machen kann; darunter zahlreiche Stühle, Hocker, Tische, Pulte und sogar ein Bett.

(smow)blog: War es denn so, dass Breuer mit seinen Ideen für neue Stücke auf Thonet zugegangen ist, oder hat der Hersteller ihn mit dem Entwurf bestimmter Objekte beauftragt? Woher kam der Antrieb neue Stücke zu schaffen?

Mathias Remmele: Auch das ist wieder nicht genau dokumentiert, wie so vieles über Breuer. Aber ich vermute, dass Breuer zu Anfang mit seinen Ideen auf Thonet zukam und Thonet ab einem gewissen Zeitpunkt damit anfing zu schauen, was für Objekte für die Firma interessant sein könnten.

(smow)blog: Walter Gropius ist ja eine konstante Größe in Marcel Breuers Biografie. Wie war denn ihre Beziehung zueinander? War es eher eine Vater-Sohn- oder eher eine Lehrer-Schüler-Beziehung?

Mathias Remmele: Ich würde sagen, es war eher wie eine Vater-Sohn-Beziehung; jedenfalls pflegten sie eine lebenslange Freundschaft. Walter Gropius erkannte Breuers Talent schon sehr früh in Weimar, ermutigte ihn und unterstützte seine Arbeit bevor er ihn zum Jungmeister und Leiter der Möbelwerkstatt in Dessau beförderte. Doch auch nach der Zeit am Bauhaus hielten sie engen Kontakt und Walter Gropius versuchte immer, ihn durch seine Kontakte und seinen Einfluss zu unterstützen.

(smow)blog: Walter Gropius war ja nicht der einzige wichtige Einfluss auf Breuers Arbeit, sondern auch de Stijl. Wo und wie kam Marcel Breuer denn zum ersten Mal mit der Arbeit und den Akteuren von de Stijl in Kontakt?

Mathias Remmele: Mitglieder der de Stijl-Bewegung stellten Anfang der 1920er Jahre den Kontakt zum Bauhaus her. Sie hielten dann in Weimar einen Vortrag, bei dem die Bauhäusler, darunter auch Breuer, und die Mitglieder von de Stijl sich und ihre Arbeiten kennenlernten. Das hatte großen Einfluss auf Marcel Breuer, wie man an einigen seiner früheren Holzarbeiten sehen kann.

(smow)blog: Kann man Marcel Breuer wirklich als Bauhäusler betrachten oder ist er eher jemand, der zwar mit der Schule in Verbindung gebracht wird, aber die ideologische, philosophische Seite der ganzen Sache nie so ganz absorbiert hat?

Mathias Remmele: Ich denke, man kann ihn ohne Frage als Bauhäusler ansehen. Die Schule hat ihn stark beeinflusst und ist eng mit einigen sehr positiven Phasen seines Lebens verbunden. Und nach dem Bauhaus blieb er nicht nur mit Gropius in Kontakt, sondern auch noch mit anderen Leuten wie Paul Klee, den er sowohl als Maler als auch als Mensch sehr bewunderte. Für mich ist Marcel Breuer einfach der wichtigste und interessanteste Bauhausschüler!

marcel breuer lattenstuhl 1924

Der stark von de Stijl beeinflusste Lattenstuhl von Marcel Breuer (1924) bei "Marcel Breuer – Design und Architektur", Bauhaus Dessau

marcel breuer steel tube chairs

Eine Auswahl der Stahlrohrstühle von Marcel Breuer bei "Marcel Breuer – Design und Architektur", Bauhaus Dessau



Bauhaus: Art as Life – Interview mit der Kuratorin Lydia Yee

Thursday, May 31st, 2012

Wir wollen unsere Berichterstattung über die Ausstellung Bauhaus: Art as Life in der Barbican Art Gallery London damit beenden, womit Ausstellungen normalerweise beginnen: mit dem Kurator. Genauer gesagt sprachen wir mit Lydia Yee, die zusammen mit Catherine Ince, für die Organisation der Ausstellung verantwortlich war.

Die ersten konzeptionellen Samen für die Ausstellung Bauhaus: Art as Life wurden bereits 2009 gesät. Damit liegt hinter den beiden Kuratorinnen nicht nur eine ganze Menge Arbeit, sondern vor allem eine geballte und einzigartige Studie vom Bauhaus und seinen Bauhäuslern. Natürlich wollten wir da neben den üblichen Fragen nach dem Hintergrund zur Ausstellung und den Hoffnungen, was man den Besuchern mitgeben können wird, wissen, was Lydia Yee selbst aus dieser Erfahrung mitgenommen hat.

(smow)blog: Wo fängt man eigentlich an, wenn man eine Bauhaus-Ausstellung kuratiert? Hatten Sie ein bestimmtes Ziel, wollten Sie eine besondere Geschichte erzählen?

Lydia Yee: Wir wollten die Geschichte des Bauhauses nicht einfach chronologisch nacherzählen, sondern uns viel mehr auf die Schlüsselthemen in der Geschichte der Schule konzentrieren. Dazu gehört es auch, einige der Hauptakteure zu porträtieren und sich anzusehen, wie die Ausbildung organisiert war oder wie das Verhältnis zwischen Schülern und Meistern aussah. Die Herausforderung lag dann darin, die Elemente auf kohärente Weise miteinander zu verknüpfen, sodass es für den Besucher möglichst eingängig ist.

(smow)blog: Heißt das, Sie hatten einen Plan im Kopf und versuchten dann die zur Realisation des Plans notwendigen Objekte zu beschaffen oder haben Sie erst einmal abgewartet, welche Exponate Sie tatsächlich zur Verfügung haben werden?

Lydia Yee: Ein bisschen von beidem. Wir haben damit angefangen, eine Wunschliste zu erstellen, und während wir abwarteten, welche Stücke wir tatsächlich bekommen und welche Leihgaben möglich wären, begannen wir mit der Organisation der Ausstellung. Aus heiterem Himmel bekamen wir dann noch Zugang zu einigen neuen, aufregenden Stücken, die eine besondere Geschichte erzählten; diese wurden dann zu Unterthemen in der Ausstellung.

(smow)blog: Hat sich das Ausstellungskonzept so über die vergangenen drei Jahre entwickelt und verändert?

Lydia Yee: Es hat sich eigentlich nichts radikal verändert, allerdings war es zum Beispiel so, dass wir die sozialen Aspekte des Bauhauses betrachten wollten und sich daraus eine Teilung der Ausstellung in zwei Abschnitte ergab. Ein Ausstellungsteil widmet sich nun den Menschen, Begabungen und Beziehungen und ein kleinerer den Feierlichkeiten und Partys am Bauhaus. Diese Events waren besonders in den Anfangsjahren sehr wichtig. Walter Gropius wollte mit ihnen zwischen allen Akteueren an der Schule ein gutes Verhältnis schaffen. Außerdem war er es, der Feste, Lesungen, Spiele und Vorträge wollte, damit alle gemeinsam lernen und Spaß haben konnten.

(smow)blog: Und haben Sie selbst während der Vorbereitungen zur Ausstellung etwas gelernt?

Lydia Yee: Ja, und zwar jede Menge! Ich wurde auch oft sehr überrascht. Für mich waren besonders die Arbeiten interessant, die wahrscheinlich gar nicht dafür gedacht waren, für immer erhalten zu bleiben, also vor allem die kleinen persönlichen Gegenstände. Marianne Brandt hat beispielsweise einige wunderschöne Collagen gemacht, die sie damals nie ausgestellt hat.

(smow)blog: Was hoffen Sie denn, werden die Besucher mit nach Hause nehmen?

Lydia Yee: Ich hoffe, dass sie die Ausstellung mit einer neuen Sicht auf das Bauhaus verlassen und vor allem verstehen werden, dass es über eine viel offenere Struktur verfügte, als man heute oft glaubt. Ich denke, dass unsere Sicht auf die Moderne im Allgemeinen und das Bauhaus im Besonderen ziemlich starr geworden ist. Deshalb denke ich, dass die Besucher angenehm überrascht sein werden, wenn sie das Bauhaus in der Ausstellung als einen viel komplexeren, dynamischeren Ort kennenlernen werden, als viele von ihnen es sich bisher vorgestellt hatten.

Bauhaus: Art as Life kann noch bis zum 12. August in der Barbican Art Gallery London besucht werden. Wenn man bis dahin in London ist, sollte man sich unbedingt die Zeit für einen Abstecher in die Galerie nehmen.

Bauhaus Art as Life Barbican Art Gallery London

Bauhaus: Art as Life. Barbican Art Gallery London

Bauhaus Art as Life Barbican Art Gallery London

Bauhaus: Art as Life. Barbican Art Gallery London



Barbican Art Gallery – Bauhaus: Art as Life

Tuesday, May 15th, 2012

Gibt es überhaupt noch irgendwas über das Bauhaus zu sagen? Haben wir nicht schon genug gesehen, gelesen, geschrieben? Wir alle kennen doch die wichtigsten Punkte dieser Architektur- und Designgeschichte. Wir kennen auf jeden Fall die berühmtesten Kunstwerke und Designklassiker. Immerhin die Namen von drei oder vier Bauhäuslern können die meisten von uns nennen; die Clevereren unter uns schaffen es vielleicht sogar auf ein Dutzend. Es gibt also eigentlich nichts Neues mehr zu erzählen.

Oder?

Barbican Art Gallery Bauhaus Art as Life Dessau

Bauhaus Dessau als Modell und auf Fotos bei Bauhaus: Art as Life

Ungefähr 1200 Schüler besuchten das Bauhaus Weimar, Dessau und Berlin. Wenn man dazu noch das viele Lehr- und Werkstattpersonal zählt, erhält man nicht nur eine unschätzbare Sammlung von Arbeiten und persönlichen Anekdoten, sondern kommt hoffentlich auch zu dem Ergebnis, dass zur Geschichte viel mehr gehört als nur ein paar Stühle und eine Wagenfeld Lampe.

Dass die meisten Bauhaus-Präsentationen einfach nur das reproduzieren, was wir alle schon längst wissen, liegt daran, dass es der leichteste Weg ist. Man glaubt eben, dass dies genau das ist, was die Öffentlichkeit will. Wenn man in eine öffentliche Bibliothek geht und wahllos ein Dutzend Bauhaus-Bücher durchblättert, wird man deshalb auch immer wieder die gleiche Geschichte finden, die einfach immer wieder anders erzählt wird.

Bauhaus: Art as Life in der Barbican Art Gallery London versucht da einen etwas anderen Ansatz. Die Ausstellung ist vielleicht nicht gerade revolutionär oder bahnbrechend, da sie wie andere auch für ein Massenpublikum konzipiert und dementsprechend mit den bekannten Klassikern gespickt ist, doch sie versucht das Bauhaus als das zu zeigen, was es wirklich war: ein großes Ferienlager – wenn auch ein Ferienlager, in dem Kreativität als eine Lebensart zelebriert und wie selbstverständlich Tag und Nacht praktiziert wurde. In der Tat könnte man beim Rundgang durch die Barbican Art Gallery irrtümlicherweise glauben, dass viele Bauhaus-Klassiker eher aus Versehen denn als Design kreiert wurden…

In zehn Abschnitte gegliedert, in denen die Geschichte des Bauhauses von den Anfängen in Weimar bis zum Ende in Berlin beleuchtet wird, ist Bauhaus: Art as Life eine wunderbar zugängliche und offene Ausstellung, die die Architektur der Barbican Art Gallery sehr geschickt nutzt, um das Bauhaus nicht nur als Produktionsstätte, sondern viel mehr als einen Ort der Feste, Leute und Freude zu zeigen. So wird dem Besucher das soziale Bauhaus ebenso deutlich wie das innovative Bauhaus und das Ausstellungskonzept präsentiert die Thematik mit einer selten gesehenen Frische und Tiefe.

Barbican Art Gallery Bauhaus Art as Life

Barbican Art Gallery - Bauhaus: Art as Life

Neben wunderbaren Exemplaren von Bauhausmöbeln, Textilien, Töpferwaren oder Spielzeugen, zeigt Bauhaus: Art as Life auch jede Menge gerahmter Arbeiten, wie Malereien, Skizzen, Fotos und – was wir besonders toll finden – Fotomontagen. Bauhaus-Fotomontagen amüsieren und beeindrucken uns nämlich immer sehr. Wir vermuten, das liegt daran, dass sie immer so aussehen als wären sie von Kindern gemacht. Das ist auch nicht weiter verwunderlich in Anbetracht der Tatsache, dass sie unbestritten mit einer kindlichen Faszination für den kreativen Prozess kreiert wurden; also mit großer Freude daran, etwas einfach auszuprobieren und zu sehen, was passiert.

Dieser Mut zu experimentieren und der eigenen Philosophie treu zu bleiben, ohne Rücksicht auf Konventionen und Volksweisheiten, ist fraglos das, was das Bauhaus ausmacht. Diese Eigenheit des Bauhauses macht Art as Life wunderbar deutlich.

Daneben ruft die Ausstellung das Gefühl hervor, dass das Bauhaus deutlich weniger egalitär war, als viele vielleicht glauben möchten. Dafür steckt in den gezeigten Stücken zu viel Selbstgefälligkeit…

Wie gesagt, glich das Bauhaus in vielerlei Hinsicht einem Ferienlager. Dieses Ferienlager scheint aber immer von einer kleinen Gruppe Bauhäuslern dominiert worden zu sein. Leute, die ihre Zelte in bester Lage aufgestellt und das leckerste Barbecue für sich reserviert hatten… Gehörte man nicht zu dieser erlesenen Clique, war das Camp nicht nur ein ziemlich einsamer Ort, sondern es bestand vor allem die Gefahr historisch nicht zu überleben. Vielleicht ist das nur unserem natürlichen Misstrauen gegenüber den coolen Kids geschuldet; unserem tiefsitzenden Argwohn, dass die Hauptfunktion sozialer Hierarchien nur darin besteht, uns das Gefühl zu geben, wir seien minderwertig und unsere Beiträge wertlos… Oder es ist tatsächlich so, dass das Bauhaus nur von einem relativ kleinen Kreis dominiert wurde.

Auch wenn dieser Gedanke – zumindest für uns – in vielen Exponaten zu erkennen ist, wird das Thema nicht aktiver in der Ausstellung angegangen. Aber das ist vielleicht gar nicht mal so eine schlechte Sache. So bleibt etwas in der Ausstellung offen, etwas, das man weiter erforschen und für sich reflektieren kann. Das ist wie mit einem guten Restaurant, das man nie zu aufgebläht verlassen sollte. Die Ausstellung lässt noch Raum für neue, bislang unbeantwortete Fragen, die es zu ergründen gilt.

Barbican Art Gallery Bauhaus Art as Life Josef Albers Marcel Breuer

Wir möchten ja niemanden beschuldigen, aber die Ähnlichkeit ist schon verblüffend... Josef Albers & Marcel Breuer bei Bauhaus: Art as Life

Art as Life ist die erste Bauhausausstellung in Großbritannien seit 1968. Und fairerweise sollte gesagt werden, dass seitdem wahrscheinlich niemand den Mangel an solchen Ausstellungen bemerkt oder gar beklagt hat. Sind also Bauhausausstellungen überhaupt noch relevant? Nicht nur für Großbritannien, sondern allgemein? Wir glauben, ja.

Denn zu viel von dem, was wir heute als Bauhaus kennen, ist entweder kein wirkliches Bauhaus oder nur eine reduzierte und standardisierte Interpretation des Bauhauses. Die Gropius-Schule ist zu einer Marke geworden – und noch nicht mal eine besonders interessante oder faszinierende, sondern eher eine sichere Sache für alle nicht besonders Abenteuerlustigen. Das ist wirklich schade, weil das Bauhaus eigentlich alles andere als das war, und das macht Bauhaus: Art as Life ganz wunderbar klar.

Bauhaus: Art as Life kann – ja, sollte sogar! – bis zum 12. August 2012 in der Barbican Art Gallery in London besucht werden.

Und verpasst nicht unser Interview mit der Leiterin des Bauhaus-Archivs Berlin Dr. Annemarie Jaeggi



Bauhaus: Art as Life @ Barbican Art Gallery London: Dr. Annemarie Jaeggi

Tuesday, May 8th, 2012

Am 3. Mai wurde die Ausstellung “Bauhaus: Art as Life” in der Barbican Art Gallery London eröffnet. In Kooperation mit dem Bauhaus Archiv Berlin, der Stiftung Bauhaus Dessau und der Klassik Stiftung Weimar organisiert, zeigt “Bauhaus: Art as Life” ungefähr 450 Arbeiten von Künstlern, wie Marianne Brandt, Wassily Kandinsky, Marcel Breuer, Walter Gropius usw., und ist damit die erste große Bauhaus-Ausstellung in Großbritannien seit 1968.

Bald wird noch ein Post über die Ausstellung als Ganzes folgen, für den Moment gibt es unser Interview mit der Bauhaus Archiv Berlin Direktorin, Dr. Annemarie Jaeggi, zu lesen, mit der wir vor der offiziellen Eröffnung über die Ausstellung und die Rolle vom Bauhaus im Vereinigten Königreich gesprochen haben.

(smow)blog: Zuerst zum Hintergrund: Haben die drei Bauhaus Institutionen das Barbican mit der Idee zur Ausstellung angesprochen oder kam das Barbican auf Sie zu?

Dr. Annemarie Jaeggi: Das Barbican kam 2009 während der Ausstellung “Modell Bauhaus” in Berlin mit der Anfrage auf uns zu, ob es möglich wäre entweder diese oder eine andere Bauhaus-Ausstellung 2012 in London zu zeigen.

(smow)blog: Die Entscheidung fiel schließlich auf eine andere Ausstellung. Warum wurde nicht einfach die Ausstellung von 2009 nach London gebracht?

Dr. Annemarie Jaeggi: “Modell Bauhaus” war eine sehr teure Ausstellung und für das 90-jährige Jubiläum des Bauhauses gedacht. Und auch wenn sie in reduzierter Form nach New York ging, erwies sich die Ausstellung als nicht besonders praktikabel für ständige Leihgaben – nicht zuletzt, weil die Objekte aus verschiedenen Quellen stammten und es für uns nicht möglich gewesen wäre, diese als dauerhafte Leihgabe zu halten.

Also dachten wir “Ok, machen wir die Dinge etwas anders” und so haben wir als die drittgrößte Bauhausinstitution unsere Sammlung für das Barbican zugänglich gemacht, das die Ausstellung dann selbst kuratiert hat. Am Ende waren ungefähr 70 % der Exponate aus Dessau, Weimar und Berlin und ungefähr 30 %  stammen aus der englischen Sammlung, einige Objekte sind außerdem Leihgaben zum Beispiel vom Centre Pompidou, MoMa New York oder Zentrum Paul Klee in Bern.

(smow)blog: Eine Bauhaus-Ausstellung in Großbritannien wirft eine Reihe auf der Hand liegender Fragen auf. Zuerst, Ihrer Meinung nach, hat die Arts and Crafts Movement eine Rolle bei der Etablierung des Bauhauses gespielt oder gibt es da keine wirkliche Verbindung.

Dr. Annemarie Jaeggi: Ich bin nicht davon überzeugt, dass das eine Rolle gespielt hat. Arts and Crafts war sehr wichtig für die Wiederentdeckung von traditionellem Handwerk, insbesondere einer qualitativ hochwertigen und reinen Form des Handwerks. Und das hatte einen großen Einfluss auf Deutschland, was Jugendstil und den Deutschen Werkbund betrifft. In dieser Periode kam also ein Impuls aus England. Jedoch denke ich, traf dieser weniger das Bauhaus, da diese Bewegung viel mehr von der Situation in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg beeinflusst worden war. Natürlich gibt es bei allen Strömungen Gemeinsamkeiten, weil sie alle handwerkliche Elemente beinhalten und Handarbeit als Werkzeug verstehen, um zu lernen, wie man mit verschiedenen Materialien arbeiten kann, was möglich ist und wo die Grenzen eines Materials liegen. Außerdem verfolgen alle die Idee eines ehrlichen Materialgebrauchs – dass man also nicht gegen die Eigenschaften eines Materials arbeiten sollte. In diesem Sinne könnte man durchaus sagen, dass es da Parallelen gibt.

Aber was Bauhaus schließlich zu dem gemacht hat, wofür wir es heute kennen, kommt aus einer andere Richtung, nämlich Designer auszubilden oder, um die Sprache der Zeit zu nutzen, Formgestalter auszubilden, die mit und für die Industrie arbeiten. An diesem Punkt trennen sich Arts and Crafts und Bauhaus.

(smow)blog: Wenn wir das richtig verstanden haben, hatte das Bauhaus also keinen nennenswerten Einfluss auf das Vereinigte Königreich. Für uns könnte man fast von Großbritannien als dem Land sprechen, das das Bauhaus vergessen hat. Ist das der Fall?

Dr. Annemarie Jaeggi: Mittlerweile sieht man das etwas anders. Früher galt es als unbestritten, dass das Bauhaus in Großbritannien nur eine kleine, wenn nicht gar keine, Spur hinterlassen hat – dass die Bauhäusler, die nach Großbritannien emigriert sind, etwas zu früh kamen. England war damals fest verwurzelt in seiner eigenen Tradition und der Wechsel zur Moderne erfolgte nur sehr zögerlich und wurde bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges nicht wirklich vollzogen. Wie auch immer, heutzutage gibt es diesen Hang dazu, immer nur auf die prominenten Bauhäusler zu blicken. Aber was ist mit den vielen anderen, weniger bekannten, die Deutschland verlassen mussten? Solche, die im Vergleich zu Walter Gropius oder Marcel Breuer an einigen von Englands wichtigsten Colleges gelehrt haben, und deren Beitrag zur britischen Kunst und dem Design erst nach 1945 bemessen werden konnte. Das ist ein Thema, das bis heute nicht vollständig erforscht wurde, aber was hoffentlich weiter, idealerweise mit britischen Institutionen zusammen, untersucht werden wird.

(smow)blog: Und in diesem Kontext kann die Ausstellung als guter Ausgangspunkt für eine tiefergehende Studie über die Beziehung zwischen Großbritannien und dem Bauhaus gesehen werden?

Dr. Annemarie Jaeggi: Ja, es ist eine wundervolle Gelegenheit deutlich zu machen, welche Gebiete einer intensiveren Auseinandersetzung bedürfen – einschließlich Gebieten von speziellem historischen Interesse für Großbritannien. Und ich hoffe, dass die Ausstellung einen kleinen Impuls in diese Richtung geben kann.

(smow)blog: Noch kurz zum Schluss, wie schon gesagt, war “Modell Bauhaus”  nicht als Wanderausstellung geeignet. Ist “Bauhaus Art as Life” besser dafür geeignet? Könnte die Ausstellung potentiell zur Wanderausstellung werden?

Dr. Annemarie Jaeggi: Ich denke nicht. Viele der Objekte hier sind sehr empfindlich. Wir haben zum Beispiel eine unglaublich große Menge von Ausstellungsstücken auf Papier, die sehr lichtempfindlich sind. Außerdem muss man bedenken, dass die Stücke 80 oder 90 Jahre alt sind und das Papier, das damals benutzt wurde, war wirklich von schrecklicher Qualität; die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren sehr harte Jahre und die Qualität des Papiers spiegelt genau das wieder. Die Textilien zum Beispiel wurden außerdem noch mit natürlichen Farbstoffen gefärbt – und die verblassen natürlich ziemlich schnell unter Lichteinfluss. Und so bevorzugen wir es, eine große Ausstellung alle zwei oder drei Jahre an einem Ort zu veranstalten und wollen nicht die Risiken von Wanderausstellungen auf uns nehmen.

(smow)blog: Das heißt, die Ausstellung hier bietet eine einmalige Gelegenheit, die Auswahl der Objekte in dieser Form, an einem Ort zu sehen?

Dr. Annemarie Jaeggi: Ja. Und die letzte große Bauhaus-Ausstellung in London war 1968… Es ist also etwas einzigartiges und sehr besonders.

Bauhaus “Art as Life” ist noch bis zum 12. August 2012 in der Barbican Art Gallery London zu sehen.

bauhaus art as life barbican art centre london
Bauhaus: Art as Life @ Barbican Art Gallery London
bauhaus art as life barbican art centre london
Bauhaus: Art as Life @ Barbican Art Gallery London
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Bauhaus: Art as Life @ Barbican Art Gallery London


Bauhaus-Archiv Berlin: Stühle ohne Beine – Interview mit Prof. Dr. Florian Hufnagl

Sunday, April 1st, 2012

Am 20. März hat das Bauhaus-Archiv Berlin seine Frühlingsausstellung “Stühle ohne Beine” eröffnet.

“Stühle ohne Beine” ist eine Hommage an den Freischwinger, an seine Entwicklung und Vielfältigkeit. Das relativ einfache Ausstellungskonzept transportiert auch eine einfache Botschaft: Einen Stuhl ohne Beine zu entwerfen bedeutet keine Einschränkung der Möglichkeiten. Weniger ist mehr ist hier nicht nur Designmaxime sondern auch Designherausforderung.

Mit 25 Stühlen aus der Neuen Sammlung – The International Design Museum Munich ist “Stühle ohne Beine” nicht nur die erste Zusammenarbeit des Bauhaus-Archivs mit der Neuen Sammlung sondern auch der Beginn der Reihe zu Gast im Bauhaus-Archiv, in der verschiedene internationale Museen eingeladen sind, speziell kuratierte Ausstellungen in der deutschen Hauptstadt zu präsentieren.

Zur Ausstellungseröffnung haben wir mit dem Direktor der Neuen Sammlung Florian Hufnagl über die Geschichte, Entwicklung und Bedeutung des Freischwingers gesprochen.

(smow)blog: Fangen wir beim Anfang an. Es gab und gibt immernoch Meinungsverschiedenheiten, wer den Freischwinger “erfunden” hat. Spielt die Debatte noch eine Rolle oder ist es lediglich relevant dass der Stuhl erfunden wurde?

Florian Hufnagl: Es ist heute schon noch wichtig, da es der erste Streit über das Thema Gestaltung war, der vor Gericht ausgetragen wurde. Dort wurde nicht nur eindeutug zugunsten von Mart Stam entschieden, sondern auch klar Marcel Breuers Beitrag definiert. So eine grundsätzliche Klärung ist bis zum heutigen Tage für jeden Entwerfer wichtig, weil es für ihn zumindest in Europa einigermaßen Sicherheit gibt.

(smow)blog: Denken Sie es war die richtige Entscheidung?

Florian Hufnagl: Ja, ich glaube schon, dass dort eindeutig richtig entschieden wurde.

(smow)blog: Die ersten Freischwinger waren ein Produkt ihrer Zeit …

Florian Hufnagl: … Ja, das war eine große Veränderung. Der große Schnitt.  Ich glaube, es gab im 20. Jahrhundert vielleicht drei große Schnitte: die Jahrhundertwende mit Josef Hoffmann, dann ganz allgemein gesagt die zweite Hälfte der 1920er Jahre und dann noch einmal von 1968-70. Das waren die großen Veränderungen in der Gestaltung, wo man sich getrennt hat vom Althergebrachten und neue mutige Wege eingeschlagen hat auf denen auch mal ein paar Freischwinger zu Bruch gingen – sozusagen eine Bruchlandung für die Designer, aber “no risk no fun”. Also hat es eine Weile gedauert, bis die Entwicklung weiter gehen konnte. Wenn man aber nicht an die Grenzen geht, wird man auch nicht weiterkommen.

(smow)blog: In Bezug auf den Freischwinger: Gibt es einen bestimmten Moment, an dem er zum erfolgreichen Massenprodukt wurde?

Florian Hufnagl: Wie viele Bauhausentwürfe, wurde der Freischwinger erst nach dem zweiten Weltkrieg und besonders in den 1960er Jahren populär.

(smow)blog: Die Ausstellung zeigt auch ein paar Plastikfreischwinger aus der DDR. War das eine typische DDR-Entwicklung: billige Massenproduktion …?

Florian Hufnagl: Es gibt eine ganze Reihe Entwürfe von DDR-Entwerfern zum Thema Freischwinger und es war immer die Absicht diese preiswert herzustellen.  Das war in Westdeutschland oder z.B. in Italien nicht anders. Vergessen Sie nicht, dass Firmen wie Kartell aus der ideologischen Not heraus mit Kunststoff gearbeitet haben um preiswerte, bunte Möbel für die Jugend zu produzieren, die man sich leisten kann, die man stapeln kann, die man wegstellen kan, die man immer wieder neu kombinieren kann. Die Entwerfer in der DDR hatten immer das Problem, dass die Mangelwirtschaft überall war, dass in der DDR zwar viel entworfen wurde, die Produkte aber nicht die Käufer erreichten. Viele Produkte gingen stattdessen in den Westen oder in die Sowjetunion – aber nicht in die DDR.

(smow)blog: Die Freischwinger spiegelten ihre Zeit immer auch im verwendeten Material wider. Denken Sie, Freischwinger bieten den Designern auch heute noch eine Plattform zum Experimentieren?

Florian Hufnagl: Beim MYTO von Konstantin Grcic, der in Zusammenarbeit mit BASF entstand, hat sich ein Weltkonzern mithilfe eines Designers fokussiert die Entwicklung eines neuen Materials weiter zu treiben. Das ist ein beispielhaftes Projekt, da es heute immer um neue Materialien geht. Wir brauchen neue Materialien in jeder Hinsicht – nicht nur um bestimmte Entwürfe herzustellen, sondern auch um Themen wie die Nachhaltigkeit zu lösen. Hergestellte Produkte müssen schließlich auch sinnvoll weiterverwendet werden können.

(smow)blog: In Ihrer Eröffnungsrede haben Sie angesprochen, dass der Stuhl bereits erfunden wurde, was die Hersteller aber nicht davon abhält, ein paar tausend “neue” Stühle in Mailand vorzustellen. Wo bleiben Sie als Museumsdirektor und Direktor einer Sammlung denn in Mailand stehen und schauen?

Florian Hufnagl: Der Zugang ist bei mir wie bei jeder Person, die die (Waren- und Konsum-)Welt um sich herum mit offenen Augen betrachtet, sehr emotional. Löst ein Stuhl eine Reaktion aus, weil er neu oder anders ist oder etwas möglich macht was bisher nicht bekannt war, ist das eine ganz ganz große Ausnahme: Vielleicht ein halber Stuhl von 100.

(smow)blog: Das heißt Sie reisen jedes Jahr mit großen Hoffnungen nach Mailand, aber kommen mit leeren Koffern zurück?

Florian Hufnagl: Ja, das passiert durchaus. Aber es gibt auch immer wieder Überraschungen. Die Warenwelt wird nun mal immer größer, die Bedürfnisse immer weniger. Die eigentliche Erfindung ist selten, aber das war auch im 20. Jahrhundert so und im 19. Jahrhundert nicht anders. Darum gibt es Museen, die das Besondere auswählen und zeigen und so einen Beitrag  zur Orientierung leisten.

“Stühle ohne Beine” ist bis zum 10. Juni 2012 im Bauhaus-Archiv Berlin zu sehen.

Bauhaus Archiv Berlin Stühle ohne Beine

Bauhaus Archiv Berlin: Stühle ohne Beine

Bauhaus Archiv Berlin Stühle ohne Beine Alexander Begge

Kinderstuhl von Alexander Begge bei Stühle ohne Beine im Bauhaus-Archiv Berlin

 

Bauhaus Archiv Berlin Stühle ohne Beine mart stam gas pipe chair

Gasrohrstuhl von Mart Stam bei Stühle ohne Beine im Bauhaus-Archiv Berlin



Designausbildung an der ECAL/University of Art & Design Lausanne

Thursday, March 29th, 2012
Storage is Armour tyre Totan Kuzaembaev Fantastical Investments by Droog and Metahaven

Storage is Armour von Totan Kuzaembaev. Teil von Fantastical Investments von Droog und Metahaven

Im September präsentierte droog im Rahmen des Projekts Fantastical Investments einen diamantenbesetzten Autoreifen. Wir befürchten, die lieben Leute von der ECAL/University of Art & Design Lausanne könnten das Projekt da ein klein wenig zu wörtlich genommen haben, denn dort kann man seinen Master of Advanced Studies (MAS) in – man kann es kaum glauben – Luxus und Design machen! Hallo? Luxus und Design?

Vergesst also alles, was ihr in unserem Post “Warum Gestalten?” @ HFBK Hamburg gelernt habt. Oder lieber nicht…

In der Kursbeschreibung bezeichnet die ECAL die Schweiz als Vorreiter für Exklusiv- und Luxusgüter. Diese Beauptung lässt im (smow)blog HQ tausend Alarmglocken schrillen und entlarvt den Kurs unserer Ansicht nach als wenig mehr als den Versuch der Schweizer Hersteller, deren Erfolg ja auf ihrem Ruf begründet ist, qualitativ besonders hochwertig zu sein, ihre Marke durch das Anpreisen der “Schweizer Qualität” zu erweitern – egal, ob sie wirkliche Qualität bieten oder nicht. Daher vermuten wir, dass die Definition der ECAL von Luxus sich stark auf den Preis und entsprechende Assoziationen bezieht. Ein kurzer Blick auf den ein oder anderen “Industriepartner” würde wahrscheinlich unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigen. Wir werden hier lieber nicht ins Detail gehen, immerhin lesen Anwälte diesen Blog…

Wir haben prinzipiell kein Problem mit Unternehmen, die mit jungen Designern zusammenarbeiten, um zu sehen, welche Ergebnisse, welche neuen, innovativen Formen oder Methoden für die Marke entwickelt werden können. Dies ist ein zentraler Bestandteil von Passionswege auf der Vienna Design Week. Und Passionswege ist für uns immer ein Highlight auf der Vienna Design Week.

fortune vienna design week passionswege lobmeyr mark braun

Fortune von Mark Braun für J. & L. Lobmeyr bei Vienna Design Week Passionswege 2010

Wir haben aber sehr wohl ein Problem damit, wenn Hochschulen 8000,- Schweizer Franken für einen neunmonatigen Kurs verlangen, der Themen wie “Traditionelles Know-How” oder “Luxus und Einrichtung” beinhaltet, aber nicht das Modul “Gibt es Luxus?”. Wahrscheinlich, weil es ihn nicht gibt…  Es handelt sich dabei doch nur um einen Marketing-Begriff wie “kontrollierter Anbau” oder “qualitätsgeprüft”, der von Immobilienmaklern und all jenen geliebt wird, für die ihre Verkaufsprovision wichtiger ist, als dem Kunden etwas zu verkaufen, das tatsächlich gut ist.

Wir würden behaupten, dass es durchaus qualitativ hochwertige Produkte gibt, die aufgrund ihres Materials und ihrer Fertigungsweise so teuer sind; Produkte, die von einer breiten Bevölkerungsgruppe begehrt sind und aufgrund ihrer unvermeidlichen Unerreichbarkeit das beliebte “Luxus”-Label tragen. Und dann gibt es da diese auffällig geschmacklosen, extravaganten Teile, die die meisten von uns wahrscheinlich mit neureichen Russen und Fußballern assoziieren. Ja, man kann sein Auto verchromen lassen, aber das zeigt nur, dass man ein geschmackloser Schnösel ist, der am besten gemieden werden sollte. In unserer modernen, schnellen, medienbestimmten Welt verwischen Marketing-Fuzzis gerne diese Grenzen. So werden hohe Preise oft mit Qualität und das bloße Image mit dem Wesentlichen verwechselt. Deshalb wird in dieser Welt beispielsweise auch das Bauhaus eher mit “Luxus” gleichgesetzt als mit dem Versuch, unsere Herangehensweise an kreative und produktive Branchen zu verändern.

Die Ergebnisse dieser Realitätsverzerrung sind sichtbar auf jeder Möbelmesse bei Herstellern scheußlicher Ledersofa-Ensembles oder geschmackloser Regale, die mit leeren Floskeln wie “Luxus für Ihr Wohnzimmer” oder “Harmonie für Ihr Zuhause” angepriesen werden. Wohingegen Möbelhersteller, die wirkliche Qualität zu bieten haben, das Wort “Luxus” nie benutzen würden. Das müssen sie auch gar nicht: Sie bieten nämlich Qualität. Und das ist letztlich doch das, was wir alle wirklich wollen – ganz egal, ob bei Möbeln, Autos, Beziehungen, Hotels oder unserem Mittwochabend-Döner und -Bier…

Wassily Chair Marcel Breuer

Wassily Chair von Marcel Breuer. Luxus? Oder einfach Bauhaus-Design?

Man kann den Kurs natürlich auch als Antwort auf die zurzeit raue Realität der Designer sehen und als Möglichkeit, Produkte zu diversifizieren und mit einem höheren Verkaufspreis herzustellen. Wir verstehen aber einfach nicht, wieso ein Designer einen Studienkurs für notwendig erachten sollte, um das zu erreichen. Wir haben heute ungefähr Tausend Szenarien durchgespielt, doch für uns bleibt das ganze einfach nur erschreckend…

Um fair zu bleiben, müssen wir sagen, dass wir bis jetzt mit niemandem gesprochen haben, der in das ganze involviert ist, weder Studenten, Dozenten oder Industriepartner. Doch wir werden es tun, denn wir möchten einfach mehr darüber wissen, die Motivation verstehen… Und fragen: Warum? Und für wen?



Bauhaus Reisebuch. Weimar. Dessau. Berlin.

Thursday, March 1st, 2012
Bauhaus Reisebuch. Weimar. Dessau. Berlin.

Bauhaus Reisebuch. Weimar. Dessau. Berlin.

Das Bauhaus ist nicht nur als Institution viel gereist, auch seine Studenten und Professoren verteilten sich auf alle Herren Länder. So verlockend es also auch sein mag, das Bauhaus auf die Orte Weimar, Berlin und Dessau zu reduzieren, so schändlich wäre es auch. Denn in diesem Fall würde man nicht nur einen großen Teil der Bauhaus-Geschichte übergehen, sondern sich selbst auch die Möglichkeit verwehren, einige wahrhaft revolutionäre und inspirierende Gebäude kennen zu lernen. Doch wo soll man da anfangen? Wo findet man am besten die ganzen Spuren des Bauhauses – fernab seiner bekannten Zentren? Und was ist mit all den weniger bekannten Arbeiten in diesen Zentren?

Wenn es doch nur einen verlässlichen und informativen Reiseführer geben würde…

Als Joint Venture vom Bauhaus-Archiv Berlin, der Stiftung Bauhaus Dessau und der Klassik Stiftung Weimar herausgegeben, gibt es mit Bauhaus Reisebuch. Weimar. Dessau. Berlin. nun endlich so einen Reiseführer.

Die Reise beginnt im Bauhaus-Museum in Weimar und führt über Orte wie Jena, Dessau und Halle nach Berlin und Bernau. Das Buch wirft dabei seinen Blick nicht nur auf die bekannten und weniger bekannten Gebäude, sondern auch auf die Geschichte des Bauhauses an den drei Hauptstandorten. Die Arbeiten werden in den Kontext der Bauhaus-Geschichte – und die Bauhaus-Geschichte in den Kontext der Arbeiten gesetzt. Dieses Konzept wird fortwährend durch Zitate von bedeutenden Persönlichkeiten und kurzen Texten, die die gesamte Epoche in einen soziokulturellen Kontext setzen, untermalt.

Neben den Haupttexten findet sich in Bauhaus Reisebuch. Weimar. Dessau. Berlin. auch die Vorgeschichte des Bauhauses sowie wichtige Besucherinformationen für die relevanten Gebäude. Im letzten Kapitel wird dann der Weg des Bauhauses in die weite Welt dokumentiert.

Was uns ganz besonders gefallen hat, ist, dass nicht nur drei Autoren damit beauftragt wurden, einen Text über jeden Standort zu schreiben, sondern auch, dass die Fotos in dem Buch speziell für das Projekt in Auftrag gegeben wurden. Die Nachricht ist deutlich: Das Buch recycelt nicht nur Vorhandenes, sondern erzählt die Geschichte völlig neu – und unserer Ansicht nach sogar sehr gut. Das ist nicht zuletzt deshalb der Fall, weil der Ton der Texte viel persönlicher ist als man es von Büchern übers Bauhaus gewohnt ist. Man hat hier regelrecht das Gefühl ein Gespräch mit den Autoren zu führen und nicht nur von einem Museumsguide berieselt zu werden. Deshalb kann man Bauhaus Reisebuch. Weimar. Dessau. Berlin. - wenn nicht unterwegs als Reisehilfe – gut auch zuhause als Sachbuch lesen.

Wenn wir was zu kritisieren haben, dann das Format. Scheinbar war die ursprüngliche Idee ein Buch, das in jede Jackentasche passt, zu machen; das uns vorliegende Buch passt da aber definitiv nicht rein. Mit dem alles andere als robusten Pappeinband würde man das aber sowieso nicht wollen. Und Gott bewahre, dass es regnet, wenn man den Park an der Ilm durchquert, um zum Haus am Horn zu kommen… Wir befürchten, dass unser Exemplar in knapp drei Monaten hinüber sein wird. Für uns sollte ein Reiseführer über eine gewisse Robustheit verfügen – eben wie Reisende auch.

Für alle mit Interesse am Bauhaus – sei es aus der Sicht von Kunst, Design, Möbel, Architektur oder Handwerk – bietet das Reisebuch nicht nur eine neue Sicht auf die Institution und ihre Arbeit, sondern auch einen Anreiz, rauszugehen und all das selbst zu erleben. Und für alle, die nur eine vage Vorstellung davon haben, was Bauhaus eigentlich bedeutet, aber mehr daüber wissen wollen, bietet das Buch einen wunderbaren Einstieg.

Und für alle, die Bücher ein bisschen zu oldschool finden, gibt es die Bauhaus Online App, die die Informationen im Reisebuch noch um ein paar Punkte erweitert – zumindest wenn man in Besitz eines iPhones, iPads oder iPods ist. Wir hoffen, dass auch eine Android-Version in Arbeit ist. Das hätte Gropius bestimmt auch so gewollt. Immer dieser Elitismus…

Bauhaus Reisebuch. Weimar. Dessau. Berlin. ist ab jetzt bei allen guten Buchhändlern erhältlich.

Bauhaus Dessau

Bauhaus Dessau

 

haus am horn

Haus am Horn von Georg Muche in Weimar

Bundesschule Bernau Bauhaus Hannes Meyer

Die Bundesschule Bernau von Hannes Meyer



Stiftung Bauhaus Dessau: Kibbuz und Bauhaus

Tuesday, November 29th, 2011

“…ich werde nie vergessen, welche Schrecken ich bekam, als ich zum ersten Mal in einer der alten Kwuzoth kam, nach Degania A. Sie war geradezu ein Musterbeispiel für falsche Planung. Der Wind traf dort zuerst die Dungstätten, brachte von dort Fliegen und Gestank zunächst zu den Ställen und von dort vermehr [sic] zur Küche, nahm die dortigen Düfte auf und brachte das ganze Gemisch zu den Speisesälen und Wohnhäusern.”1

In seiner lebhaften Beschreibung der Bedingungen in Degania A – dem ältesten israelischen Kibbuz – macht der israelische Architekt Richard Kaufmann auf eindringliche Weise deutlich, dass die frühen Kibbuze noch sehr, sehr weit davon entfernt waren, die Häfen der Ruhe mit den sorgsam angelegten Gärten von heute zu sein.
Ein wichtiger Faktor, der zu einem Wandel diesbezüglich beitrug, war das Bauhaus; ein Einfluss, der derzeit in der Ausstellung “Kibbuz und Bauhaus” am Bauhaus Dessau nachvollzogen werden kann.

Im Laufe der Jahre, zwischen den 1920ern und 1930ern emigrierten ungefähr 24 Studenten entweder nach Palästina, nachdem sie am Bauhaus Dessau studiert hatten oder sie kamen aus Palästina nach Dessau, um für einige Semster am Bauhaus zu studieren.  Die Biografien von sieben dieser Architekten sollen in der Ausstellung dargestellt werden.

Losgelöst von der viel weiter gefassten Ausstellung “Kibbuz – Architektur ohne Vorbild” des israelischen Pavilions auf der Biennale Venedig 2010, beginnt “Kibbuz und Bauhaus” bei der Einführung dieser sieben Kibbuznik aus dem Bauhaus Dessau, bevor die Natur und Struktur eines der ursprünglichen Kibbuze en détail erklärt wird und schließlich eine Einschätzung der aktuellen Situation der Kibbuzbewegung abgegeben wird.

Trotz allem beschäftigt sich “Kibbuz und Bauhaus” aber in erster Linie mit der Verbindung zwischen den beiden Phänomenen.

Geht man durch die Ausstellung, wird einem unentwegt deutlich, wie sehr sich die beiden Bewegungen ähnelten und ergänzten, wie vereint sie in ihrem “Wir können die Welt verändern und werden es euch zeigen.”-Revolutionsansatz waren.

Aber auch in der kalten Logik, die das Planen von Projekten erfordert oder in der Universalität der Ideale kann man viele Parallelen und Schnittstellen erkennen. Das könnte einen glatt dazu verführen zu behaupten, dass das Bauhaus Dessau so ziemlich das beste war, was der Kibbuzbewegung passieren konnte. Der Rahmen von “Kibbuz und Bauhaus” ist jedoch nicht weit genug gefasst, um solch eine These rechtfertigen zu können. Das ist aber auch gar nicht das Ziel. Das Ziel ist es, einen Blick auf einen Aspekt der Bauhausgeschichte in Dessau einschließlich der Biografien einiger seiner Absolventen zu werfen. Und das ist “Kibbuz und Bauhaus” sehr gut gelungen.

“Kibbuz und Bauhaus” wird zusammen mit Yuval Yasky und Galia Bar-Or, den Urhebern von “Kibbuz – Architektur ohne Vorbild” auf der Biennale, kuratiert. Dabei ermöglicht die Ausstellung nicht nur den Blick auf einen Aspekt, dem sonst weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird – dem globalen Einfluss des Bauhauses, sondern ist auch eine Gedankenstütze, warum die Kibbuzbewegeung so wichtig war. Hier zeigt sich außerdem einmal mehr, wie schade es ist, wenn Ideale von damals und längst gelernte Lektionen aus frühen Experimenten zunehmend ignoriert werden und letztlich in Vergessenheit geraten.

Auch das könnte als Verbindung der Kibbuzbewegung zum Bauhaus verstanden werden.

Kibbuz und Bauhaus ist noch bis zum 9. April 2012 in der Stiftung Bauhaus Dessau zu sehen. Weitere Informationen gibt es unter www.bauhaus-dessau.de

1. Aus “Geplante Siedlung: Gespräch mit Richard Kaufmann in Jüdische Rundschau 47 (15. Juni 1937)”, wie in der Ausstellung Kibbuz und Bauhaus in der Stiftung Bauhaus Dessau zitiert, 2011.



Bauhaus Uni Weimar Summaery 2011: Interview mit Professor Bernd Rudolf

Thursday, September 15th, 2011
Professor Bernd Rudolf

Professor Bernd Rudolf

Das Bauhaus in Weimar hatte ja interessanterweise nie einen Fachbereich Architektur – trotz der Bestrebungen Walter Gropius’ alle Künste und Handwerke mit und für die Architektur zu verbinden.

Die Bauhaus-Universität Weimar hat eine Fakultät Architektur – sogar eine preisgekrönte.

Zur Summaery 2011 stellte der Fachbereich die Ergebnisse verschiedener Forschungsprojekte vor: u.a. green:house – das erste Gebäude der Welt aus einem Holz-Beton-Gemisch – und einen sehr interessant aussehenden (aber schwer zu beschreibenden) Mikroalgenphotobioreaktor zur CO2 -Fixierung für den Einsatz in modularen Hausfassaden.

Wir haben mit Professor Bernd Rudolf, dem Dekan der Fakultät Architektur über die Forschungsarbeit der Uni, die Zukunft der Architektur und den Namen gesprochen.

(smow)blog: Wenn man sich die verschiedenen präsentierten Projekte hier ansieht, wird einem klar, dass es in der modernen Architektur nicht nur um das Bauen von Gebäuden geht. Worauf wird hier an der Bauhaus-Universität Weimar Wert gelegt?

Professor Bernd Rudolf: Es gibt in unserer Fakultät zwei Tendenzen. Wir versuchen gerade das Feld der Urbanistik zu stabilisieren und haben dort einen Bachelor-Studiengang auf den Weg gebracht. Wir setzen natürlich darauf, dass die Forschungsambitionen, die die Kollegen dort tragen, auch in einem solchen Verbund institutsähnlich verwirklicht werden können. Die andere große Säule – welche jetzt erst in die Gänge kommt – ist, das Entwerfen im Sinne angewandter Forschung voranzutreiben. Die ersten Projekte deuten sich an: Das green:house von Prof Walter Stamm-Teske mit dem Holz-Zement und die Idee der Forschungsplattform x.stahl, auf der wir in Zukunft alle Projekte verankern wollen, die mit angewandter Architekturforschung, intelligenten hybriden Materialien oder energetischen Fragestellungen zu tun haben.

(smow)blog: Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Vor dem Hintergrund der Forschungsarbeit die hier in Weimar betrieben wird: Worin sehen Sie die Rolle der Architekten in der Zukunft?

Professor Bernd Rudolf: Es wird ja viel darüber spekuliert, ob es den klassischen Architekten noch braucht. Als Entwerfer gibt er seine Autorenrolle sicher partiell ab an Mittäter und Mitwisser, gerade was die technischen Dimensionen eines komplexen Geäudes betrifft. Aber der Bau braucht meiner Meinung nach immer noch jemanden, der zu moderieren versteht und Schnittstellenkompetenz hat, um den Entwurf auch in seiner Komplexität zu verwirklichen. Eine solche Person wird es immer geben müssen. Sie muss natürlich teamfähig sein, das deutet sich schon an. Einen autarken Architekten, der nach der Skizze das Land verlässt und darauf hofft, dass alles am Ende toll aussieht, wird es nicht mehr geben. Die Mehrzahl der Studenten kommt zu uns mit so einem Bild vom Star-Architektentum – aber sie werden relativ schnell geheilt.

(smow)blog: Wenn Sie zurückblicken, hat sich der durchschnittliche Architekturstudent in den letzten Jahren verändert?

Professor Bernd Rudolf: Es ist nach wie vor so, dass sie die Welt verbessern wollen. Innerster Anlass Architektur zu studieren ist immernoch: Ich will dazu beitragen, dass diese Welt ein bisschen besser wird. Was sich verändert ist vielleicht, dass es keine so kontinuierlichen Biografien mehr gibt, die auf Erfahrungen aufbauen. Heute gibt es mehr eine Art Patchwork, man hat dies und jenes erlebt, und aus diesem Patchwork speist sich dann auch so ein Impuls. Sie haben zum Beispiel ein paar Jahre im Ausland verbracht und merken, was Architektur anderswo wert ist und dass man es hier lernen kann.

(smow)blog: Wo wir gerade beim Thema Weltverbesserung sind, inwieweit ist der Name Bauhaus hilfreich und inwieweit ist er ein Handicap?

Professor Bernd Rudolf: Ich sehe ihn immer sehr positiv und nicht als Hindernis. Ich denke wir haben hier einen Ort etabliert, den sich Gropius gewünscht hätte. Wir haben hier was das Bauen angeht eine Komplexität erreicht, die er so nicht kannte. Es gab zu seiner Zeit in Weimar keine Architektenausbildung. Ich denke, durch das Wechselspiel mit Gestaltern, Medienleuten, Informatikern und Ingenieuren schließt sich der Kreis und wir haben jetzt dieses komplexe Know-how hier vertreten. Eigentlich ist es das Einlösen seiner Idee von Kunst und Technik. Das klingt vielleicht banal, es ist aber viel mehr. Vielleicht hat Gropius geahnt, dass es so kommen musste, dass man andere Disziplinen begeistern muss für die komplexe Umweltgestaltung.

Bauhaus Uni Weimar Summaery 2011 greenhouse

green:house, das erste Haus aus Holzbeton @ Bauhaus Uni Weimar Summaery 2011

Bauhaus Uni Weimar Summaery 2011 experimetal carbon dioxide fixing algal photobiorector

Der Versuchs-Mikroalgenphotobioreaktor zur CO2 -Fixierung @ Bauhaus Uni Weimar Summaery 2011