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“Einer klaut vom anderen. Die Sitzmöbelindustrie lebt ja vom gegenseitigen Diebstahl.”

Thursday, December 8th, 2011

Wie viele wissen, laufen wir nicht jedem Trend hinterher. Eigentlich gar keinem. Das haben wir noch nie getan und das werden wir auch nie. Doch andere tun es.

Im Jahre 1964 war der große Trend in Westdeutschland zum Beispiel Ledermöbel – zumindest wenn man dem SPIEGEL Glauben schenken will.

In “Haut und Haare“, einem wunderbaren Artikel, der zugegebenermaßen vielleicht von niemandem gelesen werden sollte, der für Weihnachten einen Barcelona Sessel kaufen möchte, erklärt der unbekannte Spiegel-Autor nicht nur, wie stark der Leder-Trend damals in den westdeutschen Wohnzimmern verbreitet war, sondern er stellt auch die überaus gleichgültige Haltung gegenüber illegalen Kopien dar – und zeigt, wie sich die Zeiten verändert haben.

Er bezieht sich zum Beispiel auf “Die Firma W. Fehlbaum, Weil am Rhein,…”. Soweit wir wissen wurde das Unternehmen 1964 offiziell Vitra genannt, doch der Name wurde offenbar nicht als wichtig oder bekannt genug angesehen, um erwähnt zu werden.

Wie wir bereits in unserem Post “Design for Use, USA” angemerkt haben, ist die Designermöbelindustrie in der Tat viel jünger als viele von uns glauben. Jung, aber gut entwickelt.

vitra eames lounge chair

Der Eames Lounge Chair der "Firma W. Fehlbaum, Weil am Rhein" ging 1964 scheinbar weg wie warme Semmeln...

In jener Zeit, als die Welt noch schwarz-weiß war, veröffentlichten der SPIEGEL und andere seriöse Zeitungen und Magazine regelmäßig gut recherchierte Hintergrundartikel zur Designermöbelindustrie. In der Tat war im SPIEGEL – und wir werden wirklich nicht von ihm gesponsort, er ist nur ein sehr gutes Beispiel – bis zum Jahr 2000 die Rubrik “Möbel” regelmäßiger Bestandteil des Kulturteils.

Dann war Schluss damit. Bis vor Kurzem – als das Thema unter dem Stichwort “Design” zurückkehrte.

Wir wären fast an unseren Cornflakes erstickt als wir gesehen haben, dass sie einen Hintergrundartikel zur Vienna Design Week 2011 veröffentlicht haben. Ein Hintergrundartikel…! Mit Interview…!

Dieser Switch von “Möbel” zu “Design” ist charakteristisch für eine Entwicklung, die eigentlich erst 2010 begann als The Guardian den erfahrenen und hochgeschätzten Achitekten und Designjournalisten Justin McGuirk zum “Designkorrespondenten” ernannte. Eine Entscheidung, die zur Folge hatte, dass andere Blätter aufhorchten und die gelegentlichen Designartikel von der Rubrik “Kunst” in eine eigene Rubrik schoben.

Und so wurde ein Thema, das ein Jahrzehnt lang allein den Blogs vorbehalten war, auf einmal Mainstream.

Wir begrüßen die Einbringung aller bekannten Blätter in den Designdiskurs. Nicht nur, weil wir hoffen, dass es dabei hilft, jene Scharlatane herauszufiltern, deren modus operandi es ist, Presseberichte und Fotos zu kopieren und auf gute Google Rankings zu hoffen.

Es wäre allerdings eine Schande, wenn jene Journalisten, die für die Mainstream-Presse über Design berichten, den Blick auf den Möbelindustrie-Aspekt verlieren. Denn wir glauben fest daran, dass der Designermöbelindustrie und den Designern, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen, mehr mit einer Presse gedient wäre, die genau analysiert, hinterfragt und kritisiert, als mit der aktuellen, unterwürfigen B2B-Kultur, die Inhalt und Werbung verwechselt.

In diesem Sinne sind wir auch gespannt, wie sich #milanuncut 2012 entwickelt und ob sich der SPIEGEL in die Debatte einbringen wird. Und ja, das ist eine direkte Aufforderung an die Kollegen in Hamburg.

“Haut und Haare” ist ein “Trend”-Artikel und er ist zugegebenermaßen kein Artikel, der besonders brisante Fragen stellt. Doch durch seinen Stil und seine Haltung erinnert er uns daran, dass Möbeldesignjournalismus mehr sein kann als nur kriecherische Speichelleckerei. Wie viele Blätter würden heute noch das Selbstvertrauen haben, ein Zitat eines modernen Egon Eiermanns zu drucken, der alle Möbeldesigner als Plagiatoren denunziert?

Der Artikel endet mit der für uns herzerwärmenden Nachricht, dass eine Person unser Misstrauen gegenüber Modeerscheinungen teilt und sich dem Ledertrend jener Zeit widersetzte: Der westdeutsche Bundeskanzler Ludwig Erhard bestellte 16 Eames Lobby Chairs für Bonn. In Stoff. Nicht in Leder.

Ludwig Erhard

Ludwig Erhard widersetzte sich den Modetrends der 1960er (Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F015320-0010 / Patzek, Renate / CC-BY-SA)

 

 



(smow)offline: “gute aussichten – junge deutsche fotografie” Georg Brückmann

Monday, August 2nd, 2010
Eames Lounge Chair by George Bruckmann. A delightful combination of paiting, photography and mind games.

Eames Lounge Chair von Georg Brückmann. Eine wunderbare Kombination aus Malerei, Fotografie und Gedankenspielchen.

Illegale Kopien von Designklassikern sind ein Thema, das uns nicht nur hier im (smow)Blog sondern generell im globalen (smow)Netzwerk immer wieder beschäftigt.

Oder besser gesagt, wann ist ein Designklassiker ein Designklassiker?

Beim HGB Rundgang in Leipzig im Februar wurden wir mit einer unerwarteteten und ungewöhnlichen Interpretation dieser Frage in Form des “Eames Lounge Chair” von Georg Brückmann konfrontiert.

Wir waren begeistert.

Und nicht nur wir waren beeindruckt von Brückmanns Arbeit. Im Oktober 2009 wurde seine Serie “in situ” für eine der wichtigsten und angesehensten deutschen Fotografie-Ausstellungen: “gute aussichten – junge deutsche fotografie” 2009/2010 ausgewählt.

Nach 10 Monaten und 6 Stationen in 3 Ländern, öffnet die letzte “gute aussichten” Ausstellung der 2009/2010 Tour am Donnerstag, dem 29. Juli im Art Foyer DZ Bank in Frankfurt am Main.

Bis zum 11. September können Besucher die Arbeiten von Georg Brückmann und den sieben anderen Künstlern, die aus 91 Bewerbungen von 33 deutschen Hochschulen ausgewählt wurden, anschauen.

Im Vorfeld der Ausstellungseröffnung haben wir Georg Brückmann in seinem Atelier in Leipzig-Lindenau getroffen. Und sind auch gleich zu Beginn in einen dicken Fettnapf getreten.

Wie alle Formen von “Design” bauen auch die bildenden Künste auf Innovation und neuen Ideen wenn sie überleben wollen.

Wir dachten, Brückmann malt auf Fotos.

Tut er nicht.

Still life with beer by George Brückmann. The objects are real, have been painted and then photographed

Stillleben mit Bier von Georg Brückmann. Die Objekte sind real, wurden angemalt und dann fotografiert.

Ursprünglich bemalte er die Objekte, überzog sie mit der gleichen Farbe und fotografierte sie anschließend. So hat er wunderbare, undurchsichtige, voluminöse Szenen irgendwo zwischen Realität, Malerei und Fotografie geschaffen.

Dann ging er dazu über, Objekte anzumalen, die im Bewusstsein des Betrachters dann in andere Objekte weitergesponnen werden, bevor er sich mit dem Thema Designklassiker bzw. der Beziehung zwischen Designklassikern und Nicht-Designklassikern auseinandersetzte.

Wir wollen den Reiz der Arbeiten nicht zerstören, indem wir den Entstehungsprozess verraten. Aber Georg Brückmann malt Designmöbelklassiker so, dass durch die Komposition des endgültigen Fotos “normale” Objekte in Kultmöbel verwandelt erscheinen.

Die Bilder der Stühle an sich sind nicht sonderlich akkurat, die Proportionen und Formen weichen oft von den Originalen ab. Aber das spielt keine Rolle. Man erkennt sie dennoch, findet sie attraktiv, gibt ihnen einen Wert – einen Wert, der auch die rauen und rudimentären Kulissen scheinbar veredelt.

Brückmanns Arbeit befasst sich mit der “imaginären Erweiterung” von einem Objekt in ein anderes. Das erreichen die Werke durch das Zusammenspiel von Perspektive, Kontext, Kunst und der Wahrnehmung des Betrachters. Sei es ein Pappkarton der zu einem Liegestuhl wird oder eine schlichte Gartenliege die Le Corbusiers LC 4 Chaiselongue wird.

Charles und Ray Eames’ Lounge Chair, der F 51 von Walter Gropius und Mies van der Rohes Barcelona Chair sind nur drei der Designklassiker, die Brückmann reinterpretiert hat… Oder besser gesagt, die er erweitert oder aufgewertet hat von weniger wertvollen Alltagsgegenständen zu Designklassikern die wir alle kennen.

In Brückmanns Worten: “Hier wird der Gegenstand zu dem, was er hätte werden können, was er sein könnte, sein wollte oder gar sollte.”

Unser Interview mit Georg Brückmann über seine Arbeit, gute ausichten und seine Zukunft gibt es auf den (smow)Kulturseiten.

Die Ausstellung “gute aussichten – junge deutsche fotografie 2009/2010” ist bis zum 11. September im Art Foyer DZ Bank in Frankfurt am Main zu sehen.

Le Corbusier LC 4 by George Brückmann

Le Corbusier LC 4 von Georg Brückmann



(smow)offline: “gute aussichten – junge deutsche fotografie 2009/2010″

Thursday, April 29th, 2010
gute aussichten 2009/2010

gute aussichten 2009/2010

Am Donnerstag, dem 29. April eröffnet die Ausstellung “gute aussichten – junge deutsche fotografie 2009/2010” im Haus der Photographie in Hamburg.

gute aussichten wurde 2004 als Platform zur Unterstützung junger, talentierter Fotografen gegründet und hat sich seitdem zu einem der wichtigsten und anerkanntesten zeitgenössischen Fotografiepreise Deutschlands entwickelt.

In diesem Jahr werden die Arbeiten von acht Künstlern ausgestellt: Georg Brückmann (HGB Leipzig); Philipp Dorl (FH Bielefeld); Sonja Kälberer (HGB Leipzig); Ute Klein (Folkwang Hochschule Essen); Ingo Mittelstaedt (HBK Braunschweig); Mona Mönnig (Folkwang Hochschule Essen); Shigeru Takato (KHM Köln) und Anna Simone Wallinger (Lette-Verein Berlin) – und somit ein breites Spektrum der Möglichkeiten moderner Fotografie präsentiert.

Eine besondere Rolle in der gute aussichten 2009/2010 spielen fotografische Illusionen.

Philipp Dorl zum Beispiel, bewegt sich mit seiner Arbeit “…nach Maß, Zahl und Gewicht” zwischen Malerei und Fotografie, zwischen Wahrnehmung und optischer Täuschung und zeigt uns so eine Welt, die uns nur durch ihre Unbekanntheit bekannt vorkommt.

Auf ähnliche Weise nutzt Georg Brückmann in seiner Diplomarbeit “in-situ” eine Art künstlerischer Lizenz um die imaginäre Ergänzung des Sichtbaren zu erforschen. Was im Grunde heißt, Design Klassiker wie den Eames Lounge Chair oder den Barcelona Chair in Fotos ansonsten unspektakulärer Räume zu malen. Das Ergebnis ist eine interessante, provokante “Realität”.

Insgesamt zeigt gute aussichten 2009/2010 104 Bilder, 2 Diaprojektionen, 2 DVDs, 2 Bücher, einen Container und verschiedene Displays.

“gute aussichten – junge deutsche fotografie 2009/2010″ läuft vom 20. April bis 30. Mai im Haus der Photographie, Hamburg.

Detaillierte Informationen gibt es unter http://www.guteaussichten.org

Gropius Sessel by Georg Brückmann (Foto Georg Brückmann, in situ, www.guteaussichten.org)

Gropius Sessel von Georg Brückmann (Foto Georg Brückmann, in situ, www.guteaussichten.org)



(smow)offline: Die Kunst des Fälschens. Adelta hilft Kunden, Kopien zu entlarven

Thursday, February 25th, 2010
Ball chair by Eero Aarnio for Adelta - original

Ball Chair von Eero Aarnio für Adelta - Original

Man sagt, Nachahmung sei die schönste Form der Schmeichelei.

Wer das sagt,  hat anscheinend noch nie Stunden, Wochen oder gar Jahre an einem Projekt gearbeitet, bis es perfekt war.

Und deshalb kopieren sie einfach alles, seien es Möbeldesigns, Webseitenkonzepte oder Literatur.

Im Januar wurden die Gewinner des Plagiarius Wettbewerbs 2010 für ihr exzellentes Kopieren von Arbeiten anderer gekürt. Unter den Gewinnern dieses Jahr: eine chinesische Imitation von deutschen Eiswürfelbehältern und ein polnisches Plagiat eines deutschen Spielzeug-Mähdreschers.

Wir werden niemals, also wirklich niemals, aufhören, die Gefahren und Probleme zu betonen, die mit einem Kauf von billigen Designer-Möbel Kopien zusammenhängen.

Aber viele Leute fragen uns, woran wir denn die Kopien identifizieren können.

Der eindeutigste Anhaltspunkt ist der Preis. Ein seriöser Händler wird niemals einen echten Design-Klassiker zu einem lächerlich kleinen Preis anbieten.

Doch wenn der Preis angemessen erscheint: wie können Sie dann sicher sein?

Um den Kunden eine Hilfestellung zu geben, veröffentlichen viele Hersteller mittlerweile detaillierte Informationen auf ihren Webseiten.

Der finnische Designer Eero Aarnio ist nicht nur ein wahrer Pionier in Sachen Möbel Design, sondern auch ein Designer, dessen Werke regelmäßig kopiert werden.

Sicherlich denken sich die Betrüger: “He, es ist doch bloß Plastik. Wie schwierig kann das denn sein?”

Ball chair by Eero Aarnio - fake

Ball Chair von Eero Aarnio -Plagiat

Viel schwieriger als man denkt!

Eero Aarnios Arbeiten sind exklusiv bei Adelta verfügbar. Auf der Webseite von Adelta gibt es einen witzigen Leitfaden, der erklärt, worauf man bei der Inspektion eines Möbelstückes achten sollte, das angeblich von Eero Aarnio stammt.

Die angesprochenen Punkte auf den Adelta Fotos geben aber auch einen hervorragenden Leitfaden um auch Plagiate anderer Designer-Arbeiten zu entlarven.

Die Polsterung. Gerade bei Fakes von Stühlen wie die von Mies van der Rohes Barcelona Chair (von Knoll) sind die Qualität der Polster und der Nähte ein wichtiger Indikator.

Ebenso wichtig ist der Fuß oder Sockel des Stuhls. So haben Kopien des Eames Chair von Vitra oft nur vier statt fünf Füße. Der einfache Grund: die Kosten für eine Gießform für fünf Füße sind den Nachahmern einfach zu hoch.

Der beste Rat ist: sprechen Sie einfach mit dem Händler. Ein seriöser Händler, der original lizensierte Produkte verkauft, wird immer eine ehrliche Antwort auf eine ehrliche Frage haben.