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Vitra Design Museum: Louis Kahn – The Power of Architecture

Thursday, February 21st, 2013

Am Freitag, den 23. Februar, eröffnet im Vitra Design Museum die Frühjahr/Sommer Ausstellung für 2013, “Louis Kahn – The Power of Architecture”.

In Zusammenarbeit mit dem Niederländischen Architektur Institut entstanden, ist The Power of Architecture die erste große Louis Khan Retrospektive seit über zwei Jahrzehnten und verspricht die umfangreichste Studie überhaupt über diesen interessanten und faszinierenden Sohn der Moderne zu werden.

Viele werden trotzdem noch nie von ihm gehört haben…

Louis Kahn ca.1972

Louis Kahn, ca. 1972 (Foto © Robert C. Lautman Photography Collection, National Building Museum)

Louis Khan wurde 1901 in Estland geboren und wuchs in Philadelphia auf. Als Sohn eines armen jüdischen Einwanderers, sind Khans frühe Jahre wahrscheinlich am besten als “bescheiden” zu beschreiben; aber er war ein talentierter und fleißiger Schüler und erhielt 1920 ein Stipendium für ein Kunststudium an der Universität von Philadelphia. Nach seinem Abschluss reiste er zwei Jahre durch Europa – eine Reise, die ihm sowohl die aufkommende Moderne als auch die Wunder der historischen Architekturtradition in Europa näher brachte. Bei seiner Rückkehr nach Amerika 1930 tat sich Khan schwer, Arbeit als Architekt zu finden und wendete sich der Lehre und der Forschung zu, zuerst an der Yale Universität und später an der Universität von Pennsylvania, bevor er 1951 sein erstes großes Projekt realisieren konnte – ein von den Kritikern gefeierter Anbau an der Kunstgalerie der Yale Universität. Es sollte ein weiteres Jahrzehnt vergehen, bevor er sein erstes Projekt außerhalb der USA verwirklichen konnte, das Indian Institute of Management in Ahmedabad, ein Auftrag, dem kurz darauf seine wohl wichtigste Arbeit folgte – das Parlamentsgebäude in Dhaka, Bangladesh. 1974 starb Louis Khan an einem Herzinfarkt in New York.

Obwohl Louis Khan in vielerlei Hinsicht als Opfer der Depression der 1930er Jahre in den USA betrachtet werden kann – zu der Zeit war er hauptsächlich arbeitslos oder bestenfalls unterbeschäftigt – sollte diese Zeit, die er lehrend und forschend verbrachte, die Grundlage für seinen späteren Ruhm bilden. Hier war es ihm schließlich möglich, seine Ideen zur sozialen Verantwortung von Architektur und der Beziehung zwischen Architektur und Umwelt zu entwickeln – sowohl im Hinblick auf die strukturellen Ähnlichkeiten als auch auf die Verbindung zwischen dem unbelebten Gebäude und der lebendigen Umwelt. Und vielleicht noch wichtiger, es gab Khan die Freiheit, beides in einem traditionellen Modernismus zu kombinieren, der nicht weniger verwirrt als erfreut: die äußerlich brutalistische Natur vieler von Kahns Bauwerken täuscht über einen klassischen Ansatz der Architektur hinweg, der daher oft erst auf dem zweiten oder dritten Blick deutlich wird. Sein Parlamentsgebäude von Dhaka zum Beispiel sieht aus, als würde es einen umhauen wollen. Erst wenn man näher herangeht, bemerkt man, dass es nichts Bedrohlicheres als eine Anordnung von Bögen und Säulen ist. Wie eine Art abstrakte gotisch-moderne Kathedrale.

Und tatsächlich ist Khans Portfolio voll mit Bauwerken und Formen, die vom Mittelalter, der Gotik und klassizistischen Bauten inspiriert sind. Louis Khan war vom Monumentalen fasziniert – sei es in Form von mittelalterlichen Städten, klassizistischen Brücken oder religiösen Gebäuden jeglicher Art – wann auch immer er Europa besuchte, kehrte er mit Zeichnungen und Aquarellen dieser Bauwerke oder einzelner Elemente davon zurück.

Und wenn sie zu ihm sprachen, dann nicht nur durch ihr architektonisches Erscheinen. 1944 schrieb Khan, “Kein Architekt kann eine Kathedrale einer anderen Epoche nachbauen, die die Freuden, Sehnsüchte, die Liebe und den Hass der Menschen verkörpert, deren Erbe sie wurde. Daher können die Bilder, die wir von monumentalen Bauwerken der Vergangenheit haben, nicht mit der gleichen Intensität und Bedeutung wiederaufleben. Der originalgetreue Nachbau ist unmöglich. Dennoch dürfen wir die Lehren, die uns die Gebäude der Vergangenheit erteilen, nicht vergessen, da sie eine übergreifende Bedeutungsqualität haben, auf welcher die Gebäude der Zukunft in gewisser Hinsicht aufbauen müssen.”1

Etwas, was uns diese Bauwerke lehren, ist, dass vertikal gestützte Bauten nicht aus festem Stein gebaut sein müssen, sie können innen auch hohl sein. Die Abgrenzung Louis Kahns von “dienenden”(served) und “bedienenden”(servant) Räumen sollte sich hin zu einer seiner wichtigsten Beiträge zur Architekturtheorie entwickeln. Für Louis Kahn sind dienende Räume die Räume in einem Gebäude, die aktiv genutzt werden und bedienende Räume die, die dem Zweck dienen – also im Wesentlichen Treppenhäuser, aber auch Klimaanlagen, Fahrstuhlschächte usw. Das mag auf der Hand liegen, aber bis man beginnt, aktiv zwischen den beiden Aspekten zu unterscheiden und ein Gebäude auf der Basis einer solchen aktiven Unterscheidung plant, kann man zum Beispiel nicht so ein modulares System wie Fritz Hallers Mini/MidiMaxi System entwickeln. Und vor Louis Khan hat niemand so eine Unterscheidung definiert.

National Assembly Building in Dhaka, Bangladesh, Louis Kahn 1962–83

Parlamentsgebäude in Dhaka, Bangladesh von Louis Kahn 1962–83 (Photo © Raymond Meier)

Louis Khans relativ später Eintritt in die hohen Ränge praktizierender Architekten und die relativ begrenzte Anzahl von Projekten, die er vollendet hat, bedeuten, dass während Khan in Architekturkreisen weitestgehend bekannt und respektiert ist, sein Name den meisten anderen Menschen nichts sagt. Louis Kahn – The Power of Architecture bietet eine wunderbare Gelegenheit, das zu ändern.

In zwei Teile unterteilt, beginnt die Ausstellung mit einer biografischen Einführung des Menschen Louis Khan und seiner Arbeit, bevor sechs Themenabschnitte seine Beziehung zu Philadelphia, seine wissenschaftliche Forschung und den Bereich natürlicher Bauten, die Rolle von Natur und Klassizismus in seiner Architektur und architektonisches Denken sowie die sozialen und kommunalen Aspekte seiner Bauwerke beleuchten.

Wir haben die Ausstellung noch nicht gesehen und können daher natürlich keinen Kommentar darüber abgeben, wie gut es die Ausstellung letztlich schafft, eine neue Perspektive auf Louis Khan, sein Werk und seinen Architekturzugang aufzuzeigen. Wir können jedoch sagen, dass die Ausstellung zuerst am Niederländischen Architektur Institut Rotterdam gezeigt wurde und dass wir nur Gutes darüber gehört haben. Wir erwarten, dass das Vitra Design Museum etwas an der Ausstellung gefeilt hat; wir erwarten aber auch darüber nur Gutes zu hören.

Louis Kahn – The Power of Architecture wird vom 23. Februar bis 11. August 2013 im Vitra Design Museum, Charles Eames Straße 2, in Weil am Rhein gezeigt.

In Ergänzung zur Ausstellung selbst veranstaltet das Vitra Design Museum ein Rahmenprogramm.

Weitere Informationen unter www.design-museum.de.

1 “L. I. Kahn “Monumentality” in New Architecture and City Planning, ed. P Zucker (New York 1944)”, zitiert in Eugene J. Johnson, “A Drawing of the Cathedral of Albi by Louis I. Kahn”, Gesta Vol. 25, No. 1, 1986

Vitra Design Museum Louis Kahn The Power of Architecture Ponte Vecchio Florence Italy

Ein Aquarell von Louis Kahn von Ponte Vecchio, Florence. gemalt ca. 1930 (© Private Collection, photo: Paul Takeuchi 2012)

Vitra Design Museum Louis Kahn The Power of Architecture Jewish Community Center, Ewing Township

Das jüdische Gemeindezentrum, Ewing Township, New Jersey von Louis Kahn 1954–59 (© Louis I. Kahn Collection, University of Pennsylvania und die Pennsylvania Historical and Museum Commission, photo: John Ebstel)

Vitra Design Museum Louis Kahn The Power of Architecture Steven und Toby Korman House Fort Washington Pennsylvania

Steven and Toby Korman House, Fort Washington, Pennsylvania von Louis Kahn 1971–73 (© Barry Halkin)

Vitra Design Museum Louis Kahn The Power of Architecture National Assembly Building in Dhaka

Vitra Design Museum: Louis Kahn - The Power of Architecture. Parlamentsgebäude in Dhaka, Bangladesh



Vitra Design Museum: Confrontations – Contemporary Dutch Design Live. Videos

Tuesday, July 3rd, 2012

Vitra Design Museum Confrontations Contemporary Dutch Design Live logoVerschiedene Verpflichtungen im Zuge des DMY in Berlin ließen es leider nicht zu, dass wir Confrontations – Contemporary Dutch Design Live im Vitra Design Museum besuchen konnten. Glücklicherweise hat das Vitra Design Museum und sein Partner, die niederländische Designplattform Premsela, aber Videos der fünf Projekte veröffentlicht. So gewinnt man sogar einen Einblick in das sechste Projekt – das Ausstellungsdesign von Catalogtree.

Von den erfahrenen Händen von designguide.tv gedreht, bieten die Videos einen tollen Einblick in den Hintergrund, die Umsetzung und die Ergebnisse der fünf Projekte. Außerdem zeigen sie, dass das Wetter in dieser Woche in Weil am Rhein offenbar genauso schlecht war wie in Berlin.

Fraglos das tiefgründigste, existenziellste Projekt war das von Lucas Maassen in Kooperation mit Roche. Als Fortsetzung eines Projektes, bei dem seine Kinder Möbel für ihn malten, hat Lucas Maassen die DNA seiner Eltern in Form sechseckiger Laborkristalle abbilden lassen und als echte Kristalle reproduziert. Dann sollten seine Eltern mit ihrer visualisierten DNA als Bausteine eine Kristalleuchte bauen. Einfach genial! Ja, das ist wieder eines dieser Projekte, die ein klein wenig mehr in Richtung Kunst statt Design tendieren. Zurzeit jedenfalls. Wir warten einfach mal ab, was Lucas daraus macht.

Auf einer etwas simpleren Ebene schufen 2012Architecten eine Sitzinstallation, bei der sie alles andere als perfekt verchromte Gestelle von Eames Aluminium Chairs und Holzreste verarbeiteten. Und wir vermuten mal, dass sie auch für die Eames Armchair-Sitzschale verantwortlich sind, die als Schaukel an einem Baum auf dem Vitra Campus aufgehängt im Video zu sehen ist. Das hat uns aufgrund der fast schon obszönen Einfachheit fast noch mehr beeindruckt als der “offizielle” Teil des Projekts.

Das in Eindhoven ansässige italienische Designstudio formafantasma arbeitete derweil mit der Köhlerin Doris Wicki zusammen. Sie schufen eine Serie von Glasgefäßen mit Holzkohlefiltern und servierten selbstgefiltertes Wasser zusammen mit kohlestaubversetztem Brot. Das soll die Verdauung fördern. Im Video geht es ungefähr ab Minute 5:45 darum.

Für das pechschwarze Kohlebrot würden wir zwar nicht Wieki Somers’ Bezeichnung “Genuss in Schichten” (“Layers of Pleasure”) verwenden, aber für Somers Projekt kann man wohl keinen treffenderen Ausdruck finden. Ein 100 Kilo schwerer Schokoladenzylinder, den sie mit dem Chocolatier Rafael Mutter zusammen kreiert hat, wird Schicht für Schicht abgeschabt, wodurch sich dem Betrachter die immer wieder neuen Muster in der überdimensionierten Praline offenbaren. Und als wäre dieser Anblick nicht schon Genuss genug, können die abgetrennten Schokoladenschichten auch noch gegessen werden. Wir empfehlen wirklich sich im Video ein Bild davon zu machen.

Der letzte Beitrag stammt von Dirk Vander Kooij, der seine Untersuchung fortsetzte, wie Objekte designt werden können, deren finale Form ohne großen Aufwand je nach Bedarf endlos verändert werden kann – das heißt ohne nach dem eigentlichen Produktionsprozess noch neue Werkzeuge, Formen oder  Fertigungsverfahren anwenden zu müssen. Sein Projekt Endless ist nun ein weiterer Schritt in diese Richtung. Zusammen mit dem Autoteilehersteller A. Raymond entwickelte er ein Dreieck, das mithilfe eines einfachen Mechanismus an den Kanten mit anderen Dreiecken verbunden werden kann, sodass dreidimensionale, beliebig erweiterbare Objekte entstehen. Und obwohl wir dachten, das Dreieck selbst wäre das “Produkt”, ist es nur ein einfacher Baustein, aus dem die gewünschten Objekte dann zusammengesetzt werden können. Wir hoffen, ihr könnt uns in etwa folgen… Die Leuchten, die er mit den PET-Dreiecken kreiert hat, sehen auf jeden Fall so aus, als würde sich die Weiterentwicklung der Idee lohnen.

Wie gesagt haben wir nur die Videos gesehen, aber nach dem zu urteilen, was wir da gesehen haben, scheint Confrontations – Contemporary Dutch Design Live sehr erfolgreich gewesen zu sein. Die Ausstellung hat auf jeden Fall fünf sehr verschiedene und sehr interessante Projekte hervorgebracht.

Die Ausstellung kann noch bis zum 2. September 2012 in der Vitra Design Museum Gallery besucht werden.

Und es gibt auch gute Nachrichten für alle, die es nicht nach Weil am Rhein schaffen werden: Die Premsela-Leiterin Els van der Plas hat angedeutet, die Ausstellung eventuell auf Tour zu bringen. Das klingt doch super! Wir nehmen an, dass die erste Show dann im Oktober bei der Dutch Design Week zu sehen sein würde… Wir halten euch auf jeden Fall auf dem Laufenden.

Alle Videos zu Confrontations – Contemporary Dutch Design Live gibt’s unter vimeo.com/premsela.

Wir haben uns die Freiheit genommen, das Video von 2012Architecten beim Recyceln der Vitra-Abfälle hier einzubetten:


Film von designguide.tv für Premsela und das Vitra Design Museum



Vitra Design Museum: Confrontations – Contemporary Dutch Design Live

Monday, June 4th, 2012

Parallel zu Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums präsentiert die Vitra Design Museum Gallery eine Ausstellung, in der Themen beleuchtet werden, die auch zentral für die Arbeit Gerrit Rietvelds sind: Experimentieren, Recycling und die Arbeit im Einklang mit den Materialien. Unter dem Titel Confrontations – Contemporary Dutch Design Live werden fünf niederländische Designstudios jeweils gemeinsam mit einem Partner aus der Region Basel ein Objekt oder eine Installation entwickeln. Live. Vor Ort. Innerhalb eines Nachmittags.

Die Ausstellungsreihe beginnt am Dienstag, den 12. Juni, und findet während der Design Miami Basel statt.

Jedes Objekt wird auf einer Palette auf einer Gitterbox geschaffen und dort auch präsentiert. Demzufolge wird die Galerie am Dienstagmorgen bis auf die leeren Kisten leer sein und bis zum Samstagabend mit den Projekten gefüllt werden. Die Ergebnisse können dann noch bis zum 2. September gesehen werden.

Treue Leser werden schon ahnen, dass wir von den Möglichkeiten fasziniert sind, die sich hier ergeben, wo sich junge Designer etablierten Unternehmen, Materialien und Strukturen widmen. Das muss nicht immer gut sein, ist es aber oft.

Spannend finden wir es außerdem zu überlegen, wie sich wohl Gerrit Rietveld im Vergleich zu den jungen Designern der Herausforderung gestellt hätte.

Dann sind da noch 2012architecten, die mit Abfällen aus der Vitra-Produktion arbeiten. Hoffentlich lernt Vitra etwas aus dieser Erfahrung und reduziert entweder ihre Abfallproduktion oder findet mehr kreative Verwendungsmöglichkeiten dafür. Wir halten euch auf dem Laufenden…

Vitra Design Museum: Confrontations – Contemporary Dutch Design Live. Programm:

Die Designstudios werden jeweils von 12 bis 18 Uhr in der Vitra Design Museum Gallery arbeiten. Der Eintritt ist frei.

Dienstag, 12.06: Lucas Maassen mit dem Arzneimittelhersteller Roche

Mittwoch, 13.06: 2012architecten mit Vitra

Donnerstag, 14.06: formafantasma mit Köhlerin Doris Wicki

Freitag, 15.06: Wieki Somers mit dem Chocolatier Rafael Mutter

Samstag, 16.06: Dirk Vander Kooij mit dem Automobilzulieferer A. Raymond.

Und der Vollständigkeit halber gibt es noch ein sechstes Studio: catalogtree, das für das Ausstellungsdesign verantwortlich ist.



Vitra Design Museum: Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums

Thursday, May 24th, 2012

 

Für eine Ausstellung namens Die Revolution des Raums gibt es wahrscheinlich keinen passenderen Ort als das von Frank Gehry entworfenene “räumlich revolutionäre” Vitra Design Museum in Weil am Rhein – außer vielleicht, wenn die Ausstellung Gerrit Rietveld gewidmet ist, also einem Mann, dessen Werk vor allem von klaren, linearen und gleichmäßigen Formen bestimmt wird. Das Vitra Design Museum hat diesen Kontrast dennoch gewagt und damit eine Ausstellung geschaffen, die nicht nur einen Überblick über einen Künstler, sein Werk, seinen Einfluss und sein Erbe gibt, sondern seine Besucher auf gelungene Weise mit zahlreichen formalen Gegensätzen konfrontiert.

gerrit rietveld revolution of space vitra design museum

Vitra Design Museum: Gerrit Rietveld - Die Revolution des Raums. Sogar das Wetter passte sich der Monotonie Rietvelds an.

1888 in Utrecht geboren, verließ Gerrit Thomas Rietveld die Schule im Alter von 12 Jahren, um in der Tischlerwerkstatt seines Vaters zu arbeiten. Nach seiner Zeit als technischer Zeichner und Modellbauer für den Utrechter Goldschmied und Juwelier C. J. A. Berger eröffnete Rietveld 1917 seine eigene Tischlerei und entwarf bereits im folgenden Jahr die erste, noch farblose, Version seines Red and Blue Chairs. 1919 knüpfte Rietveld erste Kontakte mit leitenden Mitgliedern der niederländischen Künstlervereinigung de Stijl, einer Gruppe von Künstlern, Designern und Architekten, die eine abstrakte wie reduzierte Formensprache etablierten. In den darauffolgenden Jahren richtete Rietveld seine Aufmerksamkeit zunehmend auf Architekturprojekte und gehörte 1928 neben Berühmtheiten, wie Le Corbusier, Mart Stam oder Hannes Meyer, zu den Gründungsmitgliedern des Congrès internationaux d’Architecture Moderne.

Die Revolution des Raums basiert weitgehend auf der 2010 in Utrecht gezeigten Ausstellung Rietvelds Universum. Im neuen Titel deuten sich allerdings bereits Änderungen an, die das Vitra Design Museum in Bezug auf den Kontext und den Stil der Ausstellung vorgenommen hat. Neben neuen Objekten, die Rietvelds Arbeit in den Kontext seiner Zeit setzen, geht die aktuelle Ausstellung im Gegensatz zur eher thematischen Herangehensweise in Utrecht im Wesentlichen einen chronologischen Weg.

Und so beginnt Die Revolution des Raums mit den Klassikern Rietvelds. Wie bei Metallicas Black-Album-Tour, als sie “Enter Sandman” als ersten Song gespielt haben, werden so direkt alle Erwartungen erfüllt und der Geist ist offen für neue, oder lang vergessene, Erfahrungen.

Ausgehend von den Klassikern versteht man nicht nur, auf wie vielen verschiedenen Gebieten Rietveld aktiv war, sondern auch, in wie vielen Bereichen des Möbeldesigns und der Architektur er seiner Zeit voraus war. Und wie viel von dem, was er versucht, aber nicht in die Tat umgesetzt hat, in den Arbeiten von Designern späterer Zeiten wiedergefunden werden kann. Wenn euch zum Beispiel ein Stuhl, der aus einem einzigen Stück gebogenem Metall besteht, bekannt vorkommt, dann habt ihr wahrscheinlich unser Interview mit Harry Thaler gelesen. Die Formensprache und das Konzept sind völlig unterschiedlich, aber Rietveld hatte die Idee schon 1942 und tat das, was uns das Design-Symposium “Warum Gestalten?” der HFBK Hamburg als primäre Funktion des Designers schilderte: Experimentieren und Grenzen überschreiten.

Nicht nur Harry Thaler wurde zeitweise durch den emsigen Rietveld die Schau gestohlen. Die Revolution des Raums umfasst noch zahlreiche Beispiele dafür, wie Designer von Rietveld beeinflusst wurden oder wie Themen in den Arbeiten integriert sind, mit denen Rietveld schon vor ein oder zwei Generationen experimentiert hat.

Für uns sind aber die Parallelen zum Bauhaus am interessantesten und eine Frage drängt sich dem Ausstellungsbesucher förmlich auf: Wieso ging Gerrit Rietveld eigentlich nicht zum Bauhaus? Optisch liegen die Hauptarbeiten Rietvelds und die berühmten Bauhaus-Arbeiten unbestritten nah beieinander. Außerdem haben Rietveld und diverse Bauhäusler auf ähnliche Weise zu ähnlichen Zeiten an sehr ähnlchen Themen gearbeitet und sich fraglos gegenseitig beeinflusst. Im Interview erklärte uns die Leiterin des Bauhaus-Archivs Berlin Dr. Annemarie Jaeggi außerdem, dass es zur Bauhaus-Philosophie gehörte neue Materialien zu erforschen und zu testen, was mit ihnen alles möglich war. In jedem Raum des Vitra Design Museums findet man Beispiele dafür, wie Gerrit Rietveld genau das getan hat.

Wieso kamen Rietveld und das Bauhaus also nie zusammen? Die Kuratoren Ida van Zijil vom Centraal Muesum Utrecht und Amelie Znidaric vom Vitra Design Museum sind sich darüber einig, dass Rietvelds private Situation in Holland es ihm einfach nicht erlaubte, zum Bauhaus zu reisen. Es sei nicht mal Thema gewesen. Er war wahrscheinlich zufrieden mit den Projekten, die er hatte, und verspürte so kein wirkliches Verlangen nach Deutschland zu reisen bzw. betrachtete es nicht als Notwendigkeit. “Und das ist auch gut so”, um das beliebte, weil treffende Zitat des Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit heranzuziehen. Denn wäre Rietveld nach Weimar oder Dessau gereist, wäre er möglicherweise nur Teil eines weiteren, kleinen Kapitels in der Bauhaus-Geschichte geworden. Und das wäre natürlich mehr als schade…

Ob als Pionier des Open Designs, moderner Stadtplaner oder als einer der ersten Designer, die gebeten wurden, den Innenraum von Flugzeugen zu designen, Gerrit Rietveld ist ein Mann mit vielen, sehr vielen Talenten. Besonderes Interesse weckten bei uns die Modelle, Skizzen und Möbel, die Gerrit Rietveld zum sozialen Wohnungsbau sowie zur Vorfertigung und allgemein zur Verbesserung der häuslichen Situation der Arbeiter angefertigt hat.

Für uns sind in diesem Sinne die Parallelen zu Jean Prouvé mehr als deutlich, doch laut Ida van Zijil gibt es da einen großen Unterschied: “Für Prouvé war die industrielle Produktion sehr wichtig, für Rietveld war die Idee wichtiger. Es war weniger wichtig, wie es gemacht wurde, es war nur wichtig, dass es gemacht wurde”.

Darin liegt möglicherweise ein weiterer Grund dafür, wieso Gerrit Rietveld nie zum Bauhaus ging. Sein Herz schlug einfach einen Takt schneller fürs Handwerk als für die Industrie, was ihn stärker an die Tradition der Arts and Crafts Bewegung oder den Deutschen Werkbund band als an das industriefixierte Bauhaus.

gerrit rietveld revolution of space vitra design museum

Ein Modell für das Verriet Institut für behinderte Kinder, Curacao. Designt von Gerrit Rietveld und Henk Nolte 1949-52

Trotz aller Innovationen, Visionen und Experimente wird Gerrit Rietveld meist auf seine früheren Arbeiten reduziert; vor allem der Red and Blue Chair wurde zu solch einer Designikone, dass es für die meisten fast unmöglich sein wird, Rietveld von diesem einen Objekt zu trennen. Doch wieso ist das so? Sind seine früheren Arbeiten wirklich besser als das, was später kam? Warum hörte Gerrit Rietvelds Berühmtheit just zu der Zeit auf als seine Karriere wirklich begann? Für Ida van Zijl liegt ein Teil des Problems ironischerweise darin, dass die de Stijl-Bewegung Rietveld erst einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat: “De Stijl ist sehr bedeutend für die Geschichte des 20. Jahrhunderts, deshalb sind auch die Arbeiten, die im Zuge von de Stijl entstanden, unvermeidlich die bekanntesten und die mit dem größten Wiedererkennungswert.”

Im Fall Rietvelds hat die Popularität, die er mit seinen De Stijl-Arbeiten erfuhr, zu einer Vernachlässigung seines übrigen Oeuvres geführt. Insebsondere seine späten Arbeiten waren davon betroffen. Hätte das Centraal Museum Utrecht 1958 keine Rietveld-Retrospektive gezeigt, wären viele dieser Arbeiten wahrscheinlich kaum an die Öffentlichkeit gedrungen.

Nichtsdestotrotz steht Rietvelds vollständige Rehabilitation noch aus. Nach wie vor ist er ein Mann, den man viel zu schnell auf drei oder vier Projekte reduziert. Die Revolution des Raums macht nun auf wunderbare Weise deutlich, dass es bei Gerrit Rietveld weitaus mehr zu mögen, zu entdecken und zu lernen gibt.

Und die Location? Würde Gerrit T. Rietveld ein Gebäude wie das Vitra Design Museum für seine Ausstellung gutheißen? Würde er sich darüber freuen, dass sein Werk in einem Frank O. Gehry Temple des Dekadenten, Formlosen, Organischen gezeigt wird?

Wir fragen Ida van Zijl und sie lacht herzhaft: “Natürlich! Er war ja kein Prinzipienreiter und verfolgte nicht etwa die Mission, andere zu seinem Glauben zu bekehren. Es gab da beispielsweise einen niederländischen Architekten namens Ravesteyn, der eine fast barocke Form des Funktionalismus entwickelte. Alle führenden niederländischen Architekten der damaligen Zeit kritisierten ihn dafür und behaupteten, das was er tue, sei falsch. Und es war Rietveld, der sagte: ‘Nein! Jeder kann den Modernismus auf seine Weise interpretieren.’ Von daher glaube ich, dass Rietveld durchaus an der Architektur des Vitra Design Museum interessiert wäre, und sich freuen würde, dass sein Werk genau darin gezeigt wird.”

Gerrit T. Rietveld Die Revolution des Raums kann noch bis zum 16. September 2012 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein besucht werden.

 



Album @ Vitra Design Museum Gallery: Interview mit Ronan Bouroullec

Tuesday, February 21st, 2012
Vitra Design Museum Ronan Bouroullec

Ronan Bouroullec

Ronan & Erwan Bouroullec sind fraglos zwei der bedeutendsten Designer ihrer Generation und werden daher auch zurzeit gleich mit zwei Ausstellungen geehrt: Im Centre Pompidou Metz läuft derzeit die Retrospektive Biwak und in der Vitra Design Museum Gallery in Weil am Rhein Album, eine Ausstellung der Zeichnungen und Skizzen, die vorher in Bordeaux zu sehen waren.

Bei der Eröffnung von Album in der Vitra Design Museum Gallery sprachen wir mit Ronan Bouroullec übers Zeichnen, Älterwerden und – mal wieder – darüber, wieso er weniger Aufträge annehmen möchte…

(smow)blog: Liegt der Ursprung all Ihrer Projekte in Zeichnungen?

Ronan Bouroullec: Nein, nicht immer. Manche beginnen auch mit völlig abstrakten Gedanken. Das hat sich im Laufe der Jahre aber sehr verändert. Ich hatte meine erste Gruppenausstellung mit 17. Jetzt bin ich 40. Meine Methoden und mein Verständnis von Design haben sich in den letzten 20 Jahre natürlich verändert. Am Anfang war ich noch ganz schön naiv.

(smow)blog: Haben Sie in Ihren Anfangsjahren mehr gezeichnet und spielt moderne Technik heute eine größere Rolle?

Ronan Bouroullec: Zeichnen ist etwas, das ich schon immer getan habe – viel länger als Designen – und das mir sehr wichtig ist. Wenn ich aufhören würde zu designen, würde ich nicht sterben, aber ich kann nicht aufhören zu zeichnen. Und ich glaube, dass Zeichnen im Design einen guten Ausgleich schafft. Design ist mitunter ein sehr langwieriger Prozess, ein sehr frustrierender Prozess. Es kann Jahre von der ersten Zeichnung bis zur fertigen Arbeit dauern. Deshalb ist es für uns wichtig, dass wir uns durch Bilder und Zeichnungen klar und präzise ausdrücken können.

(smow)blog: Heißt das, dass Sie den Designprozess durch Zeichnungen besser kontrollieren können?

Ronan Bouroullec: Der Prozess in unserem Studio und auch in unseren Gedanken ist meist sehr chaotisch; er folgt keinen klaren Strukturen. Und so hat jedes Produkt seinen ganz eigenen, natürlichen Flow. Deshalb ist es sehr schwer den Prozess als solchen zu beschreiben. Das Chaos sieht man unseren fertigen Arbeiten natürlich nicht an; sie wirken immer so klar, einfach und direkt. Aber der Weg dahin…

(smow)blog: Neben Album ist zurzeit auch die Retrospektive Biwak in Metz zu sehen. Wenn Sie sich diese beiden Ausstellungen ansehen, können Sie dann erkennen, wie und an welchen Stellen sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre verändert hat?

Ronan Bouroullec: Ich glaube, dass wir am Anfang optimistischer und naiver waren, aber mittlerweile wissen wir etwas mehr über das ganze System. Das ist an sich gut, es kann einen aber auch einschränken und imaginäre Schranken erzeugen. Projekte dauern jetzt sogar länger als vor 20 Jahren. Als wir jünger waren, waren wir irgendwie intuitiver…

(smow)blog: … und jetzt sind Sie vorsichtiger?

Ronan Bouroullec: Ich weiß nicht genau warum, aber mittlerweile lastet offenbar mehr Druck auf uns. Die Leute sehen einfach genauer hin und erwarten etwas von uns; sie erwarten ein Statement.

(smow)blog: Album und Biwak bieten die Chance, zurück zu blicken und zu reflektieren… Im Hinblick auf die Zukunft…

Ronan Bouroullec: Ich sehe nicht die Notwendigkeit jetzt so viel zu machen. Wir haben ein sehr kleines Studio und möchten es nicht wirklich erweitern. Wir wollten nie ein großes Studio, aber weil wir so bekannt sind, bekommen wir jede Menge Angebote. Doch wir sind eigentlich nicht daran interessiert alles zu machen, was uns angeboten wird, und konzentrieren uns stattdessen lieber auf die Sachen, die uns tatsächlich interessieren. Außerdem versuche ich noch ein bisschen Zeit zum Zeichnen zu finden…

Ronan & Erwan Bouroullec Album kann noch bis zum 3. Juni 2012 in der Vitra Design Museum Gallery besucht werden.

Vitra Design Museum Gallery Ronan & Erwan Bouroullec Album

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

Vitra Design Museum Gallery Ronan & Erwan Bouroullec Album

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

 



Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec “Album”

Monday, February 13th, 2012

Wir sind mitten in der Nacht aufgestanden und durch den dieser Tage so harten europäischen Winter gestapft, nur um pünktlich bei der Eröffnung von Album in Weil am Rhein zu sein. Vielleicht könnt ihr euch vorstellen, dass wir uns gefreut haben, als wir gehört haben, dass auch Erwan Bouroullec bis auf die Knochen durchgefroren war, als er bei diesen frostigen Temperaturen auf den 6:15-Zug nach Basel gewartet hat. Nicht etwa, weil wir grausam, herzlos oder schadenfroh wären – zumindest nicht in diesem Fall -, sondern weil uns das zeigt, wie “normal” die Designwelt und die Designer eigentlich sind. Das hat so etwas beruhigendes. Und die Aktion gewährt uns einen kleinen, aber persönlichen Einblick in den – wenn auch zuweilen banalen – Alltag eines Designers.

ronan erwan bouroullec album vitra design museum mateo kries

Ronan & Erwan Bouroullec im Gespräch mit dem Direktor des Vitra Design Museums Mateo Kries

Mit mehr als 300 Entwürfen, Modellen, Fotos und Produkten, die beim Designprozess entstanden sind, ist Album weder eine Retrospektive der Arbeit der Bouroullec-Brüder noch ihre Verortung in der Designgeschichte Europas. Es wird viel mehr gezeigt, wo Design herkommt und welche Prozesse hinter einem Produktdesign stecken – und das nicht nur aus der kühlen, nüchtern-geschäftlichen “Gare de Lyon, 6 Uhr” Perspektive, aus der die Arbeit der Bouroullecs für gewöhnlich bewertet wird, sondern aus einer emotionalen, ungewissen und allzu menschlichen “viel zu früh aufgestanden, Familie verlassen, wieso haben wir keinen Pelzmantel??!!” Perspektive, die wir bisher noch nicht kannten. Eben ein kleiner persönlicher Einblick in den zuweilen banalen Alltag eines Designers.

Album zeigt neben Bildern und Verweisen auf viele ihrer berühmten Arbeiten auch naive, abstrakte Formen, Projekte, die nie über das Skizzenbuch hinaus gekommen sind, und kindliche Zeichnungen, die den Eindruck erzeugen, eine Stuhl wäre nicht mehr als vier Beine, mit Sitz und Lehne darauf. Außerdem sind da noch einige putzige, aber nachdenklich wirkende Fantasiegestalten, die darauf hindeuten, dass die Brüder, wenn sie mal keine Designverträge mehr bekommen sollten, eine strahlende Zukunft als Kinderbuchillustratoren erwartet.

Wenn die Ausstellung auch unmissverständlich das Werk von Ronan & Erwan Bouroullec zum Thema hat, ist Album genauso ein Beleg für die im Wesentlichen analoge Natur des Designprozesses. Computer und digitale Technik können zwar hilfreich sein, Dinge beschleunigen und die industrielle Seite des Designs fördern, doch wenn man das, was man möchte, nicht visualisieren und mit einigen wenigen Strichen ausdrücken kann, stehen die Chancen, je ein Projekt durchzuführen, ziemlich schlecht.

In den vergangenen Wochen haben wir uns ziemlich viel mit “Möbelarchitekten” beschäftigt. Man könnte behaupten, dass Architekten besonders für das Möbeldesign geschaffen sind, da sie sich besonders gut mit Statik und Maßen auskennen und Dinge zum Funktionieren bringen können. Der Background der Bourroullec-Brüder ist dagegen klassische Kunst. Durch Album erkennt man, dass sie ihre mangelnde technische Ausbildung durch die emotionale Verbindung zu ihrer Arbeit und ihr Verständnis für visuelle Kompositionen mehr als wettmachen können.

Das bringt uns wiederum zurück zu Patricia Urquiola, die ebenfalls der Ansicht ist, dass Architekten nicht zwangsweise die besten Möbel herstellen…

bouroullec album vitra design museum

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

Da wir die Arbeit der Bourroullecs erst kürzlich in 700 und 1000 m² großen Räumen gesehen haben, wirken die paar Quadratmeter, die sie in der Vitra Design Museum Gallery zur Verfügung haben, in etwa so, als würde U2 in eurer Küche spielen. Doch was an Platz fehlt, wird durch Intensität mehr als wettgemacht. Man kann den Arbeiten einfach nicht entfliehen. Man entkommt weder den Verbindungen noch der Zufälligkeit der Anordnung. Man wird förmlich hineingezogen…

Für Album selbst lohnt sich ein Trip nach Weil am Rhein nicht wirklich, doch sind auch weder die Ausstellung noch die Vitra Design Museum Gallery an sich als große Publikumsmagnete geplant gewesen – vielmehr sollen sie als Erweiterung und Vertiefung des bestehenden Vitra Campus dienen. Als zusätzliche Attraktion beim Besuch des VitraHauses und/oder Design Museums lohnt sich ein Abstecher zu Album aber auf jeden Fall.

Ronan & Erwan Bouroullec Album kann noch bis zum 6. Juni in der Vitra Design Museum Gallery besucht werden.

bouroullec album vitra design museum weil am rhein

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

bouroullec album vitra design museum sketch book

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

bouroullec album vitra design museum chairs

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"



Ein Jahr VitraHaus: Ein Interview mit Eckart Maise

Thursday, June 9th, 2011

Im Februar hat das VitraHaus in Weil am Rhein seinen ersten Geburtstag gefeiert.

Wir haben mit Vitras Chief Design Officer Eckart Maise über ein Jahr VitraHaus und die Pläne für die Zukunft gesprochen.

(smow)blog: Das VitraHaus is jetzt ein Jahr alt. Sind Sie zufrieden mit dem ersten Jahr?

Eckart Maise: Ja, das VitraHaus ist ein voller Erfolg. Wir hatten sowohl von der Anzahl der Besucher als auch was das Feedback angeht eine sehr positive Resonanz. Die Zahl der Besucher des Vitra Campus hat sich zum Beispiel seit der Eröffnung des VitraHauses verdreifacht. Wir hatten etwa 350000 Besucher im letzten Jahr, was unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen hat. Einen Anstieg hatten wir erwartet, aber nicht in diesen Dimensionen.

(smow)blog: Ist die Marke Vitra dadurch auch bekannter geworden?

Eckart Maise: Ja, auf jeden Fall. Das kann man zum Beispiel sehr stark an der Presseresonanz zum VitraHaus messen. Ich bin seit 16 Jahren bei Vitra und in dieser Zeit war das VitraHaus das erste neue Gebäude auf dem Vitra Campus. Die Berichterstattung hat eine ganz andere Dimension als bei einem neuen Produkt.

(smow)blog: Inwieweit sind Vitras Möbeldesigner im VitraHaus involviert? Entscheiden sie mit über die Inneneinrichtung?

Eckart Maise: Die Einrichtung wird prinzipiell von unseren hauseigenen Innenarchitekten und Stylisten organisiert. In den Bereichen, in denen ein Produkt im Mittelpunkt steht, sind manchmal auch die Möbeldesigner involviert, so wie derzeit beim Suita Sofa. Wir haben im Vorfeld mit Antonio Citterio gesprochen, seine Meinung eingeholt und dann ein paar Dinge optimiert. Viele der Designer stehen aber auch in regelmäßigem Kontakt zu unseren Inneneinrichtern, sodass immer ein Austausch von Ideen stattfindet.

(smow)blog: Im VitraHaus gibt es einige Produkte, die keine Vitra-Designs sind. Spin von Tom Dixon fällt uns zum Beispiel immer ins Auge…

Eckart Maise: …Ja, das ist ein bewusstes Gestaltungselement in der Wohneinrichtung, Die Collage ist das Einrichtungsrezept was unserer Haltung am besten entspricht. Die Qualität einer Einrichtung entsteht durch die Vielfalt, Vielfalt auch in Bezug auf die Herkunft der einzelnen Stücke. Eine reine Vitra-Einrichtung ist nicht notwendigerweise die beste. Und hier im VitraHaus haben wir Leuchten, Accessoires, Textilien etc. von anderen Herstellern die die Vitra-Produkte ergänzen.

(smow)blog: Wird es in Zukunft einen Bereich im VitraHaus geben, den einzelne Designer ausstatten können?

Eckart Maise: Ja, das ist in Planung. Tatsächlich war das von Anfang an vorgesehen, aber bisher nicht realisiert. Wir wollen kein Museum sein, in dem es eine Bouroullec-Ausstellung oder eine Citterio-Ausstellung gibt. Aber natürlich kann man die Designer, die in Interieurs aktiv sind, zum Beispiel die Bouroullecs, bitten einen Bereich zu gestalten – unter der Bedingung dass es keine Monografie ihrer Arbeit wird sondern eine Collage mit Produkten anderer Vitra-Designer.

(smow)blog: Zum Beispiel eine Mustereinrichtung für ein 20 m² Loft?

Eckart Maise: Genau. Es gibt verschiedene Überlegungen und wir starten hoffentlich in den nächsten Monaten damit.

(smow)blog: Eine andere Erweiterung des Vitra Campus ist das Vitra Atelier. Im Moment kann man sehen, wie ein Eames Lounge Chair zusammengebaut wird. Soll das Konzept erweitert werden?

Eckart Maise: Das Konzept ist zwar flexibel, aber momentan wird es auf den Lounge Chair beschränkt bleiben. Für uns ist wichtig, dass die handwerkliche Qualität wahrgenommen wird, die in diesem Produkt steckt, und dass die Produkte hier in Weil am Rhein und nicht China oder anderswo hergestellt werden. Die Kunden haben außerdem die Möglichkeit, die Fertigung ihres eigenen Lounge Chair zu beobachten. Sie können am Vormittag ins VitraHaus kommen, ihre Bestellung aufgeben, zusehen, wie der Lounge Chair zusammengebaut wird und ihn am Nachmittag mit nach Hause nehmen. Der Eames Lounge Chair gehört wahrscheinlich zu den Objekten zu denen die Besitzer die größte emotionale Bindung haben und die eine zentrale Rolle in ihrer Einrichtung einnehmen. Deshalb ist er für uns das perfekte Objekt für das Vitra Atelier.

Since over one year part of teh Weil am Rhein landscpae - VitraHaus

Seit über einem Jahr ein Teil der Landschaft bei Weil am Rhein - VitraHaus

Vitra Atelier - Loung Chair construction LIVE!

Vitra Atelier - Eames Lounge Chair Montage LIVE!



Der Vitra-Zaun

Thursday, March 31st, 2011
The wonderful view from the Buckminster Fuller Dome at Vitra Campus: A fence

Der herrliche Blick vom Buckminster Fuller Dome auf dem Vitra Gelände: Ein Zaun

Letzten Freitag verbrachten wir einen äußerst vergnüglichen und gleichermaßen erfolgreichen Tag bei und mit Vitra.

Lediglich ein bisschen irritiert waren wir von zwei Grenzziehungen, die unseren Weg kreuzten – beschränkten vielmehr.

Fast wie eine Analogie für die anthropogene Absurdität nationale Grenzen zu ziehen, liegt der Flughafen in Basel sowohl in Frankreich als auch in der Schweiz.

Und hat zwei Ausgänge: Einen, der in die Schweiz führt und einen anderen, der nach Frankreich führt.

Wir entschieden uns für den schweizer Weg. Unser Fahrer stand in Frankreich. Zwischen uns und dem Terminal lag eine Glaswand.

Was sollen wir machen? Wie kommen wir hier wieder raus? Panik.

Die Lösung ist: Man geht die Treppe hoch zur Abflughalle. Dort kann man sich frei zwischen Frankreich und der Schweiz bewegen. Und man merkt: Die Glaswand ist weniger eine Grenze zwischen zwei Ländern als eine clevere Form der Kulturkritik.

Trotz der Menge an Vitra chairs im Basler Flughafen, schien Vitra nicht für die Glaswand verantwortlich zu sein.

Die zweite Grenzziehung hingegen, die uns auf die Palme brachte, lag durchaus in der Verantwortung Vitras.

Das VitraHaus und Vitra Design Museum stehen unmittelbar vor dem Vitra Produktionswerk in Weil am Rhein.

Es handelt sich also um ein Produktionswerk, das vernünftigerweise durch einen Zaun vom Rest der Welt abgetrennt ist.

Das wäre nicht schlimm, wäre da nicht ein Problem. HInter dem Zaun sind die Buckminster Fuller Dome und die Jean Prouvé’s Tankstelle.

Uns war die Existenz des Zaunes immer bewusst. Und wir waren durchaus irritiert davon, dass es durch die Existenz des Zaunes quasi unmöglich ist, ein brauchbares Foto des Domes zu machen oder die Tankstelle richtig zu sehen.

Aber wir haben es nie hinterfragt.

Bis zum letzten Freitag als wir auf der Werksseite des Zaunes standen. Plötzlich realisierten wir, dass es keinen nachvollziehbaren Grund für die Position des Zaunes gibt. Er könnte genauso gut parallel zur Straße zwischen dem Werk und dem Dome und der Tankstelle liegen.

Das würde weder die Sicherheit der Besucher – die offensichtlich fern von den Produktionsprozessen gehalten werden müssen – gefährden noch würde es zusätzliche Risiken bergen.

Dafür würde es für die Besucher von VitraHaus und Vitra Design Museum zwei weitere interessante und wichtige Gebäude zugänglich machen. Und man könnte eine Menge mehr guter Fotos machen.

Wir hätten nie gedacht, einmal in die Fußstapfen Ronald Reagans zu treten, aber: “Herr Fehlbaum, reißen Sie diese Mauer nieder! Oder versetzen Sie sie wenigstens um ein Stück! Bitte.”

Die Grenzzäune am Basler Flughafen mögen ein Denkmal nobler Diplmomatie Logik zu sein – die auf dem Vitra Gelände können versetzt werden.

Nur mal so als Anregung……

The Vitra Campus Wall. Those in West Vitra Campus enjoy modern homes, this in the east tents. Possibly.

Die Vitra Mauer. Modernes Wohnen im Westen, Zelte in Osten. Womöglich.



(smow)Blog Rückblick 2010: Januar, Februar, März

Friday, January 14th, 2011

Obwohl viele Kritiker meinen, dass ein Jahresrückblick lediglich ein einfacher und augenscheinlicher Weg ist Content zu generieren ist dieser für uns ein wichtiger Schritt in der Planung unserer Aktivitäten im kommenden Jahr – d.h. wo wir hingehen, mit wem wir sprechen werden, worauf wir sitzen werden und was viel wichtiger ist was wir dieses Jahr aufgeben oder anders machen werden.

Das einzig wirkliche Problem für uns dabei ist, dass wir erst mit der Aufarbeitung realisieren wieviel Material wir aufgrund der Fülle unbeachtet lassen müssen. Dadurch bekommen wir jedoch einen Eindruck davon, wieviel mehr Material wir im kommenden Jahr erwerben können.

Heck!

Lesender Tisch von Uli Budde @ Designers Fair 2010 Köln

Lesender Tisch von Uli Budde @ Designers Fair 2010 Köln

Das Jahr begann wie immer mit der IMM und Designers Fair in Köln. Abgesehen von der Möglichkeit einige Anti-Karneval-Scherze zu machen brachte uns der Ausflug einige tolle neue Produkte und Designer näher, so z.B.: Uli Budde, Christian Lessing, Martin Neuhaus, Alexander Gufler, maigrau, Tim Baute etc, etc, etc…

Ein weiteres Higlight war die Einführung von Herbert Hirche´s Interbau 57 Sessel durch Richard Lampert.

Negativ war der Mangel an Innovationen und wenn wir ehrlich sind die Qualität der Ausstellungen auf der IMM. Dafür, dass die IMM Deutschlands größte und wichtigste Möbelmesse ist, war sie einfach nicht gut genug.

Lassen wir uns überraschen was die IMM 2011 bringt.

Im Februar waren wir dann mit der Eröffnung des VitraHaus auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein und einem Besuch beim MoormannHaus in Aschau im chiemgar auf einem wesentlich sichereren Grund unterwegs.

Moormann Haus, Aschau im Chiemgau

Moormann Haus, Aschau im Chiemgau

Abgesehen von der Art und Weise wie das VirtraHaus majästatisch vor einem erscheint war für uns die Entscheidung Gegenstände, die nicht aus dem Hause Vitra stammen, in die Ausstellung zu integrieren die wahre Freude. Ganz im Geiste der Collage von Charles and Ray Eames zum Prinzip der Innnenarchitektur.

Wenn wir einen Wunsch für 2011 hätten, dann der, dass man das eine oder andere Werk eines jungen Designers in die Ausstellungsfläche im VitraHaus aufnimmt, anstatt ausschließlich auf etablierte Designer zu bauen.

Das VitraHaus ist groß genug, um jungen Talenten eine Chance zu geben.

Während das MoormannHaus nur in Bruchteilen so spektakulär war wie Architektur von Vitra, war das eigentliche Highlight unseres Trips nach Aschau die Moormann Berge.

Die Moormann Berge ist eine wundervolle Einführung in die Moormann Philosophie, ganz abgesehen davon, dass es auch ein hervorragender Ausgangspunkt für einen Trip in die bayrischen Alpen ist.

Im März feierte die (smow)airport systems mit einer Reihe von auf USM Haller basierten Flughafen Lösungen auf der Passenger Terminal Expo 2010 in Brüssel Premiere. In Zusammenarbeit mit USM Haller hat die (smow) airport systems eine Reihe von Lösungen sowohl für operative als auch Lounge und Retail Bereiche auf Flughäfen entwickelt – Lösungen die auch bei den Besuchern der PTE sehr gut ankamen.

Auch wenn sich Firmenname und Struktur seit der PTE 2010 wieder verändert haben werden wir auch bei der PTE 2011 in Kopenhagen wieder dabei sein, zum einen um die Entwicklung des Projekts als Ganzes zu verfolgen und zum anderen um über Entwicklungen im Flughafen- und öffentlichen Bereich der Möbelwelt zu berichten.

Volles Haus im (smow)Raum für eine Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse

Volles Haus im (smow)Raum für eine Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse

Zurück in Leipzig fand im März 2010 die Leipziger Buchmesse statt und parallel dazu eine erfolgreiche Lesungsreihe im Rahmen des Events (smow)liest im (smow)Raum am Burgplatz.

Angefangen mit dem Buch “Grillsaison” von Philipp Kohlhöfer, gefolgt von “Neue Stimmen from Switzerland” bis hin zu “Meine Frau will einen Garten” von Gerhard Matzig brachten alle drei Vorlesungen ein sehr unterschiedliches, wenn auch gleichermaßen unterhaltsames Erlebnis mit sich.

Mehr davon Anfang 2011!



Vitra Design Museum Workshop: Teil 1 – Die Idee

Tuesday, July 6th, 2010
Vitra Design Museum:

Vitra Design Museum: Die Essenz der Dinge. Design und die Kunst der Reduktion.

Parallel zu den Ausstellungen im Vitra Design Museum werden Workshops angeboten. Sie begleiten die Ausstellung und bieten den Teilnehmern neue Einblicke in das Thema der Ausstellung, bzw. in kleinere Teilbereiche.

Für die aktuelle Ausstellung “Die Essenz der Dinge. Design und die Kunst der Reduktion.” heißt das: Workshops unter anderem über Pappkartonmöbel.

Pappkarton ist ohne Frage eines der schwierigeren Materialien für das Möbeldesign.

Als ein günstiges, überall verfügbares und umweltverträgliches Produkt scheint es perfekt für das moderne Möbeldesign zu sein.

Perfekt bis zu der Frage nach Stabilität und Zerbrechlichkeit.

Da wir Herausforderungen lieben, haben wir uns für den Workshop angemeldet.

Unsere erste Aufgabe war es, herauszufinden, was für ein Produkt wir erstellen wollen.

Drei Inspirationsquellen haben uns den Weg gewiesen.

Zuerst das Thema der Ausstellung: Die Essenz der Dinge. Design und die Kunst der Reduktion. Reduktion. Egal was wir uns vorgenommen haben, es sollte während des Designprozesses das Produkt “reduzieren”.

Chairless by for Vitra

Chairlessby von Alejandro Aravena für Vitra

Unter den aktuellen Produkten auf dem Markt, welche sich dem Konzept der Reduktion verschrieben haben, ist Chairless von Alejandro Aravena für Vitra.

Als Produkt gibt Chairless an, den Stuhl vom Stuhl zu befreien und wurde so zu unserer zweiten Inspirationsquelle.

Auch wenn wir das Konzept mögen, für uns ist es eine Umsetzung des statischen Stuhls in die Nutzung der eigenen Muskelkraft.

So kommt es, dass der Nutzer des Chairless in seiner Bewegung stark eingeschränkt ist, denn wenn er sich bewegt, bricht das System aus Stabilität zusammen.

Und so kam uns die Idee der Entwicklung eines wahren Chairless Chairs der die Bewegung des Sitzenden aber nicht einschränkt.

MVS Chaise by Maarten van Severen from Vitra

MVS Chaise von Maarten van Severen für Vitra

Wir sind dann ziemlich schnell bei faltbaren Konzepten angelangt und ließen uns von Maarten van Severen leiten, einem Experten auf dem Gebiet des reduzierten Designs. Wir haben die unsere Geometrie an seinen MVS Chaise angelehnt.

Das Grundproblem blieb – Wie garantieren wir die Stabilität?

Mit anderen Materialien wie Kunststoff, Holz oder Zement ist eine gewisse Stabilität einfach immer gegeben.

Beim Pappkarton muss die Stabilität als eines der Elemente im Design berücksichtigt werden.

Frank Gehry zum Beispiel hat mit seiner “Easy Edges” Serie Stabilität durch Schichtung gewonnen: Stühle wie der Wiggle Side Chair werden unter hohem Druck durch das Kleben mehrerer Schichten hergestellt.

Die andere klassische Lösung ist das Falten und Stecken.

Die Frage, die uns beschäftigte war, wie wir unser Produkt am besten designen könnten, ohne das Ziel der Reduktion aus dem Auge zu verlieren.

Und das war die Frage, die den Entwicklungsprozess beherrscht hat.