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Mailand 2013: Werkstadt Vienna

Wednesday, April 17th, 2013

Obwohl wir grundsätzlich die Regel befolgen, dass wir während der Mailänder Möbelmesse nicht an die Vienna Design Week denken – weil das so ist, als würde man an den Sommer denken, bevor man überhaupt einen wärmenden Sonnenstrahl auf der Haut gespürt hat -, machen wir für die Wanderausstellung Werkstadt Vienna auf der Ventura Lambrate eine Ausnahme.

Und zwar weil die so viele Erinnerungen in uns wach gerufen hat und wir wieder wussten, warum wir all das tun.

Milan Design Week 2013 Werkstadt Vienna

Möbelmesse Mailand 2013: Werkstadt Vienna

Kuratiert von Sophie Lovell und mit einem Ausstellungsdesign vom Studio Makkink & Bey, präsentiert Werkstadt Vienna eine Auswahl der Vienna Design Week Passionswege Projekte aus den letzten paar Jahren.

Für alle neuen Leser, zuerst einmal etwas zu Passionswege. Passionswege ist eine Veranstaltung innerhalb der Vienna Design Week, die junge Designer mit traditionsreichen Wiener Herstellern und Werkstätten zusammenbringt, um ein gemeinsames Projekt zu entwickeln. Die Designer erhalten so die Möglichkeit zu experimentieren und mit neuen Materialien zu arbeiten, die Unternehmen bekommen neue Ideen und neue Wege, auf ihre Tradition und Prozesse zu schauen, aufgezeigt. Und wenn alle Arbeiten wie geplant, ist das eine Win-Win-Situation.

Idealerweise würden wir die Werkstadt Vienna gerne als die Greatest Hits bezeichnen, aber dafür fehlen uns zu viele wirklich ausgezeichnete Projekte. Doch als Kurzfassung der Greatest Hits bietet Werkstadt Vienna einen guten Einblick in die Passionswege und zeigt, warum sie zu den besten Designfestival-Veranstaltungen überhaupt gehören.

Und wie wir bereits sagten, war es es für uns einfach eine Erinnerung nach der anderen. Wenn auch nicht alle besonders gut oder stolzerfüllend. Z.B. erinnerte uns Charlotte Talbots Landsape Serie für und mit der Wiener Silber Manufactur an unseren furchtbar stümperhaften (und schließlich erfolglosen) Versuch einen “Making Off”-Bericht mit Charlotte zu machen. Aber dann gibt es auch solche Erinnerungen, die all das wirklich lohnenswert machen. Die Stunde, in der wir zusammen mit dem offiziellen Vienna Design Week Fotografen darum wettstritten, wer als erstes ein brauchbares Bild davon hat, wie jemand in J & L Lobmeyrs verspiegelten Vitrinen Mark Brauns Fortune Wasserkaraffen ansieht. Wir haben es nicht geschafft. Wenn wir uns recht erinnern, er aber auch nicht. Oder wie wir halb betrunken durch Hernals rannten, um Julia Landsiedl bei Erwin Perzys Original Schneekugeln zu ewischen. Bevor wir euphorisch zurück zu Herrn Gruber und seiner Bar sind.

Wie Ken Dodd ohne Zweifel sagen würde, “I’ve got no silver and I’ve got no gold. But I’ve got happiness in my soul”.

Milan Design Week 2013 Werkstadt Vienna Erwin Perzy's Original Schneekugeln

Werkstadt Vienna. Im Vordergrund Julia Landsiedl bei Erwin Perzys Original Schneekugeln

Für alle, die nicht das Projekt “in situ” in Wien gesehen haben, und zum Beispiel nicht das Fett in der Petz Hornmanufaktur gerochen haben, wird es schwer sein, das Projekt wirklich in einen Kontext zu setzen und die wahre Magie der Passionswege zu verstehen. Doch die Infotafeln geben eine gute Einführung und schließlich sind alle Objekte so stark, dass sie auch für sich bestehen und außerhalb des Passionswege-Kontextes genossen werden können. Eine Tatsache, die besonders für Daphna Laurens Möbel für Wittmann zutrifft. Objekte, die immer noch so frisch aussehen wie bei unserer ersten Begegnung.

Allen, die sich von der Ausstellung inspiriert fühlen, können wir die Vienna Design Week nur wärmstens empfehlen. Spätsommer an der Donau ist außerdem wirklich wundervoll.

Und allen, die es nicht dort hin schaffen, bringen wir die Highlights der Passionswege im Oktober 2013 nach Hause.

Um ehrlich zu sein, können wir es gar nicht erwarten.

Die Vienna Design Week findet vom 27. September bis 6. Oktober 2013 statt.

 



Mailand 2013: Mattiazzi

Tuesday, April 16th, 2013

Eines der Highlights der Saloni Milano 2013 war der italienische Hersteller Mattiazzi. Und zwar nicht nur, weil sie aus Jasper Morrison den Stuhl Fionda herausgekitzelt haben, der – unserer Meinung nach – einer seiner besseren und auf jeden Fall interessantesten der letzten Jahre ist.

Milan Design Week 2013 Mattiazzi

Möbelmesse Mailand 2013: Mattiazzi

1978 gegründet, ist Mattiazzi, wenn wir das richtig verstanden haben, im Wesentlichen ein Netzwerk für holzverarbeitende Dienstleistungen in Udine. 30 Jahre lang war das Unternehmen als Lieferant von Holz für andere Möbelhersteller tätig, bis es sich 2008 entschied, in seine eigene Marke zu investieren. Die Investition war offensichtlich sehr groß, oder besser gesagt, sehr sehr groß. Aber es hat sich gelohnt.

Mattiazzi erreichte 2011 mit der Osso Kollektion von Ronan und Erwan Bouroullec erstmals ein internationales Publikum. Das positive Echo auf Osso ist nicht nur der Verbindung mit der Marke Bouroullec zu verdanken, sondern ist ganz einfach auch Ergebnis eines ziemlich guten Stücks Arbeit. Als Projekt erlaubte Osso Ronan und Erwan Bouroullec eine neue Dimension ihrer Arbeit zu entwickeln – eine Herausforderung, die sie angingen und die im Ergebnis ein beeindruckendes Maß an technischer Raffinesse und ästhetischer Klarheit demonstriert.

Seit der Lancierung von Osso 2011 wuchs das Portfolio von Mattiazzi stetig und in Mailand präsentierte das Unternehmen die jüngsten Ergebnisse von Zusammenarbeiten mit Sam Hecht, Konstantin Grcic und Jasper Morrison mit dem bereits erwähnten Fionda.

Letztlich ein Holzrahmen mit einer austauschbaren Schlinge aus Stoff, ist es ziemlich schwer Fionda als Stuhl zu bezeichnen, zumindest als Stuhl im klassischen Sinne. Augenscheinlich von einem Camping-Klappstuhl beeinflusst, den Morrison in Japan kaufte, macht Fionda nichts großartig anderes als “richtige” Campingstühle oder Designklassiker wie der tausendfach kopierte Butterfly/Hardoy Chair. Fionda präsentiert das Konzept jedoch mit einer selten gesehenen Leichtigkeit und gefestigter Ruhe. Und, wie wir finden, mit einer Lebendigkeit, die wir in vielen von Morrisons letzten Arbeiten vermisst haben. Daneben können die Rahmen, wenn man die Segeltuch-Schlinge abnimmt, gestapelt werden, was Fionda zum unkomplizierten Outdoor-Sitz für Cafés, Eisdielen usw. macht.

Milan Design Week 2013 Mattiazzi Fionda Jasper Morrison

Möbelmesse Mailand 2013: Fionda von Jasper Morrison für Mattiazzi

Gleichermaßen beeindruckend finden wir Medici von Konstantin Grcic. Ursprünglich 2012 in Mailand präsentiert, ist Medici ein Lounge Chair, der alles von Konstantin Grcics Vorstellungen von einer reduzierten, unaufdringlichen Formensprache aufnimmt, beim Schopfe packt und aus dem Fenster wirft.

Ja, Medici ist eine sehr simple Holzkonstruktion, eine sehr simple Holzkonstruktion, die in vielerlei Hinsicht an den Rot-Blau-Stuhl von Gerrit Rietveld erinnert. Aber es ist kein Objekt, dem man Samstagnacht in einer dunklen Gasse begegnen möchte.

Genau wie Waver für Vitra, ist Medici nichts, was wir von Grcic kennen. Und während die Motivation beim Waver größtenteils darin bestand, die Vitra Outdoor Kollektion mit einer Formensprache weit weg von den Eames dominierten Interiordesigns zu definieren, fand Grcic bei Mattiazzi ein unbeschriebenes Blatt vor. Was bedeutet, dass das Design tiefer herrührt. Und tatsächlich spürt man, wenn man seine Kommentare zu Medici liest, eine tiefe persönliche Freude, die er bei der Entwicklung des Projekts hatte.

Milan Design Week 2013 Mattiazzi Medici Konstantin Grcic

Möbelmesse Mailand 2013 Medici von Konstantin Grcic für Mattiazzi

Was uns schließlich an Mattiazzi so gut gefällt, ist die unangestrengte Einfachheit ihrer Möbel.

Man kann sich zurzeit nicht durch den europäischen Möbelmarkt bewegen, ohne auf einen Hersteller mit einem neuen Holzstuhl zu stoßen. Viele davon sehr ähnlich. Sehr typisch. Sehr langweilig. Und sehr “skandinavisch”. Diese Entwicklungen in der Möbelindustrie spiegeln die der Fernsehkrimis sehr schön wieder, wo es auch nur noch selten ohne mürrischen skandinavischen Ermittler in einem skurrilen Wollpulli geht. Und tatsächlich hat ein junger Designer, mit dem wir in Mailand gesprochen haben, sogar ziemlich offen zugegeben, dass seine aktuellen Arbeiten größtenteils auf eben diesen Markt ausgerichtet sind. Und man kann es ihnen nicht mal vorwerfen.

Was für uns jedoch Mattiazzi davon abhebt, ist, dass sie sich offensichtlich nicht nur um die optische Erscheinung, sondern auch um die Funktion, den Ursprung, das Handwerk und die Ausstrahlung der Stücke kümmern. Ältere Leser werden so etwas mit dem Konzept des “Charakters” assoziieren, einem anarchischen Begriff, der so überholt ist, dass der Duden überlegt, ihn aus der nächsten Auflage rauszunehmen. Mattiazzi haben offenbar noch eine alte Auflage zuhause.

Es wird interessant zu beobachten sein, wie sich Mattiazzi in den nächsten Jahren entwickelt. Ob sich die Investitionen gelohnt haben. So toll und interessant die aktuelle Kollektion auch ist, garantiert sie nicht unbedingt eine langfristige finanzielle Absicherung. Dass sie sich Herman Miller als ihren nordamerikanischen Vertriebspartner gesichert haben, ist schonmal nicht schlecht. Ähnlich wie Aram in Großbritannien. Aber auch das ist keine Garantie für nachhaltigen Erfolg. Der kommt von einem Produktportfolio, das über verschiedene Märkte hinweg erfolgreich ist und neue Käufer erreichen kann. Und das braucht vor allem Zeit.

Wir halten auf jeden Fall ein Auge darauf und werden euch auf dem Laufenden halten.

Milan Design Week 2013 Mattiazzi Collection

Möbelmesse Mailand 2013: Die Mattiazzi Kollektion

Milan Design Week 2013 The Mattiazzi Collection

Möbelmesse Mailand 2013: Die Mattiazzi Kollektion



Mailand 2013: Moormann tuttavia presente!!

Friday, April 12th, 2013

Auf der Saloni Milano 2010 erzählte uns Ronan Bouroullec von seinem Gefühl, dass das Internet und neue Technologien irgendwann die Ressourcen ersetzen können und sollten, die  in so ein Event wie die Mailänder Möbelmesse investiert, ja verschwendet, werden.

2013 nun hat der allseits beliebte deutsche Möbelhersteller Moormann den Anfang damit gemacht. Und damit bewiesen, dass man selbst von der idyllischen Ruhe des Örtchens Aschau im Chiemgau aus noch Teil des Wahnsinns in Mailand sein kann. In unseren Gesprächen mit Nils Holger Moormann im Voraus zu Mailand, bekamen wir einen Ausblick darauf, was sie anstelle ihres Saloni Milano Standes planen. Anstatt in die schwankende Wirtschaft Italiens zu investieren, hat Moormann in ein Meisterwerk aus Zelluloid investiert.

Um es etwas einfacher zu machen, haben wir den Film hier eingebunden. Das Original gibt es unter: www.youtube.com/watch?v=Z8GwMxAsHnc



Mailand 2013: Pencil Light von Caroline Olsson bei Salone Satellite

Friday, April 12th, 2013

Auf den Designers’ Open 2011 erregte die norwegische Designerin Caroline Olsson unsere Aufmerksamkeit mit “Curious”, einer von einer Federmappe inspirierten Holzlampe.

Auf der Salone Satellite 2013 ist Caroline einen Schritt weitergegangen und hat eine Tischlampe aus Holz präsentiert, die gleichzeitig eine Federmappe ist.

Klingt nach einer organischen Entwicklung.

Nichts mehr als eine rechteckige Birkenkiste, ist das Schöne an Pencil Light der Metallmechanismus, der es erlaubt, den Deckel zu heben, zu senken und schließlich in jeder Position festzustellen.

Der Leuchtstoff liegt in dem Deckel, etwas eingerückt, sodass der untere Quader unabhängig davon, ob die Lampe geöffnet oder geschlossen ist, als Aufbewahrungsbehälter für Stifte und andere Schreibutensilien verwendet werden kann.

Als funktionales und ästhetisch minimalistisches Objekt ist Pencil Light perfekt für all jene, die alle Spuren von Arbeit verschwinden lassen wollen, sobald sie sich in den Abend zurückziehen, oder für die, die ihren Home Office Schreibtisch nicht mit Schreibgeräten vollmüllen wollen.

Oder einfach für die, die noch auf der Suche nach einer sehr gefälligen, ja reizenden Lampe sind.

Alles in allem also ziemlich beeindruckend.

milan design week 2013 caroline olsson pencil light

Möbelmesse Mailand 2013: Pencil Light von Caroline Olsson bei Salone Satellite

milan design week 2013 caroline olsson pencil light

Möbelmesse Mailand 2013: Pencil Light von Caroline Olsson bei Salone Satellite

milan design week 2013 caroline olsson pencil light

Möbelmesse Mailand 2013: Pencil Light von Caroline Olsson bei Salone Satellite



Mailand 2013: Galleria Viafarini. Magic Moments Inside

Thursday, April 11th, 2013

Jene Besucher der Mailänder Design Week, die mutig genug sind, nördlich der Garibaldi Station aus der U-Bahn zu steigen – ja, es gibt Zivilisation da oben -, werden mit einer Ausstellung belohnt, die zeigt, wie mühelos Architektur, Kunst und Design ko-existieren können, ohne die Integrität des anderen zu bedrohen.

Design, Architektur und Kunst vereint in einem grenzenlosen Raum von Einigkeit, Toleranz und Respekt … klingt fast wie eine nette Antwort auf die derzeitige politische Lage in Italien, meint aber etwas anderes.

Milan Design week 2013 Galleria Viafarini Magic Moments Inside

Möbelmesse Mailand 2013: Galleria Viafarini. Magic Moments Inside

“Magic Moments Inside” in der Galleria Viafarini verbindet das Talent von Studenten der Burg Giebichenstein Halle und der ALAD Laboratories, einem experimentellen Designstudio mit Forschungsgruppe am Politecnico di Milano. Die Ausstellung präsentiert Arbeiten aus Design, Fotografie, Architektur, Angewandter Kunst und Videos von Studenten beider Einrichtungen.

Und das ist alles. Es gibt keinerlei Versuch eine Verbindung zwischen den einzelnen Objekten der Ausstellung zu konstruieren. Kein roter Faden, der einen durch die Ausführung führt. Kein “Thema”. Nur die Objekte. Folglich überträgt die Ausstellung “Magic Moments Inside” eine gehörige Menge Verantwortung auf ihre Besucher, wenn sie sie den Hintergrund der Arbeiten, den Kontext des Entwurfs, ja sogar die Namen der verantwortlichen Kreativen selbst herausfinden lässt. Aber wie bei so vielem im Leben: je mehr man sich anstrengt, desto größer ist die Freude danach.

Die Burg Giebichenstein präsentierte eine Mischung aus neuen Arbeiten und einigen fast historischen Artefakten; Arbeiten wie Jecket von Ilja Oelschlägel oder der Comfy Cargo Chair von Stephan Schulz scheinen so lange wie wir dabei zu sein. Versteht uns nicht falsch, wir wollen uns nicht beschweren, ganz im Gegenteil. Der Comfy Cargo Chair z.B. ist ein Produkt, an das wir immer noch genauso glauben wie bei unserer ersten Begegnung. Ähnlich ist es mit Jecket. Und wir freuen uns, sie in Mailand zu sehen. Nicht zuletzt, weil das bedeutet, dass ihre Designer sie nicht aufgegeben haben. Oder zumindest, dass es das kuratorische Team dahinter nicht hat.

Unter den, für uns, neueren Arbeiten, die im Besonderen unsere Aufmerksamkeit erregten, waren Swedg von Lisa Maria Wandel, der frechste Weg einen Eames Side Chair in einen RAR zu verwandeln, oder eigentlich irgendeinen Stuhl in einen Schaukelstuhl zu verwandeln, und Ninetynine von Till Ronacher, einer Sammlung von 99 Papier Toastern und als solches eine unausweichliche Kritik an der modernen konsumorientierten Industrie. Nach kurzem Überschlagen also eine Kritik an der Mailänder Design Week.

Milan Design week 2013 Galleria Viafarini Magic Moments Inside

Comfy Cargo Chair von Stephan Schulz und die Living Tools Lamp von Yi-Cong Lu @ Magic Moments Inside

ALAD ist eine Abkürzung für “Architecture and Land Ambient Design”, die Arbeiten der Studenten sind jedoch nicht so streng begrenzt wie es der Name vermuten lassen mag und neben der Präsentation von architektonischen Konzepten und Modellen gibt es auch eine wunderbare Serie von grotesken Mini-Szenografien. Grotesk in Form von unheimlich, pervers, erfreulich, fesselnd. Wenn wir ehrlich sind, haben wir keinen der Namen notiert. Entschuldigung, unsere Schuld! Aber sobald wir sie wissen, werden wir sie nachreichen. Oder wenn ihr selbst in Mailand seid und die Ausstellung anseht…

Neben der Ausstellung haben die Veranstalter ein ziemlich durchdachtes Rahmenprogramm konzipiert: Essen, Musik und jeden Nachmittag um 5 eine Tasse Tee.

“Magic Moments Inside” kann in der Galleria Viafarini, via Carlo Farini 35, Mailand, von 11 bis 21 Uhr noch bis Sonntag, den 14. April 2013 gesehen werden.

Alle Informationen unter http://aladlabs.tumblr.com



Mailand 2013: Empatia von Carlotta de Bevilacqua und Paola di Arianello für Artemide

Wednesday, April 10th, 2013

Da es unser erstes Event auf der Möbelmesse 2013 war, wollen wir mit unserem ersten Mailand-Post Artemide würdigen.

Insbesondere Empatia von Carlotta de Bevilacqua und Paola di Arianello – für uns das herausstechende Objekt der Artemide Kollektion von 2013 – hat es uns angetan.

Das Lob für Carlotta und Paolawird vielleicht etwas geschmälert, wenn wir jetzt sagen, dass ein Großteil der neuen Artemide Lampen architektonische Leuchten sind – alle technisch sehr interessant, aber eben als Teil architektonischer Konzepte entworfen. Unter den wenigen neuen Wohnleuchten präsentierte Ross Lovegrove etwas, was sich am besten als “Skulptur, die leuchtet” beschreiben lässt und Ernesto Gismondis Objekt Ilio sagt uns, ehrlich gesagt, gar nichts. Damit würde man aber Empatia Unrecht tun.

Auf der einen Seite ist da die mundgeblasene äußere Kugel aus Venezianischem Glas. Und auf der anderen Seite ist da die technische Innovation. Das Geheimnis von Empatia ist eine synthetische Stange in der Mitte der Glaskugel. Das Licht wird durch LEDs im Fuß der Lampe erzeugt, es strömt durch die Stange, wird durch die blickdichte Kuppel am oberen Ende reflektiert und die Lampe gibt so schließlich ein angenehmes 360 Grad Licht ab. Wir sind ziemlich sicher, dass jemand die Stange mit einer Kerze vergleichen wird. Denn das ist ein ziemlich naheliegender, aber auch etwas langweiliger Vergleich.

Ja, als kugelförmige Glaslampe, die als Tisch-, Wand-, Hänge- und Stehlampe erhältlich ist, erinnert Empatia an das ein oder andere bereits bekannte Artemide Produkt. Doch einerseits hat sie eine charmante, einnehmende und neue Formensprache, die mit einer energiesparenden innovativen Technologie kombiniert ist und andererseits, warum sollte Artemide nicht da weitermachen, wo sie aufgehört haben?

Zurzeit gibt es noch kein Veröffentlichungsdatum für die Empatia von Carlotta de Bevilacqua und Paola di Arianello. Bis dahin aber schon mal ein paar bebilderte Eindrücke von der Mailänder Design Week 2013.

Milan Design Week 2013 Empatia by Carlotta de Bevilacqua and Paola di Arianello for Artemide

Möbelmesse Mailand 2013: Empatia von Carlotta de Bevilacqua und Paola di Arianello für Artemide

Milan Design Week 2013 Empatia by Carlotta de Bevilacqua and Paola di Arianello for Artemide

Möbelmesse Mailand 2013: Empatia von Carlotta de Bevilacqua und Paola di Arianello für Artemide



Object. Limited Edition Design auf der Miart Mailand 2013

Tuesday, April 9th, 2013

Bevor die Mailänder Design Week und Möbelmesse wirklich begonnen haben, haben wir die Möglichkeit ergriffen und entspannt Mailands Messe für zeitgenössische Kunst, Miart, und vor allem ihren neuen Teil, “Object”, mit modernen Möbeldesigns besucht.

Kuratiert von Michela Pelizzari und Federica Sala, präsentiert “Object” 10 Designgalerien aus Italien, Frankreich, Israel und dem Libanon.

Zehn internationale Galerien präsentieren eine gleichermaßen kosmopolitische Palette von Objekten, von limitierten Editionen aus den 1950ern über Ergebnisse aus Studentenprojekten bis hin zu Spezialaufträgen, die die Designgalerien einmal glänzen lassen und ihren speziellen Charakter hervorheben.

Wir wissen, es ist unfair und subjektiv, aber…. für uns waren die Highlights die limitierte Edition des Tisches von Oscar Tuazon für das Mailänder Plusdesign, die Aufbewahrungseinheit Libreria Volumi Sospesi von Matteo Casalegno bei der Galleria Paola Colombari sowie der wirklich reizende 1959 Coffee Table von Jorge Zalszupin bei der Galleria Rossella Colombari, der eigentlich in unsere Rubrik “Verlorene Klassiker des Möbeldesigns” gehört.

Object Limited Edition Design at MIART Milan 2013 Coffee Table Jorge Zalszupin Galleria Rossella Colombari

1959 Coffee Table von Jorge Zalszupin bei der Galleria Rossella Colombari

Neben diesen einzelnen Arbeiten waren wir auch sehr von den kompletten Ausstellungskonzepten zweier Galerien angetan.

Die Carwan Gallery Beirut war, in den Worten von Direktor Nicolas Bellavance-Lecompte, mit ihren Stücken fernab einer europäischen Syntax der “Exot” der Gruppe. Unter den, für uns, besten Stücken sind die Objekte in der Tessera Familie von dem libanesischen Architekten Marc Baroud, eine Serie von fast vergänglichen Objekten, die Walnussquader mit Leder kombinieren, die “Slingshot” Kollektion von Karim Chaya, die eines der stärksten Symbole des palästinensischen Widerstands als Luxusgut in z.B. Messing, Gold oder Glas zeigt, während der komplette Carawan Stand von handgemalten Coca Cola Zeichen umgeben ist, die einst überall in Beirut zu finden waren, die jetzt aber so wie die Handwerkskultur, die sie mit geschaffen hat, verschwunden ist.

Design in limitierter Edition völlig anderer Art konnte bei der Beneventer Galerie Swing gefunden werden. 2011 gegründet, führt die Swing Galerie eine kleine, aber feine Liste von Designern, wie Julian F. Bond, der in Mailand mit seinen Objekten der Hexagonal Pixel Vasen Kollektion vertreten war, und Harry Thaler mit seinen Silk Lamps sowie dem Silk Table, die das Banale mit dem wahrlich Überragenden verbinden.

Object Limited Edition Design at MIART Milan 2013 Slingshot collection Karim Chaya Carwan Beirut

Die Slingshot Kollektion von Karim Chaya bei Carwan Beirut (Im Hintergrund die handgemalten Coca Cola Zeichen)

Wir halten die Einbindung von Designgalerien in die Miart für eine gute und positive Entwicklung. Trotz des unverkennbaren Hauchs des Priviligiertseins, die zeitgenössische Designgalerien immer umgibt, erfüllen sie eine wichtige Funktion. Auf der einen Seite kennen wir zahlreiche junge Designer, die die Miete dank ihres Einkommens von einer Designgalerie bezahlen können und auf der anderen Seite wissen wir von vielen kommerziellen Produkten, die ihren Anfang als experimentelles Konzept in einer Galerie nahmen, bevor sie schließlich zu einem Hersteller fanden. Die kommerziellen Objekte mögen oft den Idealismus und das Abenteuerliche des Originals verloren haben, aber es ist trotzdem immer ein funktionales und ästhetisches Objekt, das dazu beiträgt das Genre voranzutreiben.

Zeitgenössische Designgalerien sind immer auf der Mailänder Design Week vertreten. Immer irgendwo in der Stadt. Doch sind Designgalerien keine gemeinnützigen Institutionen, deren Daseinsberechtigung es ist, Design zu fördern. Es sind kommerzielle Organisationen und müssen als solche die ausgestellten Stücke auch verkaufen. Und das geht an Orten, wo Leute auf der Suche nach kreativen Arbeiten sind, die sie kaufen können, nun mal leichter als bei den “normalen” Designfestival-Besuchern.

Daher macht ein Bereich für zeitgenössisches Design bei der Miart durchaus Sinn. Und dass die Besucher der Miart ein potentielles Interesse an Design sowie an Kunst haben, könnte daran gemessen werden, dass vereinzelt Möbelstücke an den “normalen” Ständen gefunden werden können. Eine besondere Erwähnung soll in diesem Kontext Marjan van Aubel & Jamie Shaw für ihren Well Proven Chair bei der A Palazzo Galerie zuteil werden. Das Objekt basiert auf einem faszinierenden Stuhlgehäuse aus Bio-Harz und Holzwolle.

Interesse kann natürlich ein potentielles oder ein aktives sein und die Frage ist, ob das Miart Publikum “Object” als Möglichkeit akzeptiert oder es einfach als eine kuriose Abwechslung zum seriösen Geschäft des Kunst-Kaufens versteht. Alle Galerien, mit denen wir sprachen, waren relativ zufrieden damit, wie sich die Dinge entwickelt haben. Obwohl das auch das ist, was wir von ihnen erwartet haben. Ob es letztlich funktioniert, wird sich zeigen, wenn das Ganze wiederholt wird und sich viele Galerien zum zweiten Mal anmelden und vor allem, wenn 2014 viele neue Galerien dabei sein werden.

Wir halten euch auf dem Laufenden.

Bis dahin gibt es einige Eindrücke von “Object” bei der Miart Mailand 2013.



Mailand 2012: Antoinette Bader @ SaloneSatellite

Friday, April 20th, 2012

Wie treue Leser wissen ist die Vienna Design Week eines unserer Lieblingsdesignfestivals. Und zu unseren Lieblings-Vienna-Design-Week-Projekten gehört nach wie vor  die LacesLamp von Antoinette Bader. Die geht nämlich so unheimlich spielerisch mit ihrer Statik um. Und glaubt uns, wir haben an Statik schon ganz schön gelitten… Daher finden wir, dass alles gefeiert werden sollte, das Statik zu einem Genuss macht.

Deshalb haben wir uns auch ganz besonders gefreut, als wir drei neue Projekte von Antoinette bei der SaloneSatellite 2012 entdeckt haben. Die Projekte sind zwar technisch nicht mit der LacesLamp verknüpft, doch stammen sie eindeutig aus dem selben Genpool. Ehrlich gesagt haben wir Antoinette nicht gefragt, wie die Produkte heißen; wir haben einfach nicht daran gedacht. Deshalb nennen wir die beiden Stücke, die uns am meisten angesprochen haben, einfach “Sofa” und “Lampe” – denn genau das sind sie.

Das Sofa besteht aus drei Polstern auf einem hölzernen Rahmen. Die Konstruktion wird von Schnüren zusammengehalten, die durch das Sofa verlaufen und auf der Rückseite fein säuberlich zu einem Knoten zusammengebunden werden. Da drängt sich die Schnürsenkel-Analogie natürlich auf – wenn sie nicht sogar beabsichtigt ist. Wir wurden sofort sowohl von der Form als auch von der einladenden Wärme angezogen, die die Arbeit ausstrahlt. Wir hatten das Sofa sogar schon lieb gewonnen, bevor wir registriert haben, von welchem Designer es stammt. Offen gesagt befürchten wir allerdings, wir könnten jede Menge Erdnüsse in den Untiefen der trichterartigen Ecken verlieren. Und für ein marktreifes Produkt müsste die Polsterung wahrscheinlich etwas robuster sein. Doch als Objekt hat uns das Sofa definitiv sehr beeindruckt und wir hoffen, dass Antoinette es noch weiterentwickeln wird.

Auf die Lampe sind wir aufmerksam geworden, weil wir dachten, sie wäre eine Weiterentwicklung des LacesLamp-Projekts. Antoinette selbst sieht das allerdings nicht so, auch wenn es durchaus Parallelen in der Konstruktion gibt. Nicht “Lampe”, sondern “6 Lampen” wäre wahrscheinlich der treffendere Name für sie gewesen: drei Lampen leuchten nämlich nach oben und drei nach unten. Abgesehen von der ansprechenden Optik überzeugt das relativ kleine Objekt als Quelle für relativ viel Licht. Damit ist sie perfekt für Räume geeignet, die nicht von ihrer Lichtquelle dominiert werden sollen.

Wenn wir uns richtig erinnern, wurde Antoinette zur Vienna Design Week eingeladen, nachdem die Organisatoren die LacesLamp 2010 bei der SaloneSatellite gesehen hatten. Wir hoffen, dass 2012 für sie genauso erfolgreich sein wird. Wobei dieses Mal ein Hersteller für sie wohl besonders wünschenswert wäre…

Milan 2012 Antoinette Bader

Mailand 2012: Antoinette Bader @ SaloneSatellite

Milan 2012 Antoinette Bader Sofa

Mailand 2012: Antoinette Bader @ SaloneSatellite: Sofa

Milan 2012 Antoinette Bader Lamp

Mailand 2012: Antoinette Bader @ SaloneSatellite: Lampe



Mailand 2012: Villa Necchi – Details of Life and New Visions

Thursday, April 19th, 2012

Auch wenn wir viel auf die Möbelmesse Mailand schimpfen, hat das Ganze auch seine positiven Seiten. Die meisten davon findet man in ruhigen, unscheinbaren Seitenstraßen. So haben wir letztes Jahr Azucena entdeckt. Und dieses Jahr die Villa Necchi.

Anfang der 1930er Jahre vom italienischen Architekten Piero Portaluppi im Auftrag einer (sehr) reichen mailändischen Industriellenfamilie gebaut, ist die Villa Necchi wahrscheinlich eines der auffälligsten Gebäude, in das man überhaupt seinen Fuß setzen kann. In jedem Raum, auf jeder Treppe und in jedem Flur spürt man den Kampf zwischen klassischem italienischen Pomp, dem Geist der Renaissance und dem Streben nach einer neuen Form, einer schönen neuen Welt. Das könnte man auch als physische Manifestation des Kampfes zwischen der alten und der neuen Garde in der italienischen Architektur betrachten. Vielleicht… Auf jeden Fall haben wir noch nie so viel Marmor in einem Haus gesehen – oder so viele Badezimmer. 2001 wurde die Villa Necchi dem FAI – Fondo Ambiente Italialo (italienischer Umweltschutzfonds) – übergeben, so dass nun jeder von uns daran teilhaben kann.

Bis zum 6. Mai beherbergt die Villa Necchi die Ausstellung Details of Life and New Visions (Dettagli di Vita e Nuove Visioni), oder besser gesagt die beiden Ausstellungen. Sie wurden gemeinsam vom FAI und Fabrica (dem Zentrum für Kommunikationsforschung der Benetton Group) organisiert. Dabei wurden Mitgleider des Fabrica-Teams gebeten, Gegenstände zu kreieren, die Bezug nehmen auf die Geschichte und das “frühere Leben” der Villa Necchi und ihrer Bewohner. Für die Durchführung des Projekts wurden Kooperationspartner wie Moleskine, Nodus, Zanotta oder Agape ins Boot geholt.

Der erste Teil der Ausstellung umfasst Fotos, Zeichnungen, Prototypen und Entwürfe, die die Hintergrundgedanken und das, was der Designer erreichen wollte, erklären. In der Villa selbst werden die Ergebnisse dann in die bestehenden Möbel integriert; dadurch werden die neuen Objekte in einen direkten Dialog mit ihrer Inspiration gestellt – ein Konzept, das wirklich sehr gut funktioniert.

Wie das bei den meisten solcher Projekte der Fall ist, sind viele Objekte zwar interessant, die Mehrheit aber nicht sonderlich spektakulär. Auch wenn solche Projekte eine wertvolle und durchaus nützliche Übung darstellen, bringen sie unweigerlich nur eine begrenzte Menge wirklich lohnenswerter Ergebnisse hervor. Ein Designer, der für sich selbst arbeitet, würde 80% der Prototypen wieder verwerfen, eine Ausstellung nimmt dagegen alles. Aber das ist hier völlig in Ordnung: Die Ausstellung dokumentiert lediglich die Arbeit; sie möchte uns gar nichts verkaufen. Der weit wichtigere Punkt ist, dass die wenigen guten Objekte wirklich hervorragend sind.

Das Highlight sind für uns ohne Frage die Vasen, die für Nedda Necchis Schlafzimmer entworfen wurden. Eine denkbar einfache Idee: die Vase hat Löcher, in denen man einen Anhänger befestigen kann, der einen an den Überbringer der Blumen erinnert, die einst die Vase zierten. Die Inspiration dafür waren die Blumen, die Neddas zahlreiche Verehrer und heimliche Bewunderer ihr geschickt haben. Das Schicken von Blumen bleibt auch heute noch eine starke, bedeutungsvolle Geste, auch wenn es von Natur aus eine zeitlich sehr begrenzte Geste ist. Auf einem schönen Lederanhänger kann der Beschenkte dann notieren, wer was geschickt hat – wie wir finden idealerweise mithilfe eines geheimen Codes -, was der Geste eine gewisse Beständigkeit verleiht. Das hat uns wirklich angesprochen…

Milan 2012 Villa Necchi Details of Life and New Visions

Die Vase mit Löchern für die Lederanhänger

Wir haben uns auch sehr über die Spiegel und Beistelltische gefreut. Wenn ihr wisst, was Ronan & Erwan Bouroullec dieses Jahr in Mailand mit Established & Sons lancieren, werdet ihr uns bestimmt verstehen. Und der Rest wird es auch sehr schnell begreifen… In der Vergangenheit haben uns schon viele Designer erzählt, dass sie das Gefühl haben, dass Ideen irgendwo im Äther herumschwirren und jeder Designer sie aufgreifen und verwenden kann. Die Frage ist nur, wer das Signal als erstes aufschnappt und sein Produkt auf den Markt bringt… Wir haben das verstanden als wir die Skizzen für den Tisch und den Spiegel gesehen haben…

Abgesehen von der Vase, dem Spiegel und dem Tisch haben uns auch das Moleskine-Reiseset und die Poolaccessoires gefallen, die gemeinsam von Moroso und Alessi entwickelt wurden. Bis zum 6. Mai haben alle die Chance, die Ausstellung(en) selbst zu erkunden und für sich selbst zu entscheiden, was funktioniert und was nicht. Technisch gesehen ist der erste Teil der Ausstellung kostenlos. Man muss nur diese Treppe erklimmen, bei der man Sherpas bräuchte, die einem dabei helfen, seine Siebensachen nach oben zu tragen. Wenn man die Objekte in situ sehen will muss man allerdings den Eintritt zur Villa Necchi zahlen. Wir würden das aber auf jeden Fall empfehlen.

Details of Life and New Visions läuft noch bis zum 6. Mai in der Villa Necchi, via Mozart 14, 20122 Mailand.

 



Nils Holger Moormann: “Möbel brauchen Zeit.”

Wednesday, September 28th, 2011
Nils Holger Moormann NHM

Nils Holger Moormann

Auf der Fuori Salone Milano 2011 haben wir Moormann beim Stand-Aufbau geholfen. Dabei mussten wir natürlich die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und ein wenig mit Firmengründer und Namensgeber Nils Holger Moormann plaudern.

Mal als Autodidakt, Pionier oder Provokateur bezeichnet, ist Nils Holger Moormann für uns einfach ein angenehmer Zeitgenosse und Garant für kluge und ziemlich eigensinnige Gespräche.

Im Laufe des Interviews haben wir über die neuen Produkte, den aktuellen Stand der Möbelbranche und – in Anbetracht dessen was uns im Oktober erwartet – über Messen gesprochen.

smow: Muss man als Möbelhersteller auf Messen gehen? Lohnt sich insbesondere Mailand?

Nils Holger Moormann: Das ist immer die große Frage. Aber für uns ist Mailand sehr wichtig, weil wir jede Menge Exportgeschäft haben und hier mit Kunden in Kontakt kommen, die wir sonst im Laufe eines Jahres nie treffen würden. Es ist nur problematisch in Mailand einen Platz zu bekommen. Wir haben wieder diesen winzig kleinen Stand hier. Jedes Jahr kämpfen wir um einen größeren Stand – ohne Erfolg…

smow: Haben Sie mal darüber nachgedacht von den Messehallen in die Stadt zu ziehen?

Nils Holger Moormann: Nicht wirklich. Ich finde Mailand hochinteressant, aber es ist inzwischen am Rande des Wahnsinns: So viele Nebenveranstaltungen kann ein normaler Mensch gar nicht schaffen. Da muss man sich eine Woche Urlaub nehmen und selbst dann schafft man es nicht. Wenn wir etwas machen, dann mit großem Einsatz. Jedes Detail ist sehr lange überlegt – auch wenn es sehr einfach aussieht. Alles muss bei uns stimmen. Von daher wäre es tragisch, wenn zu wenig Besucher kommen würden. Hier auf der Messe hat man aber die Garantie dass viele Besucher und vor allem auch die internationale Presse kommen.

smow: Wie viel Nils Holger Moormann steckt eigentlich in so einem Stand?

Nils Holger Moormann: Wir haben jedes Jahr das gleiche Problem: ein Thema zu finden. Möbel herzustellen oder zu verkaufen ist die eine Sache, aber das machen alle anderen ja auch. Deswegen ist es umso wichtiger eine schöne Geschichte zu erzählen, die den Messestand mit dem Unternehmen verbindet. Das schwierigste ist diese Geschichte zu erfinden, denn sie muss ja auch was mit uns zu tun haben und darf nicht nur Show sein. Wir sind in diesem Jahr wieder fest davon ausgegangen dass wir einen mindestens doppelt so großen Messestand bekommen und hatten das Konzept entsprechend geplant. Dann kam die Information, dass es wieder nur der kleine Stand wird. Das war wirklich ein Schock.

Also brauchten wir eine neue Idee, die kam in diesem Fall tatsächlich von mir. Ich war inspiriert davon, dass alle nur noch Neuigkeiten zeigen. Das ist zwar spannend, aber auch idiotisch, denn Möbel brauchen Zeit. Sie müssen ausdefiniert werden und man muss ganz viel darüber nachdenken. Dieses schnell schnell neu machen birgt die Gefahr so zu enden wie die Modebranche mit zwei oder drei oder vier Kollektionen pro Jahr. Das kann es doch nicht sein. Also haben wir uns gedacht, ok wir machen mit. Wir zeigen zwölf Neuigkeiten, aber die meisten davon sieht man nicht, da sie z.B. aus 2028 sind. Ich schaffe unheimlich gern einen Ort mit Humor, an dem man staunen kann und überlegt “Meint der das ernst?”… Das finde ich fast genauso wichtig wie gute Produkte.

Moormann Minimato Matthias Ferwagner

Minimato von Matthias Ferwagner für Nils Holger Moormann

smow: Aber es gibt tatsächlich zwei reale neue Produkte.

Nils Holger Moormann: Ja, oder zumindest anderthalb. Es gibt ein kleines Tischchen namens Minimato. Und sonst konzentrieren wir uns total auf ein für uns äußerst ungewöhnliches Teil. Ich persönlich möchte seit ein paar Jahren wieder mehr Blechmöbel machen. Die Kunden haben das schon wieder vergessen, aber vor 15 Jahren haben wir fast nur Blechmöbel gemacht. Ich finde das Material hochinteressant. Momentan sind wir an dem Pressed Chair von Harry Thaler dran – einem jungen Südtiroler der das am Royal College in London gemacht hat – was mich vollkommen fasziniert. Und es geht der ganzen Firma so – wohlwissend, dass die Fallhöhe gigantisch ist. Da ist so viel technisches Engineering drin, was an die Grenzen geht.

Aber wir wollen das alle und haben ein Netzwerk geschaffen von Verrückten, denn für solch ein Projekt braucht man Verrückte. Es ist kein Auftrag, bei dem man sagen kann “Machen Sie mir bitte diesen Stuhl!” Eher wird gesagt “Das funktioniert nie im Leben, aber wir können ja mal ein Bier zusammen trinken gehen.“ Geld spielt dabei überhaupt keine Rolle. Man trifft sich, trinkt was, trifft sich wieder bis man die Person soweit hat. Und das macht noch viel mehr Spaß, wenn man es auf unkonventionelle Art und Weise angeht, und nicht klassisch Geld in die Hand nimmt, sich einen Hersteller sucht, das Geld zahlt und loslegt. Bei uns ist es vergleichbar mit einer verrückten Bergtour.  Aber sie macht Spaß.

smow: Sind Sie regelmäßig in der Werkstatt?

Nils Holger Moormann: Ununterbrochen! Es geht gar nicht anders. Derjenige, der jetzt daran arbeitet, ist ein Freund von mir mit einer ganz ganz kleinen Firma, aber dafür einem großen Netzwerk von Spezialisten die mit speziellem Wissen aushelfen. Wie mit allen Dingen, die man aus Neugier und Faszination tut, ist es mehr ein Hobby geworden. Da macht man schon mal die ganze Nacht durch ohne es zu merken.

Das ist eben der Unterschied, als wenn man nur für Geld arbeitet und irgendwann merkt, dass man eigentlich andere Dinge machen möchte.

Bis jetzt ist das eine sehr glückliche Fügung. Aber mal schauen! Ich habe erst gestern wieder mit ihm telefoniert, weil ich ein bisschen nervös geworden bin. Es gibt immer neue Probleme. Man muss sich das so vorstellen, wie eine Besteigung des Mount Everest mit zwei Kästen Bier und ohne Sauerstoff…

Moormann Pressed Chair Harry Thaler

Pressed Chair von Harry Thaler für Nils Holger Moormann

smow: … aber dann merkt man wenigstens nicht, dass man keinen Sauerstoff hat…

Nils Holger Moormann: Stimmt.

smow: Was ist, wenn sich das Risiko nicht auszahlt?

Nils Holger Moormann: Dann ist es eben so. Ich glaube, dass heute die Firmen auch deswegen so langweilig werden, weil sie nur Show machen und zeigen, wie toll, bunt und “verrückt” sie sind. Aber wir meinen den Stuhl wirklich super “basic”. Er ist uns wichtig. Er ist keine Show.

Klar gibt es ein Risiko. Aber das ist auch der Kick. Sonst könnte es ja jeder machen.

Ich will auf keinen Fall aufgeben, was wir hier haben. Dieses spezielle Gefühl einer ungewöhnlichen Bergtour mit ungewöhnlichen Mitteln, bei der man trotzdem ans Ziel kommt.

Wir sind eigentlich ziemlich sicher, dass wir es schaffen.