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Neue Räume Zürich: Jürg Scheidegger, Röthlisberger Kollektion

Monday, December 19th, 2011

Nach unserem Interview mit Nikolas Kerl – einem Designer/Hersteller am Beginn seiner Karriere, haben wir unsere Erkundungstour der Schweizer Designszene mit einem Hersteller fortgesetzt, der etwas mehr Erfahrungen hat.

Röthlsberger Kollektion war ursprünglich eine Familienschreinerei und produziert seit den späten 1970ern in Zusammenarbeiten mit Schweizer Designern, wie Trix und Robert Haussmann, Susi und Ueli Berger oder Hans Eichenberger. Auch heute noch arbeitet das Unternehmen eng mit jungen Schweizer Talenten, wie Atelier Oi oder Hanspeter Steiger, zusammen. Aber nicht nur mit Schweizer Talenten – Röthlisberger kann ebenso auf eine lange Tradition mit jungen, internationalen Designer zurückblicken. So zum Beispiel mit dem Australier Tomek Archer und dem in London lebenden japanischen Designer Tomoko Azumi.

Unabhängig von der Nationalität der Designer aber bleibt die Rötlisberger Kollektion der typisch schweizerischen Möbelherstellung treu: Produkte aus Holz werden von geübten Handwerkern hergestellt.
Damit hängt auch ein Qualitätsstandard zusammen, der selbstverständlich seinen Preis hat. Besonders wenn die Waren erst einmal die Schweiz verlassen.

Darauf hat uns auch schon Nikolas Kerl hingewiesen. Wo aber Nikolas noch versucht, sich als Marke auf dem Markt zu etablieren, verfügt die Röthlisberger Kollektion längst über ein internationales Kundennetzwerk – und reagiert so auch viel sensibler auf Schwankungen am globalen Finanzmarkt.

Das war nun ein sehr langer Weg, um zu sagen, dass Röthlisberger ganz wunderbar traditionelle Schweizer Handarbeit mit einem globalen Verständnis von Design und der modernen Desigermöbelindustrie verbindet. Grund genug einmal mit Unternehmenschef Jürg Scheidegger zu sprechen.

Das Interview in Zürich war natürlich nicht unsere erste Unterhaltung mit Jürg, er war einer der Hauptdarsteller in unseren frühen Video-Interview-Experimenten in Mailand 2010.

In Zürich waren wir aber viel gespannter darauf zu hören, wie er den Schweizer Designermöbelmarkt zurzeit bewertet und welche Probleme der starke Schweizer Franken auslöst.

(smow)blog: Zum Anfang vielleicht eine kleine Einführung: Was ist der Hintergrund zur “Röthlisberegr Kollektion”?

Jürg Scheidegger: Zwischen 1955 und 1975 hat Röthlisberger Möbel für Knoll International hergestellt. Dann, 1975, verlor Röthlisberger aber über Nacht den Lizenzvertrag, was natürlich einen gewaltigen Umsatzeinbruch bedeutete. Eine Lösung musste her. Der damalige Geschäftsführer hat sich mit seinem Freund, dem Designermöbelhändler Teo Jakob, unterhalten und der riet ihm: „Mach deine eigene Kollektion!“. Das war rückblickend gesehen die Initialzündung für das eigene Label.

(smow)blog: Bedeutet das, dass Röthlisberger von Anfang an mit externen Designern zusammengearbeitet hat?

Jürg Scheidegger: Ja…

(smow)blog: … und war das zu der Zeit etwas Neues?

Jürg Scheidegger: Ja, damals gab es ja noch viel weniger Marken. Die Italiener waren stark in dieser Hinsicht, aber abgesehen davon war die Szene damals sehr überschaubar.

(smow)blog: Mittlerweile gibt es so viel mehr Marken, was zwangsläufig zu einer Frage führt: Ist überhaupt genug Platz für alle? Wie groß ist der Schweizer Markt zurzeit?

Jürg Scheidegger: Ein Schweizer Designermöbelhändler kann heutzutage wahrscheinlich zwischen 250 und 300 Marken wählen. Also ein paar mehr als bei unseren Anfängen… Ich würde schätzen, dass der Markt für Designermöbel ungefähr 8-10 % des gesamten Schweizer Markts ausmacht. Der Markt in der Schweiz beläuft sich insgesamt auf 3 Milliarden Schweizer Franken, 25 % davon erwirtschaftet Ikea, 25 % Möbel Pfister und weitere 25 % kommen von den paar anderen großen Herstellern und irgendwann bleiben dann noch so 8-10 % für Designmarken übrig. Das schließt aber auch schon USM und Vitra ein – erst dann kommen die kleinen Labels, die wir hier ausgestellt haben.

(smow)blog: Bedeutet das, dass der Exportmarkt besonders wichtig für euch ist?

Jürg Scheidegger: Definitiv. Praktisch jeder braucht diesen ausländischen Markt, um zu überleben.

(smow)blog: Geht es dabei prinzipiell um Europa oder spielen Asien und Amerika auch eine Rolle?

Jürg Scheidegger: Prinzipiell Europa. Wir haben einige gute Kunden außerhalb von Europa, aber als Unternehmen unserer Größe hat man eigentlich nur die Ressourcen, in vier oder fünf Ländern zu agieren und das ist in unserem Fall in Europa.

(smow)blog: Was uns zu einer essentiellen Frage bringt: Wie schwer war es mit dem starken Schweizer Franken durch den Sommer zu kommen?

Jürg Scheidegger: Das war nicht nur schwierig, das war eine Katastrophe. Weil das alles so schnell ging, haben wir eine Zeit lang nichts verdient. Unsere Preisliste war schließlich gedruckt und bis wir reagieren konnten, waren zwei Monate vergangen. Mittlerweile haben wir unsere Preisliste korrigiert, aber wir verkaufen weniger, weil wir die Preise um 20 % anheben mussten, um uns an den Kurs anzupassen. Das ist etwas, was man den Kunden nicht so leicht erklären kann. Generell glaube ich, dass wenn z.B. deutsche Händler eine Schweizer Kollektion sehen, sehen sie zuerst ein Warnschild „Achtung teuer!“ aufblitzen, bevor sie überlegen, dass es sich auch um gute Qualität von hohem Wert handelt, was man da für das Geld bekommt.

(smow)blog: Aber ihr seid guter Dinge, dass sich das ändern wird?

Jürg Scheidegger: Wir können nur hoffen, dass sich der Eurokurs wieder normalisiert – auf irgendwas bei 1,30 oder 1,40, sodass wir Schweizer wieder konkurrenzfähig sind. Wenn das nicht passiert, müssen wir uns anstrengen schneller und besser zu arbeiten, um den Unterschied auf diesem Wege zu kompensieren. Aber zurzeit ist es sehr hart.

roethlisberger neue räume zürich

Röthlisberger Kollektion bei Neue Räume Zürich

roethlisberger kollektion Susi Ueli Berger schubladenstapel

Schubladenstapel von Susi & Ueli Berger. Ein früher Klassiker aus der Röthlisberger Kollektion

roethlisberger kollektion torsio Hanspeter Steiger

Torsio von Hanspeter Steiger. Ein moderner Klassiker aus der Röthlisberger Kollektion



Neue Räume Zürich: Nikolas Kerl

Friday, December 16th, 2011

Einer der Gründe auf die Neue Räume Zürich zu gehen war es, einen Überblick über die aktuelle Situation der Designermöbelindustrie in der Schweiz zu bekommen.

Wenn auch idyllisch hinterm Alpenvorhang versteckt, wäre es zu einfach anzunehmen, in der Confoederatio Helvetica liefe alles immer rosig. Manchmal malt man sich ja aus, wie Schweizer Designer und Hersteller den ganzen Tag nichts machen als ihr Geld zu zählen und aufzupassen, dass sie sich nicht ihre Füllungen beim Verzehr dieser zähen, dreieckigen Schokolade ausbeißen. Nachdem jedoch der Schweizer Franken im letzten Sommer anstieg wie ein Geier im Steilflug haben wir eine etwas andere Realität vorgefunden.

Ansporn genug für uns da mal etwas genauer nachzuhaken.

Unter den Leuten mit denen wir gesprochen haben war auch der junge Züricher Designer Nikolas Kerl. Nach seinem Studium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) gründete Nikolas 2010 umgehend seine eigene Firma und stellte zusammen mit lokalen Händlern seine eigenen Möbel in kleinen Serien her.

Beim Material konzentriert sich Nikolas hauptsächlich auf natürliche Produkte wie Holz, Lehm und Glas. So hat er auch direkt öffentliches Aufsehen erregt. Nämlich mit seiner Glasschüssel „Flat O“, die für den Schweizer Design Preis 2011 nominiert war, und mit dem Tisch „T1“, der für den gleichermaßen begehrten “Die Besten 2011″-Preis ins Rennen ging.

Wenn das mal kein gutes Zeichen für die Zukunft ist.

Bei der Neue Räume Zürich haben wir Nikolas abgefangen und ihn gefragt, warum er sich für die Karriere im Möbeldesign entschieden hat.

Nikolas Kerl: Ich habe mit einer schulbegleitenden Schreinerlehre begonnen, wo ich zum ersten Mal in Kontakt mit Möbeln gekommen bin. Da habe ich mich schon in das Entwerfen und Herstellen von Möbeln verliebt und es war klar, dass ich das später mal machen will. Der Schreiner war mir aber zu wenig, also habe ich mich für das Industriedesign-Studium an der ZHdK entschieden.

(smow)blog: Kannst du dich noch daran erinnern, was dich als erstes so fasziniert hat?

Nikolas Kerl: Es war einfach der Umgang mit Material und der Geruch, die Lebendigkeit des Holzes. Holz ist so ein warmes Material, das den Wohnbereich sehr bereichern kann.

(smow)blog: An der ZHdK hast du dann aber vermutlich nicht gleich mit Möbeldesign zu tun gehabt?

Nikolas Kerl: Nein. In den Kursen sind wir alle Aspekte vom Industriedesign durchgegangen: Mobilität, Servicedesign, Produktdesign…

(smow)blog: Aber du bist dem Möbeldesign treu geblieben? Haben die anderen Richtungen überhaupt nicht dein Interesse gewinnen können?

Nikolas Kerl: Mein Herz schlägt einfach für das Möbeldesign und Holz, Stein und Glas sind die Materialien mit denen ich am besten arbeiten kann, die mir und meinen Entwürfen am meisten entsprechen.

(smow)blog: Hast du dich bewusst dafür entscheiden nach deinem Studium in Zürich zu bleiben?

Nikolas Kerl: Ja. Für mich war es eine klare Entscheidung in Zürich bzw. der Schweiz zu bleiben. Ich denke in der Schweiz wird gute Handarbeit viel mehr geschätzt und demzufolge auch die entsprechend höheren Preise besser akzeptiert. Die Leute hier sind bereit für gute Qualität mehr auszugeben. Da meine Möbel in kleinen bis mittleren Serien von Hand in der Schweiz hergestellt werden, ergibt es Sinn hier zu bleiben. Meine Möbel passen einfach sehr gut auf den Schweizer Markt.

(smow)blog: Wie einfach – oder schwer – war es, dich als neuer, junger Hersteller auf einem unserer Auffassung nach relativ kleinen Markt zu etablieren?

Nikolas Kerl: Der Markt ist tatsächlich überschaubar. Aber man wird relativ schnell akzeptiert, bloß der nächste Schritt – Verkaufen – ist dann ziemlich schwer und da bin ich gerade noch dran.

(smow)blog: Gab es in diesem Zusammenhang irgendwelche Business-Kurse in deinem Studium?

Nikolas Kerl: Leider nicht! Das ist jetzt alles Learnig by Doing …und der beste Master, den ich machen kann.

(smow)blog: Und zum Schluss: Du wurdest für den Design Preis Schweiz nominiert. Herzlichen Glückwunsch dafür! Was bedeutet das für dich?

Nikolas Kerl: Allein die Nominierung hat mir schon einige Türen geöffnet. Unabhängig davon ob ich also gewinnen werde oder nicht, ist schon so eine Nominierung ein Glücksfall. Außerdem bedeutet es ein ziemlich großes Medienecho, wodurch eine Menge Leute auf mich und meine Arbeit aufmerksam werden. Sowas hilft ungemein. Und natürlich ist es auch eine schöne Bestätigung, dass das, was ich mache, in die richtige Richtung geht.

Mehr Informationen gibt’s unter www.nikolaskerl.com

Nikolas Kerl Neue Räume Zurich
Nikolas Kerl bei Neue Räume Zürich 2011
Neue Räume Zurich Nikolas Kerl T1
Neue Räume Zürich: Nikolas Kerls Stand mit dem Tisch T1
Neue Räume Zurich Nikolas Kerl Stan Harvey
Stan & Harvey von Nikolas Kerl bei Neue Räume Zürich