Archive for the ‘IMM Cologne’ Category

IMM Cologne 2012: Richard Lampert Living Outdoor

Thursday, February 9th, 2012

Nach der “Kids Only” Kollektion im letzten Jahr, ist Richard Lampert in Köln 2012 mit einer Outdoormöbel-Kollektion zurück. Und genau wie “Kids Only” nicht nur für Kids interessant war, eignet sich “Living Outdoor” auch für “Living Indoor”. Das ist eine gute Sache, wenn man nördlich von Alicante lebt und nie sicher sein kann, wie der Sommer wird.

Mit vier neuen Produkten von drei aus dem Lampertschen Produktsortiment bekannten jungen Designtalenten, kann die Kollektion als Ergänzung der bekannten Lampert Garten- und Balkonmöbelserie, bestehend zum Beispiel aus dem Tisch- und Bank-Set Ludwig, dem Beistelltisch Flip oder der outdoor Version von Herbert Hirches bekanntem Lounge Chair, verstanden werden.

Nach seinem Pit Stop Sitzsack für die “Kids Only” Kollektion im letzten Jahr, hat  Bertjan Pot, Absolvent der Eindhoven Design Academy, Tie-Break, einen Stuhl aus Tennisnetz entwickelt. Das ist ein zugegebenermaßen unkonventionelles Material, aber es ist bewusst gewählt, denn es erlaubt dank seiner Widerstandsfähigkeit den Stuhl bei jedem Wetter im Freien stehen zu lassen ohne große Qualitätsverluste hinnehmen zu müssen.

Nun kennt ihr uns und wisst, dass wir nicht gleich allen Möbel verfallen sind, nur weil sie aus Alltagsgegnständen hergestellt sind. Bei Tie-break dient das Tennisnetz jedoch als grundlegendes und ausschlaggebendes Kriterium für die Funktion des Möbels und re-interpretiert nicht einfach nur, wie man ein Tennisnetz verwenden könnte. Das ist ein wichtiger Unterschied – und ein wundervolles Beispiel dafür, wie ein Designer denken sollte, wenn er das Material für ein Projekt auswählt. Es ist nicht immer nur “Form folgt Funktion”…

Der aus Köln stammende Eric Degenhardt hat als Langzeitmitglied im Richard Lampert Team nun den Klapptisch Hook entwickelt. Das ist ein bezaubernder Balkontisch, der sich zu einer Art flachen Bratpfanne zusammenklappen lässt und an einer einfachen Schraube aufgehangen werden kann.

Ein anderer Langzeit-Lampert-Mitarbeiter, Alexander Seifried, hat gleich zwei Produkte für die ”Living Outdoor” Kollektion entworfen: ein Outdoormöbel zwischen Sonnenliege und Kanapé namens Dish’s Island und – unser Highlight der Kollektion – der Klappstuhl MASH. Als wir MASH zum ersten Mal sahen, dachten wir sofort an den Linienrichter im Tennis aus längst vergessenen Zeiten. Damals als Tennisschläger noch mit Schweinedarm bespannt waren…

Aber die wahre Geschichte hinter dem Stuhl kam in unserem Gespräch mit Richard Lampert höchstpersönlich ans Licht…

(smow)blog: Gartenmöbel. Wir nehmen an, das bedeutet, die Dinge laufen für Sie so gut, dass Sie sich zukünftig etwas zurücklehnen wollen und den ganzen Sommer entspannt im Garten verbringen wollen?

Richard Lampert: Ganz genau! Und ich erwarte wie jedes Jahr bald Sonnenschein – den Frühling.

(smow)blog: Optimistisch. Aber das gönnen wir Ihnen. Für die “Living Outdoor” Kollektion haben Sie einige bekannte Gesichter ins Boot geholt…

Richard Lampert: Ja. Wir haben Alexander Seifried, der zwei Stücke entwickelt hat – eine Sonnenliege und einen Klappstuhl, der so etwas wie eine Neuauflage eines Armee-Klappstuhls ist, den wir unter einem Haufen Gerümpel gefunden und überarbeitet haben. Wir haben ihn MASH nach dem Film und der TV Serie genannt.

(smow) blog: Sie haben Ihn also beim Kellerputz gefunden und gedacht….?

Richard Lampert: …fantastisches Stück, wunderbarer Stuhl, wir müssen etwas daraus machen!

Daneben haben wir von Bertjam Pot einen Stuhl, der aus Tennisnetz in Verbindung mit dem Material von Autogurten hergestellt ist. Und wir arbeiten immer noch mit einem, jungen Schweizer Architekten an einem neuen Tisch mit passenden Stühlen. Wir haben es nicht geschafft, das Projekt bis Köln fertigzustellen, werden es aber in Mailand vorstellen.

(smow)blog: Und wie streng waren die Anweisungen in diesem Jahr? Haben Sie zum Beispiel zu Bertjam gesagt, dass Sie den und den Stuhl wollen?

Richard Lampert: Nein, dieses Mal war alles sehr frei. Wir sagten, wir wollen “Gartenmöbel” und naturgegebenermaßen eröffnet das nicht so viele Möglichkeiten wie etwa “Kindermöbel”. Man kann einen Tisch, eine Bank, einen Sonnenschirm, einen Stuhl, eine Liege machen…. aber viel mehr ist da nicht.

(smow)blog: Das zweite Jahr in Folge stellt Lampert nun die neue Kollektion in Köln und nicht wie die meisten Hersteller in Mailand vor. Warum?

Richard Lampert: Hier haben wir 100 m² Ausstellungsfläche zur Verfügung, in Mailand nur 50. In Mailand haben wir also nicht den Platz, um so eine Präsentation wie hier auf die Beine zu stellen. Und dann ist es einfach so, dass Deutschland unser wichtigster Markt ist, hier machen wir den größten Umsatz. Für mich ist es also nur logisch unsere Kollektionspräsentation auch hier, in Köln, zu veranstalten.



A&W Designer des Jahres 2012: Patricia Urquiola

Thursday, February 2nd, 2012
A&W Designer of the Year 2012 Patricia Urquiola

A&W Designer des Jahres 2012: Patricia Urquiola

Seit eineinhalb Jahrzehnten beginnt die Möbelwoche in Köln inoffiziell mit der Ehrung des A&W Designers des Jahres.

Verliehen vom Magazin A&W Architektur und Wohnen wurde der Preis 1997 ins Leben gerufen, um Designer zu ehren, deren Werk den Einrichtungsstil unserer Zeit besonders geprägt hat. Zu früheren Gewinnern gehören Philippe Starck, Antonio Citterio und Tom Dixon – um nur 3 von insgesamt 15 zu nennen.

A&W Designerin des Jahres 2012 ist die Spanierin Patricia Urquiola.

Die durch ihre Arbeit mit Moroso, B&B Italia, Kartell oder Molteni bekannte Patricia Urquiola studierte zunächst in Madrid Architektur bevor sie nach Italien zog, um ihre Studien am Politecnico di Milano abzuschließen. 2001 gründete sie ein eigenes Studio in Mailand und arbeitet sowohl im Möbeldesign als auch an zahlreichen Innendesignprojekten. Seit 2002 ist sie außerdem Gastprofessorin an der Domus Akademie.

Vor der Verleihungszeremonie sprachen wir mit Patricia Urquiola über ihre Karriere und diskutierten – passend zur Auszeichnung und zur Ausstellung “Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” im MAKK -, ob Architekten die besseren Möbeldesigner sind.

(smow)blog: Sie haben Architektur studiert und arbeiten nun hauptsächlich als Designerin. War eine Karriere als Architektin ihr Ziel oder nur Mittel zum Zweck?

Patricia Urquiola: Ich wollte schon in meinen frühen Jugendjahren Architektin werden; ich war eine von denen, die schon ganz genau wussten, was sie später tun möchten. Also studierte ich Architektur an der Universidad Politécnica de Madrid und traf dort Marco Zanuso, Achille Castiglioni und viele andere überaus interessante Architekten, die sowohl in der Architektur als auch im Design tätig waren. Das brachte mich dazu, mich stärker auf Design zu konzentrieren. Die Italiener leiteten also in gewisser Weise diesen Wandel ein.

(smow)blog: Und dann zogen Sie nach Mailand, wo Sie später mit einem weiteren Architekten und Designer weiterarbeiteten, Piero Lissoni

Patricia Urquiola: Ja, aber bei meinem Hintergrund und in meiner Altersgruppe war es ganz natürlich über die Grenzen zwischen Architektur und Design hinweg zu arbeiten. Das ist natürlich auch einer der Gründe dafür, wieso Mailand ein wichtiges Zentrum für Architektur und Design wurde.

(smow)blog: Im Augenblick findet hier in Köln eine Ausstellung statt, die die Rolle von “Möbelarchitekten” beleuchtet. Machen Architekten bessere Möbel als Designer mit anderem Hintergrund?

Patricia Urquiola: Nein, das glaube ich nicht. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Konstantin Grcic und der ist kein Architekt. Man kann sich dem Design auf ganz verschiedene Weisen nähern; für mich wird die Grenze zwischen den beiden Disziplinen auf der einen Seite durch den “Lebensraum” und auf der anderen durch die “Werkzeuge für das Leben” definiert. Das war meine Ausbildung, das bin ich und das ist auch meine Einstellung. Aber man kann verschieden an die Disziplinen herangehen, deshalb sollten wir alle offen sein und auf neue Ansichten hören. Ich finde, dass zurzeit einige wichtige Forschungsbereiche und Schulen entstehen. So ist beispielsweise Eindhoven für mich derzeit sehr interessant. Aber wie gesagt gibt es viele Möglichkeiten in den Disziplinen zu arbeiten und wir alle sollten der Situation offen gegenüber stehen.

(smow)blog: Sie leben nun schon seit 25 Jahren in Mailand. Haben Sie im Laufe der Zeit eine Veränderung bemerkt? Ist Mailand immer noch eine Stadt, in der man die Kreativität förmlich spüren kann?

Patricia Urquiola: Ich bin in einer sehr kreativen Zeit nach Mailand gezogen. Leute wie Castiglioni oder Vico Magistretti waren noch aktiv und die Memphis Group hatten ihre beste Zeit. Aber dann hat sich Mailand wirklich stark verändert; es wurde immer spießiger und heute haben wir diese ganzen Krisen. Doch wie in allen Designzentren Italiens besteht auch in Mailand noch immer der Wunsch, qualitativ hochwertige Arbeiten zu produzieren. Ich hatte das Glück, in Mailand Leute zu treffen, die noch an Design glaubten und die diesen Glauben an Menschen wie mich weitergaben. Dafür bin ich sehr dankbar. Mein Leben dreht sich aber nicht nur um Mailand und meine Arbeit dort ist nur ein Teil meiner Arbeit.

A&W Designer of the Year 2012 Patricia Urquiola Volant Moroso

Das Sofa Volant für Moroso von Patricia Urquiola

A&W Designer of the Year 2012 Patricia Urquiola Silver Lake Moroso Comeback Chair Kartell

Silver Lake von Moroso und im Hintergrund der Comeback Chair für Kartell von Patricia Urquiola

A&W Designer of the Year 2012 Patricia Urquiola KETTAL MAIA Egg swing chasen flos Tropicalia Moroso

Maia Egg Hängesessel für Kettal, die Leuchte Chasen für flos und Tropicalia für Moroso, alle von Patricia Urquiola

 



IMM Cologne 2012: Fazit

Wednesday, February 1st, 2012

Am Freitag Nachmittag vor der offiziellen Eröffnung ereilte uns die erste Vorwarnung darauf, was uns auf der IMM 2012 erwarten würde. Diese Vorahnung offenbarte sich in Form einer riesigen Plastikhalbkugel, über die wir stolperten, als wir durch das Kölner Stadtzentrum schlenderten. Die IMM Schneekugel.

Die Schneekugel stand inmitten der Fußgängerzone und sollte mit ein paar “Möbelhighlights” wohl auch den letzten Kölner zur Messe locken. Und auf Knopfdruck rieselte sogar federleichter Schnee über die Szenerie. Herzerwärmend!

imm cologne 2012 schneekugel

IMM Cologne 2012 Schneekugel

Doch wie uns Julia Landsiedl 2010 mit ihrer Ausstellung Wunderliche Kugelkammer in Wien lehrte, haben Schneekugeln auch ihre dunkle Seite… Im Falle der IMM Schneekugel liegt das Böse im Sessel. Und so findet sich all das, was uns an den meisten Möbeln in den Hallen der Kölner Messe missfiel, in diesem einen Stück wieder.

Schönes und Hässliches waren seit OMDs Song über Hiroshima, der mit einer der schönsten Melodien überhaupt unterlegt war, selten so harmonisch vereint.

Für uns hat die Schneekugel wunderbar veranschaulicht, wie man bei der IMM zwischen zwei völlig entgegengesetzten Realitäten gefangen ist. Außerdem hat sie die Frage aufgeworfen, wie lange die Organisatoren den schönen Schein noch wahren können…

Auf der einen Seite ist da die IMM wie sie von der Presseabteilung der Koelnmesse dargestellt wird. In dieser Welt dominieren Wörter wie “neu” und “innovativ”. Auf der anderen Seite ist da die IMM wie sie von den Leuten dargestellt wird, die die Standplätze vertreiben. Und die interessieren sich natürlich, anders als nach außen kommuniziert, wenig für innovatives, durchdachtes und interessantes Möbeldesign.

Ein gutes Beispiel für diese Gleichgültigkeit war die Interior Innovation Award Ausstellung 2012. Vom Rat für Formgebung in Zusammenarbeit mit der IMM Cologne organisiert, ist der Interior Innovation Award zwar nichts gegen die Starallüren des Designpreises der Bundesrepublik Deutschland, doch Möbelhersteller scheinen immer sehr froh darüber zu sein, wenn sie ihn bekommen. Außerdem stellt er eines der wenigen externen Werbewerkzeuge der IMM dar.

Im letzten Jahr wurden alle Gewinner auf einem einfachen, aber leicht zugänglichen und zentralen Gang im Messezentrum gezeigt; diesen Gang mussten viele der Besucher und die gesamte Presse durchqueren, außerdem war die Ausstellung durch die Fenster des Presseraumes aus zu sehen. Dieses Jahr wurde die Interior Innovation Award Ausstellung in Halle 4.2 verfrachtet. Das ist eine Halle, die so versteckt ist, dass sie im Hallenplan auf der IMM Cologne Website noch nicht einmal auftaucht. Halle 4.2 beherbergte die Living Interiors Ausstellung, aber der Interior Innovation Award ist Teil der IMM. Deshalb erscheint er auch nicht auf der Website oder dem interaktiven Hallenplan von Living Interiors. Das könnte man auch so auslegen, dass die Ausstellung aus der IMM verbannt wurde.

Der erstklassige Raum des vergangenen Jahres wurde derweil an ein Magazin verkauft, das dort seine “Möbel-Trend-Tipps” zeigen darf.

imm cologne 2012

IMM Cologne und ihr öffentliches Gesicht. Ein glühendes Leuchtfeuer inmitten der Möbellandschaft...

“Köln ist eine Verkaufsmesse”, so lautet die Parole der Branche seit spätestens 1962.

Wenn das wirklich der Fall ist, tut uns bitte den Gefallen und lasst die innovativen Hersteller und jungen Designer außen vor“, war unsere Parole seit spätestens 2011.

In diesem Jahr haben sich die Designschulen verabschiedet – was unserer Ansicht nach die logische Konsequenz nach ihrer schändlichen Behandlung 2011 war – und es ist nur eine Frage der Zeit bis die kompletten D3 Design Talents ihnen in die Stadt folgen. Das stark reduzierte Programm und die nicht aktualisierte Website sind ein guter Hinweis dafür, dass die Entscheidung bereits gefallen ist.

Und die ach so innovativen Hersteller? Die sind in Halle 11 zusammengepfercht wie eine Schafsherde, die sich vor den heulenden Wölfen versteckt.

Wir sprachen mit einem Hersteller, der einen wirklich fürchterlichen Standplatz hatte. Ehrlich gesagt gehört er sogar zu den am unvorteilhaftesten positionierten Ständen, die wir je gesehen haben. Der Hersteller war dennoch recht zufrieden – einfach weil er in Halle 11 war. Wäre es nicht Halle 11 gewesen, wäre er gar nicht erst gekommen. Für Halle 11 war er jedoch bereit, jeden Platz zu akzeptieren. Ganz egal welcher…

Niemand, der in Halle 11 einkauft, kauft in den anderen Hallen ein. Und umgekehrt. Und die Presse besucht ausschließlich Halle 11 – und 3 für die D3 Talents.

IMM Cologne. Zwei Welten. Eine Location.

Offen gesagt hoffen wir, dass die Hersteller, die Qualität, Design und Innovation über die Anzahl verkaufter Exemplare stellen, in den nächsten Jahren ein neues Zuhause finden.

Wenn die Organisatoren der IMM schlau sind, werden sie die Trennung innerhalb des Messeprogramms weiterführen und einem neuen jungen Team die Entwicklung einer neuen, frischen parallel zur IMM in Köln laufenden Messe überlassen. Das würde nicht nur die IMM stärken, sondern auch Passagen, eine Rahmenausstellung der IMM, weiterentwickeln und so dazu beitragen, die Kölner Möbelwoche als wirklich wichtiges Event neu zu etablieren.

Derzeit gibt es für Hersteller, die nicht länger gewillt sind, die Einschränkungen der Halle 11 in Kauf zu nehmen, nur eine Alternative: die Qubique in Berlin. Doch zunächst muss die Qubique noch Durchhaltevermögen zeigen und ihre Position innerhalb der Messelandschaft verteidigen. Und dafür sollte sie ernsthaft darüber nachdenken, sich einen neuen Monat als den Oktober zu suchen. Zu viele Messen finden schon im Oktober statt….

Es gilt also: “Vorteil IMM”! Noch liegt es in Kölner Hand das Spiel so oder so ausgehen zu lassen.

Doch zurzeit gibt es noch keinerlei Anzeichen für solche Ambitionen. Stattdessen scheinen die Veranstalter erpicht darauf zu sein, die Passivität der Medien zu nutzen, um auch weiterhin ein Bild der IMM zu wahren, das zunehmend von dem abweicht, was man tatsächlich in Köln vorfindet.

imm cologne 2012 kartell

Kartell bei der IMM Cologne 2012 mit einer reduzierten Version der Show aus Mailand 2011. Schon fast ein historisches Artefakt.

Wir haben in der Vergangenheit schon mehrfach bemerkt wie unkritisch die Medien gegenüber solchen Events geworden sind.

Im Vorfeld der IMM wurde viel über die große Zahl italienischer Hersteller in Köln berichtet, wobei das ein Großteil der Presse als “positive Entwicklung” verbuchte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung1 ging sogar so weit Folgendes zu behaupten: “Und gerade die auf der ganzen Welt tonangebenden Hersteller jenseits der Alpen gelten als Gradmesser, ob eine Messe gut läuft und ob sie gut ankommt.” Die auf der ganzen Welt tonangebenden italienischen Hersteller als Gradmesser! Haben wir noch 1982? Haben wir etwa die letzten drei Jahrzehnte geträumt?

Italien nimmt in der Möbelgeschichte Europas einen besonderen Platz ein und es gibt definitiv einige wirklich gute und qualitativ hochwertige italienische Hersteller. Doch das liegt nicht daran, dass sie Italiener sind, sondern dass sie sich wirklich dafür interessieren. Qualitativ hochwertige Möbel können auch aus anderen Ländern kommen.

Und so breitet die Presseabteilung der IMM den Deckmantel des “Wir haben jede Menge Italiener, juhuuuh!” über alles, um die Tatsache zu verschleiern, dass viele Qualitätshersteller aus Deutschland, der Schweiz, Holland, Frankreich, Belgien, Dänemark oder den USA gar nicht anwesend sind.

Es ist unverzeihlich, dass führende Medien ihnen das auch noch abkaufen. Nicht nur deshalb, weil das der gesamten Branche einen schlechten Dienst erweist, sondern weil es gleichzeitig positive Entwicklungen verhindert, die durch eine Umorientierung der IMM und der Kölner Möbelwoche erreicht werden könnten.

Wir haben die IMM Schneekugel 20 Minuten lang betrachtet. Und je länger wir sie ansahen, desto sicherer wurden wir, dass es Veränderungen geben wird. Und wie gesagt hat die IMM noch immer die Möglichkeit zu entscheiden, wie dieser Wandel aussehen soll. Wir hoffen, dass die Messeveranstalter diese Chance ergreifen werden. Denn wenn nicht, werden wir in ein paar Jahren alle OMD zitieren: “Es muss nicht immer auf diese Weise enden”.

1. http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/design/koelner-moebelmesse-wohnen-fuer-alle-11616978.html Accessed 25.01.2012



IMM Cologne 2012: Müller Möbelfabrikation

Thursday, January 26th, 2012

Und eine Schublade hat er auch noch. Eine Schublade! Ein Schreibtisch mit einer, quatsch, sogar mehreren Schubladen! Spätestens damit hatten sie uns.

Als könnten die Designer von Müller Möbelfabrikation unsere Gedanken lesen, sahen wir uns bei ihrem Stand in Köln vor dem tollsten Stahlschreibtisch überhaupt! Mit gaaanz vielen Schubladen! Und schon wieder hatten sie uns…

IMM Köln 2012 Müller Möbelfabrikation TB 299

Der TB 299 von Müller Möbelfabrikation auf der IMM Cologne 2012

Wenn wir etwas zu kritisieren hatten, dann nur die Entscheidung, den Schreibtisch in Orange auszustellen. Wenn es eine Farbe gibt, die man bei Ausstellungsbeleuchtung wirklich schwer fotografieren kann, dann Orange… Und ausgerechnet Orange lag am Stand der Müller Möbelfabrikation total im Trend.

Außerdem im Trend lagen dieses Jahr die Lippert Studios. Die waren nämlich, wenn auch nicht Urheber unseres Lieblingsschreibtisches, das dominante Designstudio am Müller Möbelfabrikation Stand. Im vergangenen Jahr noch mit nur einem Stück, dem PS08 Sekretär, vertreten, brachten die Lippert Studios es in diesem Jahr schon auf drei Produkte.

Der PS10 Sekretär ist eine offene Variante des PS08 mit einer etwas größeren Arbeitsfläche; der ST08 ist eine Schminktisch-Variante des PS08 und…

Nein, im Ernst! Es geht wirklich um einen Schminktisch.

Ausgestattet mit beleuchtetem Spiegel, eingelassenem Stauraum und einer Schublade, kommt der ST08 unserer romantischen Vorstellung von Schminktischen in den Garderoben von Provinztheatern sehr nahe. Auf jeden Fall sollten sie so aussehen… Der ST08 verfügt über die gleiche Grundform wie sein Vorgänger, der PS08. Das Gehäuse wirkt jedoch um einiges schlichter und verleiht der gesamten Konstruktion etwas sehr Durchdachtes. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Das Gehäuse sorgt dafür, dass man in geschlossenem Zustand niemals erraten würde, was sich im Inneren des Tisches befindet.

Wir finden, der ST08 ist ein wundervolles Accessoire für alle modernen Stadtmädchen, die in einer modernen 1-Raum-Stadtwohnung leben.

IMM Köln 2012 Müller Möbelfabrikation Lippert Studios ST 08

Der Schminktisch ST08 von den Lippert Studios für Müller Möbelfabrikation. Hier in Benutzung.

Trotz unserer unverhohlenen Freude über den ST08 war für uns der LS05 das prägnanteste Ausstellungsstück. Geschlossen ist der LS05 ein schlichter Beistell- bzw. Couchtisch, ausgezogen ist er ein reizender Laptop-Tisch mit Schublade.
Was uns am meisten daran gefällt, ist die simple Auszugs-Konstruktion. Nun ja, wir ahnen da ein paar Platzprobleme… Man sollte sich auf jeden Fall vergewissern, dass genügend Platz hinter dem Tisch bleibt, sodass der obere Teil ausgefahren werden kann ohne Blumentöpfe oder kostbare Vasen umzuwerfen. Hat man den Platz, hat man mit dem LS05 einen wunderbaren, dreistöckigen Laptop-Arbeitsplatz in hinreißender Retro-Futurismus-Optik, der sich übrigens auch ziemlich gut als Beistelltisch,Telefontisch oder was auch immer eignen sollte.

Der LS05 war auf jeden Fall eines unserer Lieblingsstücke bei der IMM 2012.

Alles in allem war es wirklich schön zu sehen, wie Müller Möbelfabrikation und die Lippert Studios die Grundidee des originalen, vielfachen Preisträgers PS08 weiterentwickelt haben und somit eine sehr innovative und moderne Tischfamilie geschaffen haben.

Jetzt fehlt uns nur noch eine Version für die Küche.

IMM Köln 2012 Müller Möbelfabrikation Lippert Studios LS 05

Der LS05 Laptop-Beistelltisch von den Lippert Studios für Müller Möbelfabrikation. Hier vollständig geöffnet...

 

IMM Köln 2012 Müller Möbelfabrikation Lippert Studios

Der LS05, PS10 und ST08 von den Lippert Studios für Müller Möbelfabrikation auf der IMM Cologne 2012

 

IMM Köln 2012 Müller Möbelfabrikation bright

Die bunte Welt der Müller Möbelfabrikation...

IMM Köln 2012 Müller Möbelfabrikation colour

... wohin man auch sieht.



Tatort Köln: Design braucht Täter 2012

Thursday, January 19th, 2012

Abgesehen vom Ausstellungskonzept und der stets perfekt gewählten Location gibt es noch einen anderen Grund, warum wir uns immer besonders auf Design braucht Täter freuen: Jedes Jahr entdecken wir etwas Neues.

2012 bildet da keine Ausnahme – auch wenn wir uns in diesem Jahr zugegebenermaßen heimlich reingeschlichen haben, als noch aufgebaut wurde und wir deshalb gar nicht alle Aussteller sehen konnten. Wir wissen, dass das nicht gerade die feine Art ist… Sorry… Aber wir haben eben einen vollen Zeitplan. Uns blieb also gar nichts anderes übrig. Und wenn man schon mal so dreist ist, wie wir es nun mal sind… Was spricht dagegen?

Design braucht Täter 2012 Schreibtisch für Zwei by Handwert Möbeldesign

Design braucht Täter 2012: Schreibtisch für Zwei von Handwert Möbeldesign

Schreibtisch für Zwei von Handwert Möbeldesign ist – wie der Name schon sagt – ein Schreibtisch, der für zwei konstruiert wurde. Und eine Schublade hat er auch noch. Eine Schublade! Ein Schreibtisch mit einer, quatsch, sogar mehreren Schubladen! Spätestens damit hatten sie uns.

Einen Schreibtisch, an dem bequem zwei Menschen arbeiten können, halten wir für wirklich sinnvoll. In modernen Büros arbeitet man ja häufig mit platzsparenden “Insel-Konzepten” – besonders in sogenannten “Startups” oder bei rückwärtsgewandten Dorfverwaltungen in Brandenburg. Nachteile dieser Konstruktionen sind nicht nur, dass immer unzählige Kabel und anderer Kram zwischen den Tischen stören, sondern dass, die Größe eines solchen geteilten Arbeitsplatzes laut EU-Richtlinie nicht mal für Legehennen tragbar wäre. Wieso sollte man also nicht direkt zwei Personen pro Arbeitsplatz einplanen?

Der wunderschöne, aus Eiche gefertigte Schreibtisch für Zwei verfügt nicht nur über Schubladen, sondern auch über einen Spalt in der Mitte, der als Versteck für Kabel sowie Halterung für die integrierten Plastik-Stiftehalter geradezu prädestiniert ist.
Unser Einrichtungstipp: Die Auswahl an Dingen, die man im Spalt unterbringen kann, ist beliebig um z.B. Blumentöpfe, Lautsprecher, Ladegerät fürs Telefon, Kabelkorb, Notizblockhalter, Lampen usw. erweiterbar.

Design braucht Täter Köln 2012 bench2bed thomas bohm

Design braucht Täter 2012: Bench2bed von Thomas Bohm

Bench2bed des Dortmunder Designers Thomas Bohm hat vor der Ausstellung nicht gerade unsere Aufmerksamkeit erregt. Doch das hat sich während der Ausstellung geändert. Im Wesentlichen handelt es sich bei dem Stück um eine Bank, die in ein Bett verwandelt werden kann – eine Variation des Bettsofas also. Das hat uns echt gut gefallen, aber natürlich mussten auch wir uns fragen: Braucht man so was wirklich? Eine Bank, die zu einem Bett wird… Wir sind zugegebenermaßen noch nicht hundertprozentig überzeugt. Oder waren wir einfach nur von der Stahl/Holz-Optik irritiert, die ein wenig an Gartenmöbel erinnert? Nichtsdestotrotz lieben wir den Gedanken hinter dem Projekt. Und auch wenn Bench2bed nicht Bohms kommerzieller Durchbruch sein wird, so zeigt sich in der Konstruktion doch ein Designgeist mit der richtigen Einstellung und einer gesunden Abneigung gegen Konventionen.

Design braucht Täter Köln 2012 moveo reditum

Design braucht Täter 2012: Moveo von Reditum

Ein anderes Projekt, das uns im Warm-up der Ausstellung noch nicht sonderlich begeistert hat, es letztlich aber doch unter unsere Design braucht Täter Favoriten geschafft hat, war Moveo vom Kölner Hersteller Reditum.

Wie treue Leser wissen, sind wir, was recycelte Möbel angeht, nicht so einfach zufrieden zu stellen. Wir sind wahrscheinlich die einzigen, die Piet Hein Eeks Holzstühle und -tische eher unter Grafikdesign als Möbeldesign verbuchen würden… Doch Moveo hat uns überzeugt.

Zusammengesezt aus Teilen von alten Paletten, alten Fahrradschläuchen und Metallteilen, ist Moveo eine Reihe von Kisten, die entweder zusammengesteckt oder als Regalsystem aufgehangen werden können.

Wir vermuten, wir haben Moveo unseren Segen gegeben, weil es sich ebenso wie hommage au vélo von Sebastian Donath, nicht nur auf seine recycelte Natur fixiert. Nach dem Motto: “Seht mich an! Seht mich an! Ich bin recycelt. Ich bin so cool!” Stattdessen ist es in erster Linie ein schönes, gut gemachtes und funktionales Produkt. Das und die Tatsache, dass es uns an die Holzkisten von Le Corbusier erinnert, die Cassina bei der IMM 2011 wieder eingeführt hat.

Und jetzt ratet mal, von wem wir glauben, dass er in einer Zeit der ökologischen und sozialen Instabilität am verantwortungsvollsten mit verfügbaren Ressourcen umgeht…

Design braucht Täter Köln 2012 solo stefan weiser

Design braucht Täter 2012: Solo von Stefan Weiser

Auch das Regalsystem Solo von Stefan Weiser sollte an dieser Stelle lobend erwähnt werden. Dabei handelt es sich um ein Aufbewahrungselemnet, das zum Transport flach zusammengefaltet werden kann – und aufgeklappt funktioniert es ganz wunderbar als Raumtrenner. Wir sind uns nicht so sicher, ob eine textile Hülle die beste Wahl war, aber das könnte auch nur unsere törichte, subjektive Meinung sein. Für uns ist das Konzept es durchaus wert, weiterentwickelt zu werden, denn wir sehen darin eine Menge Potential – und das nicht nur für zuhause…

Und dann war da natürlich noch Becherlicht, das uns noch immer wohlig erschauern lässt.

Wenn ihr bei der IMM in Köln seid, können wir euch wärmstens empfehlen, einen Abstecher zu Design braucht Täter zu machen. Besonders am Donnerstagabend, den 19. Januar, wenn von 18-23 Uhr die verspätete Vernissage stattfindet.

Und wenn ihr auf etwas wirklich gutes stoßen solltet, das wir hier nicht erwähnt haben, lasst es uns bitte wissen.

Design braucht Täter 2012 findet bis Sonntag, den 22. Januar, in der Hochbunker Körnerstr. 101, 50825 Köln statt.

 



Museum für Angewandte Kunst Köln: Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel

Tuesday, January 17th, 2012

Wie es die Tradition so will, richtet das Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) auch in diesem Jahr wieder, wenn in Köln die Möbelmesse IMM stattfindet, eine Sonderausstellung zum Thema Möbel aus.

Unter dem Titel “Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” stellt das MAKK über 120 verschiedene Möbel aus, denen eins gemein ist: sie wurden alle von Architekten designt.

Museum für Angewandte Kunst Köln Von Aalto bis Zumthor Architektenmöbel

Museum für Angewandte Kunst Köln: Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel

Wie treue Leser längst wissen werden, ist der “Möbel-Architekt” eines unserer Lieblingstehmen. Und das nicht nur, weil solche Architekten einige wirklich fantastische Arbeiten hervorgebracht haben – und das oft nur aus purer Leidenschaft und mit wenig oder gar keinen finanziellen Ambitionen -, sondern weil wir glauben, dass das Verstehen des “Möbel-Architekten” eine wichtige Basis für das Verstehen der Möbelindustrie und letztendlich guten Möbeldesigns ist.

In der Pressemitteilung erklärt das MAKK, dass viele der Architekten zum Möbeldesign gekommen seien, weil sie auf dem Markt kein passendes Mobiliar für ihre Projekte gefunden hätten.

Es ist naturgemäß nicht unsere Art alteingesessenen und anerkannten Designmuseen zu widersprechen.

Aber.

Wir glauben zwar auch, dass der Notwendigkeitsaspekt in manchen Fällen bestimmt ein entscheidender Faktor gewesen ist, der Wunsch ein Projekt vollständig zu kontrollieren und so eine formale Einheit zu schaffen in vielen Fällen aber als bedeutender einzuordnen  ist.
Wir haben einige hübsche Zitate gefunden; z.B. wie Egon Eiermann nur zustimmen wollte, ein Haus in Berlin zu entwerfen, wenn er auch die Möbel gestalten durfte; oder wie Arne Jacobsen ähnliche Forderungen stellte, bevor er die Aufträge für das SAS Royal in Kopenhagen und das St. Cahthrines College in Oxford akzeptierte. Und Le Corbusier hat seine sozialen Wohnungsbauten der 1950er nur nicht selber eingerichtet, weil IKEA noch erfunden werden musste.

Für uns ist diese Unterscheidung so wichtig, weil sich aus ihr etwas entscheidendes herauslesen lässt: Die Motivation definiert den Hintergrund der entworfenen Möbel und unterstreicht als solches die Art und Weise, wie die Architekten dachten und arbeiteten.

Was unstrittig ist, ist der Wert der Arbeiten.

Museum für Angewandte Kunst Köln Von Aalto bis Zumthor Architektenmöbel

10 Unit System von Shigeru Ban über Artek (2009)

Neben Stücken aus der museumseigenen Sammlung wird “Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” durch Leihgaben vervollständigt und erzählt die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts “Möbel-Architekten”. So beginnt die Ausstellung bei Werken von Hoffmann, Wagner oder Emil Beutinger. Letzterer ist mit seiner wunderbaren Kücheneinrichtung aus dem Jahr 1903 vertreten. Das Ensemble enthält einen “Sitzschrank”, der auch aus einer Haute Couture Kollektion des Ateliers Moormann stammen könnte.

Im Vergleich zu der dezenten Eleganz vieler früher Stücke, konnten wir uns nicht dem Eindruck entziehen, dass viele modernere Stücke förmlich schreien “Sieh mich an!”.

Natürlich wissen wir, dass der Wunsch nach Aufmerksamkeit noch ganz andere Ausmaße annehmen kann. Man denke nur an Menschen, die ihrer Berühmtheit wegen in den australischen Dschungel ziehen und vor laufender Kamera Kangaroohoden essen, nur um mit dem, “was sie der Gesellschaft hinterlassen haben”, in Erinnerung zu bleiben. – So um Aufmerksamkeit bemüht waren wirklich nur die allerwenigstens Stücke in der Ausstellung.

Nun könnte man argumentieren, dass der Grund dafür ist, warum viele der Vorkriegsmöbeldesigns im Gegensatz zu den modernen “Hinguckern” so konservativ und, ja, normal erscheinen, dass die Gesellschaft auch so war. Es gab keine größeren oder kleineren Angriffe auf akzeptierte Normen.

Nach der Postmoderne, dem Dadaismus und dem Punk haben wir jedoch andere Erfahrungen gemacht und mittlerweile ist es sogar zulässig Konventionen anzufechten. Dies gilt insbesondere für Möbel, die für ein Gebäude entworfen wurden, das Ansprüchen an modernes Wohnen gerecht werden muss.

Was uns zu den Ursachen zurückbringt, warum ein Architekt Möbel designt….

So oder so glauben wir, dass jene Architekten, die in die Kategorie “Hauptsache Aufmerksamkeit” fallen, gar nicht erst als “Möbel-Architekten”, sondern als “Künstler” bezeichnet werden müssen. Und ihre Arbeiten nennt man auch nicht “Möbel”, sondern “Kreationen” – oder schlimmer noch “Statements”.

Das führt uns zu der Frage, ob solche Künstler überhaupt in eine Möbelausstellung wie diese gehören. Nun, Kunst, Design und Architektur sind zwar verschiedene Disziplinen, sie können jedoch ineinander greifen und verschmelzen. Die Frage, die aber bleibt, ist, welche Disziplin die dominante ist. Bei der Auswahl der Objekte für so eine Ausstellung würden wir sagen, ist es Design. Idealerweise Design, das mit der Übung, dem Auge und dem Verständnis eines Architekten gestateltet worden ist.

Was zwangsläufig zu der nächsten Frage führt: Wo war eigentlich das USM Haller Möbelsystem – ein Möbel, das direkt aus einem architektonischen Konzept entstanden ist?

Museum für Angewandte Kunst Köln Von Aalto bis Zumthor Architektenmöbel

Jean Prouvé und Alvar Aalto bei Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel

“Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” ist eine gute Ausstellung. Unser Problem ist aber, dass nicht genug erklärt wird; es wird nur gezeigt. Für eine Sonderausstellung in einem Museum wie dem MAKK ist das einfach zu wenig. Man sollte die Ausstellung doch mit dem Gefühl verlassen, wirklich etwas über das Thema erfahren zu haben.

Wir kennen uns auf dem Gebiet einigermaßen gut aus und haben es genossen, die Stücke einfach alle einmal beisammen zu sehen und vergleichen zu können. Den meisten Besuchern geht es vermutlich anders – sie kennen nicht schon die meisten der Exponate, weil sie diese und andere Möbelklassiker in einem Onlineshop verkaufen.

Für einige Ausstellungsstücke gab es sogar gut konzipierte und hübsch illustrierte Schautafeln, für die Mehrzahl gab es jedoch nur etwas, das aussah wie Archivkarten mit einem Namen und wenigen anderen Informationen darauf.

Und dann war da natürlich noch die Entscheidung einige Stühle 5 Meter hoch über dem Boden zu platzieren – halb versteckt in Kisten, sodass sie keiner sehen kann. Das finden einfach nur blöd.

Trotz des für uns etwas lustlosen Ausstellungskonzepts bleibt der Wert der Arbeiten unangetastet und “Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” einen Besuch wert – besonders während der IMM Cologne, wenn der Eintritt frei ist.

“Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” ist im Museum für Angewandte Kunst Köln bis 22. April 2012 zu sehen.

 



IMM Cologne 2012. Und 1962.

Friday, January 13th, 2012

Am Montag, den 16. Januar, öffnet die IMM Cologne, Deutschlands größte Möbelmesse, ihre Tore.

In den kommenden Tagen werden wir aus diesem Anlass einige Interviews, Berichte und Rückblicke vom Rhein bloggen. Außerdem dachten wir, dass es auch ganz nett wäre, einmal zu sehen, wie es vor 50 Jahren um die IMM stand. Denn zum einen finden wir es ziemlich interessant zu sehen, was die Möbelindustrie generell um 1962 so getrieben hat, und zum anderen hoffen wir, so die Rolle der IMM etwas besser in der Möbelgeschichte verorten zu können.

imm cologne

IMM Cologne

Die “Internationale Möbel Messe Köln” startet 1949 und war zunächst ein zweimal jährlich stattfindendes Event. Dieses Konzept gefällt uns nicht nur wirklich gut, sondern erinnert uns auch an die guten alten Zeiten, als Möbelhersteller nicht alle paar Minuten ein neues Produkt auf den Markt warfen.
In diesem Sinne hat die Industriezeitung “Möbel Kultur” in ihrer Vorschau auf die Kölner Messe von 1962 auch von einer “…schöpferischen Pause…” seit 1960 gesprochen.1 Und das bedeutet eine ganz und gar positive “Möglichkeit die Produkte zu reflektieren und verbessern”.

Ist das nicht genau das, was Nils Holger Moormann meinte, als er sagte “Möbel brauchen Zeit. Sie müssen präszisiert und perfektioniert werden.“?

Ausgehend von der Ausstellerliste wurde die Möbelindustrie 1962 noch von Holzprodukten aus Schreinereien kleinerer und mittlerer Größe dominiert. Doch die Lage begann sich langsam zu verändern. So gab es damals zum Beispiel eine kontroverse Debatte über die Verwendung neuartiger Kunststoffe für Oberflächen, wie den von Küchen.

In den Jahren unmittelbar nach dem Krieg bestanden die grundlegenden Anforderungen in Europa an Möbel in erster Linie darin einfach und billig zu sein, sodass zumindest eine Grundausstattung aller Wohnungen gewährleistet war.

Zur Situation der Möbelindustrie dieser Zeit gibt es mehr in unserem Post “Design for Use, USA“.

In den Besprechungen zur Kölner Möbelmesse bis 1962 behauptete die Möbel Kultur noch, dass die Deutschen – besonders jene, die aus Preußen geflohen waren – trotz der vorwärtsgewandten Bestrebungen der Veranstalter nach massiven, altmodischen Möbeln suchten, die sie an das Leben vor dem Krieg erinnerten.2 Und so kam es, dass sich der sogenannte “Gelsenkirchener Barock” mit seinen opulenten, schweren Möbeln aus Tropenholz im Deutschland der 1950er größter Beliebtheit erfreute.

Aber nachdem diese Generation älter wurde und nicht länger eine so wichtige Käufergruppe war, verschwand auch ihr Einfluss auf das Angebot am Möbelmarkt. Köln 62 zeigt, dass dieser Generationswechsel bereits voll im Gange gewesen ist; die Berichterstattungen verweisen regelmäßig auf die moderne “gute Form”, bei der wir heute wahrscheinlich von Designermöbeln sprechen würden.

Gleichzeitig gibt es aber auch Anzeichen, dass die Möbelindustrie und die Kölner Messe auf dem besten Weg waren dieses Schiff in die Zukunft segeln zu lassen, ohne selbst an Bord zu gehen.

Karlheinz Krug unterteilt in einem Artikel in der “Form” die Möbelhersteller von Köln 62 in drei Gruppen: Da gibt es jene, die mit kompetenten Designern arbeiten, um individuelle und innovative Produkte zu schaffen, dann gibt es jene, die Grundlagen von Designermöbeln kopieren und daraus billige Möbel produzieren und jene, die Altbekanntes neu auflegen.

Daneben moniert Herr Krug die Abwesenheit einiger wichtiger Hersteller. Insbesondere die, welche durch ihren designorientierten Ansatz zu den schimmernden Sternen der modernen Möbelindustrie zu zählen waren, fehlen ihm. Er nennt Knoll International und Wilkhahn, die fünfzig Jahre später noch immer nicht auf der Ausstellerliste stehen – genau wie die großen Hersteller Moormann, Magis, Freedom of Creation und Vitra.
Letzter präsentierte sich 1962 ironischerweise als kleines Unternehmen, das seine ersten, zögernden Schritte auf dem globalen Geschäftsparkett unternimmt. Heute ist die Marke Vitra so etabliert, dass sie sicher auf keine Messe, wie die IMM, mehr angewiesen ist.

Das führt uns zu einem großen Problem der IMM: Der Fokus bei den Ausstellern liegt zu sehr auf Karlheinz Krugs Gruppe 2 und nicht auf denen der Gruppe 1.

Schließlich wurden hauptsächlich Möbel für Kunden angeboten, die bei ihrer Wohnzimmereinrichtung die Vertrautheit des Gelsenkirchener Barocks suchten. Kunden also, die durchaus bereit sind viel zu viel für etwas zu zahlen, das sie mit einem bestimmten Status assoziieren, weil es einem bestimmten Stil-, Trend- oder Luxus-Gedanken nahekommt… viel mehr bereit als vom Markt wirkliche Qualität zu einem angemessenen Preis zu fordern. Und das obwohl Herr Ordnung4 1962 bereits postulierte, der Gelsenkirchener Barock liege in seinen letzten Atemzügen.

Wir werden nicht müde zu versuchen die Organisatoren zu überzeugen, ihr Format zu ändern und mehr innovative high-end Designs aufzunehmen. Aber wir müssen auch akzeptieren, dass die IMM eine kommerzielle Messe ist und in erster Linie nach ökonomischen Gesichtspunkten beurteilt werden muss.

Die Kölner Möbelmesse zählte 1962 ungefähr 65.400 Besucher – fast 90% davon aus Deutschland; Produkte von 868 Herstellern wurden ausgestellt, die zu zwei Dritteln deutscher und einem Drittel internationaler Herkunft waren.5 Diese Zahlen zeigen nicht nur, dass es sich dabei um ein gelungenes Event handelte, sondern dass sich die IMM erfolgreich von einer einfachen regionalen Sache in eine wichtige überregionale Messe verwandelt hat.

Solche Statistiken sagen selbstverständlich nichts über die Qualität der Waren aus, die damals oder heute angeboten wurden oder werden. Damit wollen wir also auch gar nicht anfangen. Das ist ein Thema für einen anderen Post…

Man könnte aber mal – wenn wir schon bei den Zahlen sind -  die Zahlen von Mailand ansehen: 12.000 Besucher und 328 Hersteller bei der ersten Messe 1961; 320.000 Besucher und 1283 Hersteller bei der Messe 2011.7 Doch auch das ist ein Thema für einen anderen Post…

Geht man die Berichte und Besprechungen der IMM 1962 durch – und das können wir durchaus empfehlen – fällt eine bestimmte Kontinuität der Begrifflichkeiten, Themen und Meinungen auf.  Wir haben viele Besucher von damals gefunden, die Dinge kritisieren oder bejubeln, die unsere Erfahrungen und Meinungen von heute spiegeln. Da sieht man, dass bei so einer Messe nicht nur die Möbel in regelmäßigen Intervallen wiederkehren.
In dieser Hinsicht gab es eine Sache, die uns besonders ins Auge stach: der deutliche Trend von 1962 zu hellen, natürlichen Holzfarben…

1. “Was bringt Köln 1962?” Möbel Kultur, Februar 1962

2. “1949-1962. Die Möbelformen seit der ersten Kölner Messe” Möbel Kultur, Februar 1962

3. Krug, Karlheinz “International Möbelmesse Köln 1962″, Form, 17, 1962

4. Herr Alfred Ordnung, Vorsitzender des Möbelfachverbandes in der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels

5. “Die Möbelmesse statistisch gesehen” Möbel Kultur, Januar 1962

6. “Facts and Figures” IMM Website http://www.imm-cologne.com/en/imm/diemesse/daten_fakten/index.php. Accessed 09.01.2012

7. “Facts and Figures” Salone Internazionale del Mobile http://cosmit.it/tool/download.php?id=82945&idst=12535 Accessed 09.01.2012



(smow)Designtour 2012: Es ist Zeit, die Reisesocken hervorzuholen…

Thursday, January 5th, 2012

Der schottische Liedermacher Malcom Middleton nahm mit seinem Album “Waxing Gibbous” von 2009 den Song “Red Travellin’ Socks” auf. Das ist eine muntere, für uns jedoch etwas zu plakative, Hass-Liebe-getränkte Ode an seine roten Reisesocken.

Diese Hass-Liebe sieht folgendermaßen aus: Wenn Middleton seine Socken trägt, fühlt er sich an die Freiheit der Straße erinnert, die ihn seine urinstinktiven Bedürfnisse erfüllen lässt – bis zu dem Zeitpunkt, wo der romantische Mythos des endlosen Highways auf dem heißen Asphalt zerrinnt und er sich wieder nach Hause sehnt. Die roten Socken symbolisieren seinen Frust und seine Hoffnungslosigkeit, die aus diesem Kreislauf zwischen Fern- und Heimweh resultieren.

“Bringt mich nach Hause, rote Wandersocken”, fordert er zuletzt, “Ich habe kein Geld mehr und diese Lieder satt….”.

Und dann, nach einer Weile, kommt es unweigerlich dazu, dass ihn seine roten Reisesocken, wie sie so vorwurfsvoll im gepflegten Kleiderschrankambiente liegen, daran erinnern, was er vermisst…

Malcolms rote Reisesocken entsprechen unserer Vitra Panton Chair Miniatur.

Aus keinem wirklich ersichtlichen Grund begleitet uns der kleine Kunststoff-Freischwinger seit ein paar Jahr auf unserem Weg durch das designaffine Europa. Natürlich fehlte er auch auf unserer umstrittenen  Tour zum Thema Verner Pantons Kopenhagen nicht. Und selbstverständlich wird er auch Teil unseres bevorstehenden Arne Jacobsen Porträts sein.

Aber warum ist die Panton Chair Miniatur nun so etwas wie unsere roten Socken?

So sehr wir das Fotografieren auch genießen, irgendwann kommt einfach ein Punkt auf unseren Reisen, wo der kleine Panton Chair wie eine bleierne Metapher in unserem Rucksack liegt und uns unseren routinierten Alltag vermissen lässt. Und ehe wir uns versehen, steht er schon wieder im Regal…

Unser treuer Reisegefährte vor Arne Jacobsens ehemaligem Haus in Kopenhagen

Während wir auf dem Rückweg von Neue Räume Zürich 2011 zugegebenermaßen noch überlegt haben, unseren kleinen Panton Chair aus dem Zug zu werfen, unterziehen wir ihn nun doch wieder voller Vorfreude auf den Designfrühling 2012 einer Hochglanzpolitur.

Denn es wird einiges zu sehen geben:

Am 13. Januar werden wir in Köln bei der Ausstellungseröffnung von “From Aalto to Zumthor – Architect Furniture” im MAKK sein. Dabei schauen wir uns natürlich gleich die IMM Cologne 2012 inklusive Rahmenprogramm an.
Zu den potentiellen Highlights der Messe gehören die neue Outdoor-Kollektion von Richard Lampert, die Ausstellung “Made in Sishane” und wie sich die Universitäten auf den Satellitenveranstaltungen in der Stadt machen.

Anfang Februar sind wir dann bei der Eröffnung der neuen Ronan und Erwan Bouroullec Ausstellung “Album” im Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Das haben wir in Bordeaux verpasst und freuen uns sehr darauf das endlich nachzuholen; … und natürlich darauf herauszufinden, wie ihre Yacht ankommt!

Ab 6. Februar sind wir in Stockholm beim alljährlichen Design Festival und der Möbelmesse dabei. Was auch ohne das Nennen von Details ganz klar schon als Highlight durchgeht.

Angesichts der Tatsache, dass unser (smow)Boss wohl auch erwarten wird, dass am Ende unserer Reisen so etwas wie “Arbeit” steht, werden wir uns die Ausstellung “The Evolution of Object” von Katrin Greiling ansehen, werden die “New tile designs” von Claesson Koivisto Rune für Marrakech Design verfolgen und generell die aktuelle Lage der Designermöbelindustrie in Skandinavien begutachten.

Berichte, Fotos und Rückblicke werden wie gewohnt hier und auf unserer Facebook-Seite veröffentlicht.

stockholm february 2011

Stockholm. Februar, 2011

 



Mailand 2011: Stand-Aufbau mit Nils Holger Moormann

Monday, August 29th, 2011

Einmal im Monat fahren wir auf eine Messe. Wir wollen nicht immer – müssen aber. Wir schauen uns Möbel an, denken uns ein paar billige Witze aus, schießen ein paar seltsame Fotos und fahren wieder nach Hause.

Aber was heißt es eigentlich, einen Messestand zu organisieren? Wie wichtig ist die Messepräsenz? Sind unser schlechter Humor und die armseligen Fotos respektlos? Diese und andere Fragen wollten wir beantworten und Moormann beim Aufbau ihres diesjährigen Standes auf der Möbelmesse Mailand helfen. Wobei “helfen” vielleicht zu viel gesagt ist.

The secret plan....

Der geheime Plan...

Die Moormänner hatten vier Tage für den Aufbau geplant. Wir stießen an Tag drei hinzu. Das Außengerüst war, wie man es von Moormann erwartet, eine unkomplizierte Holzkonstruktion, die Wände aus schwarzem Vorhangsstoff und alles war zum Glück bereits an seinem Platz als wir am Sonntag morgen ankamen. Unser Beitrag bestand darin, beim Aufbau des 3,5 x 5 Meter FNP-Regals, das die Rückwand des Standes bildete, zu assistieren.

Das größte Problem für Moormann war aber sowieso nicht der Aufbau des Standes sondern die späte Bestätigung aus Mailand, wie groß der Messestand tatsächlich sein würde. “Wie jedes Jahr waren wir uns im Vorfeld absolut sicher, dass wir einen größeren Stand bekommen würden”, erklärt Nils Holger Moormann. “Und dann kam die Information, dass es doch wieder nur der kleine Stand ist. Das war schon ein Schock.” Zuvor hatte Moormann bereits drei Monate Planung in das Standdesign investiert. Die Bestätigung der Standgröße kam erst zehn Tage vor Veranstaltungsbeginn.

Also zimmerte Nils Holger Moormann höchstpersönlich schnell ein neues Konzept zusammen. “Ich war inspiriert davon, dass alle nur noch Neuigkeiten zeigen. Das ist zwar spannend, aber auch idiotisch, denn Möbel brauchen Zeit. Sie müssen ausdefiniert werden und man muss ganz viel darüber nachdenken. Dieses schnell schnell neu neu machen birgt die Gefahr so zu enden wie die Modebranche mit zwei oder drei oder vier Kollektionen pro Jahr. Das kann es doch nicht sein.”

Typisch Moormann sah die Antwort in Mailand so aus: Auf dem Stand wurden zwölf neue Produkte präsentiert, von denen die meisten allerdings verhüllt waren und erst 2028 fertiggestellt werden. Angeblich. “Ich schaffe unheimlich gern einen Ort mit Humor, an dem man staunen kann und überlegt ‘Meint der das Ernst?’… Das finde ich fast genauso wichtig wie gute Produkte.”

Konrad Lohöfener und Christian Neumeier, die zwei Moormänner, die Nils Holgers Konzept umsetzen durften, arbeiten im wahren Leben als Designer in der Produktentwicklung bei Moormann. Sie beschäftigen sich sozusagen damit, gute Designs in “massenproduzierbare” Möbel umzuwandeln – ein unsichtbarer und wenig glamouröser (aber kritischer) Aspekt der Designmöbelbranche.

In Mailand kreisten Konrads and Christians Gedanken weniger um die nächste Generation von Moormann-Produkten als darum, Moormanns Verkaufsschlager FNP gerade ins rechte Licht zu rücken. An ihrem Blick für Details konnte man sehr schön sehen, was den Homo sapiens ssp. Designer vom Rest der Tierwelt unterscheidet. Ein paar Mal hätten wir gesagt, ok passt. Hat es aber nicht. Und Konrad und Christian haben weiter ausgeglichen bis es wirklich gepasst hat.

Als die Hitze in Messehalle 20 immer unerträglicher wurde – wir dürfen nicht vergessen, dass die Außentemperatur an diesem Tag Anfang April 31 Grad betrug – bestanden die letzten Aufgaben des Tages darin, die Rosie Lamps am FNP zu befestigen und das Firmenlogo an der Vorderseite des Standes anzubringen… Keine leichte Aufgabe in fünf Metern Höhe und nachdem wir bereits viele Stunden Leitern hoch und runter gestiegen waren, Gerüste verschoben und ein 17 m² großes Regal zusammengebaut hatten.

FNP by Axel Kufus from Nils Holger Moormann

Ist es den Aufwand wert?

Nils Holger Moormanns Antwort ist ein lautes Ja. “Für uns ist Mailand wichtig, weil wir hier den Export haben und die Kunden, die wir sonst wahrscheinlich das ganze Jahr über nicht sehen würden, hier treffen.”

Hat Moormann nie in Betracht gezogen, den begrenzten Raum und die Unflexibilität der Messe zurück zu lassen für einen eigenen Platz in der Stadt, bei dem sie mehr Planungssicherheit haben?

Das Nein ist genauso laut. “Jedes Detail des Standkonzeptes ist genau überlegt – auch wenn es sehr einfach aussieht. Alles muss bei uns stimmen. Von daher wäre es tragisch, wenn zu wenig Besucher kommen würden. Hier auf der Messe hat man die Garantie dass viele Besucher und vor allem auch die internationale Presse kommen.”

Nachdem wir nun unseren eigenen Schweiß in das Projekt investiert haben, können wir dem nur zustimmen: Wir wären auch ziemlich enttäuscht wenn der Stand nicht von so vielen Menschen wie möglich gesehen und bewundert werden würde. Und das obwohl wir in keinerlei Hinsicht finanziell am (Miss-)Erfolg des Standes beteiligt sind.

So haben wir uns nach achteinhalb Stunden getaner Arbeit als ehrenamtliche Moormänner vom Stand verabschiedet und auf den Weg in die Stadt gemacht. Ein kaltes Bier hatten wir uns verdient. Oder vier. Im Zug haben wir den Tag noch einmal Revue passieren lassen. Obwohl wir nicht garantieren können, dass unsere Fotos in Zukunft besser oder unsere Witze lustig werden, versprechen wir, dem Aufwand und der Zeit, die in einem solchen Stand stecken, in Zukunft mehr Respekt zu zollen.



IMM Cologne 2011: Fazit

Thursday, February 24th, 2011

Am meisten geschockt haben uns auf der diesjährigen IMM Cologne die vielen sinnlosen Sofakombinationen und die wirklich abgrundtief hässlichen Esszimmerstühle in Leder-Freischwinger-Optik.

(Und das obwohl wir es nicht anders erwartet hatten.)

Natürlich war nicht alles nur billiger Schrott. Es gab einige tolle junge Designer zu sehen und auch ein paar mutige Hersteller konnten mit wirklich interessanten, innovativen und ästhetisch stimmigen Kollektionen punkten.

Leider waren letztere in der Minderheit. Und wir befürchten dass sie in den nächsten Jahren noch weniger werden und die IMM immer mehr wie ein billiger Möbeldiscounter auf der grünen Wiese aussehen wird.

IMM Cologne 2011 _ Pile 'm high and sell 'm cheap

IMM Cologne 2011: Hoch stapeln und billig verkaufen....

IMM hat zwei Probleme: Mailand und Maison et Objet in Paris.

Paris ist sexy, aufregend, gefährlich, leidenschaftlich…..

- Köln -

Auch noch so viele Viva Colonia werden nicht ausreichen, junge dynamische Produzenten und Designer an den Rhein zu locken, wenn sie ein paar Tage später an der Seine sein können.

Sie bräuchten einen guten Grund, warum sie in Köln ausstellen sollten – sei es auf der IMM, Designers Fair oder unabhängig in der Stadt.

Den gibt es im Moment nicht.

Egal, wie groß, teuer und absolut irrelevant Mailand wird, die Möbelindustrie wird auch weiterhin an ihrem geliebten Milano festhalten wie eine Gin-umnebelte alte Dame die die dumpfe Realität ihrer Existenz im nüchternen Zustand nicht ertragen kann. Soll heißen, die IMM braucht ein Konzept, das den Ausstellern Alternativen eröffnet, die sie in Mailand nicht haben.

Das war schon immer so, aber die Veränderungen in der Möbelbranche weltweit machen die Notwendigkeit jetzt dringender als in den 70ern oder 80ern.

Kartell brought Milan with then to IMM 2011. We can only guess why.....

Kartell hat Mailand mit zur IMM nach Köln gebracht. Wie können nur vermuten, warum.....

Am Ende des Tages wissen alle, dass es keinen Sinn ergibt in Mailand neue Produkte zu launchen. Die Messe ist zu groß und die internationale Presse interessiert sich nur für diejenigen mit denen persönliche Beziehungen bestehen oder die die größten PR Budgets haben.

Es ergibt durchaus Sinn, Produkte in Köln auf den Markt zu bringen – allerdings nur wenn die IMM die passende Umgebung dafür bietet.

Aber der Presseraum auf der IMM war voll von Handelsvertretern und PR Agenturen auf der Suche nach neuen Kunden.

Wir haben nicht behauptet, dass es in Mailand anders ist. Wir sagen lediglich, dass es anders sein sollte als in Mailand.

Haben Sie viele gute Interviews von der IMM gelesen?

Man redet heute noch über Verner Pantons Visiona 2 Ausstellung 1970. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie 2011 noch Beachtung finden würde.

Die IMM muss sich entscheiden ob sie sich als Messe für die unteren Stufen der Qualitäts- und Geschmacksleiter positioniert oder ob sie Möbel für den Großteil der Käufer anbietet, und Möbel die ökologisch und ethisch vertretbar sind.

The Boulevard of inovation at IMM Cologne - a couple of hundred feet quality before the cheap leather sofas ruin your days

Der Boulevard of Innovations auf der IMM Cologne - ein paar hundert Meter Qualität bevor die billigen Ledersofas einem den Tag ruinieren.

Und wenn es nur um die billigen Ledersofas geht, tut uns bitte den Gefallen und lasst die innovativen Hersteller und jungen Designer außen vor.

Es wäre eine Schande. Aber es wäre auch ehrlich.

Mit d3 Design Talents hat die IMM ein schönes Konzept, das funktioniert und das wichtig für die Messe ist. Aber es muss besser von der Messe unterstützt werden und nicht behandelt werden wie ein Markt-relevantes Add-on das hübsch aussieht in den Verkaufsprospekten.

d3 Professionals hat gezeigt welche Vielfalt an Designtalenten in Deutschland und den Nachbarländern schlummert. Junge Designer, die bereit sind, Zeit und Geld zu investieren um sich und ihre Ideen im globalen Wettbewerb zu etablieren.

Viele der Teilnehmer der d3 Professionals haben früher schon in Köln im Rahmen von Hochschulpräsentationen ausgestellt. Wenn der IMM also der Erfolg der d3 Professionals am Herzen liegt, sollte sie den jetzigen Studenten etwas mehr Respekt entgegen bringen.

Die Location der diesjährigen d3 Schools Show war eine Schande. Wenn wir dort hätten ausstellen müssen, hätten wir unsere Sachen gepackt und wären gegangen – und nicht wiedergekommen.

Die Stockholm Design Week findet vier Wochen später statt – günstiger und persönlicher… und von Köln genauso schnell erreichbar wie Berlin, Wien oder London.

Wir wissen, wo wir lieber ausstellen würden.

Die IMM Cologne wird es natürlich weiterhin geben. Es wäre nur schön, wenn sie außerdem relevant und innovativ bleiben würde… und eine Veranstaltung auf deren Besuch man sich freut…

… und nicht fürchtet.