Archive for the ‘Cassina’ Category

L’Italia di Le Corbusier im MAXXI Rome

Monday, November 5th, 2012

Wie treue Leser wissen, machen wir fast nichts lieber als Italiens Ruf als angebliche Wiege des zeitgenössisches Designs und moderner Architektur in Europa zu untergraben. Unser Schlachtruf: Das ist alles nur Show und gezielte Täuschung!

Demzufolge ist die Ausstellung L’Italia di Le Corbusier, die zurzeit im MAXXI Rom läuft, keine, die wir wirklich befürworten können. Denn sie impliziert zum einen, dass Italien eine signifikante Rolle in der Entwicklung des Architekturverständnisses vom jungen Le Corbusier gespielt habe und zum anderen dass Italien ein fortwährender Referenzpunkt für seine Karriere gewesen sei – was natürlich für unsere Argumentation nicht förderlich ist.

Le Corbusier FIAT Lingotto

Le Corbusier auf dem Dach des FIAT Komplexes in Lingotto, 22. April 1934 (Foto Courtesy Fondation Le Corbusier, Parigi)

Obwohl viele die einzige bedeutende Verbindung zwischen Le Corbusier und Italien in den bei Cassina liegenden Lizenzen für seine Möbeldesigns sehen, beginnt die Beziehung zwischen Charles-Edouard Jeanneret und Italien bereits 1907, als er 20 Jahre alt war und zum ersten Mal über die schweizerisch-italienische Grenze reist. Bis zu seinem Tode im Jahr 1965 sollte seine enge Bindung zu Italien bestehen bleiben.

L’Italia di Le Corbusier bietet einen Einblick in das Verhältnis zwischen Le Corbusier und Italien und erkundet dabei, wie das Land Le Corbusier und seine Arbeit beeinflusst hat. Wenigstens lautet so das erklärte Ziel der Ausstellung. Wir haben sie nicht gesehen, können das also weder bestätigen noch widerlegen. Aber es klingt so, als könnte es gelingen.

Mit ungefähr 320 Dokumenten und 300 Fotografien deckt L’Italia di Le Corbusier nicht nur Le Corbusiers Werk als Architekt ab, sondern widmet sich auch seinen Fotografien, Malereien, Skulpturen… und verspricht damit sowohl einen Blick auf Le Corbusier wie ihn die wenigsten kennen als auch einen Überblick über sein gesamtes Oeuvre.

In vier chronologische und thematische Abschnitte unterteilt, beginnt L’Italia di Le Corbusier mit seinen frühen Studienreisen nach Italien, wo Fotografien und Architekturzeichnungen von Pisa und Aquarelle von Venedig und Pisa entstanden sind. Der nächste Abschnitt  widmet sich seinen künstlerischen Bestrebungen in den frühen 1920er Jahren – einschließlich der Etablierung des Magazins L’Esprit Nouveau, in dessen erster Ausgabe Charles-Edouard Jeanneret zu Le Corbusier wurde – sowie seinem Kontakt mit den italienischen Rationalisten während der 1930er Jahre. Ein besonderes Highlight ist für uns hierbei die Dokumentation von Le Corbusiers wohlwollender Annäherung an Mussolini, um den Auftrag für die Neustadt von Pontinia zu erhalten.

L’Italia di Le Corbusier endet mit einem Blick auf Le Corbusiers Arbeiten im Nachkriegsitalien – seinen zwei letzten italienischen Projekten, von denen zwar keines realisiert wurde, die aber beide exemplarisch für den “späten Le Corbusier” stehen – das Olivetti Electronic Calculation Centre in Rho und ein Krankenhaus in Venedig.

 

Le Corbusier Pisa

"Studio della facciata del duomo di Pisa con dettagli di archetti e colonnine, 1907" von Le Corbusier (Courtesy Fondation Le Corbusier)

Wir haben die Ausstellung wie gesagt noch nicht gesehen und trotz unserer Befürchtungen die Ausstellung könnte zu dem ein oder anderen Problem bei unserem Feldzug gegen Italien führen, scheint die Ausstellung doch ganz gut zu sein.

Was uns dabei besonders anspricht ist der Landesfokus. Irgendetwas fasziniert uns daran, in die Beziehung zwischen einem Mann wie Le Corbusier und einem Land einzutauchen…

Die Geschichte von Architektur und Design ist durchtränkt mit engen Verbindungen zwischen einzelnen Personen und Ländern, in denen sie nicht geboren wurden. Allerdings ist der Einfluss solcher Beziehungen nur zu oft auf Fußnoten oder allgemein anerkannte Fakten in den posthumen Biographien beschränkt.

L’Italia di Le Corbusier bietet die seltene Gelegenheit eine solche Beziehung im Detail zu erkunden. Und die Gelegenheit für einige Tage aus dem nordeuropäischen Winter in die römische Sonne zu fliehen.

L’Italia di Le Corbusier kann bis zum 17. Februar 2013 im MAXXI Rom gesehen werden. Weitere Informationen findet man unter www.fondazionemaxxi.it

Le Corbusier Self portrait

Le Corbusier - Selbstportrait, 1917 (Courtesy Fondation Le Corbusier)

Le Corbusier Venice

Zeichnung von Venedig aus dem Jahre 1964 von Le Corbusier (Courtesy Fondation Le Corbusier, Parigi)



Happy Birthday, Charles Rennie Mackintosh!

Thursday, June 7th, 2012
cassina Charles Rennie Mackintosh Hill House Chair

Hill House Chair von Charles Rennie Mackintosh über Cassina

144. Geburtstage gehören zwar nicht gerade zu den Gelegenheiten, die man zelebriert, aber Charles Rennie Mackintosh lässt sich so schön mit vielen Themen verknüpfen, die wir in den letzten Wochen beleuchtet haben, dass wir den Anlass einfach nicht übergehen können.

Am 7. Juni 1868 in Glasgow geboren, lernte Charles Rennie Mackintosh zunächst beim Architekten John Hutchinson, bevor er 1889 zum größeren Unternehmen Honeyman & Keppie wechselte.

1890 wurde er mit seinem ersten Soloprojekt beauftragt: Er sollte eine Erweiterung für die Rückseite des Bürogebäudes des Glasgow Heralds in der Buchanan Street entwerfen. Diesem Projekt folgten bald Beiträge für die Martyrs’ Public School und das Queen Margaret Medical College.

1896 erhielten Honeyman & Keppie den Auftrag für den Bau der neuen Glasgow School of Art – mit einem Design, das größtenteils von Mackintosh entworfen wurde. Der Bau begann 1898 und bereits ein Jahr später öffneten sich die Türen eines Gebäudes, das auch heute noch zu den interessantesten Häusern in Glasgow zählt. Die Kunsthochschule mit dem hohen Wiedererkennungswert ist ein Paradebeispiel für Mackintoshs architektonisches Werk.

1898 war für Charles Rennie Mackintosh auch deshalb ein besonderes Jahr, weil er seinen ersten Auftrag für die bald legendäre Miss Cranston ausführte. Zu jener Zeit handelte es sich lediglich um eine Reihe Wandschablonen, doch im Laufe des nächsten Jahrzehnts entwarf Mackintosh die Innenräume für alle vier Teezimmer von Miss Cranston. Dank dieses Auftrags wurde er nicht nur zu einem der ersten richtigen Innenarchitekten, sondern er entwarf auch eine Reihe von Möbeln, deren Form und Ästhetik auch heute noch begeistert. Der Willow Chair und der Argyle Chair sind wahrscheinlich zwei der bekanntesten Beispiele. Der Willow Tea Room ist inzwischen eine Touristenattraktion, die amerikanischen Besuchern Schutz vor dem allgegenwärtigen Glasgower Regen bietet bevor sie wieder in den Zug nach Edinburgh steigen.

Neben Teezimmern und Kunstschulen war Charles Rennie Mackintosh noch verantworlich für verschiedene Privathäuser. Das berühmteste unter ihnen ist das Hill House in Helensburgh, wo er nicht nur das festungsartige Gebäude entwarf, sondern auch für das Inventar, die Einrichtung und die Dekoration zuständig war. Der Hill House Chair zählt auch heute noch zu den Ikonen des Möbeldesigns, und Projekte wie das Hill House verhalfen Mackintosh noch einmal zu einem Höhenflug im Zuge des kurzen historischen Revivals britischen Designs in den 1950er Jahren.

cassina Charles Rennie Mackintosh Argyle Chair

Argyle Chair von Charles Rennie Mackintosh über Cassina

Über sein Talent für Architektur und Design hinaus, war Charles Rennie Mackintosh auch ein produktiver und überaus geschickter Maler. So waren vor allem seine späteren Jahre von künstlerischen Bestrebungen geprägt.

Charles Rennie Mackintosh starb 1928 in London.

Mackintosh war nicht nur in Großbritannien hochangesehen und respektiert. Als eine der führenden Persönlichkeiten des Arts-and-Crafts-Movements reichte sein Einfluss noch weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus. So veröffentlichte Herman Muthesius, seiner Zeit Kulturattaché der Deutschen Botschaft in London, verschiedene Artikel in führenden deutschsprachigen Zeitungen jener Zeit, in denen er Mackintosh und die Schönheit seiner Arbeit, insbesondere seiner Teezimmer, anpries. Dieses Lob blieb von der aufkeimenden Jugendstilbewegung natürlich nicht unbemerkt…

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1904 stand Hermann Muthesius auch weiterhin in engem Kontakt mit Mackintosh. Als Mitbegründer und späterer Vorstand des Deutschen Werkbunds hatte er genügend Gelegenheiten Mackintoshs Ideen auf dem Kontinent weiter zu verbreiten.

Eine kleine Randbemerkung: Die ständigen Streitereien zwischen Hermann Muthesius und Henry van de Velde und Walter Gropius forcierten mehr oder weniger den Bruch des Werkbunds, der zur Gründung des Bauhauses führte. “Kein Mackintosh, kein Bauhaus” ist historisch gesehen zwar falsch, aber nichtsdestotrotz ein sehr interessanter Gedanke…

Auch die Niederländer sahen, was zur Jahrhundertwende auf der anderen Seite der Nordsee passierte. Deshalb findet man auch viele Elemente aus Mackintoshs Arbeit in Objekten der De-Stijl-Bewegung wieder. Einige Vorläufer des Rot-Blauen Stuhls von Gerrit Rietveld ähneln in ihrer Formensprache und dem technischen Aufbau tatsächlich sehr den Stühlen, auf denen Miss Cranstons Gäste ihren Tee und ihr Gebäck genossen.

Mies van der Rohe bezeichnete Charles Rennie Mackintosh angeblich mal als “Bereiniger der Architektur”. Das kann durchaus sein. Auf jeden Fall hat er durch seinen Ansatz, Objekte auf ein Minimum zu reduzieren ohne dabei dekorative Elemente zu vernachlässigen, dazu beigetragen, dass man sich schneller vom Historizismus entfernt hat. Mackintosh schuf sozusagen eine Umgebung, die für den Modernismus empfänglich war – und unserer bescheidenen Meinung nach leistete er damit einen wichtigen Beitrag zur zeitgenössischen Architektur und zum zeitgenössischen Design.

Happy Birthday, Charles Rennie Mackintosh!

cassina Charles Rennie Mackintosh willow chair

Willow Chair von Charles Rennie Mackintosh über Cassina



Vitra Design Museum: Gerrit Rietveld – Die Revolution des Raums

Thursday, May 24th, 2012

 

Für eine Ausstellung namens Die Revolution des Raums gibt es wahrscheinlich keinen passenderen Ort als das von Frank Gehry entworfenene “räumlich revolutionäre” Vitra Design Museum in Weil am Rhein – außer vielleicht, wenn die Ausstellung Gerrit Rietveld gewidmet ist, also einem Mann, dessen Werk vor allem von klaren, linearen und gleichmäßigen Formen bestimmt wird. Das Vitra Design Museum hat diesen Kontrast dennoch gewagt und damit eine Ausstellung geschaffen, die nicht nur einen Überblick über einen Künstler, sein Werk, seinen Einfluss und sein Erbe gibt, sondern seine Besucher auf gelungene Weise mit zahlreichen formalen Gegensätzen konfrontiert.

gerrit rietveld revolution of space vitra design museum

Vitra Design Museum: Gerrit Rietveld - Die Revolution des Raums. Sogar das Wetter passte sich der Monotonie Rietvelds an.

1888 in Utrecht geboren, verließ Gerrit Thomas Rietveld die Schule im Alter von 12 Jahren, um in der Tischlerwerkstatt seines Vaters zu arbeiten. Nach seiner Zeit als technischer Zeichner und Modellbauer für den Utrechter Goldschmied und Juwelier C. J. A. Berger eröffnete Rietveld 1917 seine eigene Tischlerei und entwarf bereits im folgenden Jahr die erste, noch farblose, Version seines Red and Blue Chairs. 1919 knüpfte Rietveld erste Kontakte mit leitenden Mitgliedern der niederländischen Künstlervereinigung de Stijl, einer Gruppe von Künstlern, Designern und Architekten, die eine abstrakte wie reduzierte Formensprache etablierten. In den darauffolgenden Jahren richtete Rietveld seine Aufmerksamkeit zunehmend auf Architekturprojekte und gehörte 1928 neben Berühmtheiten, wie Le Corbusier, Mart Stam oder Hannes Meyer, zu den Gründungsmitgliedern des Congrès internationaux d’Architecture Moderne.

Die Revolution des Raums basiert weitgehend auf der 2010 in Utrecht gezeigten Ausstellung Rietvelds Universum. Im neuen Titel deuten sich allerdings bereits Änderungen an, die das Vitra Design Museum in Bezug auf den Kontext und den Stil der Ausstellung vorgenommen hat. Neben neuen Objekten, die Rietvelds Arbeit in den Kontext seiner Zeit setzen, geht die aktuelle Ausstellung im Gegensatz zur eher thematischen Herangehensweise in Utrecht im Wesentlichen einen chronologischen Weg.

Und so beginnt Die Revolution des Raums mit den Klassikern Rietvelds. Wie bei Metallicas Black-Album-Tour, als sie “Enter Sandman” als ersten Song gespielt haben, werden so direkt alle Erwartungen erfüllt und der Geist ist offen für neue, oder lang vergessene, Erfahrungen.

Ausgehend von den Klassikern versteht man nicht nur, auf wie vielen verschiedenen Gebieten Rietveld aktiv war, sondern auch, in wie vielen Bereichen des Möbeldesigns und der Architektur er seiner Zeit voraus war. Und wie viel von dem, was er versucht, aber nicht in die Tat umgesetzt hat, in den Arbeiten von Designern späterer Zeiten wiedergefunden werden kann. Wenn euch zum Beispiel ein Stuhl, der aus einem einzigen Stück gebogenem Metall besteht, bekannt vorkommt, dann habt ihr wahrscheinlich unser Interview mit Harry Thaler gelesen. Die Formensprache und das Konzept sind völlig unterschiedlich, aber Rietveld hatte die Idee schon 1942 und tat das, was uns das Design-Symposium “Warum Gestalten?” der HFBK Hamburg als primäre Funktion des Designers schilderte: Experimentieren und Grenzen überschreiten.

Nicht nur Harry Thaler wurde zeitweise durch den emsigen Rietveld die Schau gestohlen. Die Revolution des Raums umfasst noch zahlreiche Beispiele dafür, wie Designer von Rietveld beeinflusst wurden oder wie Themen in den Arbeiten integriert sind, mit denen Rietveld schon vor ein oder zwei Generationen experimentiert hat.

Für uns sind aber die Parallelen zum Bauhaus am interessantesten und eine Frage drängt sich dem Ausstellungsbesucher förmlich auf: Wieso ging Gerrit Rietveld eigentlich nicht zum Bauhaus? Optisch liegen die Hauptarbeiten Rietvelds und die berühmten Bauhaus-Arbeiten unbestritten nah beieinander. Außerdem haben Rietveld und diverse Bauhäusler auf ähnliche Weise zu ähnlichen Zeiten an sehr ähnlchen Themen gearbeitet und sich fraglos gegenseitig beeinflusst. Im Interview erklärte uns die Leiterin des Bauhaus-Archivs Berlin Dr. Annemarie Jaeggi außerdem, dass es zur Bauhaus-Philosophie gehörte neue Materialien zu erforschen und zu testen, was mit ihnen alles möglich war. In jedem Raum des Vitra Design Museums findet man Beispiele dafür, wie Gerrit Rietveld genau das getan hat.

Wieso kamen Rietveld und das Bauhaus also nie zusammen? Die Kuratoren Ida van Zijil vom Centraal Muesum Utrecht und Amelie Znidaric vom Vitra Design Museum sind sich darüber einig, dass Rietvelds private Situation in Holland es ihm einfach nicht erlaubte, zum Bauhaus zu reisen. Es sei nicht mal Thema gewesen. Er war wahrscheinlich zufrieden mit den Projekten, die er hatte, und verspürte so kein wirkliches Verlangen nach Deutschland zu reisen bzw. betrachtete es nicht als Notwendigkeit. “Und das ist auch gut so”, um das beliebte, weil treffende Zitat des Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit heranzuziehen. Denn wäre Rietveld nach Weimar oder Dessau gereist, wäre er möglicherweise nur Teil eines weiteren, kleinen Kapitels in der Bauhaus-Geschichte geworden. Und das wäre natürlich mehr als schade…

Ob als Pionier des Open Designs, moderner Stadtplaner oder als einer der ersten Designer, die gebeten wurden, den Innenraum von Flugzeugen zu designen, Gerrit Rietveld ist ein Mann mit vielen, sehr vielen Talenten. Besonderes Interesse weckten bei uns die Modelle, Skizzen und Möbel, die Gerrit Rietveld zum sozialen Wohnungsbau sowie zur Vorfertigung und allgemein zur Verbesserung der häuslichen Situation der Arbeiter angefertigt hat.

Für uns sind in diesem Sinne die Parallelen zu Jean Prouvé mehr als deutlich, doch laut Ida van Zijil gibt es da einen großen Unterschied: “Für Prouvé war die industrielle Produktion sehr wichtig, für Rietveld war die Idee wichtiger. Es war weniger wichtig, wie es gemacht wurde, es war nur wichtig, dass es gemacht wurde”.

Darin liegt möglicherweise ein weiterer Grund dafür, wieso Gerrit Rietveld nie zum Bauhaus ging. Sein Herz schlug einfach einen Takt schneller fürs Handwerk als für die Industrie, was ihn stärker an die Tradition der Arts and Crafts Bewegung oder den Deutschen Werkbund band als an das industriefixierte Bauhaus.

gerrit rietveld revolution of space vitra design museum

Ein Modell für das Verriet Institut für behinderte Kinder, Curacao. Designt von Gerrit Rietveld und Henk Nolte 1949-52

Trotz aller Innovationen, Visionen und Experimente wird Gerrit Rietveld meist auf seine früheren Arbeiten reduziert; vor allem der Red and Blue Chair wurde zu solch einer Designikone, dass es für die meisten fast unmöglich sein wird, Rietveld von diesem einen Objekt zu trennen. Doch wieso ist das so? Sind seine früheren Arbeiten wirklich besser als das, was später kam? Warum hörte Gerrit Rietvelds Berühmtheit just zu der Zeit auf als seine Karriere wirklich begann? Für Ida van Zijl liegt ein Teil des Problems ironischerweise darin, dass die de Stijl-Bewegung Rietveld erst einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat: “De Stijl ist sehr bedeutend für die Geschichte des 20. Jahrhunderts, deshalb sind auch die Arbeiten, die im Zuge von de Stijl entstanden, unvermeidlich die bekanntesten und die mit dem größten Wiedererkennungswert.”

Im Fall Rietvelds hat die Popularität, die er mit seinen De Stijl-Arbeiten erfuhr, zu einer Vernachlässigung seines übrigen Oeuvres geführt. Insebsondere seine späten Arbeiten waren davon betroffen. Hätte das Centraal Museum Utrecht 1958 keine Rietveld-Retrospektive gezeigt, wären viele dieser Arbeiten wahrscheinlich kaum an die Öffentlichkeit gedrungen.

Nichtsdestotrotz steht Rietvelds vollständige Rehabilitation noch aus. Nach wie vor ist er ein Mann, den man viel zu schnell auf drei oder vier Projekte reduziert. Die Revolution des Raums macht nun auf wunderbare Weise deutlich, dass es bei Gerrit Rietveld weitaus mehr zu mögen, zu entdecken und zu lernen gibt.

Und die Location? Würde Gerrit T. Rietveld ein Gebäude wie das Vitra Design Museum für seine Ausstellung gutheißen? Würde er sich darüber freuen, dass sein Werk in einem Frank O. Gehry Temple des Dekadenten, Formlosen, Organischen gezeigt wird?

Wir fragen Ida van Zijl und sie lacht herzhaft: “Natürlich! Er war ja kein Prinzipienreiter und verfolgte nicht etwa die Mission, andere zu seinem Glauben zu bekehren. Es gab da beispielsweise einen niederländischen Architekten namens Ravesteyn, der eine fast barocke Form des Funktionalismus entwickelte. Alle führenden niederländischen Architekten der damaligen Zeit kritisierten ihn dafür und behaupteten, das was er tue, sei falsch. Und es war Rietveld, der sagte: ‘Nein! Jeder kann den Modernismus auf seine Weise interpretieren.’ Von daher glaube ich, dass Rietveld durchaus an der Architektur des Vitra Design Museum interessiert wäre, und sich freuen würde, dass sein Werk genau darin gezeigt wird.”

Gerrit T. Rietveld Die Revolution des Raums kann noch bis zum 16. September 2012 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein besucht werden.

 



(smow)intern: Designmöbelkatalog 2011

Wednesday, July 6th, 2011

Technikverweigerer! Das wird (smow) ja normalerweise nicht nachgesagt. Soweit uns bekannt ist, hat noch kein (smow)Mitarbeiter einen iPad zertrümmert oder einen W-LAN Zugang gekappt um gegen die schleichende und zwanghafte Ausbreitung von Technologien in alle Lebensbereiche zu protestieren. Aber: In den ersten Wochen des Sommers waren alle im (smow)Hauptquartier mit der Vorbereitung und Herstellung des allerersten (smow)Katalogs beschäftigt. Ein realer gedruckter Katalog! Auf Papier! Mit Tinte!

Technikverweigerer? Au contraire, nos amis! Die Herstellung eines solchen analogen Katalogs ist technisch eine größere Herausforderung als dieses idiotensichere HTML zu programmieren. Und trotzdem ist es uns am Ende gelungen ein tolles Heft fertigzustellen. Gut gemacht, Katalogteam!

Neben einer Auswahl von (smow)Produkten enthält der Designmöbelkatalog 2011 auch biografische Informationen zu wichtigen Designern und natürlich wunderbare extra für den Katalog in Auftrag gegebene Fotos von Produkten von USM Haller, Vitra, Moormann, Richard Lampert et al.

So ein gedruckter Katalog ist im Prinzip nichts anderes als damals die Mechanisierung in den Textilfabriken, die den unterdrückten Massen erstmals den goldenen Geschmack von Freizeit kosten ließ. Mit dem Katalog bekommen wir ein Stück Technikfreiheit zurück. Computer ausschalten, Katalog in Ruhe durchblättern, Computer wieder anmachen, bestellen.

Ein Exemplar des Kataloges kann man über das Kontaktformular auf smow.de oder unter service@smow.de anfordern.

Auf facebook.com/smowcom haben wir außerdem die Fotogalerie zum Katlaogentstehungsprozess veröffentlicht.

smow Designer Furniture Catalogue 2011

(smow) Designmöbelkatalog 2011



(smow)offline: “gute aussichten – junge deutsche fotografie” Georg Brückmann

Monday, August 2nd, 2010
Eames Lounge Chair by George Bruckmann. A delightful combination of paiting, photography and mind games.

Eames Lounge Chair von Georg Brückmann. Eine wunderbare Kombination aus Malerei, Fotografie und Gedankenspielchen.

Illegale Kopien von Designklassikern sind ein Thema, das uns nicht nur hier im (smow)Blog sondern generell im globalen (smow)Netzwerk immer wieder beschäftigt.

Oder besser gesagt, wann ist ein Designklassiker ein Designklassiker?

Beim HGB Rundgang in Leipzig im Februar wurden wir mit einer unerwarteteten und ungewöhnlichen Interpretation dieser Frage in Form des “Eames Lounge Chair” von Georg Brückmann konfrontiert.

Wir waren begeistert.

Und nicht nur wir waren beeindruckt von Brückmanns Arbeit. Im Oktober 2009 wurde seine Serie “in situ” für eine der wichtigsten und angesehensten deutschen Fotografie-Ausstellungen: “gute aussichten – junge deutsche fotografie” 2009/2010 ausgewählt.

Nach 10 Monaten und 6 Stationen in 3 Ländern, öffnet die letzte “gute aussichten” Ausstellung der 2009/2010 Tour am Donnerstag, dem 29. Juli im Art Foyer DZ Bank in Frankfurt am Main.

Bis zum 11. September können Besucher die Arbeiten von Georg Brückmann und den sieben anderen Künstlern, die aus 91 Bewerbungen von 33 deutschen Hochschulen ausgewählt wurden, anschauen.

Im Vorfeld der Ausstellungseröffnung haben wir Georg Brückmann in seinem Atelier in Leipzig-Lindenau getroffen. Und sind auch gleich zu Beginn in einen dicken Fettnapf getreten.

Wie alle Formen von “Design” bauen auch die bildenden Künste auf Innovation und neuen Ideen wenn sie überleben wollen.

Wir dachten, Brückmann malt auf Fotos.

Tut er nicht.

Still life with beer by George Brückmann. The objects are real, have been painted and then photographed

Stillleben mit Bier von Georg Brückmann. Die Objekte sind real, wurden angemalt und dann fotografiert.

Ursprünglich bemalte er die Objekte, überzog sie mit der gleichen Farbe und fotografierte sie anschließend. So hat er wunderbare, undurchsichtige, voluminöse Szenen irgendwo zwischen Realität, Malerei und Fotografie geschaffen.

Dann ging er dazu über, Objekte anzumalen, die im Bewusstsein des Betrachters dann in andere Objekte weitergesponnen werden, bevor er sich mit dem Thema Designklassiker bzw. der Beziehung zwischen Designklassikern und Nicht-Designklassikern auseinandersetzte.

Wir wollen den Reiz der Arbeiten nicht zerstören, indem wir den Entstehungsprozess verraten. Aber Georg Brückmann malt Designmöbelklassiker so, dass durch die Komposition des endgültigen Fotos “normale” Objekte in Kultmöbel verwandelt erscheinen.

Die Bilder der Stühle an sich sind nicht sonderlich akkurat, die Proportionen und Formen weichen oft von den Originalen ab. Aber das spielt keine Rolle. Man erkennt sie dennoch, findet sie attraktiv, gibt ihnen einen Wert – einen Wert, der auch die rauen und rudimentären Kulissen scheinbar veredelt.

Brückmanns Arbeit befasst sich mit der “imaginären Erweiterung” von einem Objekt in ein anderes. Das erreichen die Werke durch das Zusammenspiel von Perspektive, Kontext, Kunst und der Wahrnehmung des Betrachters. Sei es ein Pappkarton der zu einem Liegestuhl wird oder eine schlichte Gartenliege die Le Corbusiers LC 4 Chaiselongue wird.

Charles und Ray Eames’ Lounge Chair, der F 51 von Walter Gropius und Mies van der Rohes Barcelona Chair sind nur drei der Designklassiker, die Brückmann reinterpretiert hat… Oder besser gesagt, die er erweitert oder aufgewertet hat von weniger wertvollen Alltagsgegenständen zu Designklassikern die wir alle kennen.

In Brückmanns Worten: “Hier wird der Gegenstand zu dem, was er hätte werden können, was er sein könnte, sein wollte oder gar sollte.”

Unser Interview mit Georg Brückmann über seine Arbeit, gute ausichten und seine Zukunft gibt es auf den (smow)Kulturseiten.

Die Ausstellung “gute aussichten – junge deutsche fotografie 2009/2010” ist bis zum 11. September im Art Foyer DZ Bank in Frankfurt am Main zu sehen.

Le Corbusier LC 4 by George Brückmann

Le Corbusier LC 4 von Georg Brückmann



2010 Designermöbel Weltmeisterschaft: England-Schottland 4:1

Monday, July 12th, 2010

Für Charles Rennie Mackintosh war die (smow) Designermöbel-Weltmeisterschaft 2010 zwar schon vorbei, aber Spiele gegen England haben natürlich immer einen besonderen Reiz.

Tom Dixon kam als Ersatz für Jasper Morrison und erzielte mit der Bronze Copper Shade gleich zu Beginn den Führungstreffer für England. Ein sehr schön heraus gespielter Off Cut Stool folgte unmittelbar danach.

In der zweiten Halbzeit konnte Charles Rennie Mackintosh mit dem Hill House Chair auf 2:1 verkürzen, aber Tom Dixon konterte sofort mit einem schnell ausgeführten Wingback Chair und einer ausgeklügelten Spin Candelabra Kombination.

Am Ende ein verdienter 4:1 Sieg.

Hier geht es zur Tabelle und zu den Ergebnissen der Gruppe C



(smow)offline: Charlotte Perriand in der Schweiz

Thursday, July 1st, 2010
Charlotte Perriand with Le Corbusier und Pierre Jeanneret

Charlotte Perriand mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret

Wahrscheinlich ist die Pariser Architektin und Designerin am besten für ihre Kooperationen mit Le Corbusier bekannt, mit dem sie zusammen die moderne Bewegung in Europa voran getrieben hat. Nicht zuletzt ist Charlotte Perriand für die Umsetzung der modernen Möbelideen von Le Corbusier verantwortlich und hat somit die Tradition von minimalem gebogenem verchromten Stahl und Ledermöbeln mitbegründet.

Die bekanntesten Werke ihrer Zusammenarbeit sind die von Cassina produzierten LC4 Chaiselongue, LC2 Sessel und der LC7 Drehstuhl welche Le Corbusier, Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand ehemals für ihr “Maison la Roche” in Paris kreiert haben.

Die Kollaboration zwischen Charlotte Perriand und Le Corbusier war jedoch nur eine Station im Leben und der Karriere. Es folgten Zusammenarbeiten mit Fernand Leger und Jean Prouvé sowie Stationen in Moskau, Japan, Vietnam und Brasilien.

LC4 by Charlotte Perriand Le Corbusier and Pierre Jeanneret through Cassina

LC4 von Charlotte Perriand, Le Corbusier und Pierre Jeanneret hergestellt von Cassina

Ihre Zeit in Brasilien wird in einer Ausstellung im Gewerbemuseum in Winterthur zum Thema gemacht. Eröffnung ist am 4. Juli.

“Charlotte Perriand und ihre Spuren in Brasilien” wurde einer Wohnung gewidmet, welche Sie Anfang der 60er Jahre in Rio de Janeiro designt und gebaut hat. Die Kuratoren der Ausstellung haben die Wohnung im Maßstab 1:2 nachgebaut um so Charlotte Perriands Herangehensweise an Arbeit und Design zu ergründen.

Am 16. Juli eröffnet das Museum für Gestaltung, Zürich die Ausstellung “Charlotte Perriand: Designer, Photographer, Activist”. Die Ausstellung fokussiert sich mehr auf das Möbeldesign, die Fotografie und das soziale Engagement von Charlotte Perriand.

Zusammen bieten die Ausstellungen eine seltene Chance mehr über die wenigen Frauen zu erfahren, die sich in dieser hierarchischen Männerdomäne etabliert haben. Das Frauenwahlrecht wurde erst 1944 in Frankreich eingeführt – zu dieser Zeit hatte Charlotte Perriand, sowie die Pariserin Eileen Gray sich bereits einen Namen gemacht und einen entscheidenden Teil zur Moderne beigetragen.

“Charlotte Perriand und ihre Spuren in Brasilien” ist im Gewerbemuseum Winterthur vom 4. Juli bis zum 22. August zu sehen.

Charlotte Perriand Designer, Photographer, Activist ist im Museum für Gestaltung in Zürich vom 16. Juli bis zum 24. Oktober zu besichtigen.

Und die beiden Museen sind nur 25 KM von einander entfernt – also ein schöner Tagesausflug an einem Feiertag.



2010 Designermöbel Weltmeisterschaft: Schottland-Israel 1:1

Monday, June 21st, 2010

Obwohl Ron Arad und Charles Rennie Mackintosh stilistisch meilenweit voneinander entfernt sind, eint sie doch ihre individuelle und kompromisslose Herangehensweise an Design.

Wie erwartet startete Charles Rennie Mackintosh stärker in das Spiel. Sein mutiger Bruch mit Konventionen und herkömmlichen Designvorstellungen gipfelte im Argyle Chair und brachte ihn verdient mit 1:0 in Führung. Ron Arad versuchte zwar gegen die Dominanz Mackintoshs anzukämpfen, aber seine Aktionen ließen die nötige Präzision vermissen und landeten weit abseits des Ziels.

Gegen Ende der zweiten Halbzeit gelang Ron Arad jedoch der Ausgleich mit seinem genialen und bahnbrechenden Bookworm Bücherregal für Kartell.

Ein faszinierendes und gerechtes 1:1.

Hier geht es zur Tabelle und zu den Ergebnissen der Gruppe C



2010 Designermöbel Weltmeisterschaft:Holland-Spanien 1:0

Wednesday, June 16th, 2010

Tag zwei der (smow) Designermöbel-Weltmeisterschaft 2010 brachte die erste Begegnung der Frauen: Patricia Urquiola gegen Hella Jongerius.

Wie erwartet begann Patricia Urquiola in ihrer typisch robusten und voluminösen Art – wie man sie durch ihre Arbeiten für B&B Italia, Cassina oder Molteni & C kennt. Gegen die schlaue und formal abenteuerlustigere Jongerius kam Urquiola mit ihrer klassischen “Lounge”-Taktik aber nur schwer voran.

Sie schwenkte um auf den etwas synthetischeren “Kartell-Stil” und konnte so einige Chancen herausarbeiten. Jongerius konterte aber mit dem völlig unerwarteten Polder Sofa für Vitra und entschied das Spiel 1:0 für Holland.

Hella Jongerius Fans

Hella Jongerius Fans



Mehr als ein Möbelhersteller – Cassina

Wednesday, October 14th, 2009

Wenn man sich die Produkte von Cassina bei (smow) anschaut, könnte man direkt neidisch werden. Die angebotenen Sitzmöbel wie der LC4 Chaiselongue sehen im Vergleich zu unseren Bürostühlen sehr verführerisch aus. Wie auch immer.

LC4 Chaiselounge von Le Corbusier für Cassina

Cassina ist nicht einfach nur ein italienischer Möbelhersteller. Cassina ist mutiger Entwickler und Forscher.

Bereits 1927 in Mailand gegründet, wurden unter dem Namen Cassina anfänglich ausschließlich kleine Holzmöbel hergestellt. Doch bald schon weitete sich die Produktion auf Polstermöbel aus.
Auch in Krisenzeiten schaffte es das Unternehmen durch Produktionsausdehnung weiter zu wachsen. Bald wurden Cassina Möbel wegen der hervorragenden Qualität bekannt. Die Produkte umfassten nun schon fast alle Möbeltypen: Stühle, Sessel, Tische, Armlehnenstühle, Sofas und Betten.

Seit jeher setzt Cassina dabei auf hohe Qualität bei Materialien und Verarbeitung. Doch Cassina agiert nicht nur als gewöhnlicher Möbelhersteller.  Mit Erforschung neuer Herstellungstechnologien und Materialien wie kalt geschäumtem Polyurethan oder glasfaserverstärktem Polyester eröffnete das Unternehmen auch für die Gestaltung neue Wege, und die Design-Avantgarde Italiens lieferte die Entwürfe. Die Freude am gestalterischen Wagnis setzt sich über die Postmoderne bis zur Gegenwart fort.

Ein Ein Klassiker von Rietveld. Mit dem Zig-Zag kam ein neuer Typ Stuhl - der "Stuhl aus einem Stück" - ins Gespräch.

Ein Ein Klassiker von Rietveld: Zig-Zag.

Unter dem Markenzeichen Cassina tummeln sich die visionäre Präzision von Le Corbusier, die japanische Formensprache von Charles Rennie Mackintosh, die strenge Geometrie von Rietveld und die individuellen Designs von von Frank Lloyd Wright.

Produkte von Cassina bei (smow) finden Sie hier.