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Mailand 2012: kidsroomZOOM! We Never Give Up!

Thursday, May 3rd, 2012

Eines unserer Highlights auf der Vienna Design Week im Oktober 2011 war die Ausstellung kidsroomZOOM!. Im Wesentlichen wurde dabei ein Apartment in der Wiener Innenstadt komplett mit Kindermöbeln eingerichtet. Wir waren allerdings nicht nur von den gezeigten Objekten beeindruckt, sondern vor allem vom Konzept. “Vergesst die Erwachsenen! Wir tun das nur für die Kids!” war die Message, die uns erreichte und der wir voll und ganz zustimmen können.

KidsroomZOOM! hat seinen Ursprung in Mailand, sodass wir bei der diesjährigen Messe nicht nur die Gelegenheit hatten, die aktuelle Ausstellung 2012 zu sehen, sondern auch mit Kuratorin Paola Noè zu sprechen und so etwas mehr über das Konzept herauszufinden.

(smow)blog: Wieso haben Sie sich für eine Designermöbelausstellung entschieden, die speziell für Kinder gemacht ist – und das in diesem Kontext?

Paola Noè: Meinen Lebensunterhalt verdiene ich als Kuratorin für Unduestrestell, einem zeitgenössischen Kunstprojekt für Kinder, hier in Mailand. Vor zwei Jahren traf ich Thomas Maitz von Perludi und wir entwarfen eine kleine kidsroomZOOM-Ausstellung, davon ausgehend ist das Projekt weiter gewachsen. Für uns ist es besonders wichtig, Möbel und Kunst für Kinder in einer möglichst realistischen, heimischen Umgebung zu präsentieren. Und so habe ich für die erste Mailand-Ausstellung im letzten Jahr Arbeiten von interessanten Herstellern und jungen Designern ausgewählt, um damit ein vollständiges Haus nur für Kinder einzurichten.

(smow)blog: Haben Sie mit der Auswahl der Räume begonnen und sich gedacht, ok, dies und jenes Produkt funktioniert darin gut und wird in die Ausstellung aufgenommen, oder haben Sie zuerst die Designer mit ihren Produkten ausgewählt und dann in den vorhandenen Räumen untergebracht?

Paola Noè: Ein bisschen von beidem… Im Laufe des Jahres habe ich Arbeiten gesammelt, von denen ich dachte, dass es interessant wäre, sie auszustellen. Wenn wir dann die Möglichkeit haben, eine Ausstellung zu veranstalten, muss ich aber abwägen, welche Objekte in den Räumen präsentiert werden können. Man kann ja leider nicht alles ausstellen, was man will; man kann es aber versuchen…

(smow)blog: Glauben Sie, dass die großen Möbelhersteller Kinder als Zielgruppe ernst nehmen oder ist die Ausstellung als Aufruf zu betrachten, dass sie damit beginnen sollten?

Paola Noè: Ich denke, es gibt viele Hersteller und Designer, die Kinder durchaus ernst nehmen. Aber hier in Italien beispielsweise ist das nicht zwangsläufig der Fall. Das ist merkwürdig, denn in den 1970ern hatten wir hier in Mailand Enzo Mari, Bruno Munar usw. Man kann also schon fast sagen, dass Design für Kinder in Italien entstanden ist, aber heute ist es leichter wirklich interessante Hersteller in anderen Ländern, wie zum Beispiel Schweden, Amerika, Österreich oder Frankreich, zu finden.

(smow)blog: Sie stellen ja aktuell in Mailand und Wien aus. Möchten Sie auch gerne noch in andere Städte oder ist dieser Halbjahresrhythmus gut so wie er ist?

Paola Noè: Ich suche immer nach neuen Gelegenheiten und Möglichkeiten, kidsroomZOOM weltweit zu präsentieren; zurzeit erkundige ich mich zum Beispiel nach Möglichkeiten in Südamerika. Es wäre aber auch schön, neue Locations in Europa zu finden, doch zurzeit ist das größte Problem die wirtschaftliche Situation, die die Organisation und Finanzierung einer solchen Ausstellung natürlich erschwert. Das ist zurzeit auf jeden Fall die größte Herausforderung.

(smow)blog: Dient der Name der Show We Never Give Up! in diesem Zusammenhang als Motivation für die Organisatoren?

Paola Noè: Die Organisation der zweiten Ausstellung war um einiges schwieriger als die erste, denn aufgrund der Krise war es für uns besonders schwer, Sponsoren und Partner zu finden. Doch wir dachten vor allem an die Kinder und ihre Zukunft – man kann nicht immer nur an die Wirtschaftskrise denken. Man muss etwas anderes zeigen. Deshalb haben wir beschlossen, nicht aufzugeben und dafür zu sorgen, dass die zweite Ausstellung realisiert werden konnte.



Gareth Williams: 21 Designers for twenty-first century Britain

Monday, April 30th, 2012

Gareth Williams 21 Designers for twenty-first century BritainDie Ausstellung des V&A Museum London British Design 1948-2012 tut so ziemlich genau das, was der Titel verspricht: Sie beleuchtet das britische Design von 1948 bis 2012. Und fragt dabei: Wie sieht die Zukunft aus? Wo will britisches Design hin? Welche Themen sind besonders wichtig? Wie sehen heranwachsende Generationen von Designern ihre Zukunft? Antworten auf diese und andere Fragen liefert das frisch veröffentlichte Buch 21 Designers for twenty-first century Britain von Gareth Williams.

Das Buch portraitiert Designer und Designstudios wie Raw Edges, Doshi Levien, Peter Marigold oder Martino Gamper und stellt nicht nur eine Momentaufnahme der aktuellen britischen Produkt- und Möbeldesignszene dar, sondern erforscht auch die Beweggründe und Ambitionen der Protagonisten im Kontext der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Rolle von Design im Großbritannien des 21. Jahrhunderts – also etwas, für das Gareth Williams ganz besonders gut qualifiziert ist.

Neben seiner Tätigkeit als Senior-Tutor für das Design Products Programme am Royal College of Art London – einer Institution, zu der die meisten bekannten Designer irgendeine Verbindung haben – war Gareth Williams nämlich 18 Jahre lang Kurator der Möbelabteilung am V&A Museum. Dort organisierte er zahlreiche Ausstellungen, darunter auch 2000 Ron Arad, Before and After Now, die erste große Ron Arad gewidmete Ausstellung in Großbritannien, und 2009 Telling Tales: Fantasy and Fear in Contemporary Design, bei der Unikate und Autorendesign in limitierten Editionen ausgestellt wurden. Er gehörte außerdem zum Auswahlkomitee für 100% Design London und SaloneSatellite Mailand.

Wir haben uns mit Gareth Williams getroffen, um über sein Buch zu sprechen und stiegen mit der Frage nach der Entstehung des Buches ein…

Gareth Williams: Das V&A kam auf mich zu, weil sie ihren Publikationsbereich um die British Design-Ausstellung erweitern wollten. Insbesondere wollten sie etwas über Designer des 21. Jahrhunderts haben…

(smow)blog: …”Designer des 21. Jahrhunderts” ist ja ein ziemlich weites Feld. Wie hast du das denn eingegrenzt?

Gareth Williams: Mein Fachgebiet ist Produkt- und Möbeldesign, also habe ich mich dafür entschieden, mich auf Designer zu konzentrieren, die auch in diesen Bereichen tätig sind. Außerdem habe ich mich auf die Designer beschränkt, die bereits eine gewisse Popularität erreicht haben und seit der Jahrtausendwende in Großbritannien den Diskurs anführen.

(smow)blog: Welches Ziel hast du damit verfolgt?

Gareth Williams: Ich interessiere mich sehr dafür, wie Design in Großbritannien angewandt und dargestellt wird, insbesondere Design als Kulturdiplomatie. Seit Mitte der 90er Jahre oder so wurden zeitgenössisches Design und Designer von Politikern dazu genutzt, ein neues, kreatives, offenes, liberales Großbritannien zu repräsentieren. In den 80ern waren es dagegen eher das Haus Windsor, der National Trust und das “Heritage Britain”. Ingendwann Mitte der 90er kam dann “Cool Britannia” auf und Design wurde als politisches Werkzeug eingesetzt. Zu dieser Zeit begann auch der British Council und andere britische Institutionen damit, Großbritannien in anderen Ländern mithilfe von Design zu promoten. Jetzt haben wir die Olympischen Spiele, bei denen auch jede Menge Designer und zeitgenössisches Design involviert sein werden, um das Bild eines total modernen und kreativen Großbritannien zu kreieren. Das ist der größere Kontext, den ich mit meinem Buch erforschen möchte.

(smow)blog: Wir vermuten mal, das heißt, dass du zuversichtlich bist, dass britisches Design und britische Designer ernst genommen werden und ihnen damit eine faire Chance gegeben wird und sie nicht nur vom System ausgebeutet werden?

Gareth Williams: Einige von ihnen werden sogar sehr ernst genommen und es gibt auch ein paar Designer, die von solchen institutionellen Projekten stark profitiert haben. Einige Designer sehen das was sie tun als Werbung, das stimmt schon, ja. Aber ich denke, dass die Designer, über die ich in dem Buch schreibe, keine strikten Industriedesigner der alten Schule sind, die Hersteller suchen, die ihre Leuchten, Möbel, Radios oder was auch immer fertigen, sondern die eher die autonome Rolle von Designern als Produzenten kultureller Arbeiten darstellen wollen. Das macht sie in diesem Sinne eher zu Künstlern.

(smow)blog: Ungefähr 80% der Designer, die im Buch erwähnt werden, kommen ursprünglich nicht aus Großbritannien, leben aber dort. Auch die V&A Ausstellung umfasst viele Arbeiten von Designern und Architekten, die nicht aus Großbritannien stammen. Kann man da noch vom “British Design” sprechen?

Gareth Williams: Ich glaube, das kann man schon. Denn ich denke, man kann vom Geist des britischen Designs sprechen, der etwas mit Ikonoklasmus und Nonkonformität zu tun hat: Wenn man also Respekt vor Geschichte und Tradition hat, aber trotzdem den Wunsch hegt, sie zu untergraben – und zwar mit einem starken individualistischen Anstrich. Das ist im Produktdesign vielleicht nicht ganz so offensichtlich…, aber Vivienne Westwood ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie jemand die britische Tradition untergräbt, es dann aber so dreht, dass die Tradition modern und individuell wirkt. Und ich glaube, dass dieses freie Denken – und Großbritannien sieht sich selbst sehr gerne als eine faire, freidenkende, liberale Demokratie – der Faden ist, der das britische Design verknüpft.

(smow)blog: …gilt das auch für die Designstudios, die im Buch erwähnt werden?

Gareth Williams: Ja, das glaube ich schon. Ich denke, das sind alles Leute, die sehr ehrgeizig und motiviert sind und die alle eine sehr deutliche Stimme haben. Und deshalb sage ich, ja, diese freidenkende Art ist definitiv auch da präsent.

(smow)blog: Kurz zum Schluss… Du hast vorher ein Buch geschrieben, das Furniture since 1990 heißt, jetzt bist zu bei Designern des 21. Jahrhunderts. Deshalb müssen wir einfach fragen: Was charakterisiert Möbel im 21. Jahrhundert? Wo geht Möbeldesign hin?

Gareth Williams: Ich glaube, da werden verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Als erstes müssen wir uns der Wirtschafts- bzw. Umweltkrise stellen, der wir aktuell gegenüberstehen. Nachhaltigkeit in all ihren Erscheinungsformen wird vieles, was so passiert, abrupt stoppen. Die größte Herausforderung für Designer dabei ist, sich all dem zu stellen und trotzdem Designer zu bleiben. Eine mögliche Antwort wäre natürlich, mit dem Designen aufzuhören. Aber das kann einfach nicht die Lösung sein, da dann die Wirtschaft einbrechen würde. Es gibt also mehrere mögliche Antworten; eine davon ist Technologie und die Suche nach länger haltbaren, nachhaltigen Materialien. Meiner Meinung nach spielen Designer da eine sehr wichtige Rolle: Sie können Materialien zwar nicht erfinden, aber kreative Verwendungsformen suchen. Einige Designer im Buch, die einen etwas künstlerischen Hintergrund haben, umgehen solche Themen auch, indem sie einfach nur in kleinen Serien produzieren.
Dann gibt es auch ein großes Interesse für neue Wirtschaftszweige und neue soziale Systeme. Zwar keine radikale Mehrheit – immerhin haben wir nicht mehr 1968 -, aber viele Designer sind sich des sozialen und kulturellen Kontextes ihrer Taten durchaus bewusst. Und ich glaube, dass Designer eine wichtige Rolle dabei spielen werden, wie wir im 21. Jahrhundert leben.

21 Designers for twenty-first century Britain von Gareth Williams wurde von V&A Publishing publiziert und ist bei allen gut sortierten Buchhändlern erhältlich.

Paul Cocksedge Styrene Light V and A Museum London British Design

Styrene Light von Paul Cocksedge. Die Leuchte kann bei "British Design 1948-2012" im V&A Museum London gesehen werden. Paul Cocksedge gehört zu den Designern, die in "21 Designers for twenty-first century Britain" eine Rolle spielen.

 



Mailand 2012: Dutch Invertuals – Untouchables Retouched

Wednesday, April 18th, 2012

Bei unserer ersten Begegnung mit Dutch Invertuals 2009 haben wir uns leider nicht die Zeit genommen, die die Ausstellung verdient hätte. Seitdem sind wir aber viel reifer geworden und die Show ist zu einem regelmäßigen Bestandteil unserer Ausflüge nach Eindhoven und Mailand geworden. Man findet bei einer Ausstellung von Dutch Invertuals einfach immer etwas Faszinierendes, Aufregendes und Schönes – und zwangsläufig auch immer etwas, das man einfach nicht versteht, ganz egal wie oft es einem erklärt wird… Das allein ist für uns schon Grund genug, da hin zu gehen.

2012 sind Dutch Interventuals mit Untouchables Retouched in Mailand vertreten. Im Prinzip handelt es sich dabei um eine Weiterentwicklung der Show Untouchables von der Dutch Design Week 2011.

Während die Ausstellung in Eindhoven normalerweise Prototypen und erste Entwürfe zeigt, werden in Mailand rundere, weiter entwickelte Versionen der Stücke vorgestellt. Hinzu kommen noch Arbeiten von neuen Designern, die das Angebot ergänzen.

Ehrlich gesagt haben wir in diesem Jahr noch nicht die ganze Ausstellung in Mailand gesehen, weil der Stand bei unserem Besuch noch aufgebaut wurde. Aber wenn man von dem ausgeht, was wir bis jetzt gesehen haben, und welche Designer dort vertreten sind, sind wir uns ziemlich sicher, nicht enttäuscht zu werden.

Vor der Eröffnung haben wir uns jedenfalls mit Wendy Plomp, der Gründerin und Kuratorin von Dutch Invertuals, getroffen und über die Ursprünge der Ausstellungen und die aktuelle Show gesprochen… und darüber, ob Eindhoven wirklich die langweiligste Stadt Hollands ist. Sorry, aber ihr kennt uns ja!

(smow)blog: Wir beginnen mal ganz am Anfang: Was ist der Background von Dutch Invertuals?

Wendy Plomp: 2009 wurde ich von Verger dazu eingeladen, in Mailand auszustellen. Statt nur meine Arbeit auszustellen, habe ich andere Designer gebeten, ihre Version der Geschichte zu erzählen, um so die kollektive Stärke dazu zu nutzen, eine bessere Ausstellung zu schaffen – nicht nur in Hinblick auf die Arbeiten, sondern auf die gesamte Ausstellungsatmosphäre.

(smow)blog: Wie haben Sie die Gruppe für diese erste Ausstellung denn ausgewählt?

Wendy Plomp: Ich habe zunächst überlegt, was ich über Design denke und wie ich eine Geschichte erzählen will. Das führte dann dazu, dass ich Designer ausgewählt habe, die Objekte kreieren, die nicht nur Produkte, sondern eher Konzepte und Forschung sind.

(smow)blog: Wenn wir uns richtig erinnern gab es bei der ersten Show nur niederländische Designer, aber das scheint nicht mehr der Fall zu sein?

Wendy Plomp: Genau. Jetzt haben wir zum Beispiel Adrien Petrucci, der eigentlich aus Frankreich kommt, aber in Hamburg lebt, oder Mauizio Montalti aus Italien…

(smow)blog: Aber es gibt immer eine Verbindung zu den Niederlanden, oder?

Wendy Plomp: Ja, die gibt es eigentlich immer, nicht zuletzt deshalb, weil die meisten eine Verbindung zur Eindhoven Design Academy haben.

(smow)blog: Da Sie gerade Eindhoven erwähnen… Viele Absolventen der Design Academy, mit denen wir bisher gesprochen haben, sagen, dass der Grund dafür wieso die Eindhovener Designer so erfolgreich sind darin liegt, dass die Stadt Eindhoven so langweilig ist, dass sie keinerlei Ablenkung haben. Ist das unfair Eindhoven gegenüber?

Wendy Plomp: Nun, es stimmt schon, dass Eindhoven nicht gerade die aufregendste Stadt ist. Ich glaube aber, dass der Hauptgrund für den Erfolg der Design Academy in der Art des Unterrichtens zu finden ist, insbesondere im Einfluss von Lidewij Edelkoort. Ihre Art des Denkens und wie sie die Design Academy präsentiert, war überaus bemerkenswert und einzigartig – insbesondere ihre Sicht auf Konzepte, eine Vision zu haben und sie dem Rest der Welt zu zeigen.

(smow)blog: Geben Sie als Kuratorin den Designern eigentlich sehr strikte Anweisungen, was gefordert wird, oder können sie das selbst entscheiden?

Wendy Plomp: Das ist eher ein natürlicher Prozess ohne viele Anweisungen. Ich konzipiere die Geschichte und erkläre den Designern, was ich gerne erreichen würde, und dann bringen die Designer ihre eigenen Ideen ein. Dann treffen wir uns und diskutieren darüber, wie ihre Pläne in die Ausstellung passen und wie die Story erzählt wird; deshalb ist es eher als ein Prozess zu verstehen. Jedes Designstudio hat seinen ganz eigenen Charakter und ich möchte das auch nicht ändern. Deshalb setze ich ihnen auch keine Grenzen, zum Beispiel hinsichtlich des Materials – außer natürlich bei der Ausstellung Matter of Time, bei der 600 Jahre altes Holz zum Einsatz kam.

(smow)blog: Zum Abschluss noch eine Frage: Dieses Jahr zeigen Sie Untouchables Retouched. Was ist da der Hintergrund? Welche Geschichte soll dort erzählt werden?

Wendy Plomp: Es geht dabei um die Verletzlichkeit unserer modernen Welt. Ich war von der EHEC-Krise letztes Jahr sehr fasziniert, von den infizierten Gurken und dass man tatsächlich vor einer Gurke Angst bekommen kann, und all den Fragen, die dadurch entstehen. Alles gerät aus dem Gleichgewicht; man weiß einfach nicht mehr, was gut für einen ist und was nicht. Diesen verletzlichen Moment finde ich überaus interessant und ich wollte die Schönheit dieser Verletzlichkeit zeigen. Aber es geht auch um Verfall, um Verschwendung und um unsere digitale Welt.

Dutch Invertuals Untouchables Retouched umfasst Arbeiten von Daphna Laurens, Maurizio Montalti, Jeroen Wand, Kirstie Van Noor, Jetske Visser, Mieke Meijer, Susana Camara, Mike Thompson, EDHV, Adrien Petrucci, Paul Heijnen und Raw Colour und kann noch bis zum 22. April in der Via Pastrengo 12, 20159 Mailand  besucht werden.

Milan 2012 Dutch Invertuals Untouchables Retouched

Mailand 2012: Dutch Invertuals - Untouchables Retouched. Gruppenfoto von Bart Hess.

 

Milan 2012 Dutch Invertuals Untouchables Retouched Kirstie Van Noort

6:1 von Kirstie Van Noort. Objektserie: ein Gegenstand aus Keramik und sechs Stücke, die aus dem hergestellt sind, was normalerweise bei der Fertigung des einen Produktes als Abfall entsteht - hier Schüsseln und Becher.

 

Milan 2012 Dutch Invertuals Untouchables Retouched Dolomite Construction Table Paul Heijnen

Dolomite Construction Table von Paul Heijnen. Ein Tisch aus einem Stück Granit, das normalerweise als Abfall angesehen werden würde und zum Beispiel beim Straßenbau entsteht.

 

Milan 2012 Dutch Invertuals Untouchables Retouched Daphna Laurens Cover

Cover von Daphna Laurens. In Eindhoven wurden sie aus Holz und Keramik präsentiert, in Mailand sind sie aus Aluminium und Kork.



Mailand 2012: Harry Thaler. Pressed Chair, Moormann und ich.

Wednesday, April 18th, 2012

2011 präsentierte Moormann in Mailand den Prototypen des Pressed Chair von Harry Thaler. Und nun wurde auf der Messe der Vorhang für die marktreife Version des Stuhls gelüftet.

Letztes Jahr hat sich ja Nils Holger Moormann ausführlich zum Pressed Chair geäußert. Und um das Puzzle zu vervollständigen haben wir uns dieses Jahr vor der Messe mit Harry Thaler in seinem Londoner Atelier getroffen um mehr über ihn und den Pressed Chair zu erfahren.

harry thaler pressed chair moormann london

Harry Thaler, Pressed Chair, Moormann, London

(smow)blog: Fangen wir mit deinem Hintergrund an. Wenn wir richtig informiert sind, bist du gelernter Goldschmied?

Harry Thaler: Ja, ich komme aus dem Schmuckbereich, habe zehn Jahre als Goldschmied in meiner Heimatstadt Meran gearbeitet bevor ich nach Wien zog und schließlich an der Hochschule für Gestaltung Pforzheim einen Schmuckkurs belegt habe. Diese Zeit in Pforzheim hat mich dann bewegt Design zu studieren – also in größeren Dimensionen zu arbeiten.

(smow)blog: Und wie bist du zum Royal College of Art nach London gekommen?

Harry Thaler: Nach Pforzheim habe ich Design in Bozen studiert, aber dort gab es einen Kurs den ich in Englisch absolvieren musste. Nachdem ich 8 mal durch die Prüfung gefallen war, hab ich mir gedacht “Ok, du musst nach London gehen um Englisch zu lernen!”. Also hab ich mich am RCA beworben, wurde angenommen, habe zwei Jahre studiert und 2010 mein Studio hier in London aufgemacht.

(smow)blog: Vor dem Hintergrund, dass du Goldschmied bist: Arbeitest du als Designer mehr mit Modellen und handwerklichen Entwürfen oder entstehen die ersten Schritte am Computer?

Harry Thaler: Das hängt sehr vom Projekt ab. Ich arbeite gerade an einem Haus, da wird natürlich viel am Computer gemacht. Aber dann gibt es auch Projekte wie den Pressed Chair, der überhaupt nicht am Computer entstanden ist sondern reines Experimentieren war.

(smow)blog: Ein guter Übergang zu unserer nächsten Frage. Wenn wir uns deine früheren Arbeiten anschauen, sehen wir keinen offensichtlichen Weg hin zum Pressed Chair. War das ein komplett neues Projekt für dich oder gibt es eine Verbindung zu früheren Arbeiten?

Harry Thaler: Der Pressed Chair hat schon einen Bezug zu meiner Vergangenheit. Wenn ich nicht als Goldschmied gearbeitet hätte, wäre ich nie auf den Stuhl gekommen. Natürlich sind die Dimensionen ganz anders, aber das Formen der Metall- und Blechteile ist ein typischer Goldschmiedprozess.

(smow)blog: Erinnerst du dich an die ursprüngliche Idee? Gab es da eine bestimmte Eingebung?

Harry Thaler: Es gibt durchaus Projekte, wo man aufwacht und eine Idee hat. Aber der Pressed Chair war mehr ein Prozess. Es hat mit einer kleinen Gabel aus einem Stück Holz angefangen. Daraus wurde dann ein Tisch, Stuhl, Hocker aus einem Stück Holz. Die Holzplatte wurde in die Form eines Stuhls gebogen…

(smow)blog: Und dann dachtest du, ok, wenn es mit Holz funktioniert, kann ich es auch mit Metall probieren?

Harry Thaler: Nicht ganz. Der ursprüngliche Plan war etwas aus nur einem Stück Material zu machen, letzten Endes war das Metall. Nachdem wir die Grundform hatten, wollten wir das ausreifen um das Blatt so dünn wie möglich zu gestalten. Wenn wir einfach ein 1cm starkes Stück Metall genommen hätten, wäre es viel einfacher und man bräuchte die Rillen nicht. Aber die Rillen machen im Grunde auch den Stuhl aus.

(smow)blog: Wie war die erste Begegnung mit Nils Holger Moormann?

Harry Thaler: Das war im Januar 2011 in Köln. Ich hatte den Interior Innovation Award gewonnen und Nils kam auf der IMM auf mich zu.

(smow)blog: Kannte er deine Arbeit schon oder hat er das in Köln zum ersten Mal gesehen?

Harry Thaler: Er hat gesagt, dass er meine Arbeit schon eine Weile verfolgt hatte. Und ich werde nie vergessen, wie er in Köln ankam. Er ging direkt auf mich zu, schaute nicht nach rechts oder links, nur geradeaus, fokussiert, zu mir!

(smow)blog: Wie ist das für dich als Designer? Du entwicklest einen Stuhl, gewinnst Preise und dann kommt eine Firma wie Moormann und sagt “Super, wir möchten das produzieren, aber wir müssen Veränderungen vornehmen.” Macht dich das nervös? Hast du dabei ein ungutes Gefühl?

Harry Thaler: Überhaupt nicht. Die Zusammenarbeit mit Moormann war wunderbar. Sie haben mir Bilder geschickt und ich habe gesehen dass es im Grunde der selbe Stuhl ist. Es wurden zwar kleine Veränderungen vorgenommen aber im Prinzip war der Geist der gleiche. Und ich wurde die ganze Zeit auf dem Laufenden gehalten. Sie haben nicht einfach die Idee genommen und damit gemacht was sie wollen ohne mich zu fragen. Sie haben viel gemacht aber mich dabei immer informiert und konsultiert, sodass ich den Prozess begleiten konnte.

(smow)blog: Jetzt ist er nun auf dem Markt. Ist das Projekt damit für dich abgeschlossen und du wartest nur noch auf die Schecks? Oder denkst du noch darüber nach und verfolgst die Entwicklung?

Harry Thaler: Das schöne am Design ist, dass ich den Stuhl vielleicht in einem Café hier in London sehe oder bei jemandem zuhause, also irgendwo wo er ein eigenes Leben hat. Wenn sich die Leute am Stuhl erfreuen und ihn wirklich benutzen, dann macht mich das glücklich. Aber ich möchte das Konzept natürlich auch weiterentwickeln in andere Objekte wie einen Tisch oder einen Hocker.

Harry Thaler Pressed Chair Nils Holger Moormann

Pressed Chair von Harry Thaler für Nils Holger Moormann

Harry Thaler Pressed Chair Nils Holger Moormann

Der Moormannstand in Mailand ist ganz dem neuen Stern am Moormannhimmel gewidmet. Eine schöne Mischung aus biblischer Allegorie und Hollywood-Glanz (unserer Meinung nach).



Vitra Design Museum: Interview mit Marc Zehntner und Mateo Kries

Friday, April 13th, 2012

Das Vitra Design Museum, das ursprünglich nur die private Möbelsammlung von Vitra-Chef Rolf Fehlbaum archivieren und präsentieren sollte, hat sich mittlerweile zu einem der wichtigsten Designzentren Europas entwickelt. Design, Designgeschichte, aber vor allem auch der Zugang zu und die Erklärung von Design machen das Museum so einzigartig.

Ein Großteil des Erfolges des Museums geht auf den Gründungsdirektor Alexander von Vegesack zurück, der die Einrichtung seit der Eröffnung 1989 bis Ende 2010 leitete. Im Januar 2011 haben Marc Zehntner und Mateo Kries gemeinsam das Zepter übernommen, wobei Marc Zehntner für das Museumsmanagement verantwortlich zeichnet, Mateo Kries für das Programm.

Ein Jahr nach ihrer Übernahme haben wir Marc Zehntner und Mateo Kries getroffen um zu fragen, ob und wie die duale Leitung funktioniert. Aber zunächst wollten wir wissen, ob sich die Eröffnung des VitraHauses auf die Besucherzahlen des Design Museums ausgewirkt hat.

Vitra Design Museum Marc Zehntner

Marc Zehntner, Vitra Design Museum Direktor / Management

Marc Zehntner: Wir wussten vorher auch nicht genau, wie es sich entwickeln würde und haben verschiedene Szenarien ausgearbeitet: viel mehr Besucher, gleichbleibendes Niveau, viel weniger Besucher. Im Moment können wir sagen, dass die Entwicklung gleichbleibend bis positiv ist. Es kommt beim Museum nach wie vor stark auf die Inhalte an, also welche Ausstellungen gezeigt werden. Wir stellen fest, dass wir schon verschiedene Zielpublika haben: Es gibt Leute, die bewusst kommen um die Museumsaustellungen im Vitra Design Museum zu besuchen und vielleicht danach noch ins VitraHaus oder im Café einen Kaffee trinken gehen. Und dann gibt es natürlich die Besucher, die sich das VitraHaus anschauen wollen, von denen wir ein paar auch motivieren können die Museumsausstellungen zu besuchen. Aber es ist nicht so, dass alle VitraHaus-Besucher automatisch auch zu uns kommen und im Hinblick auf die Größe des Museums ist das auch gut so.

(smow)blog: War der Hintergedanke bei der “neuen” Vitra Design Museum Gallery eventuell auch, mehr VitraHaus-Besucher mit kleineren, experimentelleren Ausstellungen zu erreichen?

Marc Zehntner: Die Idee war einerseits, mehr Angebote zu haben und den Besuchern neben den großen Hauptausstellungen im Gehry-Bau auch kleinere, schneller wechselnde Ausstellungen zu zeigen. Wir haben ja auch die Umbauphasen zwischen den Ausstellungen, in denen das Hauptgebäude geschlossen ist. D.h. wir haben ab sofort immer eine Ausstellung – jeden Tag bis auf die drei Tage im Jahr, wenn wir geschlossen haben. Das war vorher nicht möglich und ist besonders schön für die internationalen Besucher.

Mateo Kries: Das Museum steht im Moment hervorragend da – auch in Bezug auf die Besucherzahlen. Die Frage war dann eher, wo und wie wir wachsen können. Und das hieß nicht nur mehr Ausstellungen im Gehry-Gebäude. Wir können auch wachsen, indem wir qualitativ mehr anbieten, indem die Führungen zunehmen. Wir wollen regelmäßiger und häufiger auch aktuelle Ausstellungen machen. Im Hauptprogramm im Museumsgebäude haben wir einen Vorlauf von zwei Jahren für die großen Ausstellungen, d.h. wir können dort nicht kurzfristig etwas ins Programm nehmen. In der Gallery haben wir diese Möglichkeit aber. Diese Projekte – wie jetzt Bouroullec oder davor Jerszy Seymour – haben wir Mitte letzten Jahres auf den Weg gebracht. Das geht also relativ schnell und wir können zeigen, dass es neue inhaltliche Perspektiven gibt.

(smow)blog: Wie lange brauchen Sie generell für eine Ausstellung? Wochen, Monate, Jahre?

Marc Zehntner: Eher Monate bis Jahre. Aber es ist natürlich auch abhängig von den Projekten. Wenn wir z.B. die Jerszy-Seymour-Aktion im Januar nehmen: Das ist etwas Neues, was es vorher nicht gab. Das ist etwas ganz anderes als eine Ausstellung mit Objekten primär aus unserer Sammlung, was wiederum anders ist als die Album-Geschichte mit den Bouroullecs, bei der eine bestehende Ausstellung adaptiert wurde und wir mit den Designern zusammengearbeitet haben.

Mateo Kries: Für die Bouroullecs hatten wir eine relativ kurze Vorlaufzeit. Auf der Art Basel werden wir sechs holländische Designer haben, was in Anbetracht der Größe der Galerie ein viel komplizierteres und intensiveres Projekt ist und etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt. Aber wir wollen die Vorbereitungszeit in der Gallery eher kurz halten, weil wir ja gerade erreichen wollen, dass wir schneller reagieren können.

(smow)blog: Neben den Ausstellungen hier haben Sie auch die Wanderausstellungen. Wie wichtig sind die Wanderausstellungen finanziell und unter Marketinggesichtspunkten bzw. als Werbung für das Vitra Design Museum?

Marc Zehntner: Ich denke sie sind für beide Sachen eminent wichtig. Die Wanderausstellungen waren immer Teil des Museumskonzeptes. Der Gründungsdirektor Alexander von Vegesack hat die Idee 1989 entwickelt. Heute machen das zwar viele Museen, aber damals war das eher Ausnahme als Regel. Dass das Vitra Design Museum weltweit bekannt ist, verdanken wir sicher zum Großteil diesen Wanderausstellungen. Auch finanziell spielen die Wanderausstellungen eine wichtige Rolle. Wir können mit einer Ausstellung nie Gewinn machen, aber durch die Wanderausstellungen können wir zumindest einen Teil der Ausgaben wieder einspielen.

(smow)blog: Wie viele Ausstellungen sind momentan “auf Tour”?

Marc Zehntner: Im Moment haben wir zwölf Ausstellungen auf Tour, letztes Jahr hatten wir weltweit 19 Eröffnungen außerhalb von Weil am Rhein.

Vitra Design Museum Mateo Kries

Mateo Kries, Vitra Design Museum Direktor / Programm

(smow)blog: Eine der interessanteren Einnahmequellen für das Museum sind die Miniaturen. Die Kollektion ist in den letzten 20 Jahren stetig gewachsen. Wer entscheidet, welche Modelle neu dazu kommen und welche Kriterien spielen dabei eine Rolle?

Marc Zehntner: Es ist ein ganzes Team daran beteiligt: die Kuratoren, die Leute die die Sammlung betreuen, aber auch die Marketing-Abteilung. Es gibt eine Wunschliste der Stücke die wir gern haben würden oder die sinnvoll sind im Kontext einer geplanten Ausstellung. Wir haben z.B. letztes Jahr einen Anthroposophischen Stuhl im Rahmen der Steiner-Ausstellung herausgebracht. Letzten Endes hängt die endgültige Entscheidung immer an der Frage “Können wir die Miniatur so originalgetreu (wie die Qualitätsansprüche sind) wirklich nachproduzieren in diesem Format 1:6?” Viele unserer Wünsche scheitern daran, dass dies nicht bzw. nicht zu einem realistischen Preis realisierbar ist.

(smow)blog: Stimmt es, dass Sie für die Miniaturen Lizenzgebühren zahlen wie für richtige Stühle?

Marc Zehntner: Ja. Das kann neben Einschränkungen in der Produktion auch ein Grund sein, warum eine Miniatur nicht von uns auf den Markt gebracht wird. Das kommt aber nicht sehr häufig vor, denn normalerweise einigen wir uns mit den Rechteinhabern.

Mateo Kries: Nicht nur die Lizenzgebühren sind analog zur “realen Welt”. Genau wie in der normalen Produktentwicklung müssen wir spezielle Maschinen bauen oder Tools entwickeln um ein Geflecht oder eine Gussform zu kreieren. Das sind die gleichen Prozesse wie bei „großen“ Stühlen.

Marc Zehntner: Und wenn die Produktion wirklich konkreter wird, testen wir auch Prototypen.

(smow)blog: D.h. wie bei einem richtigen Stuhl investieren Sie zum Teil Monate in die Herstellung von Modellen und Prototypen und am Ende kommt nichts dabei heraus?

Mateo Kries: Ja, das passiert durchaus. Wir haben eine ganze Liste von Produkten die nicht funktioniert haben oder unseren Qualitätsansprüchen nicht gerecht wurden.

(smow)blog: Sie leiten seit einem Jahr gemeinsam das Vitra Design Museum. Funktioniert das?

Marc Zehntner: Das klappt sehr gut. Es ist natürlich ein Test, wie das in der Wirklichkeit funktioniert, was über lange Jahre angedacht und geplant wurde. Vorher konnte man nicht hundertprozentig voraussehen, wie es sich entwickelt, aber wir sind beide sehr glücklich mit der Situation. Das Museum finanziert sich zum großen Teil selber – was in der Museumswelt eher ungewöhnlich ist. Wir sind gut aufgestellt, haben ein sehr gutes Team, interessante Projekte und können sehr positiv in die Zukunft schauen.

(smow)blog: Es besteht also keine Gefahr dass die Ideen ausgehen?

Mateo Kries: Das Problem ist eher, dass wir zu viele davon haben! Für die nächsten drei oder vier Jahre stehen so viele Projekte an, dass unser größtes Problem sein wird, alles zu realisieren, was wir wollen. Es ist natürlich fantastisch in so einer Position zu sein. Und obwohl wir das Museum schon in einem guten Zustand übernommen haben, haben wir es dennoch geschafft, einiges auf den Weg zu bringen und positive neue Impulse gesetzt. Im Frühling wird es eine neue Webseite geben mit den ersten Einblicken in die Sammlung. Außerdem veranstalten wir nun fast im Wochentakt Diskussionen oder ähnliche Events und stellen fest, dass das Publikum sehr positiv auf die neuen volleren und lebendigeren Programme reagiert. Das sind natürlich kleine Schritte, aber in der Summe werden sie das Museum grundlegend verändern und weiterentwickeln. Zu einem noch lebendigeren Ort, der die wichtigen Themen und Fragen des Designs nicht nur ausstellt, sondern auch zur Debatte stellt und sie in Erlebnisse für den Besucher verwandelt.

Marc Zehntner: Letzten Endes ist es in jedem Museum so, in dem die eigene Sammlung tatsächlich genutzt wird: Es gibt genug Geschichten, aus denen wir nur die auswählen müssen, die wir erzählen wollen. Und das macht die Arbeit so besonders.

vitra design museum

Vitra Design Museum und VitraHaus, Weil am Rhein.



Album @ Vitra Design Museum Gallery: Interview mit Ronan Bouroullec

Tuesday, February 21st, 2012
Vitra Design Museum Ronan Bouroullec

Ronan Bouroullec

Ronan & Erwan Bouroullec sind fraglos zwei der bedeutendsten Designer ihrer Generation und werden daher auch zurzeit gleich mit zwei Ausstellungen geehrt: Im Centre Pompidou Metz läuft derzeit die Retrospektive Biwak und in der Vitra Design Museum Gallery in Weil am Rhein Album, eine Ausstellung der Zeichnungen und Skizzen, die vorher in Bordeaux zu sehen waren.

Bei der Eröffnung von Album in der Vitra Design Museum Gallery sprachen wir mit Ronan Bouroullec übers Zeichnen, Älterwerden und – mal wieder – darüber, wieso er weniger Aufträge annehmen möchte…

(smow)blog: Liegt der Ursprung all Ihrer Projekte in Zeichnungen?

Ronan Bouroullec: Nein, nicht immer. Manche beginnen auch mit völlig abstrakten Gedanken. Das hat sich im Laufe der Jahre aber sehr verändert. Ich hatte meine erste Gruppenausstellung mit 17. Jetzt bin ich 40. Meine Methoden und mein Verständnis von Design haben sich in den letzten 20 Jahre natürlich verändert. Am Anfang war ich noch ganz schön naiv.

(smow)blog: Haben Sie in Ihren Anfangsjahren mehr gezeichnet und spielt moderne Technik heute eine größere Rolle?

Ronan Bouroullec: Zeichnen ist etwas, das ich schon immer getan habe – viel länger als Designen – und das mir sehr wichtig ist. Wenn ich aufhören würde zu designen, würde ich nicht sterben, aber ich kann nicht aufhören zu zeichnen. Und ich glaube, dass Zeichnen im Design einen guten Ausgleich schafft. Design ist mitunter ein sehr langwieriger Prozess, ein sehr frustrierender Prozess. Es kann Jahre von der ersten Zeichnung bis zur fertigen Arbeit dauern. Deshalb ist es für uns wichtig, dass wir uns durch Bilder und Zeichnungen klar und präzise ausdrücken können.

(smow)blog: Heißt das, dass Sie den Designprozess durch Zeichnungen besser kontrollieren können?

Ronan Bouroullec: Der Prozess in unserem Studio und auch in unseren Gedanken ist meist sehr chaotisch; er folgt keinen klaren Strukturen. Und so hat jedes Produkt seinen ganz eigenen, natürlichen Flow. Deshalb ist es sehr schwer den Prozess als solchen zu beschreiben. Das Chaos sieht man unseren fertigen Arbeiten natürlich nicht an; sie wirken immer so klar, einfach und direkt. Aber der Weg dahin…

(smow)blog: Neben Album ist zurzeit auch die Retrospektive Biwak in Metz zu sehen. Wenn Sie sich diese beiden Ausstellungen ansehen, können Sie dann erkennen, wie und an welchen Stellen sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre verändert hat?

Ronan Bouroullec: Ich glaube, dass wir am Anfang optimistischer und naiver waren, aber mittlerweile wissen wir etwas mehr über das ganze System. Das ist an sich gut, es kann einen aber auch einschränken und imaginäre Schranken erzeugen. Projekte dauern jetzt sogar länger als vor 20 Jahren. Als wir jünger waren, waren wir irgendwie intuitiver…

(smow)blog: … und jetzt sind Sie vorsichtiger?

Ronan Bouroullec: Ich weiß nicht genau warum, aber mittlerweile lastet offenbar mehr Druck auf uns. Die Leute sehen einfach genauer hin und erwarten etwas von uns; sie erwarten ein Statement.

(smow)blog: Album und Biwak bieten die Chance, zurück zu blicken und zu reflektieren… Im Hinblick auf die Zukunft…

Ronan Bouroullec: Ich sehe nicht die Notwendigkeit jetzt so viel zu machen. Wir haben ein sehr kleines Studio und möchten es nicht wirklich erweitern. Wir wollten nie ein großes Studio, aber weil wir so bekannt sind, bekommen wir jede Menge Angebote. Doch wir sind eigentlich nicht daran interessiert alles zu machen, was uns angeboten wird, und konzentrieren uns stattdessen lieber auf die Sachen, die uns tatsächlich interessieren. Außerdem versuche ich noch ein bisschen Zeit zum Zeichnen zu finden…

Ronan & Erwan Bouroullec Album kann noch bis zum 3. Juni 2012 in der Vitra Design Museum Gallery besucht werden.

Vitra Design Museum Gallery Ronan & Erwan Bouroullec Album

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

Vitra Design Museum Gallery Ronan & Erwan Bouroullec Album

Vitra Design Museum Gallery: Ronan & Erwan Bouroullec "Album"

 



A&W Designer des Jahres 2012: Patricia Urquiola

Thursday, February 2nd, 2012
A&W Designer of the Year 2012 Patricia Urquiola

A&W Designer des Jahres 2012: Patricia Urquiola

Seit eineinhalb Jahrzehnten beginnt die Möbelwoche in Köln inoffiziell mit der Ehrung des A&W Designers des Jahres.

Verliehen vom Magazin A&W Architektur und Wohnen wurde der Preis 1997 ins Leben gerufen, um Designer zu ehren, deren Werk den Einrichtungsstil unserer Zeit besonders geprägt hat. Zu früheren Gewinnern gehören Philippe Starck, Antonio Citterio und Tom Dixon – um nur 3 von insgesamt 15 zu nennen.

A&W Designerin des Jahres 2012 ist die Spanierin Patricia Urquiola.

Die durch ihre Arbeit mit Moroso, B&B Italia, Kartell oder Molteni bekannte Patricia Urquiola studierte zunächst in Madrid Architektur bevor sie nach Italien zog, um ihre Studien am Politecnico di Milano abzuschließen. 2001 gründete sie ein eigenes Studio in Mailand und arbeitet sowohl im Möbeldesign als auch an zahlreichen Innendesignprojekten. Seit 2002 ist sie außerdem Gastprofessorin an der Domus Akademie.

Vor der Verleihungszeremonie sprachen wir mit Patricia Urquiola über ihre Karriere und diskutierten – passend zur Auszeichnung und zur Ausstellung “Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” im MAKK -, ob Architekten die besseren Möbeldesigner sind.

(smow)blog: Sie haben Architektur studiert und arbeiten nun hauptsächlich als Designerin. War eine Karriere als Architektin ihr Ziel oder nur Mittel zum Zweck?

Patricia Urquiola: Ich wollte schon in meinen frühen Jugendjahren Architektin werden; ich war eine von denen, die schon ganz genau wussten, was sie später tun möchten. Also studierte ich Architektur an der Universidad Politécnica de Madrid und traf dort Marco Zanuso, Achille Castiglioni und viele andere überaus interessante Architekten, die sowohl in der Architektur als auch im Design tätig waren. Das brachte mich dazu, mich stärker auf Design zu konzentrieren. Die Italiener leiteten also in gewisser Weise diesen Wandel ein.

(smow)blog: Und dann zogen Sie nach Mailand, wo Sie später mit einem weiteren Architekten und Designer weiterarbeiteten, Piero Lissoni

Patricia Urquiola: Ja, aber bei meinem Hintergrund und in meiner Altersgruppe war es ganz natürlich über die Grenzen zwischen Architektur und Design hinweg zu arbeiten. Das ist natürlich auch einer der Gründe dafür, wieso Mailand ein wichtiges Zentrum für Architektur und Design wurde.

(smow)blog: Im Augenblick findet hier in Köln eine Ausstellung statt, die die Rolle von “Möbelarchitekten” beleuchtet. Machen Architekten bessere Möbel als Designer mit anderem Hintergrund?

Patricia Urquiola: Nein, das glaube ich nicht. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Konstantin Grcic und der ist kein Architekt. Man kann sich dem Design auf ganz verschiedene Weisen nähern; für mich wird die Grenze zwischen den beiden Disziplinen auf der einen Seite durch den “Lebensraum” und auf der anderen durch die “Werkzeuge für das Leben” definiert. Das war meine Ausbildung, das bin ich und das ist auch meine Einstellung. Aber man kann verschieden an die Disziplinen herangehen, deshalb sollten wir alle offen sein und auf neue Ansichten hören. Ich finde, dass zurzeit einige wichtige Forschungsbereiche und Schulen entstehen. So ist beispielsweise Eindhoven für mich derzeit sehr interessant. Aber wie gesagt gibt es viele Möglichkeiten in den Disziplinen zu arbeiten und wir alle sollten der Situation offen gegenüber stehen.

(smow)blog: Sie leben nun schon seit 25 Jahren in Mailand. Haben Sie im Laufe der Zeit eine Veränderung bemerkt? Ist Mailand immer noch eine Stadt, in der man die Kreativität förmlich spüren kann?

Patricia Urquiola: Ich bin in einer sehr kreativen Zeit nach Mailand gezogen. Leute wie Castiglioni oder Vico Magistretti waren noch aktiv und die Memphis Group hatten ihre beste Zeit. Aber dann hat sich Mailand wirklich stark verändert; es wurde immer spießiger und heute haben wir diese ganzen Krisen. Doch wie in allen Designzentren Italiens besteht auch in Mailand noch immer der Wunsch, qualitativ hochwertige Arbeiten zu produzieren. Ich hatte das Glück, in Mailand Leute zu treffen, die noch an Design glaubten und die diesen Glauben an Menschen wie mich weitergaben. Dafür bin ich sehr dankbar. Mein Leben dreht sich aber nicht nur um Mailand und meine Arbeit dort ist nur ein Teil meiner Arbeit.

A&W Designer of the Year 2012 Patricia Urquiola Volant Moroso

Das Sofa Volant für Moroso von Patricia Urquiola

A&W Designer of the Year 2012 Patricia Urquiola Silver Lake Moroso Comeback Chair Kartell

Silver Lake von Moroso und im Hintergrund der Comeback Chair für Kartell von Patricia Urquiola

A&W Designer of the Year 2012 Patricia Urquiola KETTAL MAIA Egg swing chasen flos Tropicalia Moroso

Maia Egg Hängesessel für Kettal, die Leuchte Chasen für flos und Tropicalia für Moroso, alle von Patricia Urquiola

 



Neue Räume Zürich: Nikolas Kerl

Friday, December 16th, 2011

Einer der Gründe auf die Neue Räume Zürich zu gehen war es, einen Überblick über die aktuelle Situation der Designermöbelindustrie in der Schweiz zu bekommen.

Wenn auch idyllisch hinterm Alpenvorhang versteckt, wäre es zu einfach anzunehmen, in der Confoederatio Helvetica liefe alles immer rosig. Manchmal malt man sich ja aus, wie Schweizer Designer und Hersteller den ganzen Tag nichts machen als ihr Geld zu zählen und aufzupassen, dass sie sich nicht ihre Füllungen beim Verzehr dieser zähen, dreieckigen Schokolade ausbeißen. Nachdem jedoch der Schweizer Franken im letzten Sommer anstieg wie ein Geier im Steilflug haben wir eine etwas andere Realität vorgefunden.

Ansporn genug für uns da mal etwas genauer nachzuhaken.

Unter den Leuten mit denen wir gesprochen haben war auch der junge Züricher Designer Nikolas Kerl. Nach seinem Studium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) gründete Nikolas 2010 umgehend seine eigene Firma und stellte zusammen mit lokalen Händlern seine eigenen Möbel in kleinen Serien her.

Beim Material konzentriert sich Nikolas hauptsächlich auf natürliche Produkte wie Holz, Lehm und Glas. So hat er auch direkt öffentliches Aufsehen erregt. Nämlich mit seiner Glasschüssel „Flat O“, die für den Schweizer Design Preis 2011 nominiert war, und mit dem Tisch „T1“, der für den gleichermaßen begehrten “Die Besten 2011″-Preis ins Rennen ging.

Wenn das mal kein gutes Zeichen für die Zukunft ist.

Bei der Neue Räume Zürich haben wir Nikolas abgefangen und ihn gefragt, warum er sich für die Karriere im Möbeldesign entschieden hat.

Nikolas Kerl: Ich habe mit einer schulbegleitenden Schreinerlehre begonnen, wo ich zum ersten Mal in Kontakt mit Möbeln gekommen bin. Da habe ich mich schon in das Entwerfen und Herstellen von Möbeln verliebt und es war klar, dass ich das später mal machen will. Der Schreiner war mir aber zu wenig, also habe ich mich für das Industriedesign-Studium an der ZHdK entschieden.

(smow)blog: Kannst du dich noch daran erinnern, was dich als erstes so fasziniert hat?

Nikolas Kerl: Es war einfach der Umgang mit Material und der Geruch, die Lebendigkeit des Holzes. Holz ist so ein warmes Material, das den Wohnbereich sehr bereichern kann.

(smow)blog: An der ZHdK hast du dann aber vermutlich nicht gleich mit Möbeldesign zu tun gehabt?

Nikolas Kerl: Nein. In den Kursen sind wir alle Aspekte vom Industriedesign durchgegangen: Mobilität, Servicedesign, Produktdesign…

(smow)blog: Aber du bist dem Möbeldesign treu geblieben? Haben die anderen Richtungen überhaupt nicht dein Interesse gewinnen können?

Nikolas Kerl: Mein Herz schlägt einfach für das Möbeldesign und Holz, Stein und Glas sind die Materialien mit denen ich am besten arbeiten kann, die mir und meinen Entwürfen am meisten entsprechen.

(smow)blog: Hast du dich bewusst dafür entscheiden nach deinem Studium in Zürich zu bleiben?

Nikolas Kerl: Ja. Für mich war es eine klare Entscheidung in Zürich bzw. der Schweiz zu bleiben. Ich denke in der Schweiz wird gute Handarbeit viel mehr geschätzt und demzufolge auch die entsprechend höheren Preise besser akzeptiert. Die Leute hier sind bereit für gute Qualität mehr auszugeben. Da meine Möbel in kleinen bis mittleren Serien von Hand in der Schweiz hergestellt werden, ergibt es Sinn hier zu bleiben. Meine Möbel passen einfach sehr gut auf den Schweizer Markt.

(smow)blog: Wie einfach – oder schwer – war es, dich als neuer, junger Hersteller auf einem unserer Auffassung nach relativ kleinen Markt zu etablieren?

Nikolas Kerl: Der Markt ist tatsächlich überschaubar. Aber man wird relativ schnell akzeptiert, bloß der nächste Schritt – Verkaufen – ist dann ziemlich schwer und da bin ich gerade noch dran.

(smow)blog: Gab es in diesem Zusammenhang irgendwelche Business-Kurse in deinem Studium?

Nikolas Kerl: Leider nicht! Das ist jetzt alles Learnig by Doing …und der beste Master, den ich machen kann.

(smow)blog: Und zum Schluss: Du wurdest für den Design Preis Schweiz nominiert. Herzlichen Glückwunsch dafür! Was bedeutet das für dich?

Nikolas Kerl: Allein die Nominierung hat mir schon einige Türen geöffnet. Unabhängig davon ob ich also gewinnen werde oder nicht, ist schon so eine Nominierung ein Glücksfall. Außerdem bedeutet es ein ziemlich großes Medienecho, wodurch eine Menge Leute auf mich und meine Arbeit aufmerksam werden. Sowas hilft ungemein. Und natürlich ist es auch eine schöne Bestätigung, dass das, was ich mache, in die richtige Richtung geht.

Mehr Informationen gibt’s unter www.nikolaskerl.com

Nikolas Kerl Neue Räume Zurich
Nikolas Kerl bei Neue Räume Zürich 2011
Neue Räume Zurich Nikolas Kerl T1
Neue Räume Zürich: Nikolas Kerls Stand mit dem Tisch T1
Neue Räume Zurich Nikolas Kerl Stan Harvey
Stan & Harvey von Nikolas Kerl bei Neue Räume Zürich


Designers’ Open Leipzig: Look to Norway

Saturday, November 12th, 2011

Obwohl es in letzter Zeit ziemlich ruhig um Erik Wester war, ist es nur fair zu sagen, dass er nach wie vor unser Lieblingsdesigner aus Norwegen ist. Doch die Konkurrenz schläft nicht.

Auf den Designers’ Open 2011 hat eine Gruppe von 10 norwegischen Designstudenten Beispiele ihrer Arbeiten an einem gemeinsamen Stand mit dem Titel “Look to Norway” präsentiert. Das war ziemlich sicher der erste Stand auf den Designers’ Open, bei dem Design aus Norwegen im Zentrum stand.

Die interessantesten Stücke waren dabei für uns Le Korpusiør von Jørgen Platou Willumsen – eine sehr einfache, dabei jedoch liebreizende Familie aus Holz und Kupferlampen – und Curious von Caroline Olsson – eine Lampe, die sich in einer Box, die zugleich ihr Fuß ist, einklappen lässt.

Insgesamt waren wir sehr von der allgemeinen Qualität der Ausstellungsstücke beeindruckt; zugegebenermaßen können wir jedoch nicht allen Stücken die Aufmerksamkeit schenken, die sie eigentlich verdient hätten.

Um mehr über das Projekt zu erfahren; und warum es genauso schwer ist, einen norwegischen Designer zu nennen wie einen wichtigen belgischen, haben wir mit den “Look to Norway” Mitgliedern Thea Nilsen und Fredrik Wærnes gesprochen.

(smow)blog: Ganz kurz, was ist der Hintergrund zu der Ausstellung?

Fredrik Wærnes: Wir sind alle Studenten der vier norwegischen Designschulen und wollten eine kollaborative Plattform schaffen, die die verschiedenen Institutionen und Fachgebiete zusammenbringt.

(smow)blog: Es ist sicher nicht falsch zu sagen, dass die meisten Menschen wahrscheinlich einen schwedischen oder dänischen Designer nennen können, aber keinen norwegischen. Warum ist das so?

Thea Nilsen: Wir fragen uns das Gleiche! Deswegen machen wir auch die Ausstellung. Die Menschen sollen uns mehr wahrnehmen. Denn Norwegen hat genauso eine Designtradition wie Schweden oder Dänemark, zurzeit blüht die Szene außerdem und es gibt jede Menge interessanter Dinge im norwegischen Design zu entdecken.

(smow)blog: Wie groß ist der norwegische Markt? Gibt es denn Hersteller mit denen junge Designer, wie ihr, arbeiten können?

Fredrik Wærnes: Es gibt ein paar Hersteller in Norwegen, aber der Markt ist eher klein und die Designer müssen oft außerhalb von Norwegen nach einem Partner für ihre Designs suchen.

Thea Nilsen: Das ist auch ein Grund nach Deutschland zu kommen – Deutschland ist ein sehr interessanter Standort, was die Herstellerlandschaft betrifft.

(smow)blog: Was zu der Frage aller Fragen führt: Warum Designers’ Open?

Fredrik Wærnes: Uns gefällt das Konzept des Festivals. Es ist sehr offen, mit Ausrichtung auf ganz verschiedene Designgebiete und so hielten wir unser Projekt für ganz besonders passend.

Thea Nilsen: Auch wegen einiger Empfehlungen haben wir uns für die Ausstellung in Leipzig entschieden. Wir haben von dem Festival gehört und eigentlich erst da mit den Überlegungen zu unserem Projekt begonnen. Ohne Designers’ Open gäbe es uns also vielleicht gar nicht.

Mehr Informationen über Look to Norway und die einzelnen Projekte gibt es unter: http://looknorway.com/



Nils Holger Moormann: “Möbel brauchen Zeit.”

Wednesday, September 28th, 2011
Nils Holger Moormann NHM

Nils Holger Moormann

Auf der Fuori Salone Milano 2011 haben wir Moormann beim Stand-Aufbau geholfen. Dabei mussten wir natürlich die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und ein wenig mit Firmengründer und Namensgeber Nils Holger Moormann plaudern.

Mal als Autodidakt, Pionier oder Provokateur bezeichnet, ist Nils Holger Moormann für uns einfach ein angenehmer Zeitgenosse und Garant für kluge und ziemlich eigensinnige Gespräche.

Im Laufe des Interviews haben wir über die neuen Produkte, den aktuellen Stand der Möbelbranche und – in Anbetracht dessen was uns im Oktober erwartet – über Messen gesprochen.

smow: Muss man als Möbelhersteller auf Messen gehen? Lohnt sich insbesondere Mailand?

Nils Holger Moormann: Das ist immer die große Frage. Aber für uns ist Mailand sehr wichtig, weil wir jede Menge Exportgeschäft haben und hier mit Kunden in Kontakt kommen, die wir sonst im Laufe eines Jahres nie treffen würden. Es ist nur problematisch in Mailand einen Platz zu bekommen. Wir haben wieder diesen winzig kleinen Stand hier. Jedes Jahr kämpfen wir um einen größeren Stand – ohne Erfolg…

smow: Haben Sie mal darüber nachgedacht von den Messehallen in die Stadt zu ziehen?

Nils Holger Moormann: Nicht wirklich. Ich finde Mailand hochinteressant, aber es ist inzwischen am Rande des Wahnsinns: So viele Nebenveranstaltungen kann ein normaler Mensch gar nicht schaffen. Da muss man sich eine Woche Urlaub nehmen und selbst dann schafft man es nicht. Wenn wir etwas machen, dann mit großem Einsatz. Jedes Detail ist sehr lange überlegt – auch wenn es sehr einfach aussieht. Alles muss bei uns stimmen. Von daher wäre es tragisch, wenn zu wenig Besucher kommen würden. Hier auf der Messe hat man aber die Garantie dass viele Besucher und vor allem auch die internationale Presse kommen.

smow: Wie viel Nils Holger Moormann steckt eigentlich in so einem Stand?

Nils Holger Moormann: Wir haben jedes Jahr das gleiche Problem: ein Thema zu finden. Möbel herzustellen oder zu verkaufen ist die eine Sache, aber das machen alle anderen ja auch. Deswegen ist es umso wichtiger eine schöne Geschichte zu erzählen, die den Messestand mit dem Unternehmen verbindet. Das schwierigste ist diese Geschichte zu erfinden, denn sie muss ja auch was mit uns zu tun haben und darf nicht nur Show sein. Wir sind in diesem Jahr wieder fest davon ausgegangen dass wir einen mindestens doppelt so großen Messestand bekommen und hatten das Konzept entsprechend geplant. Dann kam die Information, dass es wieder nur der kleine Stand wird. Das war wirklich ein Schock.

Also brauchten wir eine neue Idee, die kam in diesem Fall tatsächlich von mir. Ich war inspiriert davon, dass alle nur noch Neuigkeiten zeigen. Das ist zwar spannend, aber auch idiotisch, denn Möbel brauchen Zeit. Sie müssen ausdefiniert werden und man muss ganz viel darüber nachdenken. Dieses schnell schnell neu machen birgt die Gefahr so zu enden wie die Modebranche mit zwei oder drei oder vier Kollektionen pro Jahr. Das kann es doch nicht sein. Also haben wir uns gedacht, ok wir machen mit. Wir zeigen zwölf Neuigkeiten, aber die meisten davon sieht man nicht, da sie z.B. aus 2028 sind. Ich schaffe unheimlich gern einen Ort mit Humor, an dem man staunen kann und überlegt “Meint der das ernst?”… Das finde ich fast genauso wichtig wie gute Produkte.

Moormann Minimato Matthias Ferwagner

Minimato von Matthias Ferwagner für Nils Holger Moormann

smow: Aber es gibt tatsächlich zwei reale neue Produkte.

Nils Holger Moormann: Ja, oder zumindest anderthalb. Es gibt ein kleines Tischchen namens Minimato. Und sonst konzentrieren wir uns total auf ein für uns äußerst ungewöhnliches Teil. Ich persönlich möchte seit ein paar Jahren wieder mehr Blechmöbel machen. Die Kunden haben das schon wieder vergessen, aber vor 15 Jahren haben wir fast nur Blechmöbel gemacht. Ich finde das Material hochinteressant. Momentan sind wir an dem Pressed Chair von Harry Thaler dran – einem jungen Südtiroler der das am Royal College in London gemacht hat – was mich vollkommen fasziniert. Und es geht der ganzen Firma so – wohlwissend, dass die Fallhöhe gigantisch ist. Da ist so viel technisches Engineering drin, was an die Grenzen geht.

Aber wir wollen das alle und haben ein Netzwerk geschaffen von Verrückten, denn für solch ein Projekt braucht man Verrückte. Es ist kein Auftrag, bei dem man sagen kann “Machen Sie mir bitte diesen Stuhl!” Eher wird gesagt “Das funktioniert nie im Leben, aber wir können ja mal ein Bier zusammen trinken gehen.“ Geld spielt dabei überhaupt keine Rolle. Man trifft sich, trinkt was, trifft sich wieder bis man die Person soweit hat. Und das macht noch viel mehr Spaß, wenn man es auf unkonventionelle Art und Weise angeht, und nicht klassisch Geld in die Hand nimmt, sich einen Hersteller sucht, das Geld zahlt und loslegt. Bei uns ist es vergleichbar mit einer verrückten Bergtour.  Aber sie macht Spaß.

smow: Sind Sie regelmäßig in der Werkstatt?

Nils Holger Moormann: Ununterbrochen! Es geht gar nicht anders. Derjenige, der jetzt daran arbeitet, ist ein Freund von mir mit einer ganz ganz kleinen Firma, aber dafür einem großen Netzwerk von Spezialisten die mit speziellem Wissen aushelfen. Wie mit allen Dingen, die man aus Neugier und Faszination tut, ist es mehr ein Hobby geworden. Da macht man schon mal die ganze Nacht durch ohne es zu merken.

Das ist eben der Unterschied, als wenn man nur für Geld arbeitet und irgendwann merkt, dass man eigentlich andere Dinge machen möchte.

Bis jetzt ist das eine sehr glückliche Fügung. Aber mal schauen! Ich habe erst gestern wieder mit ihm telefoniert, weil ich ein bisschen nervös geworden bin. Es gibt immer neue Probleme. Man muss sich das so vorstellen, wie eine Besteigung des Mount Everest mit zwei Kästen Bier und ohne Sauerstoff…

Moormann Pressed Chair Harry Thaler

Pressed Chair von Harry Thaler für Nils Holger Moormann

smow: … aber dann merkt man wenigstens nicht, dass man keinen Sauerstoff hat…

Nils Holger Moormann: Stimmt.

smow: Was ist, wenn sich das Risiko nicht auszahlt?

Nils Holger Moormann: Dann ist es eben so. Ich glaube, dass heute die Firmen auch deswegen so langweilig werden, weil sie nur Show machen und zeigen, wie toll, bunt und “verrückt” sie sind. Aber wir meinen den Stuhl wirklich super “basic”. Er ist uns wichtig. Er ist keine Show.

Klar gibt es ein Risiko. Aber das ist auch der Kick. Sonst könnte es ja jeder machen.

Ich will auf keinen Fall aufgeben, was wir hier haben. Dieses spezielle Gefühl einer ungewöhnlichen Bergtour mit ungewöhnlichen Mitteln, bei der man trotzdem ans Ziel kommt.

Wir sind eigentlich ziemlich sicher, dass wir es schaffen.