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Über Egon Eiermann und den Fortbestand seines Erbes…

Tuesday, May 14th, 2013

Momentan beschäftigen wir uns in Zusammenhang mit einem anderen Projekt mit verschiedenen Aspekten von Egon Eiermanns architektonischen Arbeiten und sind auf wunderbar widersprüchliche Positionen bezüglich seines architektonischen Erbes gestoßen.

Diese gegensätzlichen Positionen werfen die grundsätzliche Frage auf, wie man mit den Hinterlassenschaften der modernen Architektur umgehen sollte.

Ist es notwendig alle Arbeiten zu retten, und sind alle Bauten es wert erhalten zu werden? Gibt es Alternativen?

Egon Eiermann Stadthaus Krefeld

Stadthaus Krefeld von Egon Eiermann (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Eiermanns Campus in Stuttgart droht der Abriss. Der ausgedehnte Campus entstand zwischen 1967 und 1972 und steht seit dem Auszug von IBM im Jahr 2009 leer. Dem neuen Eigentümer gelang es nicht neue Pächter oder Alternativen für die Nutzung des Gebäudes zu finden. Er ging 2011 in Insolvenz. Ohne Aussicht auf Interessenten für das Gebäude und mit Blick auf Renovierungskosten, die sich laut Stuttgarter Zeitung auf 100 Millionen Euro belaufen, hat der Verwalter den Abriss des Campus beantragt, um die Fläche für den Verkauf und eine neue Entwicklung frei zu machen.

Unterdessen hat die Stadtverwaltung von Krefeld beschlossen um die 40 Millionen Euro in die Renovierung von Eiermanns Stadthaus aus dem Jahr 1953 zu investieren, anstatt ein neues Rathaus zu bauen. Oberbürgermeister Gregor Kathstede begründete die Entscheidung unter anderem mit der Bewerbung Krefelds um die Aufnahme in das UNESCO-Weltkulturerbe, die auf Krefelds drei Gebäuden von Mies van der Rohe Gebäuden basiert. In dem Zusammenhang wäre es nicht vertretbar, zu gleicher Zeit ein Egon-Eiermann-Gebäude verfallen zu lassen oder sogar abzureißen.

Aber spielt es eine Rolle, wer ein Gebäude entworfen hat? Und sollte man überhaupt Sympathie für einen Architekten wie Egon Eiermann aufbringen?

Abgesehen von Eiermanns Einsatz für den Abriss der Überreste der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und den Bau einer neuen Kirche – Pläne, die Eiermann wegen massiven Protests in Berlin aufgeben musste -, ist Egon Eiermann auch für den Abriss des weltweit bewunderten Kaufhauses Schocken in Stuttgart verantwortlich, an dessen Stelle er sein eigenes Kaufhaus Horten bauen ließ. Eine Entscheidung, die international auf Kritik stieß und sogar Walter Gropius’ Protest hervorrief.

Um seine Entscheidung zu verteidigen behauptete Eiermann, es handle sich um ein unzulängliches Gebäude, das darüber hinaus seiner Funktion nicht gerecht würde.

Etwas amüsiert sagte Martin Linne, Leiter des Bereichs Stadtplanung, der Rheinischen Post im Gespräch über das Stadthaus in Krefeld: “Eiermann hatte die Idee, die Heizung im Dach solle im Winter heizen und im Sommer kühlen… Das Problem ist: Seine Technologie hat nie wirklich funktioniert.”

Ein Problem, das jedem bekannt sein mag, der jemals in einem der preisgekrönten Häuser in Leipzigs angesagtem Bezirk Plagwitz gearbeitet hat.

Sollte man also nicht eher sagen, was dem einen Recht ist, ist dem anderen billig und Eiermanns unzulängliches Stadthaus abreißen?

Schocken (later Merkur) Department Store

Kaufhaus Schocken (später Merkur) in Stuttgart von Erich Mendelsohn (Bildquelle: Wikimedia Commons)

In Bezug auf den geplanten Abriss des Kaufhauses Schocken äußerte Erich Mendelsohns Witwe: “Spätere Generationen werden besser in der Lage sein, die Bedeutung Erich Mendelsohns für die Architektur des zwanzigsten Jahrhunderts festzustellen, und so verurteilen wir, dass eine der wenigen erhaltenen Arbeiten freiwillig von seinem Landsmann zerstört werden soll.”5

Dass spätere Generationen besser in der Lage sind, die Bedeutung eines Kulturguts zu beurteilen, ist unserer Meinung nach ein Fakt, den man nicht zu diskutieren braucht. Aber braucht man tatsächlich das Gebäude um dies festzustellen.

Architekten aus früherer Zeit würden diese Frage sicherlich mit „Ja“ beantworten, weil es allzu oft an genauer Dokumentation mangelt, um die Bedeutung einer Arbeit zu ermessen.

Die Arbeiten eines Egon Eiermann und gewiss die eines Erich Mendelsohn sind allerdings nicht nur in den Archiven der Architekten selbst gut dokumentiert. Hinzu kommen Reportagen, Interviews und Diskussionen, die die Planung und den Bau begleiteten.

Das Gebäude an sich ist nur die physische Manifestation eines langen Prozesses.

So glauben wir nicht, dass jedes Gebäude bewahrt werden muss, nur, weil es dieser oder jener Architekt entworfen hat.

Wo ein Gebäude nicht mehr benötigt wird oder nicht mehr seine Funktion erfüllen kann, muss es Platz machen für eine Konstruktion, die dazu fähig ist.

Das soll natürlich nicht heißen, alte Gebäude sollten automatisch abgerissen werden. Die Frage, ob Veränderungen möglich sind, um das Gebäude an seine neue Funktion oder die neuen technischen Standards anzupassen, muss sicherlich an erster Stelle stehen.

Natürlich gibt es ökologische Bedenken beim Abriss eines existierenden Gebäudes und dessen Ersetzung durch ein neues. Hinzu kommen die Kosten.

Einer der aktuellen Stars im Umkreis internationaler Architekturausstellungen ist der Tour Bois le Pètre-Hochhausblock in Paris. Anstelle des von der Stadtverwaltung angedachten Abrisses schlugen die Architekten Druot, Lacaton und Vassel eine “lebende Renovierung” des Blocks vor. Eine Renovierung, die nicht nur den Lebensstandard der Bewohner verbesserte und ihren Energieverbrauch erheblich reduzierte, sondern dies auch noch zu einem Bruchteil der Kosten, die für den Abriss und Neubau veranschlagt waren.

So würde laut Krefelds Oberbürgermeister Kathstede in Ergänzung zu den Überlegungen, die auch Mies van der Rohe einbeziehen, ein neues Rathaus ungefähr zwanzig Millionen Euro teurer als die Renovierung des Eiermann-Gebäudes sein.

Ein weiteres passendes Beispiel für solche Überlegungen im Zusammenhang mit Egon Eiermanns Erbe findet sich gleich auf der anderen Seite des Rheins bei Krefeld.

Egon Eiermann Horten Stuttgart

Egon Eiermanns Horten Kaufhaus (jetzt Galeria Kaufhof) in Stuttgart.

Die Autobahn A3 in Duisburg ist überspannt von einer Brücke Eiermanns, die 1958 ein Beitrag des Deutschen Pavillons auf der Expo in Brüssel war.

Im Anschluss an die Expo verband die Brücke in den nächsten 54 Jahren die beiden Hälften von Duisburgs Zoo.

Laut der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, WAZ, haben die verantwortlichen Planer, als die Erweiterung der Autobahn von 4 auf 6 Spuren anstand, die Brücke nicht einfach ausrangiert, sondern sie genau so verbreitert, dass sie ihrem neuen Zweck gerecht wurde.

Das sind einfache Entscheidungen, die Geld und Ressourcen sparen, und das Erbe der Konstruktion besser bewahren, als die Brücke einfach wie sie war und wo sie war zu belassen.

Der Kontext für den Nutzen der Brücke hat sich verändert. Warum sollte sich also die Brücke selbst nicht auch ändern?

Die Form folgt in großartiger Weise der Funktion.

So war auch das Stadthaus in Krefeld ursprünglich als Hauptsitz der Vereinigten Seidenwerke konzipiert und wurde vom Stadtrat erst seit den späten siebziger Jahren genutzt.

Ein neuer Kontext und eine neue Funktion. Weshalb also nicht eine neue Form.

Was natürlich bezüglich des IBM Campus bedeutet, dass man die Planungsvorgaben in puncto technischer Überlegungen und Erwägungen bezüglich des Innenraumes lockern könnte, um das Gebäude in einem neuen Kontext nutzbar zu machen.

Das würde Ressourcen und Geld sparen und für uns die Geschichte des Gebäudes weiterführen.

Die Entscheidungen über den Erhalt oder Abriss von Gebäuden sind häufig emotional. Das sollten sie nicht sein.

Es mag sehr gute Gründe geben Gebäude zu erhalten, die eine bestimmte Bedeutung haben. Solche Entscheidungen sollten allerdings sachlich und von Fall zu Fall beschlossen werden.

Wir sollten nicht so viel Angst davor haben bestehende Gebäude zu verändern. Veränderungen sind letztendlich etwas, das uns frisch hält und der Gesellschaft hilft sich zu entfalten und weiterzuentwickeln, und sie sind es auch, die Architekten wie Egon Eiermann so wichtig machen.

Diese drei Beispiele von Egon Eiermanns Werk zeigen die Probleme, die sich im Umgang mit dem Nachlass der Architektur der Moderne ergeben und lassen auch vermuten, dass es in den folgenden Jahren eine erhebliche Menge an ähnlichen Entscheidungen bezüglich einer erheblichen Menge anderer Gebäude der Moderne geben wird.

Und so könnten vielleicht alle glücklich werden, wenn man genau überlegt, was wirklich wichtig ist.

Nur ein Gedanke…

1.http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kulturdenkmal-der-alten-ibm-zentrale-droht-der-abriss.4c6dc2b4-0660-4200-b930-b10a7134205f.html Accessed 30.04.2013

2.http://www.krefeld.de/C1257455004E4FBF/html/1B42165B3F003134C1257944005909D6?opendocument Accessed 30.04.2013

3.http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42622632.html Accessed 30.04.2013

4.http://www.rp-online.de/niederrhein-sued/krefeld/nachrichten/stadthaus-wird-ein-aha-erlebnis-1.2757924 Accessed 30.04.2013

5.http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-42622632.html Accessed 30.04.2013

6.http://www.krefeld.de/C1257455004E4FBF/html/1B42165B3F003134C1257944005909D6?opendocument Accessed 30.04.2013

7.http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/expo-bruecke-zog-von-bruessel-nach-duissern-nach-neudorf-id7881543.html Accessed 30.04.2013



Vitras Eames Elephant erobert die Leipziger Spinnerei

Wednesday, May 8th, 2013

Wie sich treue Leser vielleicht erinnern können, wird ein großer Teil der niederen Arbeiten bei (smow) von einem Team hochqualifizierter Vitra Eames Elephants ausgeführt.

In der Vergangenheit haben wir sie z.B. für ihre Mithilfe beim Transport von USM Haller Möbeln in unser Lager gelobt.

Nun bezog (smow) ein neues Büro auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei, einer ehemaligen Spinnerei, in der mittlerweile neben einigen Büros viele Ateliers, Galerien und Kunsträume beheimatet sind.

Es hat nicht lang gedauert, bis sich eines der von Natur aus neugierigen Tiere aufmachte und unsere neue Nachbarschaft erkundete …und dabei ganz zufällig sogar einige alte Bekannte traf.

Aber seht selbst. Die eigentlich recht scheue Art der Eames Elephants ließ sich vor lauter Freude über das neue Zuhause auf seiner Erkundungstour sogar filmen.



Mailand 2013: Tools for Life von OMA für Knoll

Wednesday, April 24th, 2013

Zur Mailänder Möbelmesse 2013 präsentierte Knoll offiziell die “Tools for Life” Kollektion der niederländischen Architekten OMA, die vom OMA Mitbegründer Rem Koolhaas betreut wird.

Die Kollektion war bereits Teil der Bühnendekoration der Prada Men Fashionshow im Januar und wurde in der gleichen Location, bei Prada Mailand, erstmals öffentlich vorgestellt. Ein Ort also, den unseresgleichen theoretisch niemals betreten sollten. Aber Möbelmesse ist Möbelmesse.

Milan Design Week 2013 Tools for Life by OMA for Knoll

Möbelmesse Mailand 2013: Tools for Life von OMA für Knoll bei Prada Mailand

Zunächst einmal muss man sagen, dass die Kollektion aussieht wie von einem Architekten entworfen. Nicht auf so einfache Weise, wie wir es alle von Jacobsen, Eiermann, Haller & Co. kennen. Und bestimmt nicht in der Tradition der Architekten, mit denen sich Knoll einen Ruf gemacht hat, also Mies van der Rohe, Bertoia, Saarinen… Es ist alles viel mehr das Ergebnis eines konzeptionellen Denkers, eine reine Autorenkollektion von einem Designer, der auf Grundlage einer Theorie arbeitet, statt nach einem bestimmten funktionalen oder ästhetischen Prinzip. Haute Couture, um sich mal der Prada-Sprache zu bemächtigen.

Für Knoll ist das Aushängeschild der Kollektion der 04 Counter. Drei ineinandersteckende Balken, die zwei oberen können im 360 Grad Winkel gedreht werden und so für eine Reihe verschiedener ineinander übergehender Funktionen verwendet werden. Sitzen, Präsentieren, Diskutieren. So innovativ und interessant die Funktionalität fraglos auch ist, so unsicher sind wir, wer sowas eigentlich braucht oder will.

Der 03 Coffee Table funktioniert nach einem sehr ähnlichen Prinzip, mit einem ähnlichen Mechanismus. Doch wegen seiner kleineren Abmessungen macht die Bewegung hier mehr Sinn.

Für uns ist das Highlight der Kollektion der 11 Floor Seating, ein beinloser Stuhl, der auf den ersten Blick aussieht, als wäre er nur zum Entspannen da; doch im Kontext vom modernen Wohnen mit Tablet Computern usw., wird das niedrige, leicht gekrümmte Sitzen mit hochgezogenen Knien durchaus zur immer häufigeren Option. Und qualitativ hochwertige, gut überlegte Stühle, die einem erlauben, auf dem Boden zu sitzen, sind ungefähr so rar wie Prada Jacken in unserem Kleiderschrank. Für uns braucht “11″ nur einen etwas höheren Rücken, um wirklich funktional zu sein.

Milan Design Week 2013 Tools for Life by OMA for Knoll

Das 11 Floor Seating aus der Tools for Life Kollektion von OMA für Knoll (Die Kissen werden noch bezogen.)

Unter den weiteren Objekten, hat der 01 Arm Chair keine unansprechende Formensprache, obwohl man ein bisschen braucht, um sich daran zu gewöhnen. Als wir ihn das erste mal gesehen haben, hat er uns überhaupt nicht gefallen. Es war, als wolle da jemand ein unangenehmes Star Trek meets 80s Miami Beach Nightclub Bild erzeugen – und zwar ein Designer, der ein bisschen zu sehr wollte. Doch nachdem es etwas auf uns gewirkt hatte, haben wir angefangen es zu verstehen und zu schätzen. Es ist ein bisschen wie mit David Bowie. Jahrzehnte konnten wir nichts mit ihm anfangen und haben doch vor ein paar Jahren plötzlich einen neuen Zugang zu seiner Musik gefunden. Und seither gefällt sie uns immer mehr.

Der 05 Round Table und der 06 Table sind technisch sehr, sehr interessant. Doch je weniger man darüber sagt, desto besser. Und nein, wir glauben nicht, dass wir uns jemals daran gewöhnen werden. Aber in Moskau würden sie sicher sehr gut ankommen.

Der wahre Star der Präsentation war für uns aber Rem Koolhaas, der rund um die Prada Kathedrale von einer Masse umzingelt war, die hungrig nach Informationsfetzen im Wesentlichen nach dem Grund für seine Materialwahl suchte. Eine Frage, die er geduldigerweise mindestens 1000 Mal beantwortete.

Wir waren natürlich kein Teil des Mobs. Zu dem Zeitpunkt waren wir gerade dabei Croissants zu essen – mit einer Hingabe die Eisbär Knut alle Ehre gemacht hätte. Das waren Prada Croissants. Wann bekommt man schon mal wieder die Chance Prada Croissants zu essen? Nie, ist die Antwort. Und ja, sie waren wunderbar.

Milan Design Week 2013 Tools for Life by OMA for Knoll

Der 01 Arm Chair aus der Tools for Life Kollektion von OMA für Knoll. Hier mit dem Prototyp-Bezug.

Tools for Life ist für Rem Koolhaas das erste Mal, dass er an einem Möbelprojekt teilnimmt. Knoll zufolge wurde der erste Kontakt schon vor 15 Jahren hergestellt, aber Koolhaas hatte  zu der Zeit kein wirkliches Interesse, oder besser gesagt, nicht die notwendige Motivation für Möbel. Dann, vor einigen Jahren haben sie noch einmal über die Möglichkeit diskutiert und Koolhaas hat Ja gesagt, “…weil Knoll uns bat eine Kollektion, statt eines einzelnen Objekts, zu machen und das machte es zu einem interessanten Auftrag.”

Und unabhängig davon, was man von den einzelnen Stücken oder der Formensprache hält, als Kollektion funktioniert Tools for Life sehr gut. Sie verfügt über eine innere Einheit, eine Solidarität, die die einzelnen Stücke aneinander bindet.

In unserem Post über die Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst Köln “Von Aalto bis Zumthor. Architektenmöbel” stellten wir die Hypothese auf, dass die von Architekten wie Eiermann, Jacobsen oder Le Corbusier designten Möbel deshalb so ansprechend sind, ist, weil sie überwiegend für spezielle Projekte entworfen wurden, in einem speziellen Kontext zu verorten sind und von diesem Kontext beeinflusst und geformt wurden.

Architektenmöbel zeigte auch, was passiert, wenn Architekten Möbel außerhalb eines festen Kontext entwickeln. Oder es wurde zumindest gezeigt, was passieren kann. Tools for Life von OMA für Knoll ist ein weiteres gutes Beispiel dafür. Als interessante und nicht unansprechende Kollektion, war sie für uns ein wenig zu sehr davon getrieben, eine OMA Möbekollektion zu sein und als solche fehlt es ihr an einer bestimmten Nonchalance, die notwendig ist, wenn man Möbel machen will, die Menschen besitzen und benutzen wollen.

Insofern befürchten wir, dass Tools for Life geweiht ist, eine historische Fußnote in der Geschichte von Knoll und OMA zu werden – gut für Hochglanzfotos, aber darüberhinaus kulturell und ökonomisch irrelevant.

Trotzdem gibt es genug technische Innovation und interessante neue Denkweisen in der Kollektion, dass man fast sicher sein kann, dass wenn wenn man OMA und Rem Koolhaas genauere Anweisungen gibt, etwas wirklich wundervolles dabei herauskommen könnte.

Oder anders gesagt, nach der Haute Couture können wir die Prêt-à-Porter kaum erwarten.



Mailand 2013: Workbay Office von Ronan und Erwan Bouroullec für Vitra

Tuesday, April 23rd, 2013

Auf der Orgatec 2012 präsentierte Vitra im Oktober Workbay, das neue Konzept von Ronan und Erwan Bouroullec.

Workbay ist die neueste Entwicklung der Brüder in ihrer fortwährenden Suche nach einem “Raum im Raum”: ein flexibles System, das – basierend auf Fleecewänden und Aluminiumträgern – einer Kreuzung aus Alcove Sofa und den Bouroullecschen Communal Cells von der Orgatec 2010 ähnelt.

Als wir Workbay in Köln gesehen haben, dachten wir, nette Idee, nette Erweiterung des Bouroullecschen Programms… und sind weiter gegangen um uns auf den Cork Desk zu konzentrieren.

In Mailand präsentierten Vitra und die Bouroullecs Workbay nun in seiner vollen Größe.

In einer Installation, die extra für die Salone Ufficio Abteilung der Möbelmesse in Mailand entworfen wurde, zeigten Ronan und Erwan Bouroullec das Workbay Office: Man sieht, wie Workbay in ein Büro integriert werden kann und so separate Flächen schafft, die mit einigen ziemlich simplen Extras erweitert werden können.

Sofas. Regale. Schreibtische. Aufbewahrungseinheiten. Waschbecken.

Und weil das Workbaysystem praktisch in jeder Länge, Umfang,  Durchmesser oder Form konstruiert werden kann, kann es in ein Büro jeder Größe integriert werden. Und es kann, wie es die Situation eben gerade erfordert, an die Umgebung angepasst werden.

Als solches bietet Workbay für uns nicht nur einen völlig neuen Zugang zum Büromöbel, sondern als System bietet es Architekten und Innenausstattern auch eine ganz neue Freiheit beim Einrichten von Büroräumen.

Und wir dachten, Workbay wäre nur eine flexible Fleece und Aluminium Wand…



Mailand 2013: Belgier!!!

Friday, April 19th, 2013

Vor der Möbelmesse in Mailand erhielten wir eine E-Mail von einem befreundeten Designer aus Belgien, in der er uns wissen ließ, wo wir ihre Arbeiten ansehen könnten. Die E-Mail endete mit einem euphorischen “Das ist endlich das Jahr der Belgier!”. Der Gedanke hat uns wirklich gefallen, weil – wie wir bereits erwähnt haben – Belgien das Potential hat, so erfolgreich wie die Niederlande zu sein. Und es auch sein sollte. Frohen Mutes machten wir uns also auf zur Triennale di Milano, um die Ausstellung “Belgium is Design” anzusehen…

… Und erlebten die Enttäuschung von Mailand 2013. Auf der Möbelmesse 2012 gehörte “Belgium is Design” zu unseren persönlichen Highlights, die 2013er Show hatte aber mehr etwas von einem durcheinandergewüfelten, inkohärenten Haufen.

Mit dem Titel “The Toolbox – Belgian Design & the Art of Making: A Tribute to Henry van de Velde” versprach die Ausstellung ein Portrait des Großmeisters belgischen Designs. Vielleicht war es das auch. Das wissen aber nur die, die es auch gefunden haben… Genau wie wenn man irgendetwas Brauchbares in der Werkzeugkiste finden will, zwingt “Belgium is Design” den Besucher auf der Suche nach, wenn auch nicht dem Heiligen Gral, so doch nach dem richtigen Schraubenzieher, durch ein endloses Chaos zu stöbern. Wir haben es nicht geschafft. Das Leben ist zu kurz, um es mit den Folgen eines überambitionierten Ausstellungsdesigns zu verschwenden. Was wirklich enttäuschend ist, ist natürlich, dass nach “Henry van de Velde. Leidenschaft, Funktion und Schönheit” in Weimar ”Belgium is Design” die zweite Ausstellung in einem Monat ist, die mit dem Namen Henry van der Velde in Verbindung steht und der es an einem vernünftig durchgeführten Ausstellungskonzept fehlt. Henry hat wirklich etwas besseres verdient.

Glücklicherweise war das unsere erste und letzte Erfahrung mit schlecht organisierten Belgiern in Mailand.

Wie 2012 war der zweite Teil von ”Belgium is Design” auf der Salone Satellite. Und wie 2012 war das Highlight für uns das Designstudio Two Designers. Besonders ihre “Insel” Curiosity. Es fehlt uns an einem Begriff, um Curiosity prägnant zu beschreiben und so müssen wir es wohl mit dem weniger knackigen “ein Teil Tablett, ein Teil Regal, ein Teil Tisch, ein Teil Aufbewahrung-Mischding aus verschiedenen Materialien” sagen. Grundsätzlich ist es ein Objekt, das im Raum steht und verschiedene Funktionen erfüllt, während es über eine optisch ansprechende Struktur verfügt, eine Hilfestellung für die wohnliche Organisation ist und den Eindruck einer größeren Ordnung vermittelt. Einfach entzückend. Wir geben zu, nur sehr wenig über Two Designers zu wissen, aber, dass sie zwei Jahre hintereinander unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, mag die Sache zukünftig ändern.

Milan Design Week 2013 Belgians Two Designers Curiosity

Möbelmesse Mailand 2013: Curiosity von Two Designers bei Belgium is Design, Salone Satellite

Im Gegensatz zu “Belgium is Design” war es bei der Ausstellung der Designplattform “De Invasie” auf der Ventura Lambrate eine wahre Freude, alles zu durchstöbern. Einen schönen Mix der belgischen Designstudios präsentierend, war das Highlight für uns ganz klar Collectionnaire von Moupila. Wie bei Curiosity ist es schwer einen Begriff zu finden, der Collectionnaire beschreibt. Die modulare Schrankwand hat eine ganz eigene Formensprache, eine ganz eigene Funktionalität und eine ganz eigene Größenordnung. D.h. Collectionnaire wird jeden Raum ziemlich einzigartig machen. Als Konzept fanden wir die Idee faszinierend und die Umsetzung mit dem Holz funktioniert perfekt. Mit Metall zum Beispiel würden wir den Verlust dieses bestimmten Charakters befürchten. Collectionnaire ist kein Objekt, das für jeden – oder jeden Raum – was ist. Aber, wo Platz und Mut zusammenkommen, sollte sich die nicht unbedeutende Investition ziemlich sicher auszahlen.

Erwähnt werden muss auch das Atelier Belge, ein Unternehmen, dessen Entwicklungen wir seit einigen Jahren verfolgen. Der Animal Desk von Fermetti von der De Invasie Ausstellung mag nicht das neueste Objekt sein, aber es ist ein hübsches Beispiel dafür, wozu sie in der Lage sind.

Außerdem waren wir sehr von dem fantasievollen Coat Rack von Bram Vanderbeke begeistert – ein verstellbares Garderobensystem, das in seinem eigenen Fuß verstaut werden kann, und es war schön Objekte von Tim “Interror” Baute in so einem Kontext zu sehen.

Tim Baute höchstpersönlich präsentierte seine letzten Zusammenarbeiten mit dem Grafikkünstler Stefaan de Croock um die Ecke von ”Ventura at Work”.  Aber mehr zu Tim später.

Milan Design Week 2013 Belgians Collectionnaire  Moupila

Möbelmesse Mailand 2013: Collectionnaire von Moupila

Unser letztes Treffen mit Belgien in Mailand war mit ”Landscapes for living in” von Muller van Severen bei LAP Lambretto Art Project. Auf der Interieur Kortrijk 2012 erstmalig gezeigt, ist ”Landscapes for living in” die erste Zusammenarbeit mit dem Fotografen Fien Muller und dem Künstler Hannes van Severen, Maartens Sohn. Wir hatten es in Kortrijk verpasst und uns so umso mehr darauf gefreut, es in Mailand zu sehen. Und es war genauso erfreulich, wie wir gehofft hatten. “Landscapes for living in” ist eine Sammlung von Objekten, die verschiedene Funktionen auf einmal erfüllen: zum Beispiel Bücherregal und Stuhl oder Tisch und Lampe. In mancherlei Hinsicht also ähnlich wie einige von Verner Pantons späteren Arbeiten. Nein, ehrlich. ”Landscapes for living in” wurde mit einer charmanten Klarheit und Ehrlichkeit umgesetzt, die mit einer echten Vertrautheit zusammenkommt. Eine echte Freude…

Entgegen den großen Ankündigungen unseres Informanten, war 2013 nicht Belgiens Jahr in Mailand. Es war aber ein weiteres Jahr, das die Stärke und Vielfältigkeit gezeigt hat, die zwischen den Niederlanden und Frankreich liegt – und die den Geist Henry van de Veldes wieder zum Leben erweckt hat.

 

 



Mailand 2013: Roll & Hill bei der Euroluce

Thursday, April 18th, 2013

Wir haben vielleicht schonmal erwähnt, dass es immer eine besondere Freude ist, wenn ein Designer, den man als zerzausten, idealistischen Studenten kennengelernt hat, seinen ersten ernsthaften Vertrag mit einem der großen Hersteller unterschreibt und in eine hoffentlich lange und erfolgreiche Karriere startet.

Ähnlich schön zu beobachten ist es, wenn ein neues Unternehmen wächst und sich entwickelt; besonders, wenn es eines ist, das sich mit dem Ziel gegründet hat, zeitgenössisches Design zu fördern, anstatt einfach an einer fetten Rendite für die Aktionäre zu arbeiten.

Im Januar 2010 vom Brooklyner Designer Jason Miller gegründet, wurde Roll & Hill aus dem Wunsch geboren, sowohl hochwertige Leuchten mit nordamerikanischem Akzent zu produzieren als auch den Status, die Position und vor allem die Möglichkeiten von jungen US-amerikanischen Designern zu verbessern.

Vor zwei Jahren unternahm Roll & Hill den ersten, zaghaften Schritt in Richtung Europa mit einer kleinen Show in Mailands Zona Tortona, dieses Jahr stellten sie auf der zweijährig stattfindenden Euroluce, der Lichtabteilung der Saloni Milano, aus. Der größten und wichtigsten Plattform für Lichtdesign während der Mailänder Design Week also. Und ein Zeichen dafür, dass Roll & Hill angekommen sind.

Milan Design Week 2013 Roll and Hill at Euroluce

Möbelmesse Mailand 2013: Roll & Hill bei der Euroluce

Unsere, zugegebenermaßen etwas krankhafte, Obsession für Roll & Hill begann, bevor das Unternehmen überhaupt existierte: und zwar als wir Jason Millers Modo Chandelier bei der ICFF 2009 gesehen haben. Die Lampe ist uns gleich ins Auge gesprungen und uns seither nicht mehr losgelassen.

Modo war dann auch eine der fünf Säulen der ursprünglichen Roll & Hill Kollektion, nebst Himmeli von Paul Loebach, Excel von Rich Brilliant Willing, Agnes von Lindsey Adelman und Jason Millers für diese Welt fast zu kitschiger Superordinate Antler.

In den dazwischenliegenden drei Jahren wuchs die Roll & Hill Kollektion beständig und umfasst mittlerweile ungefähr 15 Produktfamilien von 9 Designern. Zu denen gehört auch der erste nicht-US-amerikanische Mitarbeiter Lukas Peet, der aus Kanada stammt und in Eindhoven studiert hat.

In Mailand präsentierte Roll & Hill einen netten Querschnitt ihres derzeitigen Programms, einschließlich Stella Triangle von Rosie Li, Endless von Jason Miller und Counterweight von Fort Standard.

Und den Modo Chandelier gibt es in einer überwältigenden 6-seitigen Kombination aus 21 Kugeln.

Milan Design Week 2013 Roll and Hill at Euroluce

Roll & Hill bei der Euroluce. Superordinate Antler von Jason Miller

Einer der Aspekte der Roll & Hill Kollektion, der uns immer schon ansprach, ist das unausweichliche Gefühl einer Rückkehr in die frühen Tage des Art Deco, das durch die Mehrheit der Objekte hervorgerufen wird. Messing, Glas, Keramik, Stahl, Marmor und Holz werden kombiniert, um Objekte zu kreieren, deren Opulenz eine Einfachheit und Nüchternheit vortäuscht, die jedem Kalvinisten die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. 2009 haben wir bei Jason Millers Möbeln an die (stereo)typische amerikanische Stadt der späten 1970er Jahre gedacht. Die Roll & Hill Kollektion wiederum wäre in einem Apartment Block im Manhattan der 1920er nicht fehl am Platze. Natürlich pauschalisieren wir hier ein bisschen, denn vor allem die Arbeiten von Jonah Takagi und Rich Brilliant Willing stehen im Gegensatz zu den oben genannten und verleihen der Roll & Hill Kollektion einen vielfältigeren, ausgewogeneren Charakter.

Man muss sagen, Roll & Hill Lampen gehören nicht zu der Art von Objekten, die man mit dem Kleingeld kaufen kann, das man hinterm Sofa gefunden hat. Doch bei den hoch individuellen Stücken aus hochqualitativen Materialien, hergestellt in kleinen Werkstätten in Brooklyn und Long Island, bekommt man auch wirklich was für sein Geld.

In Amerika ist das Handelsnetzwerk der Roll & Hill Produkte gut ausgebaut, in Europa liegt da noch “ein bisschen” Arbeit vor den Verantwortlichen. Es bleibt zu hoffen, dass die Roll & Hill Leuchten nach der Euroluce auch hierzulande etwas besser erhältlich sein werden und dass mehr von euch unsere Obsession mit diesen Lampen verstehen und hoffentlich auch teilen werden.

 



Mailand 2013: Werkstadt Vienna

Wednesday, April 17th, 2013

Obwohl wir grundsätzlich die Regel befolgen, dass wir während der Mailänder Möbelmesse nicht an die Vienna Design Week denken – weil das so ist, als würde man an den Sommer denken, bevor man überhaupt einen wärmenden Sonnenstrahl auf der Haut gespürt hat -, machen wir für die Wanderausstellung Werkstadt Vienna auf der Ventura Lambrate eine Ausnahme.

Und zwar weil die so viele Erinnerungen in uns wach gerufen hat und wir wieder wussten, warum wir all das tun.

Milan Design Week 2013 Werkstadt Vienna

Möbelmesse Mailand 2013: Werkstadt Vienna

Kuratiert von Sophie Lovell und mit einem Ausstellungsdesign vom Studio Makkink & Bey, präsentiert Werkstadt Vienna eine Auswahl der Vienna Design Week Passionswege Projekte aus den letzten paar Jahren.

Für alle neuen Leser, zuerst einmal etwas zu Passionswege. Passionswege ist eine Veranstaltung innerhalb der Vienna Design Week, die junge Designer mit traditionsreichen Wiener Herstellern und Werkstätten zusammenbringt, um ein gemeinsames Projekt zu entwickeln. Die Designer erhalten so die Möglichkeit zu experimentieren und mit neuen Materialien zu arbeiten, die Unternehmen bekommen neue Ideen und neue Wege, auf ihre Tradition und Prozesse zu schauen, aufgezeigt. Und wenn alle Arbeiten wie geplant, ist das eine Win-Win-Situation.

Idealerweise würden wir die Werkstadt Vienna gerne als die Greatest Hits bezeichnen, aber dafür fehlen uns zu viele wirklich ausgezeichnete Projekte. Doch als Kurzfassung der Greatest Hits bietet Werkstadt Vienna einen guten Einblick in die Passionswege und zeigt, warum sie zu den besten Designfestival-Veranstaltungen überhaupt gehören.

Und wie wir bereits sagten, war es es für uns einfach eine Erinnerung nach der anderen. Wenn auch nicht alle besonders gut oder stolzerfüllend. Z.B. erinnerte uns Charlotte Talbots Landsape Serie für und mit der Wiener Silber Manufactur an unseren furchtbar stümperhaften (und schließlich erfolglosen) Versuch einen “Making Off”-Bericht mit Charlotte zu machen. Aber dann gibt es auch solche Erinnerungen, die all das wirklich lohnenswert machen. Die Stunde, in der wir zusammen mit dem offiziellen Vienna Design Week Fotografen darum wettstritten, wer als erstes ein brauchbares Bild davon hat, wie jemand in J & L Lobmeyrs verspiegelten Vitrinen Mark Brauns Fortune Wasserkaraffen ansieht. Wir haben es nicht geschafft. Wenn wir uns recht erinnern, er aber auch nicht. Oder wie wir halb betrunken durch Hernals rannten, um Julia Landsiedl bei Erwin Perzys Original Schneekugeln zu ewischen. Bevor wir euphorisch zurück zu Herrn Gruber und seiner Bar sind.

Wie Ken Dodd ohne Zweifel sagen würde, “I’ve got no silver and I’ve got no gold. But I’ve got happiness in my soul”.

Milan Design Week 2013 Werkstadt Vienna Erwin Perzy's Original Schneekugeln

Werkstadt Vienna. Im Vordergrund Julia Landsiedl bei Erwin Perzys Original Schneekugeln

Für alle, die nicht das Projekt “in situ” in Wien gesehen haben, und zum Beispiel nicht das Fett in der Petz Hornmanufaktur gerochen haben, wird es schwer sein, das Projekt wirklich in einen Kontext zu setzen und die wahre Magie der Passionswege zu verstehen. Doch die Infotafeln geben eine gute Einführung und schließlich sind alle Objekte so stark, dass sie auch für sich bestehen und außerhalb des Passionswege-Kontextes genossen werden können. Eine Tatsache, die besonders für Daphna Laurens Möbel für Wittmann zutrifft. Objekte, die immer noch so frisch aussehen wie bei unserer ersten Begegnung.

Allen, die sich von der Ausstellung inspiriert fühlen, können wir die Vienna Design Week nur wärmstens empfehlen. Spätsommer an der Donau ist außerdem wirklich wundervoll.

Und allen, die es nicht dort hin schaffen, bringen wir die Highlights der Passionswege im Oktober 2013 nach Hause.

Um ehrlich zu sein, können wir es gar nicht erwarten.

Die Vienna Design Week findet vom 27. September bis 6. Oktober 2013 statt.

 



Mailand 2013: Mattiazzi

Tuesday, April 16th, 2013

Eines der Highlights der Saloni Milano 2013 war der italienische Hersteller Mattiazzi. Und zwar nicht nur, weil sie aus Jasper Morrison den Stuhl Fionda herausgekitzelt haben, der – unserer Meinung nach – einer seiner besseren und auf jeden Fall interessantesten der letzten Jahre ist.

Milan Design Week 2013 Mattiazzi

Möbelmesse Mailand 2013: Mattiazzi

1978 gegründet, ist Mattiazzi, wenn wir das richtig verstanden haben, im Wesentlichen ein Netzwerk für holzverarbeitende Dienstleistungen in Udine. 30 Jahre lang war das Unternehmen als Lieferant von Holz für andere Möbelhersteller tätig, bis es sich 2008 entschied, in seine eigene Marke zu investieren. Die Investition war offensichtlich sehr groß, oder besser gesagt, sehr sehr groß. Aber es hat sich gelohnt.

Mattiazzi erreichte 2011 mit der Osso Kollektion von Ronan und Erwan Bouroullec erstmals ein internationales Publikum. Das positive Echo auf Osso ist nicht nur der Verbindung mit der Marke Bouroullec zu verdanken, sondern ist ganz einfach auch Ergebnis eines ziemlich guten Stücks Arbeit. Als Projekt erlaubte Osso Ronan und Erwan Bouroullec eine neue Dimension ihrer Arbeit zu entwickeln – eine Herausforderung, die sie angingen und die im Ergebnis ein beeindruckendes Maß an technischer Raffinesse und ästhetischer Klarheit demonstriert.

Seit der Lancierung von Osso 2011 wuchs das Portfolio von Mattiazzi stetig und in Mailand präsentierte das Unternehmen die jüngsten Ergebnisse von Zusammenarbeiten mit Sam Hecht, Konstantin Grcic und Jasper Morrison mit dem bereits erwähnten Fionda.

Letztlich ein Holzrahmen mit einer austauschbaren Schlinge aus Stoff, ist es ziemlich schwer Fionda als Stuhl zu bezeichnen, zumindest als Stuhl im klassischen Sinne. Augenscheinlich von einem Camping-Klappstuhl beeinflusst, den Morrison in Japan kaufte, macht Fionda nichts großartig anderes als “richtige” Campingstühle oder Designklassiker wie der tausendfach kopierte Butterfly/Hardoy Chair. Fionda präsentiert das Konzept jedoch mit einer selten gesehenen Leichtigkeit und gefestigter Ruhe. Und, wie wir finden, mit einer Lebendigkeit, die wir in vielen von Morrisons letzten Arbeiten vermisst haben. Daneben können die Rahmen, wenn man die Segeltuch-Schlinge abnimmt, gestapelt werden, was Fionda zum unkomplizierten Outdoor-Sitz für Cafés, Eisdielen usw. macht.

Milan Design Week 2013 Mattiazzi Fionda Jasper Morrison

Möbelmesse Mailand 2013: Fionda von Jasper Morrison für Mattiazzi

Gleichermaßen beeindruckend finden wir Medici von Konstantin Grcic. Ursprünglich 2012 in Mailand präsentiert, ist Medici ein Lounge Chair, der alles von Konstantin Grcics Vorstellungen von einer reduzierten, unaufdringlichen Formensprache aufnimmt, beim Schopfe packt und aus dem Fenster wirft.

Ja, Medici ist eine sehr simple Holzkonstruktion, eine sehr simple Holzkonstruktion, die in vielerlei Hinsicht an den Rot-Blau-Stuhl von Gerrit Rietveld erinnert. Aber es ist kein Objekt, dem man Samstagnacht in einer dunklen Gasse begegnen möchte.

Genau wie Waver für Vitra, ist Medici nichts, was wir von Grcic kennen. Und während die Motivation beim Waver größtenteils darin bestand, die Vitra Outdoor Kollektion mit einer Formensprache weit weg von den Eames dominierten Interiordesigns zu definieren, fand Grcic bei Mattiazzi ein unbeschriebenes Blatt vor. Was bedeutet, dass das Design tiefer herrührt. Und tatsächlich spürt man, wenn man seine Kommentare zu Medici liest, eine tiefe persönliche Freude, die er bei der Entwicklung des Projekts hatte.

Milan Design Week 2013 Mattiazzi Medici Konstantin Grcic

Möbelmesse Mailand 2013 Medici von Konstantin Grcic für Mattiazzi

Was uns schließlich an Mattiazzi so gut gefällt, ist die unangestrengte Einfachheit ihrer Möbel.

Man kann sich zurzeit nicht durch den europäischen Möbelmarkt bewegen, ohne auf einen Hersteller mit einem neuen Holzstuhl zu stoßen. Viele davon sehr ähnlich. Sehr typisch. Sehr langweilig. Und sehr “skandinavisch”. Diese Entwicklungen in der Möbelindustrie spiegeln die der Fernsehkrimis sehr schön wieder, wo es auch nur noch selten ohne mürrischen skandinavischen Ermittler in einem skurrilen Wollpulli geht. Und tatsächlich hat ein junger Designer, mit dem wir in Mailand gesprochen haben, sogar ziemlich offen zugegeben, dass seine aktuellen Arbeiten größtenteils auf eben diesen Markt ausgerichtet sind. Und man kann es ihnen nicht mal vorwerfen.

Was für uns jedoch Mattiazzi davon abhebt, ist, dass sie sich offensichtlich nicht nur um die optische Erscheinung, sondern auch um die Funktion, den Ursprung, das Handwerk und die Ausstrahlung der Stücke kümmern. Ältere Leser werden so etwas mit dem Konzept des “Charakters” assoziieren, einem anarchischen Begriff, der so überholt ist, dass der Duden überlegt, ihn aus der nächsten Auflage rauszunehmen. Mattiazzi haben offenbar noch eine alte Auflage zuhause.

Es wird interessant zu beobachten sein, wie sich Mattiazzi in den nächsten Jahren entwickelt. Ob sich die Investitionen gelohnt haben. So toll und interessant die aktuelle Kollektion auch ist, garantiert sie nicht unbedingt eine langfristige finanzielle Absicherung. Dass sie sich Herman Miller als ihren nordamerikanischen Vertriebspartner gesichert haben, ist schonmal nicht schlecht. Ähnlich wie Aram in Großbritannien. Aber auch das ist keine Garantie für nachhaltigen Erfolg. Der kommt von einem Produktportfolio, das über verschiedene Märkte hinweg erfolgreich ist und neue Käufer erreichen kann. Und das braucht vor allem Zeit.

Wir halten auf jeden Fall ein Auge darauf und werden euch auf dem Laufenden halten.

Milan Design Week 2013 Mattiazzi Collection

Möbelmesse Mailand 2013: Die Mattiazzi Kollektion

Milan Design Week 2013 The Mattiazzi Collection

Möbelmesse Mailand 2013: Die Mattiazzi Kollektion



Mailand 2013: Pencil Light von Caroline Olsson bei Salone Satellite

Friday, April 12th, 2013

Auf den Designers’ Open 2011 erregte die norwegische Designerin Caroline Olsson unsere Aufmerksamkeit mit “Curious”, einer von einer Federmappe inspirierten Holzlampe.

Auf der Salone Satellite 2013 ist Caroline einen Schritt weitergegangen und hat eine Tischlampe aus Holz präsentiert, die gleichzeitig eine Federmappe ist.

Klingt nach einer organischen Entwicklung.

Nichts mehr als eine rechteckige Birkenkiste, ist das Schöne an Pencil Light der Metallmechanismus, der es erlaubt, den Deckel zu heben, zu senken und schließlich in jeder Position festzustellen.

Der Leuchtstoff liegt in dem Deckel, etwas eingerückt, sodass der untere Quader unabhängig davon, ob die Lampe geöffnet oder geschlossen ist, als Aufbewahrungsbehälter für Stifte und andere Schreibutensilien verwendet werden kann.

Als funktionales und ästhetisch minimalistisches Objekt ist Pencil Light perfekt für all jene, die alle Spuren von Arbeit verschwinden lassen wollen, sobald sie sich in den Abend zurückziehen, oder für die, die ihren Home Office Schreibtisch nicht mit Schreibgeräten vollmüllen wollen.

Oder einfach für die, die noch auf der Suche nach einer sehr gefälligen, ja reizenden Lampe sind.

Alles in allem also ziemlich beeindruckend.

milan design week 2013 caroline olsson pencil light

Möbelmesse Mailand 2013: Pencil Light von Caroline Olsson bei Salone Satellite

milan design week 2013 caroline olsson pencil light

Möbelmesse Mailand 2013: Pencil Light von Caroline Olsson bei Salone Satellite

milan design week 2013 caroline olsson pencil light

Möbelmesse Mailand 2013: Pencil Light von Caroline Olsson bei Salone Satellite



Mailand 2013: Galleria Viafarini. Magic Moments Inside

Thursday, April 11th, 2013

Jene Besucher der Mailänder Design Week, die mutig genug sind, nördlich der Garibaldi Station aus der U-Bahn zu steigen – ja, es gibt Zivilisation da oben -, werden mit einer Ausstellung belohnt, die zeigt, wie mühelos Architektur, Kunst und Design ko-existieren können, ohne die Integrität des anderen zu bedrohen.

Design, Architektur und Kunst vereint in einem grenzenlosen Raum von Einigkeit, Toleranz und Respekt … klingt fast wie eine nette Antwort auf die derzeitige politische Lage in Italien, meint aber etwas anderes.

Milan Design week 2013 Galleria Viafarini Magic Moments Inside

Möbelmesse Mailand 2013: Galleria Viafarini. Magic Moments Inside

“Magic Moments Inside” in der Galleria Viafarini verbindet das Talent von Studenten der Burg Giebichenstein Halle und der ALAD Laboratories, einem experimentellen Designstudio mit Forschungsgruppe am Politecnico di Milano. Die Ausstellung präsentiert Arbeiten aus Design, Fotografie, Architektur, Angewandter Kunst und Videos von Studenten beider Einrichtungen.

Und das ist alles. Es gibt keinerlei Versuch eine Verbindung zwischen den einzelnen Objekten der Ausstellung zu konstruieren. Kein roter Faden, der einen durch die Ausführung führt. Kein “Thema”. Nur die Objekte. Folglich überträgt die Ausstellung “Magic Moments Inside” eine gehörige Menge Verantwortung auf ihre Besucher, wenn sie sie den Hintergrund der Arbeiten, den Kontext des Entwurfs, ja sogar die Namen der verantwortlichen Kreativen selbst herausfinden lässt. Aber wie bei so vielem im Leben: je mehr man sich anstrengt, desto größer ist die Freude danach.

Die Burg Giebichenstein präsentierte eine Mischung aus neuen Arbeiten und einigen fast historischen Artefakten; Arbeiten wie Jecket von Ilja Oelschlägel oder der Comfy Cargo Chair von Stephan Schulz scheinen so lange wie wir dabei zu sein. Versteht uns nicht falsch, wir wollen uns nicht beschweren, ganz im Gegenteil. Der Comfy Cargo Chair z.B. ist ein Produkt, an das wir immer noch genauso glauben wie bei unserer ersten Begegnung. Ähnlich ist es mit Jecket. Und wir freuen uns, sie in Mailand zu sehen. Nicht zuletzt, weil das bedeutet, dass ihre Designer sie nicht aufgegeben haben. Oder zumindest, dass es das kuratorische Team dahinter nicht hat.

Unter den, für uns, neueren Arbeiten, die im Besonderen unsere Aufmerksamkeit erregten, waren Swedg von Lisa Maria Wandel, der frechste Weg einen Eames Side Chair in einen RAR zu verwandeln, oder eigentlich irgendeinen Stuhl in einen Schaukelstuhl zu verwandeln, und Ninetynine von Till Ronacher, einer Sammlung von 99 Papier Toastern und als solches eine unausweichliche Kritik an der modernen konsumorientierten Industrie. Nach kurzem Überschlagen also eine Kritik an der Mailänder Design Week.

Milan Design week 2013 Galleria Viafarini Magic Moments Inside

Comfy Cargo Chair von Stephan Schulz und die Living Tools Lamp von Yi-Cong Lu @ Magic Moments Inside

ALAD ist eine Abkürzung für “Architecture and Land Ambient Design”, die Arbeiten der Studenten sind jedoch nicht so streng begrenzt wie es der Name vermuten lassen mag und neben der Präsentation von architektonischen Konzepten und Modellen gibt es auch eine wunderbare Serie von grotesken Mini-Szenografien. Grotesk in Form von unheimlich, pervers, erfreulich, fesselnd. Wenn wir ehrlich sind, haben wir keinen der Namen notiert. Entschuldigung, unsere Schuld! Aber sobald wir sie wissen, werden wir sie nachreichen. Oder wenn ihr selbst in Mailand seid und die Ausstellung anseht…

Neben der Ausstellung haben die Veranstalter ein ziemlich durchdachtes Rahmenprogramm konzipiert: Essen, Musik und jeden Nachmittag um 5 eine Tasse Tee.

“Magic Moments Inside” kann in der Galleria Viafarini, via Carlo Farini 35, Mailand, von 11 bis 21 Uhr noch bis Sonntag, den 14. April 2013 gesehen werden.

Alle Informationen unter http://aladlabs.tumblr.com